Städing | Magnolia Steel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 331 Seiten

Reihe: Magnolia Steel

Städing Magnolia Steel

Hexendämmerung
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1624-4
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Hexendämmerung

E-Book, Deutsch, Band 1, 331 Seiten

Reihe: Magnolia Steel

ISBN: 978-3-8387-1624-4
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Magnolia Steel könnte platzen vor Wut: Während ihre Mutter irgendeinem Superjob in den USA nachgeht, muss sie bei ihrer Tante Linette im Rauschwald ihr Dasein fristen. Doch als sie auf die bisher unbekannte Tante trifft, wird Magnolia schnell klar, dass sie es hier mit einer waschechten Hexe zu tun hat. Was sie nicht ahnt: Auch sie trägt die magischen Kräfte in sich. Das ändert sich plötzlich, als der große Graf Ruptus den gesamten Rauschwald bedroht, um an Magnolias Familie Rache zu nehmen, nachdem ihre Großmutter ihn einst vertrieben hatte. Gelingt es Magnolia Steel und ihrer Tante Linette den Rauschwald und sich selbst vor dem unheimlichen Herrscher zu retten? Voller Witz und Spannung erzählt Sabine Städing in diesem E-Book die Geschichte einer jungen Heldin mit außergewöhnlichen Talenten.

Sabine Städing wurde 1965 in Hamburg geboren. Schon seit früher Kindheit gibt sich die Autorin dem Schreiben von fantasievollen Geschichten hin. Der Zyklus um die junge Hexe Magnolia Steel hat ihr große Bekanntheit eingebracht. Mittlerweile schreibt Sabine Städing Kinderbücher - natürlich auch rund um Hexen und die Kraft der Magie.

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Drittes Kapitel
Was ’n das?


»Ist Tante Linette eigentlich nett?«, fragte Magnolia, während sie die letzten Kilometer nach Rauschwald zurücklegten. Sie hatte beschlossen, nicht mehr an die Raben zu denken.

»Nenn sie Tante Linny, dann ist sie nett«, gab ihre Mutter munter zur Antwort. Magnolia runzelte die Stirn. »Nein im Ernst«, fügte ihre Mutter hinzu, »sie ist ähmm … etwas verschroben, würde ich sagen. Eine alte Jungfer.«

»Wieso verschroben?«, wollte Magnolia wissen und lehnte sich nach vorne, um besser zu hören.

Ihre Mutter lachte und zwinkerte ihr im Rückspiegel zu.

»Na ja, sie versteht sich auf Kräuterkunde und Liebeszauber. Manchmal steht die halbe Stadt bei ihr Schlange. Aber die Leute würden sich lieber die Zunge abbeißen als es zuzugeben.«

»Zzzzzzzz«, Magnolia war sich nicht sicher, ob sie das nun witzig oder ätzend finden sollte.

»Da unten ist es!«, rief ihre Mutter und deutete auf eine Ansammlung von Häusern, deren Dächer rot in der Sonne leuchteten.

»Das ist Rauschwald!«

»Scheint ein mieses kleines Dorf zu sein«, bemerkte Magnolia mürrisch.

»Das ist kein Dorf, sondern eine kleine Stadt. In Rauschwald gibt es alles, was man zum Leben braucht. Sie haben sogar eine eigene Schule, die du auch bald besuchen wirst.«

»Ja, ich weiß.«

»Tante Linny wohnt außerhalb, deshalb wirst du heute wohl noch nicht in den Genuss des aufregenden Stadtlebens kommen.«

Magnolia zuckte die Schultern. Kein besonders schmerzlicher Verzicht, soweit sie die Sache beurteilen konnte.

Die Straße machte einen Bogen um die Stadt und schlängelte sich durch grüne Wiesen, vorbei an glücklichen Kühen und einer malerischen Kirche.

Schließlich bogen sie in einen schlaglochgepflasterten Feldweg, der sie zwischen hohen Eichenbäumen schwankend bergan führte.

Magnolia wurde still. Jetzt konnte ihr neues Zuhause nicht mehr weit sein. Abgeschoben zu einer alten Jungfer, die irgendeinen Hokuspokus veranstaltete und sich in die Angelegenheiten fremder Leute einmischte. Was für ein reiches Betätigungsfeld würde ihr da erst Magnolia bieten. Ausgeliefert für ein ganzes beklopptes Jahr!

