E-Book, Deutsch, 237 Seiten
Stankewitz Million miles away
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7392-0011-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nur bei dir
E-Book, Deutsch, 237 Seiten
ISBN: 978-3-7392-0011-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sarah Stankewitz lebt mit ihrem Freund in einer kleinen Stadt mitten in Brandenburg. Schon in ihrer Kindheit liebte sie es, Worte aneinanderzureihen und Geschichten zu erschaffen. Seit ihrem Debütroman 'We're meant to be together' lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf und hat bereits sechs Romane geschrieben und vier davon veröffentlicht. Ihre Geschichten spiegeln das wider, was sie sich stets von einem guten Roman erhofft: Liebe, Leidenschaft und eine Prise Humor.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel - Melody
»Aufwachen.« Dunkler Rauch schlingt sich um seine Gestalt, während mein Körper noch immer wild unter mir zittert. Es dauert nicht mehr lange, dann wird er mein Zimmer wieder verlassen. Halte durch. Mein Herz donnert gegen meinen Brustkorb. Meine Haut fühlt sich an, als würde sie brennen. Nein, als wäre sie verseucht. Seine Hände umfassen meine Hüfte. Tränen rinnen mir über die Wange. Seine Hand gleitet tiefer. Mein Herz … bleibt stehen. »Hey, aufwachen.« Verschlafen blinzle ich gegen das helle Licht über mir an. Mein Nacken schmerzt ungemein und als ich mich wieder daran erinnere, wo ich bin ... warum ich hier bin, schrecke ich hoch. Die alte Dame neben mir zerrt an meinem rechten Ärmel, wobei ihre wilde, bereits ergraute Lockenmähne wie im Takt hin und her wippt. Als sie ihren mit rotem Lippenstift beschmierten Mund zu einem Lächeln verzieht, erscheinen vereinzelte Fältchen um ihre Augen. Sie erinnern mich an die Verzweigungen des Blitzes, der sich eben in meine Träume geschlichen hat. Prompt schüttele ich den Kopf, reibe mir meine müden Augen und blicke ihr, ebenfalls lächelnd, ins Gesicht. »Wir landen gleich«, sagt sie lauter, als ich in diesem Moment ertragen kann. Ein pochender Schmerz kündigt sich in meinem Schädel an. Wir landen gleich. Und danach werde ich allein aussteigen. Ich werde allein meine Koffer schnappen und keine Ahnung haben, was dann mit mir geschieht.
Schnell lasse ich meinen Blick nach draußen schweifen, beobachte die weißen Wolken, die mir immer das Gefühl geben, auf Zuckerwatte zu landen. Eine von ihnen sieht aus, als wäre sie ein riesiger Baum, der inmitten dieser zuckerwatteartigen Heimat seine Wurzeln geschlagen hat. Ich liebe es, die Formen der Wolken zu deuten und mir vorzustellen, dass sie sich beliebig verwandeln können. Sie können anders sein, wenn sie wollen. Wir Menschen haben dieses Glück leider nicht, wir sind in unseren Körpern gefangen, bis unsere Herzen ein letztes Mal schlagen. Manchmal wünsche ich mir, dass dieses letzte Mal für mich schneller kommt, als es von der Natur vorgesehen ist. »Wie spät ist es?«, frage ich die Dame, die sich vorhin neben mich gesetzt hat, weil ihr Mann auf der anderen Seite des Flugzeuges zu laut schnarchte. Ich schloss sie sofort in mein Herz, auch wenn ihre roten Lippen und das entsetzliche Lächeln mich an einen Clown erinnerten. »Es ist gleich 12 Uhr. Zeit fürs Mittagessen«, antwortet sie, während sie ihre bunt lackierten Fingernägel in ihre Tasche steckt und ein labbriges, triefendes Sandwich daraus befreit. Sekunden später hält sie es mir entgegen und allein schon beim Gedanken daran, dieses pappige Etwas in meinen Mund zu stecken, wird mir speiübel. Dankend schüttele ich den Kopf und warte darauf, dass sie es wieder in ihre Tasche legt, in der es ungestört vor sich hin gären kann. Doch anstatt es verschwinden zu lassen oder es selbst zu essen, legt sie es mir in die Hände, die noch immer zitternd in meinem Schoß liegen. »Falls du später noch Hunger bekommst, nimm es ruhig, Kindchen. Ich mache die besten Sandwiches in ganz Port Macquarie.« Port Macquarie. Mein neues Zuhause. Auch wenn ich so schnell wie möglich Abstand zu meinem wirklichen Zuhause gewinnen wollte, wäre meine Wahl niemals auf diesen Ort gefallen.
