E-Book, Deutsch, 256 Seiten
St Aubyn Dunbar und seine Töchter
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-17700-3
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-641-17700-3
Verlag: Knaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sein ganzes Leben lang hat Henry Dunbar auf nichts und niemanden Rücksicht genommen, besessen von der Vision, seinen kleinen Zeitungsverlag zu einem Medienkonzern auszubauen. Auf dem Zenit seiner Macht hat nur noch einen einzigen, aber mächtigen Feind: das Alter. Dunbar weiß, er muss sein Reich in die Hände seiner Töchter legen. Nur zwei der Kinder hält er für geeignet. Doch das Leben erteilt ihm eine bittere Lektion.
In seinem neuen Roman, inspiriert von Shakespeares König Lear, seziert Edward St Aubyn gekonnt innerfamiliäre Beziehungen. "Dunbar und seine Töchter" ist ein brillantes Lehrstück über Egoismus, Starrsinn und die Erkenntnis, wie leicht einem am Ende des Lebens alles Erreichte aus den Händen gleiten kann.
Edward St Aubyn wurde 1960 geboren und wuchs in England und Südfrankreich auf. Er studierte in Oxford. Seit 1992 hat er sechs Romane veröffentlicht. Edward St Aubyn ist Vater zweier Kinder und lebt in London. 2006 war er unter den Finalisten des renommierten "Man Booker Prize", 2007 gewann er den "Southbank Award" in der Kategorie Literatur und den "Prix Femina Étranger".
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1
»Mit dem Stoff ist jetzt Schluss«, flüsterte Dunbar.
»Mit dem Stoff ist jetzt Schluss/Und im Kopf nur noch Stuss«, sagte Peter, »Doch zu Haus nur Verdruss/Mit dem Stoff ist jetzt Schluss! Gestern«, fuhr er mit einem verschwörerischen Flüstern fort, »haben wir noch die Revers unserer Frottee-Bademäntel vollgesabbert, aber jetzt haben wir den Stoff abgesetzt! Wir haben ihn ausgespuckt, haben die Gummibäume ruhiggestellt! Wenn die frischen Lilien, die Sie jeden Tag geschickt bekommen …«
»Wenn ich bloß daran denke, von wem die sind«, knurrte Dunbar.
»Nur die Ruhe, alter Knabe.«
»Erst stehlen sie mir mein Reich, und dann schicken sie mir stinkende Lilien.«
»Oh, Sie hatten mal ein ganzes Reich, wirklich?«, sagte Peter im Ton einer beflissenen Hotelempfangsdame, »Sie müssen unbedingt Gavin von Zimmer 33 kennenlernen, er ist inkognito hier, aber sein richtiger Name«, Peter senkte die Stimme, »ist Alexander der Große.«
»Ich glaube Ihnen kein Wort«, maulte Dunbar, »der ist doch schon seit Jahren tot.«
»Also«, sagte Peter, jetzt ganz Facharzt von der Harley Street, »wenn diese verwirrten Lilien an einer schizophrenen Disposition leiden – ich spreche von einer Disposition, von einem leichten Hang ins Schizoide, nicht von dem voll ausgebildeten Defekt –, werden ihre Symptome unter Vermeidung schwerwiegender Nebenwirkungen deutlich zurückgedrängt.« Er beugte sich vor und flüsterte: »Da hab ich meine abgesetzten Medikamente entsorgt: in der Vase mit den Lilien!«
»Mir gehörte mal ein ganzes Reich«, sagte Dunbar. »Hab ich Ihnen schon die Geschichte erzählt, wie es mir gestohlen wurde?«
»Schon oft, alter Knabe, schon oft«, sagte Peter versonnen.
Dunbar stemmte sich aus dem Armsessel, machte ein paar unsichere Schritte, richtete sich zu voller Größe auf und blinzelte in das grelle Licht, das durch das Panzerglas seiner 1.-Klasse-Zelle hereinfiel.
