Städing Magnolia Steel - Hexenflüstern
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-2516-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 304 Seiten
Reihe: Magnolia Steel
ISBN: 978-3-8387-2516-1
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 2 der spannenden Trilogie: Gemeinsam mit ihrer Tante Linette reist Magnolia in die USA. Dort findet der weltgrößte Kongress für Hexen und Zauberwesen aller Art statt. In diesem Jahr dreht sich alles um das Thema Liebe, und da muss Magnolia einfach dabei sein!
Was sie nicht ahnt: Linette ist in höchst geheimer und gefährlicher Mission in Amerika. Im Auftrag der Hexengemeinschaft soll sie eine magische Brille in ihren Besitz bringen, die in den falschen Händen eine Katastrophe bedeutet. Gejagt von einer Gruppe furchterregender Gorgonen beginnt für Magnolia und ihre Freunde schon bald ein Wettlauf mit der Zeit ...
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Zweites Kapitel
Ein gefährlicher Auftrag
Linette ahnte nichts Gutes, als sie den Sämling in ihrem Garten fand, mit dem die Oberhexe Pestilla ihre Nachrichten verschickte. Rasch drückte sie ihn in die dunkle, feuchte Erde auf ihrem Kräuterbeet. Sie deckte ihn mit ihrem Hut ab und flüsterte alte Hexenworte, während ihre Hände magische Zeichen in die Luft malten.
Samen der Erinnerung,
gebe preis den wahren Grund,
weshalb du auf den Weg gebracht.
Gehorche meiner Hexenmacht!
Es dauerte nicht lange und der Hut ruckte und zucke und schoss ganz plötzlich in die Höhe. Der Sämling hatte sich zu einer stattlichen Pergamentrolle entwickelt. Vorsichtig brach Linette das schwarze Siegel und überflog rasch den Inhalt.
Pestilla bat, oder besser befahl sie in knappen Worten zu sich ins Schloss. Noch heute Abend, denn die Sache duldete keinen Aufschub.
Linette spürte, wie sie nervös wurde. Pestilla wollte ihnen sicher nicht nur eine gute Reise wünschen. Wenn sie rief, gab es immer einen triftigen Grund.
»Ich muss noch einmal nach Hackpüffel«, sagte sie wenig später und steckte ihren Kopf in Magnolias Zimmer.
Wie nicht anders zu erwarten, saß ihre Nichte vor ihrer Kristallkugel und unterhielt sich mit Jörna. Magnolia drehte sich um und lächelte ihrer Tante zu.
»Ist in Ordnung, grüß die Zwerge von mir und sag Una, dass ich ihr die Freiheitsstatue mitbringe.«
»Mach ich!« Linette zog ihren Kopf wieder zurück. Sie hatte kein schlechtes Gewissen, dass sie ihre Nichte soeben belogen hatte. Magnolia war ein aufgewecktes Mädchen und es würde schwer sein, ihr etwas vorzumachen, sobald sie das wahre Ziel ihres Besuchs kannte.
In der Diele schlüpfte Linette in ihren Mantel, setzte sich den spitzen Hexenhut auf und nahm Hugin, ihren Besen, aus dem Schrank. Dann trat sie vor die Tür. Erleichtert stellte sie fest, dass es bereits dunkel wurde. Es flog sich besser im Dunkeln, man brauchte dann keine Angst haben, gesehen zu werden. Rasch stieg Linette auf.
»Nach oben hinaus und nirgends an«, murmelte sie. Augenblicklich stieg der Besen in die Luft. »Schloss Drachenstein!«, nannte sie das Ziel ihres Ritts. Hugin richtete sich nach Osten hin aus und zischte über die dichten Bäume davon.
Es war windig und in dieser Höhe empfindlich kalt. Fest hüllte sich Linette in ihren Mantel und zog auch ihren Hut noch tiefer ins Gesicht. Beinahe lautlos flogen sie durch die Dämmerung. Von hier oben konnte sie zusehen, wie in den Dörfern unter ihnen die Lichter angingen. Kleine helle Inseln im dunklen Meer, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. Doch bald veränderte sich die Landschaft. War sie eben noch über Wiesen und bestellte Felder geflogen, wurde das Land jetzt karg.
