E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Strong Hearts
Stankewitz Shine Like Midnight Sun
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95818-843-3
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Das Finale der Strong Hearts-Reihe von TikTok-Star Sarah Stankewitz
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Strong Hearts
ISBN: 978-3-95818-843-3
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Stankewitz lebt mit ihrem Freund in einer kleinen Stadt am Rande von Brandenburg. Seit ihrem Debütroman im Januar 2015 lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf und ist immer wieder auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen. Musik, Kerzen und ein bequemer Arbeitsplatz dürfen im Hause der Autorin ebensowenig fehlen wie eine leckere Tasse Kaffee. Ihre Geschichten spiegeln das wider, was sie sich stets von einem guten Roman erhofft: Liebe, Leidenschaft und eine Prise Humor.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Lilly
Gegenwart
Notiz an mich selbst: Zerbrechen geht schneller als Heilen.
Der Wintergarten meiner Großmutter war für mich immer der gemütlichste Ort dieser Welt. Überall befinden sich Pflanzen, deren Blätter einem mit ihrem satten Grün das Gefühl geben, mitten im Dschungel zu stehen. Auf dem Holzboden liegen mehrere flauschige Teppiche in den unterschiedlichsten Pastelltönen, und die zahlreichen Traumfänger, die von der Decke herabhängen, halten alles Schlechte von einem fern. Zumindest habe ich das bislang immer geglaubt. Doch jetzt ist alles anders.
Denn zum ersten Mal sitze ich in diesem idyllischen Plätzchen und fühle mich beim Anblick der Wellen, die wenige Meter entfernt an den Strand von Sylt schlagen, einfach nur leer. Weil Luca nicht neben mir sitzt und ich alle Fortschritte, die ich seit seinem Tod gemacht habe, in Island zurückgelassen habe. Genau wie Aron, als ich vor drei Wochen in dieses Flugzeug gestiegen bin. Ein Teil meines Herzens ist bei ihm auf der Insel geblieben.
»Hat hier jemand nach meinem berühmten Brombeertee verlangt?« Oma betritt den Wintergarten mit einem braunen Tablett, auf dem eine hellblaue Keramikkanne neben zwei geblümten Teetassen steht.
»Immer her damit, ich war schon auf Entzug«, witzle ich, aber meine Stimme bricht. Weil ich mich schuldig fühle und mir seit meiner überstürzten Abreise jeden Tag die Frage stelle, ob ich mich richtig entschieden habe. Ich musste gehen, das weiß ich. Weil ich Abstand brauchte, um zu verarbeiten, dass eine tickende Zeitbombe auf meine kleine, zerbrechliche Welt geworfen wurde. Und das bereits zum zweiten Mal!
Ich vermisse Aron. Ich vermisse ihn so sehr, dass ich nachts kein Auge zubekomme und am Tage nur an seinen Gesichtsausdruck denken kann. An das stumme Flehen, zu bleiben.
Er hat noch ein paar Mal versucht, mich zu erreichen, aber ich konnte nicht mit ihm sprechen. Konnte nicht einfach seiner Stimme lauschen, als wäre zwischen uns kein riesengroßer Graben aufgerissen.
»Ach, Kindchen.« Oma lässt sich neben mir in den geflochtenen Korbsessel fallen und gießt erst mir, dann sich selbst den heißen Früchtetee ein. »Es bricht mir das Herz, dich so traurig zu sehen. Du warst immer ein so fröhliches Kind.« Sie seufzt und legt ihre von Falten und Altersflecken gezeichnete Hand auf meinen Unterarm. »Und damit meine ich nicht, dass du nicht jedes Recht dazu hast, traurig zu sein. Du darfst traurig sein. Du darfst wütend sein. Du musst es sogar, wenn du mich fragst. Weil es gesund ist, so zu fühlen. Solange du diese Gefühle am Ende des Tages wieder loslassen und abgeben kannst.«
»An wen abgeben?«, flüstere ich und nehme einen zögerlichen Schluck meines Tees, der noch brühend heiß ist. Der Duft von frischen Brombeeren steigt mir in die Nase und mit ihm auch der Duft meiner Kindheit. Kindheit. Luca und ich haben früher jeden Sommer in diesem Haus am Strand verbracht, haben diesen Platz als unser Zuhause angesehen, obwohl wir den Rest des Jahres in Berlin lebten. Im Vergleich zu der Wohnung in Kreuzberg gab es in diesen vier Wänden immer nur Liebe und Geborgenheit – nicht nur für meinen Bruder, sondern für uns beide.
»An die Wellen«, schlägt Oma lächelnd vor. »An den Himmel. Oder etwas ganz Verrücktes: an mich?« Sie tätschelt meine Wange, und ich schmiege mein Gesicht an ihre warmen Fingerspitzen, die schon damals eine so heilsame Wirkung hatten. Die Berührung eines geliebten Menschen reicht manchmal schon aus, um der inneren Einsamkeit den Kampf anzusagen.
»Ich möchte dich nicht mit meinem Drama belasten, Oma. Du sollst deinen Ruhestand genießen.«
»Ach, papperlapapp. Wer rastet, der rostet. Ich will diesen süßen Mund wieder lächeln sehen.« Sie zwickt mir in die Wange, wie sie es schon damals immer getan hat. Mit dem Unterschied, dass ich inzwischen kein kleines Kind mehr bin. Trotzdem würde ich mich gerade am liebsten in ihre schützenden Arme werfen, mein Gesicht in ihrer geblümten Schürze vergraben und vergessen, dass ich inzwischen erwachsen bin und für meine Entscheidungen geradestehen muss, egal, wie gut oder schmerzhaft sie sich auch anfühlen. Und Aron zu verlassen war nicht nur schmerzhaft, es war niederschmetternd.
