E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Sabea
Stadler Sabeas Baby
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-2158-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
von seltenen Pflanzen und Wanderhebammen
E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Sabea
ISBN: 978-3-6957-2158-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Stadler ist Fachbuch- und Romanautor. Er verfügt über ein breites Berufsspektrum, von Lehrtätigkeit über Krankenpflege, Arbeit mit Kindern bis hin zu einem Diplom in Medizininformatik. In diesem Kontext interessiert sich Stadler für Anthropomorphismus, die Entwicklung digitaler Zwillinge, die tatsächlich vorangetrieben wird. Ob diese Zwillinge das halten werden, was sich etwa Chirurgen oder Pflegeheime von ihnen versprechen, sei dahin gestellt. Stadler verbindet in seinen Romanen den ganz gewöhnlichen Pflegealltag mit Berufspolitik, technischer Evolution und einem zaghaften Blick in die Zukunft. Politisch engagiert sich Stadler für Hebammenarbeit und Themen rund um Kinder, Familien und Frauen in der Pflege-Grundausbildung. Er hat zwei Töchter und lebt in Bern.
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
Seit Marions Geburt hatte sich Sabea nebst dem ausladenden Frühstück mit Cerealien und Bifidus-Joghurt aus dem Nonnenpförtchen eine weitere Leidenschaft zugelegt: Sie verbrachte mehr Zeit im Bett als früher, und diese Zeit zelebrierte sie auch. Längst hatte sie alle Kleiderschränke geräumt, die bis obenhin mit der Garderobe ihrer verstorbenen Großmutter angefüllt waren. Diese hatte viel Wert auf ein gepflegtes, aber auch abwechslungsreiches Äußeres gelegt. Einmal abgesehen von der Kleidung hatte sie unendlich viel Lebenszeit damit verbracht, ihr Haar liebevoll und mit Hingabe zu pflegen und Frisuren zu gestalten, von feinen Zöpfchen über einen kühnen Dutt bis hin zu offenem, wallendem Haar, was sie nur zuließ, wenn sie zu Bett ging. Was Sabea aufbewahrt hatte, waren Großmutters festliche, ärmellose Nachthemden aus weißer Baumwolle, mit Blumendekor bestickt und selbstverständlich handgenäht. In diesen Nachthemden sah Sabea mit ihrem kastanienroten Haar derart umwerfend aus, dass Ambrosius es kaum wagte, sie zu berühren, um das Kunstwerk, das Sabea in solchen Momenten für ihn darstellte, nicht zu zerstören.
Nachdem Sabeas Haus vor drei Jahren beinahe einer Rattenplage und sumpfigem Waldboden anheimgefallen war, hatte es mit sehr viel Geld wieder instand gestellt und für die Ewigkeit saniert werden können. Sabeas Haus war mittlerweile eine moderne kleine Trutzburg, ohne dass auf den Charme der Holzverkleidung, den geschwungenen Treppenlauf und die eleganten und doch so praktischen Einbauschränke hätte verzichtet werden müssen. Der Architekt lebte in Bühlwil, und seine Vorfahren hatten beim hübschen Waldhaus, in dem Sabea mit ihrer kleinen Familie wohnte, bereits während dessen Entstehung Hand angelegt. Die eine oder andere Ecke war bewusst nicht ganz rechtwinklig ausgemessen worden, obwohl auch die damaligen Architekten bestimmt wussten, wie man eine Wasserwaage einsetzt. Aber Heimeligkeit kommt nicht von 90 Grad-Winkeln, so die Weisheit von Herrn Zehnder, dem Architekten, der von Sabea und Ambrosius beauftragt worden war, das Haus so zu sanieren, dass sein ursprüngliches Charisma erhalten blieb.
Ambrosius hatte für Klein-Marion zwei Windspiele gebastelt, eines davon aus Vogelfedern, das andere mit kleinen Faultieren aus Stoff, und sie gaben dem Schlafzimmer etwas Naturnahes. Obwohl Marion mittlerweile drei Jahre alt war, brachten es ihre Eltern noch nicht übers Herz, sie im Kinderzimmer schlafen zu lassen und nahmen sie im Kinderbettchen, an das Ambrosius praktische Rädchen montiert hatte, zu sich. Oft lauschte Sabea mitten in der Nacht den Atemzügen der Kleinen und konnte sich kaum an Marions widerspenstigen Locken sattsehen, die vom fahlen Mondlicht zum Leuchten gebracht wurden.
An einem dieser Abende, Ambrosius war noch bei der Arbeit, schlüpfte die frisch geduschte Sabea in eines der Baumwollnachthemden ihrer Großmutter, drückte Marion einen Kuss auf die Stirn und kletterte ins ausladende Bauernbett, das seit Menschengedenken das Schlafzimmer dominierte. Dann summte sie ein Gutenachtlied für ihre kleine Tochter. Sabea hatte jahrelang geglaubt, sie könne nicht singen, bis Xeneputh, ihre Arbeitskollegin, die ihr sehr nahestand, sie eines Tages dazu ermutigt hatte. „Eigentlich kann jede Mutter singen“, lachte sie, „denn Melodien, die für kleine Kinder bestimmt sind, kommen direkt vom Herzen“. Also sang Sabea mit ihrem Herzen, und es funktionierte tatsächlich. Sie hatte ein zartes Timbre, das sich sofort auf Klein-Marions Augendeckel übertrug und sie in den Schlaf geleitete, Abend für Abend.