Mom hat mich früher zum Flughafen gebracht, als ursprünglich geplant, weshalb ich einen früheren Flug nehmen konnte. Was ich nicht bedacht habe: Ich bin vollkommen allein. Allein in einem Land, das ich nur aus Fernsehserien kenne, das so anders ist als meines. Doch was willst du tun, wenn deine eigene Mutter nicht mehr in der Lage ist, dir in die Augen zu sehen? Wenn der unbändige Hass in ihrem Blick immer stärker wird? Dann sitzt du in einem Flugzeug, tausende Meilen über sicherem Boden, und begibst dich auf die Reise - eine Reise, von der du keinen blassen Schimmer hast, wo sie endet. Schnell stopfe ich mir das triefende Sandwich in die Handtasche und lasse meinen Blick wieder aus dem Fenster schweifen. Immer wieder gleiten meine Gedanken zu ihr, obwohl ich unseren Streit zu verdrängen versuche. Wenn man bedenkt, dass ich ein Jahr lang von Zuhause weg sein werde, könnte man meinen, dass unser Abschied emotionsgeladen hätte sein müssen, dass wir uns in den Armen gelegen und geweint hätten. Stattdessen hat sie mich nur herzlos umarmt und mich dann, mit all meinen Ängsten, Gedanken und meiner Panik, allein gelassen. Der Mensch, von dem man immer denkt, dass er der größte Anker im Leben ist, hatte mich verstoßen.
»Wissen Sie, wie ich zur Wohnsiedlung am Rocky Beach komme?«, frage ich meine Nachbarin. Ich könnte mir in den Hintern beißen, dass ich mir die genaue Adresse nicht aufgeschrieben habe. Aber damals ging ich noch davon aus, dass sie mich abholen würden. Doch wie soll ich ihnen jetzt sagen, dass ich schon früher hier bin? »Kindchen, ohne Taxi wirst du nicht weit kommen. Holt dich denn niemand ab?« Schon beim Gedanken daran, vollkommen allein in diesem Flughafen zu stehen, wird mir schwindelig. Mein Puls beschleunigt sich so stark, dass ich die Adern unter meiner Haut pochen sehe. »Doch, eigentlich schon. Aber ich bin früher angereist als geplant und ich konnte ihnen noch nicht Bescheid geben«, antworte ich, während ich mich an meinem Sitz festkralle. Die Stellen an meinen Oberschenkeln schimmern im Licht leicht violett, während sie sonst kaum noch zu erkennen sind. Schnell wende ich meinen Kopf wieder der alten Dame zu. Es wird Zeit, dass ich an etwas anderes denke.
»Bernie und ich müssen leider in eine andere Richtung, sonst hätten wir dich mitnehmen können, Kindchen. Wenn du dich beeilst, ergatterst du vielleicht noch ein Taxi. Hast du denn keine Telefonnummer von deiner Gastfamilie?« Gastfamilie. Allein schon dieses Wort sorgt in meinem Inneren für einen wilden Strudel aus Gedanken, dem ich nicht zu entkommen weiß. Was ist, wenn sie ganz anders sind, als ich es mir vorgestellt habe? Es ist ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass ich ein ganzes Jahr lang in einem anderen Land verbringen werde. Andere Menschen um mich haben werde und nicht mehr in meinem eigenen Zimmer schlafen kann. Obwohl ich seit dieser einen Nacht kaum mehr ein Auge in meinem Bett zumachen konnte, war es dennoch meines. Kein fremdes, von dem ich nicht weiß, wann die Bettwäsche das letzte Mal gewechselt wurde. Meine Mom sagte, dass die Mutter am Telefon nett geklungen hätte. Super! Nett ist der kleine Bruder von scheiße. Jedenfalls wenn wir der Logik meiner Mutter folgen. »Ich weiß die Nummer leider nicht. Meine Mom hat sie, aber heute Morgen ging alles so schnell, dass ich kaum Zeit hatte, an alles zu denken. Ist es weit bis zum Rocky Beach?«, hake ich noch einmal nach in der Hoffnung, dass ich es irgendwie schaffen werde, dort heil anzukommen.
