E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Stamm Nacht ist der Tag
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-400996-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-10-400996-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt »Agnes« 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane »Weit über das Land«, »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt«, »Das Archiv der Gefühle« und zuletzt »In einer dunkelblauen Stunde« sowie die Erzählung »Marcia aus Vermont«. Unter dem Titel »Die Vertreibung aus dem Paradies« erschienen 2014 seine Bamberger Poetikvorlesungen sowie 2024 die Züricher Poetikvorlesungen »Eine Fantasie der Zeit«. »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« wurde mit dem Schweizer Buchpreis 2018 ausgezeichnet. Literaturpreise: Rheingau Literatur Preis 2000 Bodensee-Literaturpreis 2012 Friedrich-Hölderlin-Preis 2014 Cotta Literaturpreis 2017 ZKB-Schillerpreis 2017 Solothurner Literaturpreis 2018 Schweizer Buchpreis 2018
Autoren/Hrsg.
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Mehrmals halb erwachen und wieder wegdämmern, auftauchen aus dem Schlaf und zurücksinken in die Schwerelosigkeit. Gillian liegt im Wasser, es leuchtet blau. Ihr Körper sieht gelblich darin aus, aber sobald er auftaucht, verschwindet er in der Dunkelheit. Alles Licht kommt aus dem warmen Wasser, das über ihren Bauch, über ihre Brüste schwappt. Es ist ölig, perlt von der Haut ab. Sie scheint sich in einem geschlossenen Raum zu befinden, es ist still, trotzdem spürt sie, dass sie nicht allein ist. Sie wird geliebt, die Liebe füllt sie aus.
Die Zeit macht Sprünge. Als sie ein Rauschen hört, öffnet sie die Augen. Jetzt ist sie allein. An der Wand sind Reihen von Lichtpunkten, die vorher nicht da waren. Sie schließt die Augen, das Rauschen entfernt sich und verstummt.
Später bewegt sich eine weiße Gestalt an ihrer Seite, die Hände besänftigend ausgestreckt, und verschwindet wieder. Gillian spürt eine leichte Übelkeit, die beinahe wohltuend ist, eine köstliche Schwäche, die sie hinunterzieht, zurück in den Schlaf. Dann ist es hell, alles ist blendend weiß. Auf dem Nachttisch steht ein Tablett mit Frühstück. Es riecht nach Kaffee und Blumen. Ganz langsam erwacht ihr Körper, sie spürt die Beine und den Arm, der die Decke wegschiebt, die Kühle auf der nackten Haut. Sie hat kaum Schmerzen, nur das Gefühl, sich zu sammeln und wieder aufzulösen, ein langsames Pulsieren. Neben ihr liegt eine Hand, die auf einen Knopf drückt und zu ihrer Hand wird. Etwas hebt ihren Körper hoch, sie hört ein leises Surren. Das Atmen fällt ihr ungewöhnlich leicht, so als würde die Luft ungebremst in ihren Körper strömen und zugleich entweichen. Ein Finger drückt auf den grünen Knopf, auf dem eine kleine Glocke abgebildet ist. Zeit vergeht.
Die weiße Frau betritt den Raum, kommt zum Bett und nimmt, ohne zu fragen, den Nachttopf. Und wieder das Gefühl, sich aufzulösen, die Wärme, die aus dem Körper strömt.
Sind Sie fertig?
Gillian sagt etwas, das wie ein kurzes Stöhnen klingt. Es kommt ihr vor, als bewohnte sie nur noch den kleinsten Teil dieses Körpers, der ihr sehr groß erscheint, ein leeres Gebäude voller seltsamer Geräusche, voller unkontrollierter Bewegung. Wenn man ein Zimmer betritt, scheint es gerade jemand verlassen zu haben. Von irgendwoher sind Gespräche zu hören, Gelächter. Gillian eilt eine Treppe hinunter, aber sie kommt wieder zu spät. Auf dem Tisch steht das schmutzige Geschirr, stehen leere Schüsseln. Die Servietten liegen zusammengeknüllt auf dem weißen Tischtuch, zwischen Weinflecken und Krümeln.
