Stadelmann / Zimmerling | Johann Jakob Rambach (1693–1735) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 232 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm

Stadelmann / Zimmerling Johann Jakob Rambach (1693–1735)

Praktischer Theologe und Schriftausleger
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-374-06222-5
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Praktischer Theologe und Schriftausleger

E-Book, Deutsch, 232 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm

ISBN: 978-3-374-06222-5
Verlag: Evangelische Verlagsanstalt
Format: EPUB
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Johann Jakob Rambach (1693–1735) war der wohl bekannteste Theologieprofessor seiner Zeit und galt als ein bedeutender Vertreter des lutherischen Barockpietismus. Zunächst Nachfolger von A.H. Francke in Halle, wurde er später Professor an der Theologischen Fakultät in Gießen, Leiter des dortigen Pädagogiums und Superintendent für Mittelhessen. Manche seiner Kirchenlieder sind bis heute bekannt (»Ich bin getauft auf seinen Namen«, »Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn«). Seine Hermeneutik und Homiletik waren Standardtexte bis ins 19. Jahrhundert hinein. Trotzdem ist Rambach heute weithin vergessen. Seine zahlreichen Schriften aus dem Bereich von Hemeneutik, Homiletik, Katechetik, Hymnologie, Moraltheologie und Apologetik sind noch wenig erforscht. Die Beiträge des Buches, die auf ein Forschungs-Symposium zurückgehen, erschließen Rambach als originellen Denker zwischen Reformorthodoxie, Pietismus und Frühaufklärung.

[Johann Jakob Rambach (1693–1735). Practical Theologian and Exegete]
Johann Jakob Rambach (1693-1735) probably was the most wellknown theologian of his time and was esteemed as a prominent representative of Lutheran baroque pietism. Having initially served as the successor of A.H. Francke in Halle, he was called as Professor of the Theological Faculty of Giessen, Director of the higher pedagogical institution there, and as Superintendent of the church-district Middle Hessen. Some of his hymns are still well-known today (»Ich bin getauft auf seinen Namen«, »Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn«). His hermeneutical and homiletical books were used as standard texts till the 19th century. Nevertheless, Rambach is forgotten widely today. His numerous publications in the areas of hermeneutics, homiletics, catechetics, hymnology, moral theology, and apologetics have scarcely been studied. The articles in this book, originally presented in a research-symposium, make Rambach accessible as an original thinker in interaction with reform-orthodoxy, pietism, and early enlightenment.

Stadelmann / Zimmerling Johann Jakob Rambach (1693–1735) jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Johann Jakob Rambach in Halle und Gießen: Spätblüte des Pietismus an deutschen Theologischen Fakultäten


1. Eine ganz besondere Persönlichkeit


Ein Mann, »… dessen gleichen ich wahrhaftig nicht zu schaffen weiß!«.1 Als ein solcher wurde Johann Jakob Rambach von Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen bezeichnet, nachdem es ihm im Jahr 1734 nicht gelungen war, Rambach aus Gießen an die Göttinger Universität abzuwerben. Heute würde man vielleicht sagen: »Wo soll man solch einen Mann hernehmen? Den gibt’s nicht noch ein zweites Mal …«. Rambach erschien den Göttingern als der perfekte Professor für die damalige Übergangszeit an den deutschen evangelisch-theologischen Fakultäten der 1730er Jahre im Spannungsfeld zwischen der konservativen Bewahrungsstrategie der altprotestantischen Orthodoxie, den öffnenden Modernisierungsversuchen der Aufklärung und der geistlichen Lebenspraxis des Pietismus. Irgendwo dazwischen bewegte sich Rambach, der sich gar nicht so einfach in eine Schublade stecken ließ. War er tatsächlich ein Pietist oder vielleicht doch eher ein Spätorthodoxer oder gar ein Frühaufklärer? Oder war er alles drei gleichzeitig und genau deshalb ein Mann, »dessen gleichen man wahrhaftig nicht zu schaffen weiß«? Vielleicht sind alle diese Label auch nur hilflose Versuche einer späteren Zeit, einen Menschen zu begreifen, der viel zu schillernd war, um ihn in heutige Kategorien einzufangen. Auf jeden Fall erscheint es lohnend, sich Johann Jakob Rambach in aller Offenheit zu nähern und sich von ihm auch heute noch inspirieren zu lassen.

