Stahnke | Ein Schulhaus im Danziger Werder -  ein Schrei nach Versöhnung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 206 Seiten

Stahnke Ein Schulhaus im Danziger Werder - ein Schrei nach Versöhnung

Wander- und Fluchtbewegungen im politischen Kontext
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-9303-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Wander- und Fluchtbewegungen im politischen Kontext

E-Book, Deutsch, 206 Seiten

ISBN: 978-3-8192-9303-0
Verlag: BoD - Books on Demand
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Die deutsch-polnischen Beziehungen gehören zum Komplexesten, was die Neuere Geschichte uns in Europa zu bieten hat. Sie schließen eine europäische Siedlungsgeschichte mit ein, die den osteuropäischen Raum geprägt hat. Im Folgenden soll der einst "West- und Ostpreußen" genannte Raum berücksichtigt werden. Gerade Preußen hat gegenüber Polen Wunden aufgerissen, die meiner Familie nur zu bewusst waren. Für sie war Versöhnung unumgänglich, für mich ist sie entscheidend angesichts der heutigen Tendenzen nach "Abgrenzungen" vielerlei Art. Wie begann "Preußen"? Skandinavische und baltische Völker, darin die namensgebenden "Pruzzen", gehörten zu den frühen Siedlern, bevor ungefähr im 7. Jh. Slawen dazukamen. Menschen aus Holland, Frankreich, Österreich, Süddeutschland, Russland sind vor Jahrhunderten von preußischen Kurfürsten oder Königen aus Glaubensverfolgungen gerettet und angesiedelt worden, mennonitische, jüdische, protestantische Menschen. Aus vielen der oben genannten Länder stammen die Linien meiner Familie väterlicher- wie mütterlicherseits, abgesehen vom slawischen Einschlag, der im Namen eines Lehrers im Danziger Werder, meines Großvaters Christian Stahnke, zu sehen ist. Ich werde mit seiner Lebensbeschreibung beginnen.

geb. 1951 als Kind ostdeutscher Eltern. Studien in Musik und Geschichte. Promotion 1979. Lebt in Hamburg. Arbeitet über Familiengeschichte, Malerei und Musik
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Satz 2


Hans-Joachim Stahnke
*21.4.1921 +16.7.2017

Erinnerungen an Unwiederbringliches
Exzerpte aus Band 1

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf inmitten eines Flachlandes, dem Mündungsgebiet der Weichsel, dessen Begrenzungen, am Horizont als atmosphärisch blau gefärbte Höhenzüge sichtbar, auch als Begrenzungen der eigenen Lebenswelt gelten konnten. Dem Kind jedenfalls erschienen sie so: Die Danziger Höhe im Westen, die Elbinger Höhe im Osten, dazwischen die schwere, fruchtbare Schwemmlanderde der Werderlandschaft, durchzogen von "Mühlengräben", die zu eigenständigen kleinen Flüßchen hin entwässerten, zur Mottlau im Danziger Werder links von der Stromweichsel, zur Schwente / Tiege und Linau im Großen Werder zwischen Weichsel und Nogat, und zum Draußensee im Marienburger Werder rechts der Nogat. Letzteres aber gehörte politisch zu Ostpreußen und somit zum "Reich", während die erstgenannten Werder den landwirtschaftlich bedeutsamen Teil des "Freistaates Danzig" darstellten, eines Gebildes, das gegen den Willen der Bevölkerung geschaffen worden war, womit man gemeint hatte, deren erklärtem Willen, deutsch zu sein, entgegenzukommen und Polen, das den uneingeschränkten Besitz Danzigs und seines Umlandes anstrebte, zu beschwichtigen.