Es regnet. Gillian fragt sich, wie lange sie schon hier liegt, aber sie erwartet keine Antwort. Ihre Kraft reicht kaum für die Frage. Sie sitzt vornübergebeugt im Bett, ohne sich zu erinnern, wie sie in diese Position gekommen ist. Plötzlich spürt sie etwas Kaltes, erst ist es nur ein kleiner Punkt, dann wird ein Rücken daraus, Strich um Strich wird er in die Leere gemalt, bis sie ihn ganz spürt. Es riecht nach Alkohol. Das Radio läuft, Gillian hört das Zeitzeichen, eine Stimme, die sehr schnell spricht, sie versteht nur einzelne Worte, die keinen Sinn ergeben. Der UNO-Sonderbeauftragte, die Marssonde Beagle 2, ein Halbfinalsieg bei den Australian Open, ein Tiefdruckgebiet mit Zentrum über der Biskaya. Vereinzelte Regenschauer. Sie spricht in Gedanken nach: der UNO-Sonderbeauftragte, die Marssonde, das Tiefdruckgebiet, und versucht, den Zusammenhang zu verstehen. Das Gefühl von Kälte vergeht und der Rücken verschwindet aus ihrem Bewusstsein, das Nachthemd senkt sich wie ein Vorhang. Atemlos wartet Gillian, bis er sich wieder hebt. Jemand gibt ihr einen kleinen Schubs, und sie schaut sich, während sie auf die Bühne rennt, kurz um, als wäre sie gestolpert. Sie wendet sich dem Publikum zu, schaut in die Scheinwerfer und verbeugt sich tief. Drei, vier Vorhänge, dann ebbt der Applaus ab, das kurze Glück ist vorüber. Gillian weiß, dass sie nicht gut gewesen ist, der Regisseur wird es ihr sagen, einmal mehr. Du spielst nur, wird er sagen. Du musst deine Rolle leben.
Sie können sich zurücklehnen. Soll ich das Radio laufen lassen?
Gillian versucht, sich zu konzentrieren. Alles hängt von ihrer Antwort ab. Sie will aufwachen, aufstehen, aber es geht nicht. Sie kann ihre Beine nicht bewegen, es ist, als hätte sie keine Beine. Das Radio verstummt, die Schwester geht zum Fenster und schließt die Vorhänge. Gillian erinnert sich an Regen. Das Tiefdruckgebiet. Es muss einen Zusammenhang geben.
Ruhen Sie sich ein wenig aus.
Wovon ausruhen? Etwas ist geschehen. Gillian umkreist die Erinnerung, sie nähert sich ihr und weicht dann wieder zurück. Wenn sie die Hand ausstreckt, verschwinden die Bilder, und das blaue Wasser taucht auf, immer wieder das blaue Wasser und das leere Haus, ihre erste Bühne. Aber das andere ist die ganze Zeit da und wartet auf sie. Sie weiß, es gibt einen Ausweg, und sie wird ihn nehmen. Später.
Der Arzt zog einen Stuhl ans Bett und setzte sich auf die Lehne. Er hielt einen kleinen, in rosa Plastik eingefassten Spiegel in der Hand, ein Spielzeug. Er fragte, wie es ihr gehe.
Besser, sagte Gillian. Ich bin wieder da.
Zum ersten Mal konnte sie sich erinnern.
Zwei Tage, sagte er, als sie ihn fragte, wie lange sie schon hier sei. Einen Monat, ein Jahr, es hätte sie nicht gewundert.
Wir mussten Ihnen ein starkes Schmerzmittel geben.
Das war kein schlechter Trip, sagte Gillian und versuchte zu lachen.
Als sie die Hand hob, hielt der Arzt sie fest mit einer schnellen, aber sanften Bewegung. Nicht, sagte er, Sie sollten die Stelle nicht berühren.
Er fing an, ihr Gesicht zu beschreiben wie einen Gegenstand, es war eine sachliche Bestandsaufnahme, aber Gillian begriff nicht ganz, was er sagte. Dann beschrieb er ihr die Vorgehensweise, die Operationen, die nötig sein würden.
In einem halben Jahr wird man kaum noch etwas sehen.
Etwas sehen wovon?, fragte Gillian.
Ein Ohr können wir leicht replantieren, sagte der Arzt, aber die Nase hat zu viele feine Gefäße. Wir werden Ihnen eine neue machen.
