E-Book, Deutsch, Band 2, 350 Seiten
Reihe: Bedford-Reihe
Stankewitz Lovely Mistake
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95818-581-4
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 350 Seiten
Reihe: Bedford-Reihe
ISBN: 978-3-95818-581-4
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Stankewitz lebt mit ihrem Freund in einer kleinen Stadt am Rande von Brandenburg. Seit ihrem Debütroman im Januar 2015 lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf und ist immer wieder auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen. Musik, Kerzen und ein bequemer Arbeitsplatz dürfen im Hause der Autorin ebensowenig fehlen wie eine leckere Tasse Kaffee. Ihre Geschichten spiegeln das wider, was sie sich stets von einem guten Roman erhofft: Liebe, Leidenschaft und eine Prise Humor.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Molly
Der vertraute Geruch meiner Kindheit ist das Erste, was ich wahrnehme, als ich den Schlüssel aus dem Schloss ziehe und die Tür leise hinter mir zufallen lasse. Da ich nicht sicher bin, ob sie schläft, will ich nicht unnötig Krach machen. Ich schlüpfe aus meinen Boots und stelle sie neben ihre Turnschuhe, weil ich weiß, dass sie Ordnung fast genauso sehr liebt wie mich. In der linken Hand balanciere ich meinen Kuchen, den ich heute Morgen noch in aller Eile zusammengemischt habe, und gehe den Flur entlang. Sobald ich in dieser kleinen Wohnung bin, lasse ich alle Masken fallen. Hier werde ich wieder zu dem verletzlichen Mädchen hinter der taffen Fassade. Als ich an dem ovalen Spiegel mit dem weißen Rahmen vorbeikomme, erschreckt mich mein Abbild. Meine sonst voluminösen weißblonden Haare hängen platt an meinem Kopf und meine grünen Augen sehen furchtbar müde aus. Die letzten Wochen sind definitiv nicht ohne Spuren an mir vorbeigezogen. Ich fühle mich nicht mehr wie eine Fünfundzwanzigjährige, sondern wie eine Frau in den Vierzigern.
Jedes Mal, wenn ich die strahlend gelben Wände im Flur sehe, schleicht sich Wärme in mein Herz. Nur, dass der Wärme jetzt ein kalter Schauer folgt, weil ich weiß, dass mich im nächsten Raum dunkle Regenwolken erwarten.
Sachte schiebe ich ihre Schlafzimmertür auf und sehe sie in ihrem Bett liegen. Die Decke hat sie bis zum Hals gezogen, ihr Gesicht ist dem Fenster zugewandt, das zum Wald hinter dem Wohnhaus hinausführt. Es war ihr immer wichtig, als Erstes in die Natur zu schauen, wenn sie wach wird.
»Hey.« Ich tapse auf ihr Bett zu, um zu sehen, ob sie schläft, doch als ich vor ihr stehe, schlägt sie ihre Lider langsam auf. Ihre Augen haben dieselbe grüne Färbung wie meine. Der einzige Unterschied liegt in den Falten, die ihre Lider umranden.
»Molly, Schatz.« Mom rappelt sich auf, streckt ihre Arme nach mir aus und ich gebe ihr einen etwas zu feuchten Kuss auf die Wange. Sie verzieht lächelnd das Gesicht. Ich liebe diesen Ausdruck.
»Ich hab dir was mitgebracht.« Stolz hebe ich den Kuchen in die Höhe, nehme den durchsichtigen Deckel ab und halte ihn meiner Mutter hin.
»Sieht gesund aus.« Mom rümpft ihre Nase und ich weiß genau, wieso. Sie hätte viel lieber einen fettigen Schokoladenkuchen mit einem Haufen Streuseln gehabt. Stattdessen gibt es heute einen kalorienreduzierten Karottenkuchen voller Vitamin A.
