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Stang | Die blutigen Hähne, Band 3: Eine neue Ära der Gewalt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 344 Seiten

Reihe: Dilettantenvorträge

Stang Die blutigen Hähne, Band 3: Eine neue Ära der Gewalt


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-8938-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 4, 344 Seiten

Reihe: Dilettantenvorträge

ISBN: 978-3-8192-8938-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der abschließende vierte Teil der aktuellen Tagungsbeiträge der Akademie zu Bad Meinungen an der Glaubste wendet sich nach den rechtsphilosophischen und historischen Überlegungen der vorangegangenen Bände nun der aktuellen Situation globalisierter Gewalt zu. Dabei wird der Gewaltbegriff erweitert auf die Verwüstungen des Klimawandels, die wesentlich auf Handlungen und Unterlassungen des globalen Nordens zurückzuführen sind. Aber auch die traditionelleren Formen grenzüberschreitender Gewalt werden am Beispiel von Momentaufnahmen zur Situation in der Ukraine und im Nahen Osten, hier dann auch wieder mit Rückgriff auf historische Entwicklungen, dargelegt. Beide Ansätze erlauben, vor allem in ihrer Verbindung, neue Einsichten zur Frage, wie weit die aktuelle globale Gewalt ein Novum bildet. Daraus ergeben sich dann auch Überlegungen, warum so wenig Entschlossenheit wahrnehmbar ist, dieser Gewalt, vor allem hinsichtlich der Folgen des Klimawandels und seiner weiteren Eskalation, nennenswert zu begegnen.

Geboren in Bremen. Studium von Geschichte und Philosophie. Promotion in Göttingen. Viele Jahre Ermittler in Sachen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit für div. Behörden. Danach freier Berater und Manager in internationalem Beratungshaus. Bildhauer und Maler mit diversen Ausstellungen, mehrfach ausgezeichneter Lyriker und Romanautor.
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2. Ilja Kremer: Antagonismen und Kooperation


Als wir vor etlichen Jahren Ilja Kremer vorschlugen, einen Vortrag auf der damaligen Akademie-Tagung zu halten, hat er sofort abgelehnt und auf seine unzureichenden Deutschkenntnisse verwiesen. Wir haben diesen Einwand natürlich nicht gelten lassen, aber es hat doch geraume Zeit gedauert, ihn zu einem Vortrag gewinnen zu können. Umso mehr freut es uns, dass er auf der diesjährigen Tagung sein eigentliches Forschungsgebiet als Astrophysiker verlassen hat, um sich mit einer faszinierenden Frage der Politologie zu befassen, nämlich der Bedeutung von Konfrontation als Fortschrittsmotor auch in demokratischen und friedlichen Gesellschaften.

Meine lieben Zuhörer_Innen, Zuschauer_Innen, Perzipiant_Innen, ich freue mich, Ihnen hier einige Gedanken zu unterbreiten und bitte Sie um Nachsicht, wenn in inhaltlicher oder sprachlicher Form hier Defizite zutage treten. Dafür schon im Voraus meinen Dank.

2.1. Konflikthaftigkeit als innergesellschaftlicher Faktor


  • Angenommen, jeder Konflikt in einer Gesellschaft wäre mit einer Maßzahl versehen, die Einheit wäre Eris, abgekürzt E. Dann wäre z.B. der Streit um den Parkplatz vor dem Supermarkt mit 40E taxiert, der Ehekrach vielleicht mit 120E. Das mag bei Ihnen zuhause anders sein, aber es geht nur um den Durchschnitt. Eine bewaffnete Geiselnahme mit gewaltsamer Beendigung durch ein SEK läge vielleicht bei 1350E, ein Bürgerkrieg im Bereich von etlichen Mega-E.

Die Summe all dieser Konflikte innerhalb einer Gesellschaft zu einem Zeitpunkt t ließe sich mit einem Gesamtkonfliktstatus beschreiben, der z.B. für Deutschland bei vielleicht 50E pro Tag und Person läge, in Summe also ca. 4 Mrd. E oder 4 Giga-Eris bzw. 4GE.

