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Staats | Entwicklungspsychologische Grundlagen der Psychoanalyse | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

Staats Entwicklungspsychologische Grundlagen der Psychoanalyse

Band 1: Schwangerschaft, Geburt und Kindheit
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-17-032453-4
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Band 1: Schwangerschaft, Geburt und Kindheit

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

ISBN: 978-3-17-032453-4
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Entwicklungspsychologische Theorien sind Grundlage psychoanalytischen Denkens. Wir benutzen sie, um unser Erleben und Verhalten besser zu verstehen - in Psychotherapien, pädagogischen Beziehungen und in der sozialen Arbeit. Theorien und Modelle der Psychoanalyse werden in diesem Buch mit Ergebnissen der empirischen Entwicklungspsychologie verbunden und offene Fragen herausgearbeitet. Der Autor beschreibt hier im ersten von zwei Bänden die kindliche Entwicklung bis zum 10. Lebensjahr. Er zeigt, wie psychoanalytische Konzepte zu unterschiedlichen und sich oft ergänzenden Antworten kommen - etwa bei der Krippenbetreuung, der Entwicklung von Selbstständigkeit und dem Arbeiten in therapeutischen und pädagogischen Beziehungen.

Hermann Staats, Prof. Dr. med., Sigmund-Freud Professor für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie und Leiter des Familienzentrums an der FH Potsdam und der Forschungskommission der Deutschen Psychoanalytische Gesellschaft DPG, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse (Göttinger Modell) und des Instituts für Forschung, Fortbildung und Entwicklung IFFE an der FHP, Mitglied des Beirats Wissenschaft und Forschung der Deutschen Gesellschaft für Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse D3G, Lehranalytiker und Supervisor der DGPT, DPG, IPA und D3G. Langjährige Tätigkeit als Oberarzt an der Universitätsklinik Göttingen, zunächst in der Abteilung für Klinische Gruppenpsychotherapie, dann in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Habilitation zu Beziehungsmustern bei Paaren, Familien und Gruppen.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


3          Pränatale Entwicklung und Geburt


»Die Geburt ist nicht der Anfang« (Krüll, 1989).

Einführung


Kinder werden nicht als ein »unbeschriebenes Blatt« geboren. Genetische Prädispositionen, Erfahrungen der Eltern vor und während der Schwangerschaft sowie Erwartungen und Vorstellungen von Eltern nehmen Einfluss auf das Temperament und die seelische Entwicklung eines Menschen – auf seine Stressverarbeitung, die Fähigkeit zur Selbstberuhigung, die Motivation, die Impulshemmung, auf Bindung und Empathie sowie die Risiko- und Realitätswahrnehmung (Roth & Strüber 2018; Jimenez et al., 2018). Während sich viele kognitive Funktionen erst nachgeburtlich ausbilden, werden Aspekte des impliziten, unbewussten Beziehungswissens schon vorgeburtlich ausgebildet.

Vor ihrer Geburt erleben Kinder die Welt über ihre eigenen Sinne und – über die Nabelschnur an den physiologischen Reaktionen teilnehmend – über die Affektivität ihrer Mutter. Veränderungen physiologischer Parameter und die Ausschüttung von Hormonen prägen die biologischen »Einstellungen« bereits intrauterin. Dieses Kapitel geht auf Aspekte der Entwicklung bis zur Geburt eines Kindes ein, die für eine Betrachtung aus psychoanalytischer Perspektive von Bedeutung sind. Ergebnisse der genetischen und epigenetischen Forschung sind aufgeführt, wenn sie zum Verständnis von Entwicklung und Psychotherapie beitragen.

Lernziele


•  Grundlagen genetischer und epigenetischer Modelle und deren Rezeption in der Psychoanalyse kennen.

•  Sich das Erleben eines Fötus und den Einfluss der elterlichen Einstellungen zum Kind vorstellen können.

•  Wege des Einflusses der frühen Eltern-Kind-Beziehung auf die Entwicklung des Kindes kennen.

•  Die Geburt als Übergangssituation und als Trauma diskutieren können.