»Zu Fuß wirst du es garantiert nie erreichen, Kindchen.« Bevor die Dame, deren Namen ich noch nicht einmal kenne, weitersprechen kann, werden wir von der Stewardess unterbrochen. Sie steht nur einen Meter von unseren Plätzen entfernt und beginnt uns auf die Landung vorzubereiten. Ich glaube nicht, dass ich dafür bereit bin. Niemals. Schnell greife ich nach meinem Gurt und schnalle mich an. Bald sind alle Passagiere gesichert und wir setzen zur Landung an. Der Kaugummi in meinem Mund wird von Minute zu Minute klebriger und zäher, aber ich kaue dennoch in Höchstgeschwindigkeit auf der weichen Masse herum. Als wir an Höhe verlieren, beginnt das Flugzeug unangenehme, beängstigende Geräusche von sich zu geben. Ich muss mich an meinem Sitz festkrallen, während die Wände um mich herum wild vibrieren. Schnell werfe ich wieder einen Blick aus dem kleinen Fenster und sehe, wie wir durch das zuckerwatteartige Paradies hindurchrauschen. Die Wolken ziehen so schnell an uns vorbei, dass ich keine einzige in ihrer Form und Gestalt deuten kann. Umgehend schließe ich meine Augen und warte einfach nur darauf, diese Landung endlich hinter mich zu bringen.
Nachdem die Reifen letzte quietschende Geräusche von sich gegeben haben, kommen wir endlich zum Stillstand. Meine Nachbarin springt augenblicklich auf, beugt sich über mich und gibt mir einen feuchtfröhlichen Kuss auf meine rechte Wange. »Auf dass du hier alle Antworten findest, die du immer gesucht hast«, flüstert sie mir ins Ohr und tätschelt meine Wange mit ihren vom Sandwich klebrigen Fingern. »Willkommen in Australien!«, setzt sie noch hinzu und sorgt damit dafür, dass ich zu realisieren beginne: Ich bin in Australien. Und eines steht fest: Auf die Fragen, die ich habe, werde ich hier keine Antworten erhalten. Niemals. Dafür ist es längst zu spät.
Draußen angekommen, empfängt mich sofort eine wohlige Hitze, die mir ein vertrautes Gefühl gibt. Auch wenn die Wärme in Texas nicht mit dieser zu vergleichen ist, gibt sie mir ein gewisses Gefühl von Verbundenheit. Schnell greife ich nach meinem Strohhut, platziere ihn gekonnt auf meinem Kopf und schnappe mir meinen viel zu schweren Koffer. Als mein Blick letztendlich am Port Macquarie-Hastings Council vor mir landet, wird mir bewusst, wie anders hier alles ist. Frisco, meine Heimat, war mit all ihren Farben und Lichtern, die die Nacht erhellen, schon immer eine sehr impulsive Stadt. Der kleine Flughafen vor mir würde in unseren vermutlich fünf Mal hineinpassen. Es ist, als wäre ich in eine komplett andere Welt gereist. Sogar die Luft riecht hier anders, so würzig und erfrischend. Ich marschiere auf das kleine Abfertigungsgebäude zu und lasse meinen Blick über das restliche Flughafengelände schweifen. Viele Passagiere werden mit offenen Armen empfangen, während ich, mit meinem Koffer kämpfend, auf den Eingang des Flughafengebäudes zusteuere. Sobald ich die großen Glastüren geöffnet habe, betrete ich...




