Stankovic | Hadschi Gajka verheiratet sein Mädchen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 216 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm

Stankovic Hadschi Gajka verheiratet sein Mädchen


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-85365-345-6
Verlag: Verlag f. Sammler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 216 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 205 mm

ISBN: 978-3-85365-345-6
Verlag: Verlag f. Sammler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In seinem hiermit wieder verfügbaren Meisterwerk von 1910 hat der große serbische Heimatschriftsteller Borisav Stankovi? die überkommenen Sitten, die Kultur und den Menschenschlag des südlichen Serbien in der Zeit unmittelbar nach Ende der osmanischen Herrschaft verewigt. Die Geschichte entführt den Leser in die Gegend um die Bezirkshauptstadt Vranje, aus der auch der Autor selbst stammt, und schildert das faszinierende, teils dramatische Dasein eines Volkes im Spannungsfeld zwischen europäischem und orientalischem Kulturkreis, zwischen Sehnsucht nach der alten Sicherheit und Aufbruch in eine ungewisse Moderne. Die Hauptfigur Sofka, schöne Tochter einer über Generationen hinweg zur städtischen Elite zählenden Familie, wird aus Geldnot in die Sippe des aufstrebenden Bauern Marko verheiratet - ein Sinnbild für die Erweichung der alten Feudalgesellschaft gegenüber dem Ansturm des selbstbewussten Neuen.

Borisav Stankovi? (1876-1927) wurde durch seine realistischen Erzählungen und Romane über die althergebrachte Lebensweise und regionale Identität der Bevölkerung des südlichen Serbien berühmt.
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von Sladjanka Peric


Das vorliegende Werk von Borisav Stankovic hat seine Vorgeschichte. Es wurde unter dem Originaltitel „H?????? ???“ (dt.: „Unreines Blut“) im Jahr 1900 als Kurzgeschichte herausgebracht und anschließend in damaligen Zeitschriften als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Der Roman wurde im Jahr 1910 vollendet und aus Kostengründen um ca. 40 Seiten gekürzt gedruckt. Man glaubte damals, das Geld noch irgendwie beschaffen zu können, aber der Erste Weltkrieg hat dazu geführt, dass das Originalmanuskript verloren ging, sodass die Form der Erstausgabe bis heute beibehalten wurde.

Auch dem heutigen Leser werden das Leben sowie der Aufruhr in der Gesellschaft und der Familie zur damaligen Zeit anschaulich vor Augen geführt. Die Romanhandlung spielt um 1880, nachdem die Stadt Vranje, aber auch die umliegenden Gebiete von der Türkenbesatzung befreit worden sind. Gesellschaftliche Umwälzungen bringen auch neue Lebensweisen mit sich. Emporkömmlinge lösen eine Welle der Veränderungen aus: Sie kaufen Güter billig auf, auf denen sie vielleicht selbst einst als Knechte gearbeitet haben, um ihren Ehrgeiz zu stillen. Die „besseren“ Kreise der Stadt Vranje hatten dank Reichtum, Ansehen und Prestige ein enges Verhältnis zu den bisherigen türkischen Machthabern, den Begs; sie werden überrumpelt und sind nicht bereit, mit den Herausforderungen der neuen Zeit umzugehen. In der Erwartung, dass sich alles von selbst fügen werde, verlieren sie das Geld, die Macht und die Kraft, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Ihr Untergang vollzieht sich nicht nur auf der materiellen, sondern auch auf der biologischen Ebene.