In schnellem Tempo trug sie ihr Besen über dunkle Moore, verlassene Gehöfte und finstere Tannenwälder. Bis schließlich in der Ferne ein schwarzes, scharfkantiges Gebirge auftauchte. Der Drachenstein. Das Zuhause einer mächtigen Hexe. Ohne zu zögern, stieg Hugin an den senkrechten Felsen empor, stürzte sich in zerklüftete Schluchten und fand sicher seinen Weg zu Pestillas Schloss. Bereits von Weitem leuchteten dem Besucher die blutroten Zinnen entgegen. Linette war jedoch zu oft hier gewesen, als dass sie die garstigen Wasserspeier oder die von Efeu umrankten Mauern beeindruckt hätten. Sie konzentrierte sich darauf, im richtigen Moment den Kopf einzuziehen, als Hugin auch schon über die Zugbrücke in den Schlosshof donnerte. Linette war gerade von ihrem Besen gestiegen, als ein Tosen einsetzte und der graue Rüssel einer Windhose in den Hof fuhr. Der Wind war so stark, dass Linette ihren Hut mit beiden Händen festhalten musste. Runa, die zweite Vorsitzende des Hexenrates, war angekommen. Groß und hager stand sie inmitten der wirbelnden Blätter.
»Verhexter Krötendreck, Runa! Irgendwann reißt es mir die Ohren ab, wenn du direkt neben mir landest«, schimpfte Linette zur Begrüßung.
»Stell dich nicht an wie ein Mädchen«, antwortete Runa gelassen. »Lass uns lieber reingehen und hören, was die Alte von uns will. Muss ja ungeheuer wichtig sein.«
Seite an Seite stiegen die beiden Hexen die Stufen zum Schlosstor hinauf, das ihnen von einem hässlichen Guhl geöffnet wurde.
»Guten Abend, Stelzfuß«, grüßte Linette.
Runa stieß sie an. »Mich schüttelt es jedes Mal, wenn ich ihn sehe. Kann gar nicht verstehen, weshalb …«
»Haltung, meine Liebe, Haltung …«, murmelte Linette, während sie ihm durch die langen Flure folgten. Der Ghul war so groß wie ein dreijähriges Kind, mit langen Armen, die bis zur Erde herabhingen. Sein Kopf war so dick, dass er von einer Seite zur anderen rollte, als wäre sein Hals zu schwach, ihn zu tragen. Das Scheußlichste an ihm aber war seine Haut. Sie war dünn wie Papier. So dünn, dass man das gelbe Blut in seinen Adern fließen sah. Er war wirklich eine abscheuliche Erscheinung.
Endlich blieb der Ghul stehen und öffnete unter großer Mühe eine hohe Flügeltür.
Für eine Sekunde überlegte Linette, ihm zu helfen, dann verwarf sie den Gedanken wieder. Schließlich wusste sie, wie empfindlich diese Spezies war. Ghule fühlten sich schnell in ihrer Ehre gekränkt. Und konnten dann sehr unangenehm werden.
Der Saal, der nun vor ihnen lag, wurde von einem riesigen Kamin beherrscht. Die Feuerstelle war so groß wie ein Scheunentor und verbreitete eine unangenehme Hitze. Pestillas Vorfahren waren Kaminhexen und denen konnte es bekanntlich nicht heiß genug sein.
Die Oberhexe saß am Ende des Saals auf einem Thron aus verblichenen Knochen und drehte nervös ihr Hexenzepter in den Händen.
Als die beiden Hexen eintraten, stand sie auf und kam ihnen eilig entgegen.
»Gut, dass ihr da seid, meine unholden Schwestern! Setzen wir uns gleich an den Kamin.«
Linette brach schon jetzt der Schweiß aus.