Es fragt sich nun, welche Haltung eine Gesellschaft zu diesen Antagonismen haben soll. Anders gesagt, ist der Gesamtkonfliktstatus etwas, das gesellschaftlichen Handelns bedarf?

In der Geistesgeschichte sind hierauf unterschiedliche Antworten gegeben worden. Diese lassen sich nach ihrer Haltung zu den Antagonismen unterscheiden, also der Frage, ob man in der Summe die Antagonismen für positiv oder für negativ hält, ebenso aber auch danach, ob man den Gesamtkonfliktstatus anders als Einzelkonflikte eigentlich für steuerbar hält oder nicht.

Letztere Frage stellt sich denjenigen nicht, die derlei Konflikte insgesamt für positiv halten, weil sie in ihnen den Motor von Kreativität, Innovation und Fortschritt sehen. Drei Namen verbinden sich mit dieser Idee, Aggression sei der Motor der Weltgeschichte: Adam Smith, Thomas Robert Malthus und Charles Darwin. Natürlich lassen sich viele andere nennen, von Heraklit über Thukydides bis Hitler, aber es sind diese drei, deren Einfluss auf unser Denken bis heute führend ist.

2.2. Das Geburtsproblem des Liberalismus


Adam Smith entwickelte die liberale Grundidee. Diese lautet: Befreie in einem Staat die wirtschaftliche Konkurrenz der Bürger von allen staatlichen oder gesetzlichen Restriktionen, so wird der Nutzen sich nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gemeinschaft optimieren.

Adam Smith stand unter dem traumatisierenden Einfluss der Konfessionskriege, die ganz Europa in bis dahin nicht für möglich gehaltenes Chaos und Leid gestürzt hatten. Er glaubt, je stärker der zivile und privatwirtschaftliche Bereich wird, um so schwächer werden die Staaten und politischen Fraktionen, die daher dann auch außerstande sein werden, erneut derlei Kriege zu entfesseln.

Damit lassen sich drei Grundintentionen des Liberalismus identifizieren:

  • Maximierung des gesamtgesellschaftlichen Nutzens;
  • Dynamisierung des individuellen und kollektiven Forschungs- und Entwicklerdrangs;
  • Schwächung der kriegsinteressierten Mächte im Staat durch gesteigerte Bedeutung der Privatwirtschaft und den ihr zugrunde liegenden Privatinteressen.

Rawls und Nash haben aus unterschiedlichen Perspektiven heraus gezeigt, dass eine Maximierung des Gesamtnutzens auf diesem Weg nicht oder nur in seltenen Fällen möglich ist. Und dass der Entwicklerdrang in der von allen Restriktionen befreiten Privatwirtschaft besser zum Tragen kommt, darf man auch bezweifeln. An jeder drittklassigen State University in den USA, erst recht in Europa, ist die Innovationsquote deutlich höher als im vielgerühmten Silicon Valley. Denn disruptives Denken und unkonventionelle Neuerungen entstehen nicht unter Kosten- und Effizienzdruck, sondern im freien, von allen Rechenschiebern und Stoppuhren befreiten Diskurs.

Aber wie ist es mit der dritten Grundintention des Liberalismus? Kann man die Wahrscheinlichkeit verwüstender Kriege reduzieren, indem man Unternehmen von staatlichen Restriktionen radikal befreit?

Man darf Zweifel haben, ob das für das 18. Jahrhundert eine erfolgversprechende Annahme war. Aber in der Folgezeit entstand die Industriegesellschaft und mit ihr der industrialisierte Krieg. In der Vorstellung von Adam Smith waren es teils machtbesessene oder ruhmsüchtige Herrscher, teils Glaubensfanatiker, welche die Kriege zumeist entfesselten, während das privatwirtschaftliche Bestreben am Krieg kein Interesse haben kann. Das änderte sich aber in der Folgezeit, weil immer mehr Bereiche der Industriegesellschaft auch einen Nutzen aus Aufrüstung und Krieg zu ziehen versuchten. Das gilt bis heute zum einen offensichtlich für die Rüstungsindustrie. Aber auch diverse Branchen erhoffen sich von einem erfolgreichen Krieg erleichterten Zugang zu wichtigen Rohstoffen, Erschließung neuer Märkte oder Zugriff auf deutlich kostenreduzierte Arbeitskräfte. Damit aber führt eine Entfesselung der Marktkräfte nicht zu einer Reduzierung der Kriegsgefahr. In diversen benennbaren Fällen haben stattdessen Industrieunternehmen und Branchenvertreter sogar einen erheblichen Einfluss auf das Zustandekommen von Kriegen gehabt.