Dieser politische Kompromiß hat das Leben der Werderaner mitgeprägt, und schon als Kind bin ich mit Begriffen, die aus der geographischen und politischen Zwischenstellung entstanden, bekannt geworden: Zoll, Grenze, Kontrolle, Paß, Schmuggeln mit dem "Reich" als Hort der Solidität und Marienburg als Einkaufsparadies. Niemals wäre es einem Werderaner eingefallen, etwa in dem polnischen Dirschau einzukaufen, das von Neuteich genau so weit entfernt war wie Marienburg, trotz des einfacheren Grenzübertritts wegen der Zollunion Danzig-Polen. Der Grund lag nicht nur in der Abneigung gegenüber dem polnischen Staat und der Mentalität seiner Menschen, soweit sie Polen waren, sondern auch in dem quantitativ wie qualitativ minderen Warenangebot. Polen hatte nach seiner Neugründung wirtschaftlich schwer zu kämpfen und konnte mit dem übrigen Europa nicht konkurrieren. Nichtsdestotrotz war der Nationalstolz der Polen nicht zu überbieten. Er wurde von den Danzigern teils verlacht, teils gefürchtet, wenn man nämlich bei Grenzkontrollen in die Hände ausführender Organe geriet, die stets martialisch mit schwerer Pistole und hängendem Dienstmützen-Kinnriemen auftraten: Prosze Pasporte! Zu einem deutschen Wort ließen sie sich nicht herab. Der Groll, Danzig nicht zugesprochen bekommen zu haben, war im Benehmen dieser Grenzpolizisten spürbar. So habe ich sie als Kind viele Male erlebt, wenn wir mit dem Zug nach Danzig fuhren.

Die Eisenbahnstrecke führte über die Stadt Dirschau (Tczew), wo die Beamten sich in die Abteile stürzten und Personenkontrollen vornahmen, obwohl der Zug hinter Dirschau gleich wieder Danziger Gebiet erreichte. Dann erst atmeten alle wieder auf, war es doch vorgekommen, daß Fahrgäste aus den Abteilen herausgeholt worden waren. Ich habe es erlebt, daß eine alleinreisende alte Frau aufgefordert wurde, mit ihrem Gepäck auszusteigen. Der Zug fuhr ohne sie weiter.

Meine Eltern versicherten mir zwar immer, Kindern könne nichts passieren, für sie war auch kein Paß erforderlich. Trotzdem bemächtigte sich meiner immer Aufregung und Angst, wenn wir Berührung mit polnischen Beamten hatten. Die Grenze bei Marienburg war nicht in diesem Sinne gefährlich, dafür sorgten hier aber die Zollbestimmungen für Spannung. Die meisten Waren unterlagen ihnen, weil die Einfuhrverbote für das vereinigte Zollgebiet streng waren. Südfrüchte, Tabakwaren, Bekleidung waren Konterbande. Die Beamten rekrutierten sich aus Freistaatlern. Sie drückten meist ein Auge zu, aber wissen konnte man das vorher nicht. Und wenn ein polnischer Oberbeamter kontrollierte, gab es Leibesvisitationen. Um dabei nicht hereinzufallen, wurde folgende Strategie entwickelt: Man zog zu Hause die ältesten Sachen an, kleidete sich in Marienburg neu ein und ließ das alte Zeug entweder im Bekleidungsgeschäft oder, was sicherer war, zog sich im Café in der Toilette um. Oft soll die Kanalisation in Marienburg verstopft gewesen sein, wenn nämlich überängstliche Leute ihre alten Textilien aus Furcht vor Anzeige durchs Klo herunterspülten.

Einmal hatte mein Vater sich zwei Briefmarkenalben, das Geschenk einer Verwandten aus Marienwerder, unter Jacke und Hose auf den Rücken gesteckt. Wir näherten uns, zu Fuß natürlich, dem Grenzübergang hinter der Nogatbrücke, waren aber noch am Burggraben der Marienburg in Höhe des Mosaik-Marienbildes, als mir einfel, doch mal meinem Vater auf ebendiese Alben zu klopfen. Dabei zeichneten die Ränder sich natürlich ab. Es sah aus, als trage er ein Brett als Rückenstütze. Fast hätte mir das eine Ohrfeige eingebracht. Man mußte nämlich Spitzel fürchten, was ich als achtjähriges Kind nicht wissen konnte. Es ging aber alles gut. Die Alben wurden über Krieg und Flucht nach Flensburg gerettet.

Mitten im Großen Werder also liegt Mierau, ein Kolonistendorf, gegründet im 14. Jahrhundert vom Deutschen Ritterorden, als die Bodenverhältnisse es gerade erst erlaubten, daß Menschen sich hier ansiedeln konnten. Denn Weichsel, Nogat und Schwente als Mündungsarme hatten erst an ihren jährlichen Überschwemmungen gehindert werden müssen. Das geschah durch Deichbauten, die der Orden organisierte. Damit wurde aber gleichzeitig eine weitere Erhöhung der Flur verhindert, und wenige Kilometer nördlich von Mierau, dicht hinter dem Nachbardorf Tiege, blieb ein Depressionsgebiet erhalten. Zwei bis drei Meter liegt es bis heute unter dem "Meeresspiegel". Ich hörte diesen Begriff im Vorschulalter oft von meinem Vater in der Schulklasse, die ich während des Unterrichts betreten durfte.