2. Was ist »Pietismus«?


Die genaue Definition des Begriffs Pietismus ist bis heute umstritten. Bezeichnet man damit einen bestimmten Frömmigkeitstypus, der bis heute existiert? Oder nur eine bestimmte Phase in der Epoche des Barock, in der diese Art von Frömmigkeit stark ausgeprägt war?2 Einig ist man sich auf jeden Fall darin, dass man den Pietismus als die erste große Erneuerungsbewegung des deutschen Protestantismus nach der Reformation verstehen kann. Anderthalb Jahrhunderte nach Luther gab es in der evangelischen Welt eine immer stärkere Sehnsucht nach einem neuen geistlichen Aufbruch. Viele Theologen und auch einfache Christen hatten den Eindruck, dass man in den evangelischen Kirchen zwar das Richtige predigte, aber eben nur noch in Form von toten Richtigkeiten. Die perfekte Lehre hatte man – davon war man überzeugt –, aber wo war das geistliche Leben geblieben? Und vor allem, wie konnte man der Kirche wieder eine neue Lebendigkeit einhauchen?

Es ist jetzt stadtbekannt der Nam der Pietisten. Was ist ein Pietist?

Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heilig Leben führt.3

Gemeinschaftliches Bibelstudium, das aus dem Wort Gottes heraus zu einem veränderten Leben im Alltag führt, macht – grob gesagt – einen Pietisten aus, bis heute! Seit der Leipziger Bewegung von 1689 breitete sich diese enge Verknüpfung von theologischer Wissenschaft und gelebter Frömmigkeit tatsächlich für ein paar Jahrzehnte an einigen deutschen Universitäten mehr oder weniger so aus, wie Spener sich das gewünscht hatte.

3. Der Pietismus an deutschen Universitäten um 1730


In Deutschland gab es im frühen 18. Jh. insgesamt 22 Universitäten, jeweils mit den klassischen vier Fakultäten Jura, Medizin, Philosophie und Theologie. 13 dieser 22 evangelisch-theologischen Fakultäten blieben vom Pietismus weitgehend unberührt, wobei eine solche Einschätzung nicht ganz unproblematisch ist. Denn zum einen hängt das immer vom eigenen Standpunkt des Betrachters ab und zum anderen veränderte sich die Prägung einer Fakultät ständig, je nachdem welcher Professor gerade starb und welcher dafür neu berufen wurde. Oftmals war man sich noch nicht einmal bei einem einzelnen Professor sicher, ob er nun als »Pietist« einzuordnen war oder nicht, da dies eben eine Frage der inneren Haltung und nicht einer amtlichen Mitgliedschaft war.

:

… ihre Lectiones, Disputationes und übrige Amptsverrichtungen also einzurichten, dass die Furcht des Herrn als aller Weisheit Anfang, und also die wahre Pietaet oder Gottseligkeit, bei der studierenden Jugend gepflanzet, erhalten, vermehret, und dem Widrigen bestmüglich fürgebogen, einfolglich nicht nur Gelehrte, sondern fürnehmlich fromme gottselige Leute bey Kirchen und Schulen hinkünfftig zu gebrauchen, auf unserer Hohen Schul und in unserem Fürstlichen Theologischen Stipendio daselbsten erzogen werden.5

Die darin formulierte Priorisierung der »Pietaet« vor der Gelehrsamkeit im Rahmen eines Theologiestudiums liegt schon ganz auf der Linie des Spener’schen Reformvorschlags. Die faktische Legalisierung pietistischer Konventikel setzte sich dann spätestens seit dem »Decret, enth. eine bestimmte Vorschrift, wie die Separatisten zu behandeln seyen«6 von 1711 langsam durch und kam im Pietistenrescript von 1743 endgültig zum Abschluss. Dadurch wurde der Pietismus in Württemberg letztlich langfristig so sehr gefördert, wie nirgendwo sonst.

