E-Book, Deutsch, Band 3, 430 Seiten
Reihe: Sabea
Stadler Sabeas Traum
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-2159-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
eine Erzählung für Studierende der Pflege, für solche, die es werden wollen... und für alle andern
E-Book, Deutsch, Band 3, 430 Seiten
Reihe: Sabea
ISBN: 978-3-6957-2159-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Stadler ist Roman- und Fachbuchautor. Seine Erzählungen basieren auf seinen beruflichen Hintergründen als dipl. Pflegefachmann, dipl. Medizininformatiker und Lehrbeauftragter an einer Bildungsinstitution für angehende BSc-Hebammen und Pflegefachpersonen. Stadler ist auch berufspolitisch engagiert, insbesondere, was Kinderkrankenpflege und die damit verbundenen Themen (Schwangerschaft, Wochenbett, Familie, Frauenheilkunde) angeht. Markus Stadler ist Vater von zwei Töchtern und lebt in der Nähe von Bern.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Daria
Einer von zahlreichen Praktikumsorten, an denen Studentinnen und Studenten der Pflege einen Teil ihrer Ausbildung absolvieren konnten, war das Pflege- und Alterszentrum Elfenberg. Die Stationen, auf denen Auszubildende betreut wurden, waren beliebt, weil, verglichen mit anderen Institutionen, der Personalschlüssel stimmte und die Studentinnen und Studenten fachlich kompetent, aber auch empathisch auf ihren künftigen anspruchsvollen Beruf vorbereitet wurden. Daria war Kursteilnehmerin in einer Klasse mit sechzehn Frauen und zwei Männern, Jon und Linus, was etwa das Verhältnis widerspiegelt, das bis heute den Pflegeberuf prägt: Männer sind deutlich in der Minderzahl, was sich vermutlich auf die bescheidenen Arbeitsbedingungen des diplomierten Pflegefachpersonals auswirkt. Das Ausbildungsinstitut, das Daria besuchte, befand sich in einem mausarmen Kanton, der sein Budget jedes Jahr so aufteilte, dass sich das Gesundheitspersonal immer ganz am Schluss in die Reihe stellen musste.
Daria war in Sizilien geboren, aber in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen waren ihre Eltern vor zwanzig Jahren in die Schweiz ausgewandert, wo sie sich in einer Kleinstadt mit einem Frisörgeschäft über Wasser hielten. Maria Fulvia, Darias Mutter, war Damenfrisöse, Ernesto, ihr Vater, war für die männliche Kundschaft zuständig.
Seit Daria sich zurückzuerinnern vermochte, war ihr Vater in der Familie immer der Melancholiker mit dem schweren Herzen gewesen, der sich nach Milazzo zurücksehnte, nach Milazzo und der geheimnisvoll funkelnden kleinen Vulkaninsel Stromboli, dem Nabel der Welt, wie er das Inselchen liebevoll nannte. Mittlerweile waren Darias Eltern tatsächlich zurück nach Sizilien gezogen, dem Vater zuliebe, und es hatte Maria Fulvias Herz gebrochen, ihre geliebte Ragazza, die mittlerweile dreiundzwanzigjährige Daria, in der Schweiz zurückzulassen.
Maria Fulvia war jedoch sehr stolz, dass sich ihre Tochter für eine Ausbildung zur Krankenschwester entschieden hatte. «La mia figlia sta diventando infermiera», hatte sie allen stolz verkündet, die das wissen wollten. Daria war ein Einzelkind und sich in ihrem ganzen bisherigen jungen Leben der Tatsache gewiss gewesen, dass ihr die volle Aufmerksamkeit beider Eltern zuteil wurde.
In einer schäbigen Liegenschaft am Rand von Bühlwil hatte sie ein kleines Zimmer gefunden, überglücklich, das erste Mal in ihrem Leben auf eigenen Füßen stehen zu können. Der kurze Weg ins Pflege- und Alterszentrum Elfenberg war für sie ein Privileg, während der Weg zur Schule mit der Vorortsbahn über eine Stunde dauerte.