Es war eine Zeitlang gespenstisch still, abgesehen von Marions ruhigen Atemzügen, und Sabea lauschte den Föhren, in denen fast jeden Abend der Wind spielte. Aber diese Nacht war windstill, und Sabea suchte den Schlaf. Dann nahm sie ein Traum gefangen. Sie war mitten in Bühlwil, auf dem neu gestalteten Spielplatz, und sie unterhielt sich lachend mit drei Müttern. Mit Priska, der Bäckerin, mit Julia, der Physiotherapeutin aus dem Pflege- und Alterszentrum Elfenberg und mit Aranka, der Freundin von Wu, dem chinesischen Tierarzt, der sich auf dem Platanenhof, einem kleinen Bauernbetrieb ganz in der Nähe, niedergelassen hatte. Die Kinder von Priska, Julia und Aranka waren um einiges jünger als Sabeas Töchterchen, aber die vier Kinder verstanden sich prächtig und konnten nicht genug davon bekommen, sich mit Sand zu bewerfen. Dann suchte Sabea mit ihren Blicken den Spielplatz ab. Gerade eben noch hatte Marion fröhlich auf der Schaukel gekreischt.
Jetzt war sie verschwunden!
Sabea schreckte schweißgebadet hoch, denn das Verschwinden ihrer Tochter gehörte zu den unerträglichsten Gedanken, die sie überhaupt fassen konnte. Erleichtert fand sie sich in der Geborgenheit ihres Schlafzimmers wieder, und neben ihr schnarchte Ambrosius das unschuldige Schnarchen eines überbeschäftigten Oberarztes. Eine Weile lang bewegte sich Sabea nicht von der Stelle, dann drehte sie sich zur Seite, um einen Blick auf die schlafende Marion zu erhaschen. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Der Traum soeben war derart realistisch gewesen, dass Sabea eine Zeitlang nicht wusste, was denn nun Traum und was Wirklichkeit war. Befand sie sich auf dem Spielplatz mit der verschwundenen Marion und träumte nun von ihrem Schlafzimmer? Oder lag sie in ihrem Schlafzimmer und hatte soeben vom Spielplatz geträumt? Barfuß huschte Sabea ins Bad, erfrischte sich mit ein paar Wasserspritzern und trank einen Schluck. Das Wasser in Sabeas Haus entstammte einer eigenen Quelle. „Ein wahrer Jungbrunnen“, hatte ihre Großmutter stets gescherzt, aber bis zu ihrem tragischen Ertrinkungstod im damaligen Bühlwiler See hatte sie tatsächlich so etwas wie eine ewige Jugend mit sich herumgetragen.
Für den Rest der Nacht tat Sabea kein Auge mehr zu. Gerne hätte sie Ambrosius geweckt und ihm von ihrem Albtraum erzählt. «Alben», so hatte Sabeas Großmutter ihr erzählt, «sind in der germanischen Mythologie böse Geister». Darum musst du keine Angst vor ihnen haben. «Wir leben ja hier in der Schweiz und nicht in Germanien», hatte sie scherzhaft hinzugefügt. Sabea wusste jedoch, dass Ambrosius auf einen gesunden Schlaf angewiesen war. Seit das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg derart erfolgreich auf Kurs war, hatte sich seine Verantwortung mindestens verdreifacht, und der Erwartungsdruck des Verwaltungsrats auf ihn hatte in den letzten drei Jahren eher zu- als abgenommen.
Dann, gegen Morgen, als sich schon eine leicht orangefarben-rote Sonne hinter den Baumwipfeln zeigte, versank Sabea in einen oberflächlichen Schlaf, bis sie von Marions Brabbeln geweckt wurde. Ambrosius war schon längst wieder über alle Berge entschwunden. Manchmal vermisste Sabea oberflächlich-fröhliche, belanglose Morgengespräche mit ihrem Partner, aber alles konnte sie wohl nicht haben. Noch einmal vergewisserte sie sich, dass Marion wirklich in ihrem Bettchen lag, dann stand sie auf, öffnete das Schlafzimmerfenster und ließ den frischen Morgen hinein.
Sabea hatte seit längerem wieder einmal ein arbeitsfreies Wochenende vor sich und freute sich aufs Chillen am Samstagmorgen und darauf, Klein-Marion beim Spielen zuzuschauen. Dem kleinen Mädchen genügte oftmals ein Tannzapfen oder ein kleiner grüner Waldkäfer, und sie konnte sich stundenlang beschäftigen. Sabea hatte Marion früh beigebracht, dass auch Insekten nicht dazu gemacht sind, zerquetscht zu werden, aber Marion war ganz offensichtlich erfinderisch und ließ auch Ameisen Baumrinden und Grashalmen entlang krabbeln, ohne ihnen auch im Entferntesten etwas zuleide zu tun.
Während Sabea für sich das Frühstück bereitete, kam ihr noch einmal ihr schrecklicher Traum in den Sinn. Sie wandte sich spontan um, hob Klein-Marion zu sich hoch und herzte sie, was Marion mit einem Quengeln quittierte. Aber Sabea wollte sich nur gewiss sein, dass ihre Tochter da war. In der Nähe und für sie greif- und fassbar. Eine schwedische Arbeitskollegin hatte Sabea einmal erzählt, Välling sei das beliebteste Traditionsfrühstück für Kleinkinder in Schweden, und sie vermute, dass selbst die Mitglieder von ABBA damit groß geworden seien.
Sich freuen.
Mittlerweile hatten auch Sabea und Ambrosius Geschmack an diesem eigentlichen Babybrei gefunden und taten sich zwischendurch ebenfalls an Välling gütlich. Marion aber war völlig verrückt danach. „Välling“ war, noch vor „Mama“, das erste Wort, das sie brabbeln konnte.
Endlich war es so weit, Marion war auf ihrem feuerroten Tripptrapp-Stühlchen installiert, und Mutter und Tochter konnten sich über das Frühstück...