»Stelzfuß, bring uns den stärksten Nesselwein, der im Keller ist. Ich fürchte, die beiden werden ihn gleich brauchen.«
Runa und Linette nahmen auf zwei storchenbeinigen Stühlen Platz. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
Sie warteten eine kleine Ewigkeit, bis Stelzfuß den Wein serviert hatte. Dann fing Pestilla endlich an zu sprechen.
»Ich will es kurz machen und sage zur Einleitung nur ein Wort. Kyffhäuser!«
Runa und Linette zuckten zusammen, als hätte sie ein Peitschenhieb getroffen.
»D…Das ist unmöglich!«, stammelte Runa.
»Ist der K…König erwacht?«, stotterte Linette.
Pestilla schüttelte den Kopf. »Nein, der alte Zausel sitzt noch immer versteinert an seinem Tisch. Es ist schlimmer! Viel schlimmer!« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. »Der Beryll wurde entdeckt! Wir sind vor den Faltern des Lichtes nicht länger sicher. Sie kratzen bereits an ihrem Gefängnis.«
»Unmöglich …«, flüsterte Linette.
»Aber … haben ihn die Klabauter nicht vor vielen hundert Jahren in die Neue Welt gebracht und dort versteckt?«, fragte Runa.
»Versteckt!«, höhnte Pestilla mit lauter Stimme. »Jedem Troll wäre ein besseres Versteck einfallen. Sie haben ihn ausgestellt!«
»Ausgestellt?«, echoten die beiden Hexen.
Pestilla nickte. »Im Heimatmuseum von Salem, als Brille eines amerikanischen Siedlers.«
Linette schnappte nach Luft.
»Da leck mich doch einer am … Ärmel«, japste auch Runa.
Pestilla nickte grimmig. »Es war also nur eine Frage der Zeit, bis er dort entdeckt würde. Und genau das ist jetzt geschehen.«
»Wer?«, fragte Linette.
»Gorgonen«, antwortete Pestilla.
»Haben sie ihn?«
Die Oberhexe schüttelte den Kopf.
»Den nichtsnutzigen Klabautern ist es gelungen, den Beryll in letzter Sekunde an sich zu nehmen. Aber er ist bei ihnen nicht sicher. Sie haben den Gorgonen nichts entgegenzusetzen.« Pestilla richtete sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf. »So wie es aussieht, müssen wir uns wieder einmal selbst helfen. Die Brille muss zu uns zurückgebracht werden. Und ihr seid unsere einzige Chance. Vergesst das ganze Klimbim um den WWC, der ist jetzt nur noch die Kulisse in einem echten Thriller. Niemand außer euch kann den Beryll unbemerkt außer Landes schaffen. Ich sage es höchst ungern: Aber wenn die Gorgonen in seinen Besitz gelangen und die Falter des Lichtes befreien, dann sind unsere Tage gezählt.«
Linette bekam weiche Knie. Sie war sich der ungeheuren Verantwortung bewusst.
»Für eine solche Aufgabe reichen zwei Hexen nicht aus«, sagte sie matt.
»Wenn es jemand kann, dann ihr«, erwiderte Pestilla. »Ihr müsst den Beryll zurückholen. Nur hier können wir für seine Sicherheit garantieren. Dass es nicht einfach ist, weiß ich selbst. Aber wir haben keine andere Wahl. Ein Scheitern können wir uns nicht erlauben!« Die Oberhexe nahm einen großen Schluck aus ihrem Weinglas.
»Hast du vielleicht auch schon eine Idee, wie wir das Ding außer Landes bringen? Sollen wir uns den Beryll einfach in die Rocktasche stecken und fröhlich winkend nach Hause fahren?«, wollte Runa bissig wissen.
»Du kannst ihn dir auch auf die Nase setzen. Er ist schließlich eine Brille!«, antwortete Linette spitz.
Pestilla sah sie streng an. Ihr war nicht zum Scherzen zumute. »Also?«
»Haben wir denn eine Wahl?«
Pestilla schüttelte den Kopf.
»Oder wenigstens eine Chance?«
Pestilla nickte. »Hoffe ich zumindest. Ihr dürft die Gorgonen nur nicht...