3.1       Biologische und neurobiologische Grundlagen und Modelle


Biologische Entwicklungsmodelle spielen in den Theorien der Psychoanalyse eine erhebliche Rolle. Sie können als Grundlage psychischer Prozesse verstanden werden. Ältere Modelle werden heute vielfach nur noch als Metaphern der Entwicklung verstanden – psychisches Erleben und biologische Grundlagen sind dann wenig miteinander verbunden. Aktuelle Forschungen haben historisch alte Modelle aber in mancher Hinsicht bestätigt. Auf drei dieser Modelle

•  Darwin und der Einfluss genetischer Faktoren,

•  Lamarck und die Epigenetik,

•  Häckel und das Verbleiben von Vorstufen der Entwicklung

wird daher hier kurz eingegangen.

Darwins Modell der Entwicklung der Arten wird den Lesern vertraut sein: Die Erbinformation eines Menschen ist in Form von Genen gespeichert. Diese liegen weitgehend in doppelter Form vor. In Ei- und Samenzellen wird aus dieser doppelt (als zwei »Allele«) vorliegenden Information ein einfacher Satz hergestellt. Diese »zufällige« Auswahl der Allele und ihre Neukombination bei der Bildung einer Ei- oder Samenzelle und ihre Verschmelzung zu einem neuen, doppelt vorliegenden Satz an Erbinformationen führen dazu, dass jeder Mensch eine einzigartige Kombination genetischer Informationen erhält. In einer bestimmten Umwelt sind bestimmte Allele besser geeignet als andere. Individuen mit diesen Allelen überleben häufiger und pflanzen sich häufiger fort, als andere. So kommen diese Allele immer öfter vor – Arten verändern sich über die Anpassung an eine gegebene Umwelt.

Aus heutiger Sicht muss dieses einfache Modell ergänzt werden. Die besondere Form der Weitergabe von Genen erzeugt Variabilität – jeder Mensch ist genetisch besonders. Diese Differenzierung von Eigenschaften sorgt innerhalb eines Gruppengefüges für Variabilität – unterschiedliche Individuen haben unterschiedliche Kompetenzen und Vulnerabilitäten. Das Überleben von Menschen – und damit die Weitergabe von bestimmten Allelen – ist aber nicht allein über eine individuelle Selektion erklärbar (Darwins »Survival oft he fittest«). Menschen sind auf das Überleben ihrer Gruppe angewiesen, um selbst überleben zu können. Soziale Faktoren spielen für die Selektion genetischer Informationen daher eine große Rolle. Schützt ein Individuum durch sein Handeln Verwandte (seine Gruppe, die ja auch seine Gene in sich tragen), setzt es damit seine Gene langfristig durch. Altruistisches Handeln und genetische Variabilität innerhalb einer Gruppe erweisen sich so durchaus als vorteilhaft.

Genetische Variabilität ist auf unterschiedliche Weise bedeutsam. Für unsere Überlegungen hier ist wesentlich, dass sich genetische Anlagen deutlich auf das psychische Erleben und das Verhalten eines Menschen auswirken. Die Bedeutung dieses Anteils wird in der Regel unterschätzt. Er liegt – mit einer gewissen Variabilität – für die meisten psychologischen Parameter im Durchschnitt zwischen 30 % und 50 %. Dabei ist der Zusammenhang zwischen genetischen und umweltbezogenen Faktoren nicht einfach additiv. Vielfach werden genetische Aspekte nur unter bestimmten Umwelteinflüssen wirksam: Adoptivkinder mit genetischem Risiko, in normalen Familien antisozial zu werden, und Adoptivkinder ohne genetisches Risiko in antisozialen Familien haben beide ein geringfügig erhöhtes Risiko, selbst antisozial zu werden. Liegen jedoch soziale und biologische Faktoren zusammen vor (genetische Prädisposition und Aufwachsen in belasteten Familien), erhöht sich das Risiko, selbst antisozial zu werden, erheblich.