Das sieht im Moment nicht sehr schön aus, sagte er, aber ich glaube, es ist gut, wenn Sie es sich anschauen.
Gillian schloss die Augen, öffnete sie wieder und streckte die Hand aus. Der Arzt reichte ihr den Spiegel. Sie drehte ihn hin und her wie eine Waffe, von der sie nicht wusste, wie sie zu bedienen war. Sie sah das Fenster, die vielen Blumensträuße, die im Zimmer standen, die Tür und das Gesicht des Arztes. Er lächelte und stellte eine Frage, aber sie hörte nicht hin, bewegte immer noch den Spiegel, als suchte sie den richtigen Ausschnitt, und ließ ihn dann sinken.
Ist es schlimm?
Er nickte und sagte noch einmal, in einem halben Jahr. Jemand, der Sie nicht kennt, wird kaum etwas merken.
Und jemand der mich kennt?
Wir versuchen, es so ähnlich wie möglich hinzukriegen, Bilder gibt es ja genug von Ihnen. Sie werden staunen, sagte er. Die plastische Chirurgie hat große Fortschritte gemacht.
Warum kann ich den Kaffee riechen, wenn ich keine Nase mehr habe?
Die Riechzellen sind hier, sagte der Arzt und zeigte auf seine Nasenwurzel. Er stand auf. Soll ich Ihnen den Spiegel hierlassen?
Nein, sagte sie, und dann ja.
Als der Arzt gegangen war, hob Gillian den Spiegel mit einer schnellen Bewegung hoch und hielt ihn sich dicht vor das Gesicht, als wolle sie sich dahinter verstecken.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie es ihr gesagt hatten. Vielleicht hatten sie es ihr gar nicht gesagt, vielleicht wusste sie es einfach. Oder sie ahnte es nur, dass Matthias tot war. Es war still, nur der Wind war zu hören, der durch die Bäume wehte, das Tropfen von Wasser und ein unregelmäßiges Knacken, wie wenn verbogenes Metall sich langsam entspannte. Das Licht ging an und aus, orangefarbenes Licht. Gillian fühlte keinen Schmerz, sie merkte nur, dass ihr Gesicht nass war. Im Mund hatte sie den metallischen Geschmack von Blut. Sie hatte den Kopf nicht drehen können, aber aus den Augenwinkeln hatte sie Matthias gesehen, der über das Lenkrad gebeugt lag, als wäre er vor Erschöpfung eingeschlafen. Er bewegte sich nicht, er tauchte auf, verschwand, tauchte auf, verschwand. Sein Gesicht wirkte dunkel selbst im Licht, gerötet wie das eines Alkoholikers. Wenn sie nur das Blinklicht hätte ausschalten können, dann wäre alles gut gewesen, dann hätte sie schlafen können. Aber sie konnte sich nicht bewegen. Und dann, langsam, entstand der Schmerz, im Brustbereich, in den Beinen, im Gesicht. Es war, als hätte sie ihr Gesicht nie vorher gespürt, es zog sich im Schmerz zusammen wie eine Hand zur Faust. Matthias war tot. Was sollte sie mit all seinen Sachen machen? Wie seiner Familie begegnen, seinen Freunden? Sie dachte an die Lebensmittel im Kühlschrank, die langsam verdarben, die Topfpflanzen, die austrockneten. Dann war sie sich plötzlich sicher, Matthias war nicht tot. Es ist nicht möglich, dachte sie, und der Gedanke war so erleichternd, dass sie fast lachen musste. Es ist ja gar nicht möglich.
Als Gillian erwachte, stand ihr Vater am Bett, neben ihm der Arzt. Sie redeten leise. Gillian hörte nicht hin. Sie schloss die Augen und sah wieder das Loch in ihrem Gesicht, durch das sie in ihr Inneres gesehen hatte. Sie versuchte, die Hände zu heben, um sich zu verbergen, zu schützen. Die Bettdecke drückte auf ihre Brust, sie konnte kaum die Finger bewegen. Plötzlich fiel ihr auch das Atmen schwer. Sie öffnete die Augen. Die beiden Männer standen immer noch da. Sie schwiegen jetzt und schauten auf sie...