Die Kriegsgefahr steigt durch Liberalisierung natürlich vor allem dort, wo Politiker sich Industrieinteressen zu eigen machen. Der Grund hierfür kann sein, dass sie etwa in der Rüstungsindustrie einen wichtigen Wirtschaftszweig sehen und daher das Wohl der Rüstungsindustrie und der Allgemeinheit eng verbunden sehen. Es mag auch sein, dass jemand bestimmten Industriezweigen – oft der Rüstungsindustrie – vergleichsweise wohlwollend gegenübersteht, weil er aktuell mehr oder weniger offene Förderung, Wahlkampfhilfen, Sondervergütungen oder sogar schlichte Bestechungsgelder von dort erhält. Andere spekulieren auf eine lukrative Aufgabe in der Rüstungsindustrie, wenn ihre politische Laufbahn aus dem einen oder anderen Grund zu Ende gegangen sein sollte.

Für diese Verflechtung von Industrie, Militär und Politik hat sich spätestens seit Eisenhowers Abschiedsrede vom 17.01.1961 der Terminus „Militärisch-industrieller Komplex“ eingebürgert. Eisenhower sah hier die größte Gefahr für demokratische Systeme der Gegenwart, wobei man aber sagen muss, dass sich seit seiner Präsidentschaft dieser Verflechtung um ein Vielfaches vermehrt und intensiviert hat. Aber schon nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sprach ein – allerdings wissenschaftlich nur schlecht untermauerter – Untersuchungsbericht des gerade erst gegründeten Völkerbunds von einer Verschwörung der Rüstungskonzerne vieler Staaten. Diese hätten Einfluss auf diverse Presse-Organe ausgeübt, um eine regelrechte Kriegserwartung anzustacheln, hätten intensiv Einfluss auf die Politik genommen, auch durch unverblümte Korruption in vielen Staaten und Preisabsprachen getroffen, um die Gewinne ihrer Verkäufe zu optimieren.

Wenn also kein unausweichlicher Interessensgegensatz zwischen Privatwirtschaft und staatlicher Kriegstreiberei besteht, wie Adam Smith noch gehofft hatte, dann ist auch die dritte Grundannahme des Liberalismus mindestens für die heutige Zeit als Wunschtraum zu bezeichnen. Es wäre eher ein Friedensgarant, wenn die Industrie, vor allem die Rüstungsindustrie, in ein Regelsystem gebracht würde, das sie von der Notwendigkeit gewinnorientierten Handelns befreit, etwa indem man alle Rüstungsunternehmen verstaatlicht. Dann könnte diese Intention des Liberalismus sogar in gewissem Umfang wirksam werden, weil die dann noch verbleibende Privatwirtschaft kein Interesse an Aufrüstung und Krieg hätte und die Politik daher nicht in diese Richtung zu beeinflussen versuchen würde.

2.3. Die Beeinflussbarkeit der gesamtgesellschaftlichen Konfliktmenge


Smith fand viele Nachfolger, welche die Grundüberlegung seiner Lehre stillschweigend unter den Tisch fallen ließen und im ungebremsten Konkurrenzkampf innerhalb einer Gesellschaft die Wurzel menschlichen Glücks und des Fortschritts in allen relevanten Themen – Wissenschaft, Technik, Kunst, Politik usw. – sahen. Die USA sind derjenige Staat, der aus diesem Geist heraus gegründet worden ist und – bei allen internen Diskursen hierzu – insgesamt unverändert auf diesem Grundkonsens beruhen und ihn auch als Maxime hinaus in die Welt tragen wollen.

Praktisch alle anderen Religionen und Ideologien sehen hingegen es als wesentliche Aufgabe an, den Gesamtkonfliktstatus einer Gesellschaft zu senken oder wenigstens zu entschärfen. Einige streben zudem auch eine Überwindung...



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