»Ist er auch. Kein Zucker, kein Weißmehl, nichts Ungesundes!« Ich schiebe den Arm meiner Mutter zur Seite und setze mich an ihr Bett. Dass sie einen schwachen Tag hat, sehe ich sofort. Meistens kann ich innerhalb weniger Sekunden erkennen, wie es ihr geht. Heute liegen tiefe Schatten unter ihren Augen, ihre Haut ist blass und ihre Lippen wirken ganz trocken, weil sie vermutlich nicht die Kraft hatte, sich selbst ein Wasser aus der Küche zu holen.
»Klingt, als hätte mein Arzt dir den Auftrag gegeben, mich zu vergiften, damit ich das Krankenhaus kein Geld mehr koste, wenn der Krebs zurückkommt!« Mom ringt sich ein Lachen ab, aber es ist schwächer als sonst.
»Das war keine Anweisung von Dr. Miller, Mom. Aber glaub mir, das Letzte, was du jetzt gebrauchen kannst, sind diese Kalorienbomben, die deine Arterien verstopfen.« Schon als meine Mutter die Diagnose bekam, habe ich mich darüber informiert, wie man den verdammten Krebs am besten bekämpfen kann. Natürlich stand an erster Stelle eine Chemotherapie. Die Auswirkungen sieht man allzu deutlich, immerhin ist sie erst seit einigen Tagen wieder zuhause.
Ich glaube, dass es für meine Mutter am schlimmsten war, ihre Haare zu verlieren. Die Übelkeit und die Schmerzen hat sie wie eine Kämpferin weggesteckt, aber als die ersten Haarbüschel in ihrer Bürste hängen blieben, hatte sie einen Nervenzusammenbruch. Beim Gedanken daran bekomme ich eine Gänsehaut. Ich war es, die sie im Badezimmer des Krankenhauses am Boden gefunden hat. Sie krallte sich an der Bürste fest und deutete weinend auf die zahlreichen Haare, die auf den Fliesen neben ihr lagen.
»Du hast ja recht. Holst du mir eine Gabel? Ich bin am Verhungern. Im Augenblick würde ich Karotten auch pur essen!« Dieses Mal wirkt ihr Lächeln schon stärker, also stelle ich den Kuchen auf ihrem Nachttisch ab, laufe schnell in die Küche und fische uns zwei Kuchengabeln aus dem Besteckkasten. Anschließend gieße ich ihr noch ein Glas Wasser ein. Als ich wieder bei ihr bin, ein Stück abtrenne und ihr die Gabel reiche, schnuppert sie an dem Teig und schiebt ihn sich zögernd in den Mund.
Ihr darauffolgendes Seufzen macht mich sofort stolz.
»Oh mein Gott, Molly!« Als hätte ihr dieser Bissen neue Kraft gegeben, setzt sie sich auf und schnappt sich ein weiteres Stück. »Wie kann ein Kuchen, der gesund ist, so unfassbar lecker sein? Und da ist wirklich kein Löffel Zucker drin?«
»Nein, nur Datteln. Dadurch ist er auch so süß.« Die Leidenschaft für Gebäck haben Mom und ich schon immer geteilt. Weihnachten war unsere liebste Zeit im Jahr. Auch wenn wir fast immer nur zu zweit waren, während alle anderen mit ihren Großfamilien zuhause saßen, hatten wir mehr familiären Zusammenhalt als die meisten Menschen. Wir haben gemeinsam unsere Leidenschaft ausgelebt und gebacken.
»Du bist wirklich eine begnadete Bäckerin!« Noch ein Stück verschwindet in ihrem Mund und langsam kehrt wieder Farbe in ihr Gesicht zurück. Meistens braucht meine Mutter ein paar Minuten, um aufzutauen. Heute ging es ziemlich schnell. Die Regenwolken im Raum lichten sich merklich und die Sonnenstrahlen aus dem Flur dringen herein.
