E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Stadelmann J-Nator
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7627-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amok
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-6957-7627-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michaela Stadelmann veröffentlicht seit 2007 Romane in unterschiedlichen Genres, u.a. Krimis bei Ullstein. Sie ist freie Übersetzerin und Lektorin. Im Internet findet man sie unter dem Namen Textflash.
Autoren/Hrsg.
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Teil 1: Amok
5:53 pm. The 24/7
Raven radelte langsam über die Hauptstraße. In der Stadt, die nicht mehr als ein Dorf war, gingen bereits die ersten Lichter in den Häusern an. Die Shops schlossen einer nach dem anderen. Alecs 24/7 würde auch heute Nacht der einzige Laden sein, in dem man jederzeit einen Kaffee und ein Stück Zitronentorte bekam, gebacken nach dem Originalrezept seiner Großmutter.
Alec. Kaffee.
Raven stieg ab und lehnte das Fahrrad an die Laterne vor dem Shop. Schon seit Jahren hatte Raven es nicht mehr abgeschlossen. Hier kannte jeder jeden, und wenn es verschwand, war klar, wer es hatte mitgehen lassen …
Kaffee.
Raven schob die Shoptür auf und blieb auf der Schwelle stehen. Alecs Kopf tauchte hinter der Kassentheke auf.
„Hey, Kleines. Wie geht’s?“ Er winkte, Raven folgte, verlegen die Haare hinter die Ohren streifend, wobei die graue Mütze etwas verrutschte.
„Was machst du so spät noch hier?“ Alec goss Kaffee in zwei Tassen und stellte einen auf die Theke. „Die Torte ist von gestern, hat schon einen kleinen Stich, ist aber noch genießbar. Willst du trotzdem? Geht aufs Haus.“
Raven nickte. Löffelchen und Teller waren nicht ganz sauber. Raven aß trotzdem.
Alec musterte Raven aus seinen ehemals dunkelbraunen Augen. Mit dem Alter hatte sich ein dünner Schleier eingelagert. Manchmal ließ er sich die Lieferscheine vorlesen. Eine Operation konnte er sich nicht leisten und schien sich damit arrangiert zu haben, dass er nach und nach erblindete. Er hatte Raven mal gefragt, ob sie seinen Laden dann übernehmen würde, aber dann gäbe es kein Entkommen mehr von diesem Ort. Sie hatte abgelehnt.
„Am Samstag kommt hoher Besuch aus der Hauptstadt“, sagte Alec. „Meine Schwester will mal wieder nach dem Rechten sehen. Könntest du mich am Nachmittag vertreten? Nur ein paar Stunden, üblicher Lohn.“
Ravens Kiefer stockten kurz, bevor sie weiterkaute. „Klar“, antwortete sie automatisch. „Wie immer um eins?“
Erleichtert lächelte Alec sie an. „Wie immer. Danke.“
„Geht schon in Ordnung.“
Stumm aß sie das Tortenstück auf, leerte die Kaffeetasse. „Hast du ein paar Haferriegel?“
Alec hatte und schob sie ihr über die Theke. Sie waren aus dem Paket vom letzten Jahr, längst abgelaufen, durften nicht mehr verkauft werden. Aber Alec hatte es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen. „Was macht deine Tante?“
„Das Übliche.“ Langsam schob Raven das Geschirr von sich.
„Hm. Richte ihr meine Grüße aus.“
„Klar.“
Sie schauten sich in die Augen. Raven ausdruckslos, Alec kurzsichtig.
„Bis morgen?“, fragte er.
Raven antwortete nicht sofort. „Bis – morgen.“
Das hohe Sirren einer Geländemaschine näherte sich, Zweirad, vielleicht eine Harley. Hinter Raven zog eine Silhouette auf der Hauptstraße vorbei. Das Visier blitzte, als hätte derFahrer den Kopf kurz bewegt, damit die Reflexion der Straßenlaterne in den Laden fiel.
Geblendet blinzelte Alec. Der Schleier vor seinen Augen verzerrte alles. „Fahr nach Hause“, sagte er zu Raven. „Es soll bald regnen.“ Das stimmte zwar nicht, aber er fühlte sich besser, wenn sie nicht mehr auf der Straße war.
„Hm“, machte Raven. „Bis morgen dann.“ Sie wusste, warum er es sagte. Nicht nur deshalb band sie ihm nicht auf die Nase, dass sie vorher noch etwas zu erledigen hatte.
Ihr Fahrrad stand noch an der Laterne. Also waren Bad M und die Gang nicht mehr unterwegs oder zumindest nicht hier vorbeigekommen.
Gut so.
5:54 pm. Town Hall
„Mr und Misses Harper!“
Das Gesicht des Bürgermeisters glühte. Mit ausgestreckter Hand eilte Nathan Nolan auf das Paar zu, das gemessenen Schrittes den Gang zum Besprechungsraum entlangkam. Ihre Rechte hing locker in seiner linken Armbeuge.
Seine Hand, die er schützend darübergelegt hatte, löste sich und erwiderte den festen Druck des Bürgermeisters.
„Ich freue mich sehr, Sie endlich hier begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, die Umzugsarbeiten sind soweit abgeschlossen?“
Ethan Harper lächelte routiniert. „Der letzte Handwerker ist vor einer Stunde gegangen. Morgen müssen die Jungs noch mal ran, aber darum kümmert sich dann meine Frau.“ Sein Lächeln wandte sich Miranda zu, sie nickte lächelnd. Man war ein eingespieltes Team.