Lamarck, ein heute weitgehend vergessener »Gegenspieler« Darwins, hat eine Theorie entwickelt, nach der auch Erfahrungen und Vorstellungen von Eltern an ihre Kinder »genetisch« weitergegeben werden können. Freud hat diese Idee vor dem Hintergrund seiner klinischen Erfahrungen mit großem Interesse betrachtet – auch wenn sie mit dem Modell von Darwin nicht vereinbar schien. Heute können wir eine »epigenetische« Weitergabe von Informationen tatsächlich beschreiben. Über eine regelmäßige Nutzung bestimmter Gene (ein häufiges »Ablesen«) verändert sich die »Verpackung« dieser Gene, das »Methylisierungsmuster«. Dadurch wird die Transkription, die Umsetzung der genetischen Information in den Aufbau von Molekülen beeinflusst. Diese prinzipiell erfahrungsabhängig reversiblen Muster haben entscheidende Bedeutung für die Regulierung der Genaktivität. Die Modifikation der Genaktivität durch Methylierung wird als Epigenetik bezeichnet. Viele dieser erfahrungsabhängigen Informationen werden über Ei- und Samenzellen weitergegeben und bestimmen dann weitere Entwicklungen – die Verteilung von Fettzellen (nach Hungerphasen der Eltern), die Entwicklung der Körperform, Verhaltensweisen, die auch mit späterem sozialen und beruflichen Erfolg zusammenhängen, und die Entwicklung von posttraumatischen Erkrankungen, Depressionen und Ängsten. Dieser Anpassungsmechanismus funktioniert schneller als über die Auswahl der genetischen Ausstattung. Er ist auch weniger lang anhaltend – aber schon über mehrere Generationen hinweg – und vergleichsweise spezifisch auf die erlebten Umweltfaktoren bezogen. Jimenez et al. (2018) sprechen angesichts dieser Befunde von einer Entwicklung weg von einem allgemeinen Konzept genetischer »Vulnerabilität« hin zu einer »differentiellen Sensitivität« in Hinsicht auf Erfahrungen. Diese unterschiedliche Sensitivität beeinflusst die Wirksamkeit von pädagogischen und psychotherapeutischen Erfahrungen. Ein solches Konzept einer erfahrungsabhängig spezifischen Sensitivität eines Menschen ist gut mit klinischen Modellen in der Psychoanalyse vereinbar, die eine transgenerationale Weitergaben von Erlebens- und Verhaltensweisen (und ihre Überformungen) beschreiben.

Entwicklung findet so in einem in zwei Richtungen laufenden Austausch zwischen Vererbung und dem Einfluss der Umwelt ab. Gene beeinflussen das Verhalten und die dabei erworbenen Erfahrungen. Erfahrungen und Verhalten wiederum beeinflussen die Genentfaltung, in dem sie bestimmen, ob und wie häufig ein Gen ausgelesen und in ein Protein umgesetzt wird. Frühe Pflegeerfahrungen – und auch spätere Erfahrungen wie Psychotherapie oder affektiv wichtige Lebensereignisse – wirken sich so über mehrere Generationen hin aus.

Ernst Häckel hat mit seinem Modell einer Wiederholung der »Phylogenese« in der »Ontogenese« einen...


Hermann Staats, Prof. Dr. med., Sigmund-Freud Professor für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie und Leiter des Familienzentrums an der FH Potsdam und der Forschungskommission der Deutschen Psychoanalytische Gesellschaft DPG, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse (Göttinger Modell) und des Instituts für Forschung, Fortbildung und Entwicklung IFFE an der FHP, Mitglied des Beirats Wissenschaft und Forschung der Deutschen Gesellschaft für Gruppenpsychotherapie und Gruppenanalyse D3G, Lehranalytiker und Supervisor der DGPT, DPG, IPA und D3G.
Langjährige Tätigkeit als Oberarzt an der Universitätsklinik Göttingen, zunächst in der Abteilung für Klinische Gruppenpsychotherapie, dann in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie. Habilitation zu Beziehungsmustern bei Paaren, Familien und Gruppen.



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