Panik machte sich in Magnolia breit und am liebsten wäre sie aus dem Auto gesprungen. Doch da parkte ihre Mutter bereits vor einer hohen Brombeerhecke.

»Geschafft! Wir sind da.« Sie zog den Zündschlüssel ab und stieg aus.

»Nun komm schon, Maggie, sicher erwartet uns Tante Linny schon.«

Magnolia stieg steifbeinig aus dem Wagen.

»Maggie, nun komm!«, drängte ihre Mutter, die es auf einmal sehr eilig hatte.

Sie betraten den Garten durch eine schmiedeeiserne Tür, die in ihren Angeln quietschte.

Man konnte nur ahnen, wo die Natur aufhörte und Tante Linettes Garten begann. Alles war prächtiger Wildwuchs.

Erst auf den zweiten Blick entdeckte Magnolia das Haus. Es duckte sich unter den ausladenden Ästen einer alten, knorrigen Eiche.

Wie angewurzelt blieb sie stehen. Langsam sackte ihr die Kinnlade herunter. Auch Frau Melbach hielt in ihrem Marsch auf das Haus inne. Für einen kleinen Moment spielte sie mit dem Gedanken, kehrtzumachen und ihre Tochter einfach mit nach New York zu nehmen, aber das war unmöglich. Sie hatte in den letzten Jahren zu hart gearbeitet, um alles aufs Spiel zu setzen. Und ein Kind konnte sie bei ihrem neuen Job wirklich nicht gebrauchen. Sie drehte sich zu Magnolia um und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die wohl ein aufmunterndes Lächeln darstellen sollte.

»Hier fehlt lediglich der Mann im Haus!«, quietschte sie.

Magnolia schenkte ihrer Mutter keine Beachtung. Ihr Blick hing gefesselt an dem Haus, dessen reetgedecktes Dach so schief auf seinen Mauern hockte, dass man meinte, es müsse jeden Moment herunterrutschen. Irrwitzigerweise versuchte ein dicker rot gemauerter Turm, der an einer Seite des Hauses klebte, das Gleichgewicht zu halten, indem er sich weit hinauslehnte und sein spitzes Dach gen Himmel streckte.

Regenfass stand auf einem Brett, das quer über die Haustür genagelt worden war.

Frau Melbach schüttelte sich kurz wie eine nasse Katze und zog dann forsch an dem eisernen Klingelzug. Im Haus läutete eine Glocke.

Ungeduldig winkte sie ihre Tochter heran, die noch immer mit seltsam leerem Gesichtsausdruck auf das Haus starrte.

»Ich glaub es nicht«, zischte Magnolia ihrer Mutter ins Ohr.

»Allein dieses Haus ist eine Katastrophe und da soll ich …«

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet und sie stand zum ersten Mal ihrer Großtante gegenüber. Natürlich hätte Magnolia durch das Haus gewarnt sein müssen, dennoch war sie auf den Anblick, der sich ihr nun bot, nicht gefasst.

Es gelang ihr gerade noch, einen Schrei zu unterdrücken und einen Satz rückwärts zu tun.

Oh Gott, hämmerte es in ihrem Kopf. OH GOTT!!!

Warum hatte ihre Mutter sie nicht gewarnt?! Das war ihre Tante?! Dieser Besen?! Diese alte Jungfer?! Kein Wunder, dass sie keinen Mann abbekommen hatte. Sie sah aus wie eine Hexe. Das verfilzte, graue Haar stand ihr in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Der üppige Busen steckte in einem pelligen, lila Pullover und der geflickte Rock wurde von einer speckigen Küchenschürze geziert.

»Na, Kindchen, hat deine Mutter mich schöner geredet, als ich bin?«, kicherte ihre Tante und ein langer Zahn schob sich von unten über ihre Oberlippe. Mit flinken Augen, die an getrocknete Sultaninen erinnerten, schien sie Magnolia bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken.

Der Drang umzudrehen und einfach wegzurennen wurde übermächtig. Just in diesem Moment packte ihre Mutter sie am Arm und hielt sie fest.

»Ihr kommt am besten herein, Charlotte, bevor dein Täubchen es sich anders überlegt«, knarrte Tante Linette und gab den Weg ins Innere des Hauses frei.

