E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Stanton Hitchcock Deine Schuld wird nie vergeben
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-169-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-96655-169-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jane Stanton Hitchcock, in New York geboren und aufgewachsen, ist erfolgreiche Autorin von Bühnenstücken, Filmproduktionen und preisgekrönten Romanen. Neben dem Schreiben ist das Pokerspiel ihre große Leidenschaft: Jane Stanton Hitchcock nimmt regelmäßig an der World Poker Tour sowie den World Series of Poker teil. Bei dotbooks erscheinen ihre mörderisch guten High-Society-Romane »Park Avenue Killings« und »Park Avenue Murders«, sowie ihre psychologischen Spannungsromane »Deine Schuld wird nie vergeben« und »Das schwarze Buch«.
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Kapitel 1
Auf dem Schild an meiner Tür steht: TROMPE-L'ŒIL, INC. Ich verkleide jeden geeigneten Untergrund mittels illusionistischer Malerei, und das zu einem annehmbaren Preis. Zur Auswahl biete ich Imitate – Marmor, Holz, Schildpatt, Bambus – und architektonische Effekte wie Nischen, Säulen, Fenster oder Türen. Ich kann einen Raum mit Tieren, Vögeln und Menschen bevölkern oder ihn auflockern mit Girlanden, Festons, Wolkenhimmel. Ich möchte den Betrachter auf unterhaltsame Weise dazu bringen, aus der Realität herauszutreten, um sich, und sei's auch nur für einen Augenblick, einzulassen auf den Zauber der Illusion.
Mein Beruf erfordert Augenmaß und Akkuratesse, vor allem aber eine ruhige Hand. Ich kleckse nicht wahllos unbehandelte Leinwand in Bettlakengröße mit Farben voll. Die Kunst ist für mich kein Mittel zur Selbstfindung, weshalb ich auch nicht herumsitze und auf Inspirationen warte. Ich schiele weder nach Ruhm noch nach Unsterblichkeit. Ich übe ein Handwerk aus, und ich bemühe mich Tag für Tag, gute Arbeit zu leisten. Mit der Anonymität habe ich mich abgefunden. Ich bin vielleicht nicht glücklich, aber doch zufrieden.
Ich heiße Faith Crowell, bin neununddreißig Jahre alt und, um es mit einem Wort zu sagen, das meinem etwas verschrobenen Faible fürs Archaische und Anachronistische entgegenkommt, eine alte Jungfer. Ich habe nie geheiratet, auch wenn ich einmal so nahe dran war, daß ich schon das Brautkleid gekauft hatte. Aber das ist eine andere Geschichte. In der Dämmerung, auf dem Heimweg in eine leere Wohnung, habe ich mitunter schon daran gedacht, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn diese Hochzeit stattgefunden hätte. Aber sobald ich dann zu Hause bin, geborgen zwischen Chintz, Katze und Nippes, dem bevorzugten Ambiente alleinstehender Frauen in der Großstadt, ist die Welt gleich wieder in Ordnung. Ich koche mir was Leichtes, genehmige mir ein Glas Wein und lese, bis ich über meinen Träumen einschlafe.
Punkt sieben stehe ich auf. Einen Wecker brauche ich nicht, denn Regelmäßigkeit ist immer noch die beste Weckuhr. Nach einem leichten Frühstück nehme ich ein Bad, ziehe mich an und stelle der Katze ihr Futter raus. Spätestens Viertel nach acht bin ich auf dem Weg ins Atelier.
Mein Atelier liegt im dritten Stock eines bescheidenen, kommunal vermieteten Brownstones, eines dieser typischen New Yorker Reihenhäuser mit rötlichbrauner Sandsteinfassade. Von meiner Wohnung sind es nur zehn Blocks bis dorthin, und frühmorgens, wenn die Passanten noch zielstrebig und energiegeladen wirken, gehe ich das kurze Stück gern zu Fuß. Ich sehe tagein, tagaus die gleichen Leute – Ladenbesitzer, Pflegekräfte, Pendler. Manchmal erkennt man sich und nickt einander freundlich, aber wortlos zu, was ich sehr angenehm finde.