Die Begrüßung der Gattin ging mit einer kurzen Verbeugung einher, was sie ebenso gelassen nahm wie ihr Gatte Nolans aufgedrehte Begeisterung. Nicht, dass es ihm nicht gefiel, dass der Mann, der über seine Einstellung mitentschieden hatte, vor ihm fast auf die Knie ging. Jedoch war es beruhigend zu wissen, dass man im Fall der Fälle mit ihm wahrscheinlich ein leichtes Spiel haben würde.
„Der Stadtrat wird erst in einer halben Stunde eintreffen“, meinte Nolan. „Sie wissen schon, Harper, das übliche Tagesgeschäft. Darf ich Ihnen trotzdem schon eine Erfrischung anbieten?“
Er durfte. Vornehm nippte man an Sekt mit Orangensaft. Miranda knabberte an einem trockenen Gebäckteilchen und hörte den Männern beim Small Talk zu. Ethan wusste die Klaviatur der Kleinstadt-Diplomatie zu bedienen.
Miranda konnte stolz auf ihn sein.
Nach und nach trudelten auch die Stadtratsmitglieder ein. Die Namen der ehrenwerten Herren und Damen würden Ethan und Miranda bestimmt schnell lernen; als Direktor einer Highschool hatte man zwangsläufig mit diesem Teil der Verwaltung zu tun. Alle würden mitreden wollen, alle wollten zufriedengestellt werden. Ethan würde sich den Mund fusselig reden, wie er es schon auf seinen alten Posten getan hatte, während Miranda mit den Ehegattinen auf Tuchfüllung ging. Es blieb abzuwarten, wie viele zu Freunden, welche zu Feinden würden.
6:17 pm. Morton Geoffrey Junior High
Nur die Rohre waren von dem uralten Rennrad übrig geblieben. Reifen, Felgen, Speichen, Sattel, die Gangschaltung, alleswar nagelneu; hatte alles in einer Kiste im Schuppen gelegen.
Mit Hilfe eines abgegriffenen Fahrradratgebers hatte sie ihr Fahrrad umgebaut. Wer immer ihren Schuppen als Ablageort für diese Schmuckstücke nutzte, hatte wohl einen Kurztrip vom Himmel zur Erde gemacht und Geschenke mitgebracht.
Raven hatte nach der Entdeckung ein paar Wochen gewartet, hatte sogar eine Kamera aufgestellt, die Hof und Scheune überwachte, aber – nichts. Niemand kam, um die Gangschaltung abzuholen, obwohl Raven die Scheunentore ab sofort permanent offen ließ. Also gehörte die Gangschaltung jetzt ihr.
Es war nicht weit bis zur Highschool. Der Parkplatz war leer bis auf den Wagen des Direktors. Langsam radelte sie im Schutz der Bäume auf die Rückseite des Geländes. Durch das erleuchtete Fenster konnte sie ihm beim Zusammenpacken zusehen.
Ein paar Minuten später hörte sie den Motor seines Volvos starten. Das Licht der Scheinwerfer tanzte noch einmal über den Parkplatz, als er wendete und schließlich davonfuhr.
Dann war die Schule dunkel.
Wind kam auf.
Langsam stellte Raven ihren Rucksack ab, öffnete ihn und überlegte fieberhaft, ob sie sich selbst ein Bein stellte, wenn sie ihr Fahrrad unter der Laterne gleich vor dem Gebüsch anschloss – oder ob sie damit den Herumtreibern, die sich nachts manchmal an der Schule einfanden, ein Schnippchen schlug. Hier würde niemand eingreifen, wenn sich jemand daran zu schaffen machte. Andererseits: Wer außer ihr war denn noch hier?
Raven nahm sich Zeit, die Umgebung zu mustern, die nach und nach in der Dunkelheit versank. Ihr Gehör sei sehr fein, hatte ihr mal ein Arzt bestätigt. Sie konnte im wahrsten Sinne des Wortes die Flöhe husten hören.
Und hier hörte sie – nichts.
Trotzdem kettete sie das Fahrrad an. Es war besser so.
Und jetzt zum Seiteneingang. Es gab viel zu tun!
Raven brauchte sich keine Mühe zu geben, leise zu sein, denn das Schulgebäude war leer, verlassen, tot. Mit ihren schweren Stiefeln stapfte sie aus dem Dickicht den offiziellen Teerweg zur Schule hinauf; in der Hand schon den Bund Dietriche, selbst gefeilt und oft genug ausprobiert. Nur für diesen Abend. Niemand war ihr dabei auf die Schliche gekommen, wirklich niemand. Nicht mal Alec, der eines Nachmittags plötzlich in den Hof gefahren kam. Es war einer dieser hässlichen heißen Sommertage gewesen, an denen man glaubte, jemand hatte das Tor zur Hölle geöffnet.
„Raven?“
Sein Ruf ließ sie zusammenfahren. Klirrend plumpsten die Dietriche auf den festgestampften Boden und verriete ihre Position.
Langsam kam Alec zur Scheune und blinzelte mit seinen eingetrübten Augen ins Halbdunkel. „Hier bist du!“Seine Stimme klang, als hätte er sie sehen können. „Wie geht’s?“
„Was machst du hier?“, fuhr Raven ihn an. Rasch ging sie ihm entgegen. Hier draußen glühte der Boden. Alecs Schulterzucken machte sie wütend. „Wollte nach dem Rechten...