Die Grundschule hatte ich dann bei meinem Vater, dem Dorfschullehrer, durchlaufen, und zwar war ich knapp vor Beginn meines fünften Lebensjahres eingetreten. Meine frühe Einschulung war darauf zurückzuführen, daß ich mich am liebsten im Klassenraum aufhielt, wenn mein Vater unterrichtete. Es war viel interessanter, den Vorträgen in Heimatkunde, dem Erzählen der biblischen Geschichten, worin mein Vater ein Meister war, und den Darstellungen anderer Wissenschaften zu lauschen, als draußen allein zu spielen.

Ich saß dann auch ganz still und sah und lauschte: Vorne stand die Karte vom Freistaat Danzig. Rechts auf ihr war ein scharf umrissener, rechteckiger roter Fleck. Das muß der Meeresspiegel sein, log mir meine kindliche Phantasie vor. Es war der Grundriß der Stadt Elbing, rechteckig angelegt wie die meisten Ordensstädte. Ich bin aber nie nach Elbing gekommen. Das war die reichsdeutsche Einkaufsstadt für das nördliche Werder, etwa ab Tiegenhof, der Kreisstadt mit Sitz des Landrats. Tiegenhof ist sehr viel jünger als Neuteich in der Nähe von Mierau, da es im Überschwemmungsgebiet liegt. Tiegenhof hat sich dann aber doch schneller entwickelt und Neuteich überholt.

Mierau, zwischen beiden Werderstädtchen, ist ein Straßendorf mit Bauernstellen zu beiden Seiten der geraden, ein Kilometer langen Kopfsteinpfasterstraße, die genau von Süden nach Norden führt. Diese zufällige Besonderheit hat bewirkt, daß ich bis heute diese Erinnerung als Orientierungshilfe in jeder Landschaft benutze: Norden ist da, wo die Dorfstraße zu den Bauern Wiebe, Reimer, Schroedter und Harder führt, und weiter geht es nach Tiege auf einem Feldweg, von Weiden gesäumt. Nach Süden zu wohnen Wiens, Krüger, Regier und Driedger, und vom Dachboden des Schulhauses in der Dorfmitte sieht man die Kirchtürme und den Schornstein der Malzfabrik von Neuteich. Vervollständigt durch die beiden Höhenzüge in West und Ost hat dieses System wesentlich dazu beigetragen, mein Interesse für geographische Verhältnisse zu wecken und das Studium von Landkarten zur bevorzugten Beschäftigung zu machen.

Die Mierauer Dorfstraße machte beim Bauern Driedger eine Rechtskurve, in ihrem rechten Winkel lagen ein Teich für Löschwasser und der Friedhof. Die Hauptpersonen im Dorf waren selbstredend die Bauern, die "Besitzer", wie sie meist betitelt wurden, d.h. Land- und Gebäude-Eigentümer. Die Arbeiter wohnten zur Miete in den zum Hof gehörigen "Katen". Die wenigen "Häusler", Eigentümer mit etwas Getreide- und Gartenland, drei Handwerker und der Lehrer rundeten das gesellschaftliche Bild ab von alles in allem etwa 350 Einwohnern. Vier Bauernstellen und eine Entwässerungsmühle lagen außerhalb, "im Felde". Man konnte sie nur über im Herbst grundlose Feldwege erreichen. Das waren: Otto Andres im Südwesten Richtung Schwente nach Neuteich zu, der zeitweise Amtsvorsteher des Amtes Broeske mit Polizeigewalt war, Gustav Bergtold im Südosten an der Schwente nach Brodsack zu sowie die kleineren Anwesen Funk, Koesling und Ludwig im Nordosten Richtung Marienau, ebenfalls an der Schwente. Dieses Flüßchen bildete also die Grenze der Feldmark Mierau in den genannten Richtungen.

Die Dorfbauern wurden von den Knechten, die sich nach Feierabend stets vor der Schmiede...



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