Am Beispiel des Schicksals von Effendi Mita und dessen Familie zeichnet der Autor ein allgemeines Bild der Gesellschaft. Die Tochter Sofka ist innerlich wie äußerlich schön, aber sie spürt, dass ihr durch den Abzug der Türken und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen das Recht auf Liebe, Glück, Frieden und Anstand verwehrt wird. Der Originaltitel des Romans weist auf den moralischen und biologischen Untergang hin, dessen Ursache – bildlich gesprochen – im „unreinen Blut“ liegen soll. Das Unglück ist über Hadschi Trifun (christliche Gemeinschaften, die länger unter osmanischer Herrschaft standen, übernahmen mit der Zeit die Bedeutung von „Hadschi“: auch wer in das Heilige Land nach Jerusalem pilgerte, um das Grab Jesu Christi zu besuchen, bekam diesen Ehrentitel) auf seine Nachfahren (Effendi Mita, Sofka etc.) gekommen. Stankovics Werk ist ein psychosoziales Gesellschaftsdrama am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Es verdeutlicht den Durchbruch des Neuen ebenso wie den Verfall, die Hilflosigkeit und das Verschwinden des Alten sowie Aufstieg und Fortkommen derjenigen, die den Herausforderungen der neuen Zeit gewachsen sind. Die Lektüre ermöglicht es uns, die Vergangenheit besser und umfassender zu begreifen und bestimmte gesellschaftliche Strömungen zu verstehen. Historische Umstände – der Abzug der Türken – bringen viele Veränderungen in den sozialen Beziehungen. In Vranje geht buchstäblich die alte Welt unter. Der Roman verdeutlicht die Entfremdung und den Verfall an Leib und Seele auf. Die Befreiung von den Türken bringt mit den ehemaligen Dienern neue „Bosse“, die sich Häuser und Besitz aneignen, ihre bäuerliche, raue Herkunft jedoch nicht verleugnen können. Trotz des Geldes, das die alte und die neue Welt verbindet, gibt es keine gemeinsame Perspektive. Beide teilen das Schicksal des Verfalls und der Verdorbenheit, weil ihr Handeln mit den moralischen Prinzipien der Gemeinschaft unvereinbar ist. Beide Gruppen sind in sich geschlossen und akzeptieren nur schwerlich Entwicklungen, die zu besseren zwischenmenschlichen Beziehungen führen könnten. Effendi Mita und seine Familie wollen ihre Armut lindern, indem sie Sofka für eine große Summe Geld an den Sohn des reichen Bauern Marko verkaufen. Das ist inakzeptabel. Marko kauft Sofka für seinen Sohn Tomtscha, aber nicht nur für diesen, sondern auch für sich selbst, da es in diesen ländlichen Regionen eine Sitte gibt, wonach der Schwiegervater mit seiner Schwiegertochter eine sexuelle Beziehung führen darf. Damit prallen zwei inkompatible Kulturen aufeinander, was Opfer und Leid zur Folge hat. Nach der Hochzeit tritt Marko an Sofkas Gemächer, hat jedoch nicht die Kraft, hineinzugehen, um etwas so Unwürdiges zu tun. Stattdessen reitet er auf seinem Pferd über die Grenze und verunglückt dort. Mita hat sich ebenfalls als unwürdig erwiesen, indem er seine eigene Tochter verkauft hat, und somit ist auch er zum Untergang verurteilt – die beleidigende Art und Weise, wie er von Tomtscha das Geld verlangt und ihn als „Bauernlümmel“ beschimpft, erinnert ihn an seine eigene Herkunft, die ihn schmerzt. Tomtscha gibt Mita das Geld, lässt seine Maske fallen und wird zu dem, was sein Vater war – ein damals nur allzu verbreitetes Verhaltensmuster. Er quält und erniedrigt Sofka; aus ihr wird eine kalte, enttäuschte und frustrierte Frau. Ihre Kinder sind ein Beweis der seelischen wie körperlichen Verdorbenheit und des Verfalls, insbesondere ihrer zunehmenden Trunksucht. Neben Sofkas Schönheit verkümmern auch ihre Wünsche und ihre Sensibilität, welche außer ihr niemand zeigt, weil es sich nicht gehört und in der rauen Welt der reichen Bauern wie Marko, der mit seinem Geld alles kaufen kann, unpassend ist. Obwohl das Gleichnis vom „unreinen Blut“ in diesem Sinne eine komplexe Bedeutung offenbart, ist eindeutig, dass der biologische Verfall und die psychische Verelendung vor der materiellen kommen, diese sogar begünstigen und beschleunigen.