Von den anderen Mietern im Haus bekomme ich nur selten jemanden zu Gesicht. Und trifft man sich doch einmal auf der Treppe, dann grüße ich ihn oder sie prinzipiell sehr freundlich. In einer Stadt wie New York City schaut man nicht spontan beim Nachbarn vorbei, um eine Tasse Zucker zu borgen oder einen Kaffee zu trinken, und deshalb habe ich kaum Kontakt zu meinen Mitbewohnern – was mir ebenfalls sehr angenehm ist.
Ich wohne in der City, weil ich hier meine Arbeit habe, aber ich könnte ohne weiteres auf dem Land leben, und irgendwann möchte ich auch rausziehen. Bis es soweit ist, zehre ich von der Vorfreude. Mein Leben, das ist meine Arbeit und ein paar Freunde. Ich bin ziemlich abgekapselt, ja, aber wenn man bedenkt, wie es heute überall auf der Welt gärt und die Neurosen wuchern, geht es mir eigentlich recht gut, finde ich.
Vor ein paar Jahren hatte ich einmal eine Phase, wo ich mitten in der Nacht ohne ersichtlichen Grund aufwachte und einfach nicht wieder einschlafen konnte. Fiebrige Angst wütete in meinen Eingeweiden, indes ich über die Sinnlosigkeit des Lebens – insbesondere meines eigenen – nachgrübelte. Irgendwann stand ich auf und wanderte im Zimmer herum, bis ich mich im Halbdunkel an den Spiegel heranpirschte und ihn fragte, wer dieses furchtgeplagte Wesen mit dem irren Blick, das er zeigte, eigentlich sei. Wenn es endlich hell wurde, fühlte ich mich alt wie der Tod. Meine Technik ließ nach. Das Geschäft ging den Bach runter. Eines Tages mußte ich die Arbeit ganz aufgeben. Für das nervöse, das sogenannte Künstlertemperament ist in der Trompe-l' œil-Malerei kein Platz.
Zum Glück dauerte dieses Tief nicht ewig. Es brauchte seine Zeit, aber irgendwann berappelte ich mich wieder. Und ich stellte keine zu hohen Erwartungen mehr an das Leben. Statt dessen fing ich an, meine Zeit hier auf Erden als Etappe einer langen Reise zu betrachten und mich selbst als eine Art Transitpassagier. Fortan nahm ich die Kapriolen und Enttäuschungen des Lebens hin, wie ein geübter Globetrotter die Unannehmlichkeiten und Überraschungen wegsteckt, die ihm unterwegs zugemutet werden.
Ich begann wieder zu malen. Zu meiner Überraschung hatte meine Technik nicht ernsthaft gelitten; im Gegenteil, meine Arbeit hatte eine neue Tiefendimension gewonnen. Das fiel auch anderen auf, und bald konnte ich mich vor Aufträgen kaum noch retten. Heute geht mein kleines Trompe-l' œil-Geschäft sehr gut, wobei ich natürlich auch von dem gängigen Trend des »Mehr scheinen als sein« profitiere.
Meine Kunden kommen in der Regel nicht zu mir ins Atelier. Meistens bespreche ich die Aufträge telefonisch mit einem Innenarchitekten. Ich war daher ziemlich überrascht, als an einem ungewöhnlich warmen Aprilnachmittag die Türklingel ging und auf meine Frage, wer denn unten sei, eine Stimme über die Sprechanlage antwortete: »Frances Griffin wünscht Miss Crowell zu sprechen.«
Jeder, der auch nur im geringsten in der Kunstszene bewandert war, kannte den Namen Frances Griffin. Sie und ihr verstorbener Gatte, Holt Griffin, hatten damals, als der Markt noch reich war an wertvollen Bildern und Antiquitäten, eine bedeutende Sammlung aufgebaut. Die Griffin Collection, die zu den ersten des Landes gehörte, war in den beiden Jahrzehnten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, als der internationale Kunstmarkt noch nicht durch verschärfte Ausfuhrbestimmungen geknebelt wurde. Nach Holt Griffins Tod stiftete seine Witwe viele ihrer Bilder bedeutenden Museen, darunter den schönsten noch in Privatbesitz befindlichen Tizian. Die Griffins und ihre Sammlung waren jedem, der sich nur im mindesten für Kunst interessierte, ein Begriff.