4. Johann Jakob Rambach in Halle


Als Rambach 1693 geboren wurde, war Spener schon fast 60 Jahre alt und Francke hatte schon sein Pfarramt in Glaucha angetreten. Quasi nebenan, in Halle, kam Johann Jakob Rambach am 24. Februar 1693 als erster Sohn eines frommen Tischlermeisters auf die Welt. Mit 13 Jahren brach er seine schulische Laufbahn zunächst ab, um selbst im väterlichen Betrieb das Tischlerhandwerk zu erlernen. Ein Unfall in der Werkstatt führte dann aber dazu, dass er sich mit 15 Jahren doch für die höhere Bildung entschied und 1708 in die Lateinschule der Franckeschen Stiftungen in Halle eintrat. Die dortige Studiengemeinschaft wurde für ihn bald zu einer Art zweiten Familie. Mit 19 wurde er von August Hermann Francke selbst zum Studium eingesegnet, zu dem er eine Art Vater-Sohn-Verhältnis entwickelte. Rambach begann zunächst mit einem Medizinstudium, wechselte aber schon bald zur Theologie über. Von einem Bekehrungserlebnis erzählte er erstaunlicherweise nie, aber er strahlte eine tiefe pietistische Frömmigkeit aus. Sein Studienschwerpunkt war zunächst die Auslegung des Alten Testaments, was ihn dazu führte, sich intensiv mit hermeneutischen Fragen auseinanderzusetzen. Dabei lautete seine Hauptthese gut pietistisch, dass »nur der wiedergeborene Christ die Schrift recht verstehen könne«.7

und zwar sowohl in Bezug auf seine wissenschaftlichen Vorlesungen, als auch in Bezug auf seine so genannten »Collegia Ascetica«, das waren exegetisch-erbauliche Auslegungen des Neuen Testaments. Seine Vorlesungen fanden meistens im großen Versammlungssaal der Franckeschen Stiftungen vor 400–500 Zuhörern statt. Daneben predigte er auch alle 14 Tage in der Schulkirche und hielt jeden Samstagnachmittag im Waisenhaus Erbauungsstunden, die allen Einwohnern der Stadt offenstanden. Er hat damit im Grunde Speners Ursprungsvision eines Universitätsprofessors, der Wissenschaft und Frömmigkeit in seiner Person inspirierend vereinigt, fast in Perfektion vorgelebt.

was er dann schließlich im Sommer 1731 auch tat.

Anscheinend war für Rambach der Druck, strenge Gutachten gegen die eigene Überzeugung zu verfassen, eine große Belastung. So schrieb er kurz nach seinem Ruf nach Gießen an die Fakultät, »… wenn die Gewißens Marter mit den testimonien nicht aufhörte, müßte er weggehen«.11 Evtl. spiegelt sich darin eine gewisse Abkehr Rambachs von der gesetzlichen Strenge Halles hin zu einem neuen aufgeklärtweltoffeneren Pietismus. Auf jeden Fall scheint es ihm nicht allzu schwer gefallen zu sein, die Zelte in Halle abzubrechen und sich mit seiner Familie auf die 5-tägige Reise mit der Kutsche nach Gießen zu machen.

5. Johann Jakob Rambach in Gießen


Schon im August 1731 trat Rambach sein Amt als Superintendent in Gießen an und startete kurz darauf mit dem Wintersemester auch seine theologische Professur an der Universität. Dabei war es wohl so, dass die Gießener Fakultät zu der Zeit zwar immer noch als pietistisch bekannt war, aber sich das reale Leben alles andere als fromm gestaltete. Ein Gießener Student namens Georg Ludwig Strack, der dort kurz vor Rambachs Ankunft studierte, dichtete im Rückblick:

Von der Hohen Schul daselbst zu sagen:

Da wars auch gar schlecht bestellt. […]

Da war keiner der den Heiland kannte,

wenn man ihn so nebenbei noch nannte.12

Es gab also für Rambach als überzeugten Pietisten an der Fakultät viel zu tun und er nahm diese Aufgabe mit Feuereifer an, so dass man schon bald davon hörte, dass die Studenten mit Tränen in den Augen aus seinen Vorlesungen kamen. Die Gießener Immatrikulationszahlen stiegen sofort sprunghaft an. Gleichzeitig war Rambach in Gießen auch noch Superintendent und kümmerte sich um die Erneuerung der Kirche, was ihm ein tiefes Anliegen war. So sorgte er z. B. für die Einführung eines neuen Gesangbuchs.

Nicht gar...



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