Dann war Daria auf die Welt gekommen, ebenso wie ihre Kurskolleginnen und -kollegen, als sie nämlich feststellten, wie kärglich die monatliche Entschädigung ausfiel, die ihnen der Kanton respektive die Schule ausbezahlte. Der Mietzins von vierhundert Franken, den Daria für ihr Zimmerchen jeden Monat hinblättern musste, war eher günstig. Wenn sie aber die Krankenkassenprämie sowie Reisespesen dazu rechnete, war ihr bescheidenes Nettogehalt bereits aufgebraucht. Schulmaterial erworben, warme Winterkleider sowie Lebensmittel gekauft hatte Daria bis dahin noch nicht, und sie war auf ein kleines Sparguthaben von zwanzigtausend Franken angewiesen, das ihr Vater ihr bei seiner Abreise nach Sizilien überlassen hatte. Es schmolz dahin wie eine Schneefrau an der Sonne. Mit einem mulmigen Gefühl hatte Daria im Pflege- und Alterszentrum Elfenberg während des Schulsemesters eine Nebenbeschäftigung als Sitznachtwache angenommen, die immer dann gefragt war, wenn die Situation mit einer oder einem der dementen Bewohnerinnen oder Bewohner außer Kontrolle zu geraten drohte. Für Daria war es ein Job auf Abruf.
Nebenbeschäftigungen waren gegenüber dem Schulbetrieb allerdings meldepflichtig und wurden nur zugelassen, wenn die Leistungen der Studentinnen und Studenten nichts zu wünschen übrigließen.
Gab es Probleme in einem Praktikum, wurde ihnen der Nebenerwerb entzogen. Dieses bevormundende System war in der Schule seit Jahrzehnten fest installiert und wurde kaum jemals hinterfragt, denn Studentinnen und Studenten mit existenziellen Schwierigkeiten haben keine Lobby.
So kam es, dass Daria damit begonnen hatte, sich mit Medikamenten und Red Bull wach zu halten, wenn sie nach einem Dienst als Sitznachtwache zur Schule musste. Der Dienst dauerte bis sieben Uhr morgens, und es reichte Daria immer nur knapp, sich umzuziehen, sich zu duschen und den Zug in Richtung Pflegeberufsschule rechtzeitig zu erwischen, um pünktlich um halb Neun im Klassenzimmer zu sitzen.
Dann geschah etwas Unerwartetes. Als Daria es sich an einem ihrer freien Tage in der Bühlwiler Bäckerei zur Goldenen Brezel an einem Bistrot-Tisch gemütlich machte, setzte sich ein älterer Mann zu ihr. Er mochte so um die vierzig Jahre alt sein, so genau konnte Daria das nicht abschätzen. Stumm saßen beide hinter einem Cappuccino, als der Mann freimütig von sich zu erzählen begann. Er sei Friedhofsangestellter in Bühlwil und hätte somit nur selten Gesprächspartner. Daria verfügte über eine gute Fantasie und musste lachen bei der Vorstellung, wie der Mann in dunklen Spätsommernächten Gräber aushob, eventuell Selbstgespräche führte, aber in seinem Beruf tatsächlich wohl kaum mit lebendigen Menschen in Kontakt kam, außer mit Trauernden, aber die waren naturgemäß mit sich selbst beschäftigt.
Daria stellte sich die Situation nicht nur bildlich vor, sondern teilte diese Gedanken ihrem Gegenüber gleich mit. In den folgenden Wochen begegneten sich Daria und Arthur öfter in der Goldenen Brezel, am Anfang durch Zufall, dann kamen sie sich etwas näher und vereinbarten jeweils das nächste Treffen, immer in der kleinen Bühlwiler Bäckerei, immer an diesem einen Bistrot-Tisch, der jedes Mal wie durch ein Wunder für Daria und Arthur frei war.