»War es falsch, zu gehen?« Ein wässriger Film legt sich über meine Sicht, und ich blicke zu meiner Großmutter auf, deren Augen selbst an grauen Tagen wie diesen wie von der Sonne geküsst leuchten. Ich musste ihr nach meiner Rückkehr von Aron erzählen. Von seiner Lüge. Von meinem Herzschmerz. Und sie hat mir stundenlang zugehört, wie sie mir schon immer zugehört hat.
»Das kann ich dir nicht beantworten, Kindchen. Glaubst du denn, dass es richtig war?«
»Ich denke schon«, murmle ich. »Aber es fühlt sich so falsch an. Aron ist krank, sehr krank. Und ich habe ihn im Stich gelassen.«
»Weißt du, Lilly. Manchmal müssen wir jemand anderen für einen kurzen Augenblick im Stich lassen, damit wir uns selbst retten können. Du hast gerade erst deinen Bruder verloren. Natürlich will sich dein Herz vor einem weiteren Verlust schützen und sich so schnell wie möglich in Sicherheit bringen. Daran ist nichts verwerflich. Und nach allem, was du mir in den letzten Wochen von deinem Freund auf Island erzählt hast, wird er deine Entscheidung verstehen und respektieren.«
Ein Schluchzen bricht aus mir heraus, so wie die Wolken in dieser Sekunde aufbrechen und einen unerbittlichen Regen freigeben. Das Geräusch der Regentropfen, die auf das gläserne Dach des Wintergartens prasseln, ist irgendwie tröstlich. Ich habe es schon als Kind geliebt, dem Regen von hier bei seiner Magie zuzusehen. Im Trockenen zu sitzen und gleichzeitig das Gefühl zu haben, mitten im Regen zu sein.
»Vermisst du ihn?« Meine Großmutter hat sich inzwischen einen Knäuel roter Wolle geschnappt. Die Stricknadeln in ihren Händen bewegen sich so schnell, dass ich ihren Bewegungen kaum folgen kann.
»Es gibt keine Sekunde, in der ich ihn nicht vermisse.« Ihn und sein unbeschwertes, ansteckendes Lachen. Seine tiefgrünen Augen, die eine noch schönere Farbe haben als die Blätter von Omas Monstera-Pflanzen. Seine Küsse, seine Umarmungen, seinen Optimismus, und ich frage mich, wie er ihn überhaupt so lange aufrechterhalten konnte. Er hat trotz der Diagnose sein Lachen nicht verloren.
»Er erinnert mich an ihn«, flüstere ich und sehe dabei zu, wie Omas Hände etwas für die Ewigkeit erschaffen. Wolle, die eines Tages zu Kleidung wird. Kleidung, die jemanden warm hält und Geborgenheit schenkt. »An Luca, meine ich. Die beiden haben so viele Ähnlichkeiten und jetzt auch noch diese fiese Krankheit? Ich weiß nicht, ob ich ihn je wieder ansehen kann, ohne zusammenzubrechen.«
»Manchmal müssen wir zusammenbrechen, Lilly. Damit wir im Anschluss wieder heilen können. Vielleicht werden wir danach nicht mehr derselbe Mensch sein, doch wir werden stärker sein. Echter. Ich will dir nicht sagen, was du tun sollst. Du bist alt genug. Aber ich rate dir, in dich zu gehen und auf dein Herz zu hören. Es kannte schon immer den richtigen Weg.«
»Danke«, flüstere ich und lehne meine Stirn gegen ihre. Eine Weile sitzen wir schweigend in Omas Wintergarten. Dieses Haus, dieses Grundstück, alles ist voll von Luca und seiner Abwesenheit. Und ich bin verzweifelt auf der Suche nach jedem Fleck Erde, der mich ihm wieder nahe fühlen lässt.
»Ich gehe mal kurz raus, ja?«
»Natürlich, Kindchen. Aber nimm dir einen Schirm mit, sonst wirst du mir noch krank.«
»Mach ich, Oma.« Im Vorbeigehen schnappe ich mir einen rot-schwarz gepunkteten Regenschirm aus dem Ständer, öffne die Holztür des Wintergartens und trete in den Frühlingsregen. Er trommelt seine traurige Melodie, und ich genieße das Gefühl der wenigen Tropfen, die meine Haut trotz Schirm treffen. Wünschte, sie könnten all meine Zweifel einfach von mir waschen wie wasserlösliche Farbe. Als ich die Wahrheit über Aron erfahren habe, fühlte es sich an, als wäre ich mit schwarzer Tinte übergossen.
Der Boden unter meinen Füßen schmatzt, als ich zu dem kleinen Schuppen hinübergehe, der neben dem Haus steht und in dem Luca und ich so oft als Kinder gespielt haben. Sobald ich wieder im Trockenen bin, ziehe ich die Tür hinter mir zu und knipse das Deckenlicht an. Früher war das hier unsere Festung, unser liebstes Versteck. Wir haben in diesen vier Wänden große Pläne geschmiedet, lange bevor mein Bruder seine Diagnose bekam. Wir haben hier drin gelacht, wenn wir spielten, und geweint, wenn wir uns lautstark stritten. Wir haben gelebt. Zusammen. Als Zwillinge, als beste Freunde. Ich lasse mich auf den Boden des kleinen Schuppens gleiten und lehne mich gegen die kalte Steinwand in meinem Rücken.
»Ich vermisse dich unendlich«, wispere ich und sehe mich in dem diffus beleuchteten Schuppen um. Und als mein Blick an der Wand rechts neben mir hängen bleibt, lege ich eine Hand über mein Herz. Damals hat Luca diese Wand wie eine Art Tagebuch genutzt, um auf ihr niederzuschreiben,...