Borisav Stankovic hat die moderne Entwicklung der serbischen Literatur am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst, er hat die serbische Prosa, ihre Formen und die Ausdrucksmöglichkeiten Europa nähergebracht. Die serbische Literatur hat durch die Widersprüche und Qualen, Dorfhöfe und Holzzäune, Dampfbäder und Hochzeiten im Vranje des Romans an Europa angeknüpft. Jovan Skerlic, ein herausragender Literaturtheoretiker, und Jovan Ducic, ein berühmter Dichter und Diplomat, haben den Modernismus in Stankovics Werken hervorgehoben, was auf die Zeitlosigkeit seiner Kunst hinweist. Die Inspiration fand er in seiner eigenen Geburtsstadt Vranje, und sein Roman über die unheilbeladene Sofka hat sich aus einem Gespräch mit dem berühmten dortigen Rechtsanwalt Aleksandar Ristic ergeben. Stankovic hat ihm anvertraut, wie er sich das zweistöckige Haus aus Sofkas Kindheit vorstellte:

„Falls du dich noch daran erinnern kannst: Als wir noch Kinder waren, gab es im Hof ein zweistöckiges Haus mit breiten Weinreben, welche den blau bemalten Hausabschnitt hinaufkletterten. Damals konnte man sehen, dass es sich um ein wohlhabendes Haus handelte, in dem jedoch wenig Leben zu sehen war. Das war wie ein Geheimnis für mich. Dieses Haus habe ich mir so in etwa als Sofkas Haus vorgestellt.“

Das war der erste Impuls für Stankovics Werk. Die künstlerische Umsetzung dauerte lange, und nach der ersten Fassung, die 1900 in der Großstadt Niš in der Zeitschrift „Gradina“ („Der Garten“) veröffentlicht wurde, kam es zu zahlreichen Ausbesserungen und Änderungen. Wie bereits am Anfang erwähnt musste Stankovic aus finanziellen Gründen das Ende des Romans für die Druckausgabe um 30 bis 40 Seiten kürzen – er vertraute jedoch dem Leser, selbst aktiv zu werden und das Weltbild und den Sinn des Romans zu erkennen. Besonders auffällig ist, wie authentisch der Roman das Leben im Serbien des auslaufenden 19. Jahrhunderts, die Gesellschaft in Vranje zur türkischen Zeit und nach der Befreiung darstellt. Der Autor hat das Leben der altertümlichen Figuren schriftstellerisch überformt: Wie in einer Linse gebündelt wird die universale literarische Problematik dargestellt, die Figuren sind verletzlich, leben und sterben mit der Erkenntnis, dass der Mensch nur für Trauer und Leid erschaffen wurde. Man vernimmt das Echo der Stimmen der modernen menschlichen Zweifel, der Wünsche und Forderungen. Die Figuren sehnen sich nach Schönheit, Lebenssinn und persönlichem sowie familiärem Glück, welches ihnen jedoch entgleitet und Unglück und Enttäuschung verursacht. Man könnte sagen, dass auf diese Art und Weise enge Beziehungen zwischen früheren und zukünftigen Generationen entstehen. Durch das künstlerische Formen seiner Figuren stellt Stankovic Fragen über die Rätselhaftigkeit der menschlichen Seele und ihre Existenzprobleme, die Freiheit und die Wege zu persönlichem Glück und Zufriedenheit.

Stankovic selbst wurde am 22. März 1876 in Vranje in eine Schusterfamilie geboren. Er verlor früh seine Eltern und wurde in der Folge von seiner Großmutter Zlata erzogen und ausgebildet. Ausgerechnet sie weckte mit ihren Erinnerungen und Erzählungen in Stankovic das Interesse und die Liebe für die Vergangenheit der Familie und des...


Stankovic, Borisav
Borisav Stankovic (1876–1927) wurde durch seine realistischen Erzählungen und Romane über die althergebrachte Lebensweise und regionale Identität der Bevölkerung des südlichen Serbien berühmt.



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