Holt Griffin, Sproß einer alteingesessenen und vermögenden New Yorker Familie, hatte sich, anders als die meisten seines Standes, durch langjährige Tätigkeit im diplomatischen Dienst selbst einen Namen gemacht. Zufällig wußte ich auch, daß sein Vermögen ursprünglich aus der Fabrikation von Kanaldeckeln stammte und später in Immobiliengeschäfte investiert worden war. Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte Holt Griffins Urgroßvater Elias Holt eine Eisenhütte gegründet, die in erster Linie jene schweren grauen Metallplatten produzierte, mit denen die Abwasserkanäle von New York gesichert wurden. Ich habe mir das gemerkt, weil ich eine Schwäche für solche Details habe – pikante, belanglose Klatschgeschichten, die zu rein gar nichts nütze sind, außer als bunte Tapete für den grauen Alltag.
Das Vermögen stammte zwar von Holt Griffin, aber den Kunstverstand, den besaß Frances Griffin, die Frau, die eben jetzt meine drei Treppen hinaufstieg. Der Aufbau der Griffin Collection galt allgemein als ihr Verdienst. Sie war eine jener legendären Gestalten, die mit ihrem untrüglichen Sinn für Stil und Geschmack selbst in besten Kreisen Ehrfurcht wecken. Sonst wußte ich nicht viel über sie, außer, daß Mrs. Griffin, die vormals, als gefeierte Sammlerin, ein großes Haus geführt hatte, jetzt sehr zurückgezogen lebte und einen sprichwörtlichen Horror vor Partys, Publicity und Publikum bekundete.
Ich ging hinaus auf den schäbigen Flur und sah sie die Treppe heraufkommen – eine schlanke, auffallend gut angezogene Frau mit mädchenhafter Ausstrahlung und beschwingtem Gang. Ihre Augen blickten klar und wißbegierig aus einem großporigen, aber gleichwohl hübschen Gesicht. Sie mußte Anfang bis Mitte Siebzig sein, was man ihr aber nicht ansah. Nein, sie sah fabelhaft aus für ihr Alter, nur wirkte sie, wie viele reiche Leute, ein kleines bißchen unecht. Ihre makellose Kleidung, die damenhafte Zurückhaltung und die Selbstverständlichkeit, mit der sie die gesprungenen Treppenstufen, die abblätternde Farbe und den penetranten Geruch im Flur überging, erinnerten an den guteinstudierten Auftritt einer Filmdiva.
»Guten Tag, meine Liebe«, sagte Mrs. Griffin und streckte mir, kaum, daß sie den Treppenabsatz erreichte, eine spitz zulaufende, diskret manikürte Hand entgegen. »Ich bin Frances Griffin.«
»Sehr erfreut, Mrs. Griffin. Ich bin Faith Crowell.« Ich merkte selbst, daß meine Stimme respektvoll um eine Oktave gesunken war.
Sie trug ein elegantes zartgrünes Wollkostüm mit passendem Hut; in der Hand hielt sie weiße Glacéhandschuhe und eine schwarze Lackledertasche. Ihre auffallend kleinen Füße steckten in schlichten Lackpumps mit niedrigem Absatz. Eine Goldbrosche, besetzt mit grünen und rosa Peridoten, die einen Fisch darstellte, prangte an ihrem rechten Jackenaufschlag.
Ich bat sie in mein Atelier, und als ich ihr eine Tasse Tee anbot, nickte sie freundlich. Wir saßen, ziemlich ungemütlich, auf zwei der zwölf vergoldeten Ballsaalstühle, die ich diese Woche auf Bambus trimmen wollte.
»Ich habe mir sagen lassen, Miss Crowell«, begann sie, »daß Sie sehr gut sein sollen in Ihrem Metier.« Ihre Stimme hatte den leicht aristokratischen Akzent der New Yorker Anrainerstaaten.
Ich bedankte mich, und da ich nichts von...