»Ich hab Wilson gesagt, dass ich den Aufsichtsratsvorsitz behalte«, begann Dunbar, »ich behalte das Flugzeug, die Leute, die Liegenschaften und die mir zustehenden Privilegien, aber ich werde mich der Lasten« – er nahm die große Vase mit den Lilien und stellte sie behutsam auf den Boden –, »der Lasten entledigen, die die operative Führung des Konzerns mit sich bringt. Von jetzt an, hab ich ihm gesagt, ist die Welt mein perfekter Spielplatz und, wenn es eines Tages an der Zeit ist, mein privates Hospiz.«
»Oh, das hört sich gut an«, sagte Peter, »›die Welt ist mein privates Hospiz‹, den kannte ich noch nicht.«
»›Aber der Konzern ist alles‹, hat mir Wilson gesagt.« Je tiefer Dunbar in die Geschichte vordrang, desto mehr erregte sie ihn. »›Wenn Sie den abgeben‹, hat er gesagt, ›dann bleibt Ihnen nichts mehr. Sie können nicht etwas abgeben und gleichzeitig behalten.‹«
»Eine unhaltbare Position«, warf Peter dazwischen, »wie R.D. Laing zum Bischoff gesagt hat.«
»Bitte lassen Sie mich meine Geschichte erzählen«, sagte Dunbar. »Ich hab Wilson gesagt, es ist eine Frage der Steuern, wir können die Erbschaftssteuer vermeiden, wenn wir die Firma den Mädchen schon jetzt überschreiben. ›Sie zahlen besser die Steuern‹, hat Wilson geantwortet, ›anstatt sich selbst zu enterben.‹«
»Oh, der gefällt mir, dieser Wilson«, sagte Peter. »Klingt nach einem ernstzunehmenden Menschen, nach jemandem mit Sinn für die richtige Dosis, Dosis an Härte und Stärke.«
»Härte und Mitgefühl«, sagte Dunbar unwirsch, »er war schließlich kein Unmensch; meine Töchter sind die Unmenschen.«
»Kein Unmensch?«, sagte Peter. »Was für ein Langweiler! Wenn ich so richtig antidepressiv eingestellt bin, werde ich so was von zum Unmenschen, da kann der Führer einpacken.«
»Mag sein, mag sein«, sagte Dunbar. Er sah zur Decke hoch und polterte dann mit Wilsons Stimme von oben herab: »Sie können nicht an den Insignien der Macht festhalten, ohne die Macht selbst zu haben. Das ist einfach nur«, er machte eine Pause, versuchte das Wort zu meiden, ließ es aber schließlich doch vom Stuck an der Decke auf sich niedersausen, »dekadent.«
»Oh, Dekadenz, Verfall und Tod«, sagte Peter mit theatralischem Tremolo, »der Abstieg, Silbe für Silbe, in ein enges Grab. Leichtfüßig wie Fred Astair sind wir jene Stufen herabgetänzelt, haben dabei eine Sense statt eines Spazierstocks geschwungen!«
»Herr im Himmel«, sagte Dunbar, und sein Gesicht lief rot an, »könnten Sie bitte aufhören, mich zu unterbrechen? Nie haben die Leute es gewagt, mich zu unterbrechen; sie haben mir demütig gelauscht. Wenn sie das Wort ergriffen, dann um mir zu huldigen oder um schmeichelhafte Andeutungen zu machen. Aber Sie, Sie …«
»Okay, Leute«, sagte Peter und tat, als würde er sich an eine aufgebrachte Menge wenden, »lassen wir ihn reden, den Mann. Hören wir uns an, was er zu sagen hat.«
»›Ich kann tun und lassen, was ich verdammt noch mal will!‹«, rief Dunbar. »Das hab ich Wilson gesagt. ›Ich setze Sie in Kenntnis von meiner Entscheidung, ich bitte Sie nicht um Ihren Rat. Setzen Sie sie um!‹«
Wieder hob Dunbar den Blick zur Decke.
»›Ich bin nicht bloß Ihr Anwalt, Henry; ich bin der älteste Freund, der Ihnen geblieben ist. Ich sage dies alles, um Sie zu schützen.‹«
»›Sie messen unserer Freundschaft eine zu große Bedeutung bei‹, donnerte ich los. ›Ich lasse mich nicht belehren, was die Firma angeht, die ich selbst aufgebaut habe.‹« Dunbar schüttelte die Faust zur Decke hinauf. »An dieser Stelle ergriff ich ein Fabergé-Ei, das in einem Nest von Seidenpapier auf meinem Schreibtisch lag – es war das dritte in dem Monat: wie einfallslos doch die neureichen Russen sind, ein Haufen jüdischer kleptokratischer Emporkömmlinge, die sich als Romanow-Prinzen gebärden, ›ich brauch deren verdammten Russki-Schrott nicht‹, brüllte ich und warf das Ei in den Kamin hinter meinem Schreibtisch, so dass Perlen und Emailsplitter über den Boden hüpften. ›Wie nennen meine Töchter dieses Zeugs?‹, fragte ich Wilson. ›Klunker! Verdammte Russki-Klunker!‹ Wilson zeigte natürlich keine Reaktion; derartige ›kindische Ausraster‹ waren bei mir inzwischen an der Tagesordnung und sorgten für Unruhe in meinem Ärzteteam. Wissen Sie«, sagte Dunbar aufgeregt zu Peter, »ich kann jetzt seine Gedanken lesen. Ich habe …«
»Ich fürchte, dass es sich um die erste Stufe der Einsicht in Ihre Psychose handelt«, sagte Peter, ganz der Harley-Street-Facharzt.