Ob es das gemütliche Ambiente der Goldenen Brezel war, oder der gemeinsam empfundene schwarze Humor, die Wellenlänge:
Weder Daria noch Arthur hätten das zu sagen vermocht. Beide zeigten sich bei ihren Kaffeetreffen von der besten Seite, und Arthur fand, dass sie eigentlich Hand in Hand arbeiteten. Er hätte auf seinem Friedhof immer mal wieder Kundinnen und Kunden aus den Pflege- und Alterszentrum Elfenberg, lachte er. Für ihn war Daria längst mehr als eine fröhliche und auch interessante Gesprächspartnerin. Er hatte sich in ihr dichtes, schwarzes, sizilianisches Haar verliebt, und er konnte nicht genug davon bekommen, zuzuschauen, wie sie mit ihren kräftigen und doch grazilen Krankenschwesternhänden eine Brezel vom Teller nahm oder die dampfende Kaffeetasse an ihre Lippen führte. Daria erging es ähnlich.
Arthur trug immer einen schwarzen langen Mantel, und Daria sah ihn in ihrem Kopfkino als idealen Protagonisten für eine Friedhofs-Gruselgeschichte. Er war aber witzig und ein guter Zuhörer, zudem gefielen ihr seine prägnante Nase und seine dunkelbraunen Stirnlocken. Arthur lud Daria das eine oder andere Mal zu einem kleinen Imbiss ein, und dann, als der Sommer sich endgültig verabschiedete und einem nebligen Herbst Platz machte, zeigte er ihr zum ersten Mal seine Wohnung.
Daria fühlte sich, einmal abgesehen von der Unordnung, sofort wie zuhause. Arthur hatte eine große Affinität zu Italien und die Neigung, von jeder seiner Reisen den einen oder anderen kleinen Gegenstand mitzubringen, sei es das kitschig beleuchtete Modell des Mailänder Doms, sei es ein Foto der florentinischen Bäckerei von Gianna Nanninis Vater. Seine Leidenschaft galt insbesondere den italienischen Friedhöfen, etwa dem Cimitero Monumentale in Mailand, wo ein Grabstein steht, an dem ein Propeller rotiert. Im Sarg liegt ein abgestürzter Sportflugzeugpilot.
Später stellte sich heraus, dass Arthur ein exzellenter Pizzabäcker war, und auch seine Spaghetti-Soßen hatten es in sich. Es dauerte nicht lange, bis Daria zum ersten Mal bei ihm übernachtete, und sie erkannte in Arthur einen gefühlvollen und aufmerksamen Liebhaber, der sie zu nichts drängte.
Kaum öffnete sie am nächsten Morgen die Augen, standen bereits ein Espresso und ein Frischback-Brötchen sowie Butter und Honig auf dem Beistelltisch neben ihrem Bett. So viel Aufmerksamkeit hätte in der vorsichtigen und scheuen Daria ein ganz klein wenig Misstrauen wecken sollen. Aber sie genoss die Zuwendung ihres Gegenübers und schaute geflissentlich darüber hinweg, als sie feststellte, wie gerne sich Arthur am synthetischen Whisky in seiner kleinen Hausbar bediente. Wie Daria, war auch Arthur kein faires Monatsgehalt vergönnt, und er kam mit seiner Alkoholsucht, den Miet-, Krankenkassen- und den weiteren Lebenshaltungskosten nur knapp über die Runden. Wie weit war doch diese Lebensweise, am gesellschaftlich unteren Rand von Bühlwil, entfernt vom aus wirtschaftlicher Sicht unbeschwerten Dasein von Sabea, Ambrosius und den beiden kleinen Töchtern, Marion und Grazia.
Den Entscheid, ihr Zimmer aufzugeben und bei Arthur einzuziehen, fällte Daria wenige Wochen, nachdem die beiden sich kennengelernt hatten. Endlich war Daria nicht mehr nur auf sich allein gestellt und konnte sich ihr Leben und ihre Ausbildung leisten, selbst, als die Gebühren...