»Ich habe ja auch von der besten Bäckerin gelernt.«
»Aber genug vom Kuchen geschwärmt!« Sie legt die Gabel auf den Nachttisch und greift nach meiner Hand. Ihre ist kalt, meine hingegen meistens so heiß wie ein Taschenwärmer. Im Krankenhaus habe ich oft stundenlang an ihrem Bett gesessen und ihre kühlen Hände gehalten. Die Dankbarkeit in ihrem Blick war die beste Bezahlung.
»Was machen die Amerika-Vorbereitungen? Hast du dich schon entschieden, ob du einen oder zwei Koffer mitnimmst?« Während es meiner Mutter scheinbar Freude bereitet, über meine Reise zu reden, macht sich Unbehagen in mir breit. Diesen Trip habe ich schon vor einem Jahr geplant und gebucht, doch die letzten Wochen haben alles verändert. Jetzt kommt mir der Gedanke, so viele Flugstunden von England entfernt Urlaub zu machen, falsch vor.
»Ehrlich gesagt habe ich mich noch nicht damit befasst. Im Café war so viel los.«
»Und was ist der wirkliche Grund?« Pech, dass meine Mutter immer erkennt, wenn ich Ausreden liefere, um mich vor der Wahrheit zu drücken. Ihr Mundwinkel schiebt sich nach oben, wobei ihre Lachfältchen noch stärker betont werden. Auch wenn ich meine junge Haut liebe, freue ich mich schon darauf, die ersten Falten zu bekommen. Sie erzählen Geschichten. Sie zeigen, dass man gelebt hat. Lachend. Weinend. Schreiend. Kreischend und schrill. Glatte Haut ist sterbenslangweilig.
»Du bist erst seit ein paar Tagen aus dem Krankenhaus raus und hast die Chemo hinter dir. Ich sollte hier bei dir sein. Also habe ich die Reise gecancelt. Und bevor du jetzt an die Decke gehst: Ja, ich habe ausführlich darüber nachgedacht und bereue meine Entscheidung nicht.«
»Oh, Molly!«
Ich weiß nicht, wann ich meine Mutter das letzte Mal so energisch gehört habe. Es scheint Jahre her zu sein, dabei ist sie erst seit einigen Monaten krank. Ich war immer ein Mensch mit einem guten Zeitgefühl, aber das hat sich seit der Diagnose drastisch verändert. Jetzt fühlen sich Tage manchmal wie Wochen und Sekunden wie Stunden an. Vor allem im Krankenhaus. Dort hat man oft das Gefühl, die Zeit stünde still.
»Du wolltest schon nach Amerika, da warst du noch ein kleines Mädchen mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen und einer Zahnlücke! Du hättest dir diese Gelegenheit nicht meinetwegen entgehen lassen dürfen.«
»Und wer wäre hergekommen, wenn es dir schlecht geht? Wer hätte das Café geschmissen, wer -«
»Meine Pflegerin kommt doch ohnehin jeden Tag mindestens einmal her! Und Brooklyn hat dir versichert, dass sie das schmeißt, während du weg bist. Es wären doch nur vier Wochen gewesen, Molly. Und die hast du dir wirklich redlich verdient.«
Mom hat recht – meine beste Freundin hat mir hoch und heilig geschworen, dass sie das hinbekommt, und doch habe ich mich entschieden, die Reise in letzter Sekunde abzusagen. Auch wenn mein Herz dabei geblutet hat.
Ich klettere über meine Mutter auf die leere Bettseite und lege mich neben sie. Anschließend rolle ich mich ein und bette meinen Kopf an ihre Schulter. »Es ist ja nicht so, dass Amerika aus der Welt wäre. Ich kann immer noch nächstes Jahr hinfliegen. Oder im Winter. Schließlich soll New York auch im Schnee bezaubernd sein.«
»Du und Schnee? Ich kenne keinen Menschen auf diesem Planeten, der Schnee mehr hasst als du. Als Kind wolltest du immer auf die Malediven auswandern.«
Wir liegen dicht an dicht auf dem großen Bett und lachen leise. Früher war das Lachen meiner Mutter das...