»Ach, Papperlapapp, tun Sie nicht so, als wären Sie Arzt.«
»Und wer soll ich sein?«, fragte Peter.
»Seien Sie Sie selbst, Herrschaft noch mal.«
»Oh, den Part hab ich noch nicht drauf, Henry. Geben Sie mir eine einfachere Rolle. Wie wär’s mit John Wayne?« Peter wartete die Antwort nicht ab. »Wir werden hier die Fliege machen, Henry«, sagte er gedehnt, »und morgen bei Sonnenuntergang marschieren wir in den Windermere Saloon und bestellen beim Barmann ein paar Drinks, wie zwei richtige Männer, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.«
»Ich muss meine Geschichte erzählen«, jammerte Dunbar. »Mein Gott, passen Sie doch auf, dass ich nicht durchdrehe.«
»Wissen Sie«, sagte Peter, ohne auf Dunbars Hilferuf einzugehen, »ich bin oder ich war oder ich bin gewesen – wer weiß, ob ich nicht längst Geschichte bin? –, jedenfalls bin oder war ich ein berühmter Komödiant, aber ich leide unter Depressionen, das komische Leid oder das tragische Leid der Komiker oder das historische Leid der Tragikomiker oder die Fiktion vom tragischen Leid der historischen Komödianten!«
»Bitte«, sagte Dunbar, »Sie verwirren mich.«
»Oh, ich bin von Kopf bis Fuß antidepressiv eingestellt/ antidepressiv eingestellt«, sang Peter, sprang von seinem Stuhl auf, hakte sich bei Dunbar unter und riss ihn mit in eine Drehung, »ich bin total von Kopf bis Fuß antidepressiv eingestellt/das nennt man nur noch manisch!« Plötzlich blieb er stehen und löste sich von Dunbars Arm. »Das Geräusch quietschender Reifen«, sagte er unvermittelt mit einer Stimme wie aus dem Off und fing an zu schauspielern, »während er am Rande des Abgrunds tapfer mit dem Steuer kämpft.«
»Ich habe Ihre vielen Gesichter gesehen«, sagte Dunbar unbestimmt, »auf zahllosen Leinwänden.«
»Oh, ich behaupte nicht, einzigartig zu sein«, sagte Peter mit der Arroganz der Bescheidenheit. »Ich bin nicht der Einzige. 1953, als meine achtlose Mutter mich hinausstieß in dieses Tal der Tränen, gab es allein im Londoner Telefonbuch bereits zweihunderteinunddreißig Peter Walkers; na ja, nicht so sehr allein als vielmehr dicht an dicht.«
Dunbar stand wie erstarrt mitten im Zimmer.
»Aber ich schweife ab«, sagte Peter jovial. »Erzählen Sie mir von Ihrem ›Ärzteteam‹, alter Knabe.«
»Mein Ärzteteam«, sagte Dunbar und packte im stürmischen Taumel seiner Gedanken hilfesuchend das rettende Geländer eines vertrauten Begriffs. »Ja, ja; am Tag, bevor ich Wilson meine Entscheidung mitteilte, hatte Dr. Bob, mein Leibarzt, Wilson beiseitegenommen und ihm von einigen ›kleineren zerebralen Störungen‹ bei mir berichtet. Er sagte zu Wilson, es bestünde ›kein Grund zu übertriebener Sorge‹.«
»Kann denn übertriebene Sorge ganz generell angebracht sein«, fragte Peter, »solange es derart viele Dinge gibt, bei denen überhaupt eine Sorge überfällig ist?«
Dunbar machte eine wegwerfende Handbewegung, wie ein...