Mit einem Knuff stieß Frau Melbach ihre Tochter über die Schwelle.

Verstohlen sah Magnolia sich um. In den dunklen Ecken stapelten sich Schuhe und Blumentöpfe. Eine schmale hölzerne Treppe führte in die obere Etage und ein klobiger Bauernschrank beanspruchte die Hälfte der Diele für sich.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Magnolia spürte genau, dass dieses Haus kein gewöhnliches Haus war. Eine Gänsehaut huschte über ihren Rücken. Verstohlen sah sie zu ihrer Mutter hin, die bisher noch kein Wort gesagt hatte.

Charlotte Melbach war wie immer überwältigt, wenn sie Tante Linette gegenüberstand, und wie immer musste sie deren Anblick erst einmal verdauen. Damit war sie jetzt fertig.

»Da sind wir also, Tante Linny«, flötete sie. »Maggie konnte es gar nicht erwarten, dich endlich kennenzulernen. Ständig hat sie gedrängt und mich mit Fragen gelöchert. Wie sieht es bei Tante Linny aus, Mama? Ist Tante Linny nett? Ich freue mich ja so darauf, ihr Gesellschaft zu leisten. Du hättest das Kind hören sollen, die ganze Zeit hat es geplappert und …«

Magnolia runzelte unwillig die Stirn. Was redete ihre Mutter denn da für einen gequirlten Mist? War sie total übergeschnappt?

»Ja, da seid ihr nun«, unterbrach Linette barsch den Redefluss ihrer Nichte.

»Nur schade, Charlotte, dass du so gar keine Zeit mitgebracht hast für deine alte Tante. Willst nur schnell dein Schäfchen abgeben und wieder verschwinden. Aber um eine Tasse Kaffee kommst du mir nicht herum, soviel Zeit muss sein.«

Frau Melbach lief puterrot an. »Wie ungerecht, Tante Linny«, presste sie mühsam beherrscht hervor. »Denn ich bin wirklich sehr in Eile. Aber natürlich werde ich mir deinen vorzüglichen Kaffee nicht entgehen lassen.«

»Dann folgt mir in die gute Stube«, grunzte Linette und ging voran.

War ihre Mutter wahnsinnig geworden? Sie konnte doch nicht ohne sie abreisen, jetzt wo sie den Schuppen und die Alte hier gesehen hatte. Wütend zog Magnolia ihre Mutter am Arm. »Mama!«, flüsterte sie mit der Diskretion eines Lautsprechers. »Mama, ich bleibe auf keinen Fall hier. Ein Blinder kann sehen, was hier los ist. Dieses Haus ist ein Hexenhaus und der Besen ist eine Hexe!«

Wütend fuhr ihre Mutter herum. »Hexen gibt es nicht! Und nun hör gefälligst auf, so laut zu zischeln, sie kann dich ja hören.«

»Das ist mir gleich.«

»Mir nicht, also komm!«

Verärgert stapfte Magnolia hinter ihrer Mutter in die Wohnstube.

Unter anderen Umständen hätte ihr der Raum sicher gefallen, jetzt rümpfte sie jedoch die Nase über die vertrockneten Kräuter, die in Büscheln von der niedrigen Decke baumelten und das grün gekachelte Ungetüm in der Ecke, das vermutlich einen Ofen darstellte. Von Tante Linette keine Spur.

»Ich sehe hier nicht einmal einen Fernseher«, zischelte sie erneut.

»Das liegt sicher daran, dass ich keinen Fernseher besitze«, antwortete Tante Linette, die in dieser Sekunde durch eine unscheinbare Seitentür hereinkam. Mit einer knappen Handbewegung deutete sie ihren Gästen an, sich zu setzen.

»Ich habe Brombeerkuchen gebacken«, verkündete sie.

Brombeerkuchen? Irgendwie hatte Magnolia erwartet, ihre Tante würde eine Terrine aus Schneckenschleim auf den Tisch bringen.

Ohne eine Antwort abzuwarten, lud Linette jedem ein riesiges Kuchenstück auf den Teller und ließ sich ächzend in den Sessel fallen. Wortlos betrachtete sie ihre Gäste.

Magnolias Mutter ging ihr Stück Kuchen an wie einen Feind, der in kürzester Zeit vernichtet werden...



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