E-Book, Deutsch, 150 Seiten
Starke Sie sollten doch nur tanzen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-929656-37-4
Verlag: Verlag Christoph Kloft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman aus Koblenz und dem Westerwald
E-Book, Deutsch, 150 Seiten
ISBN: 978-3-929656-37-4
Verlag: Verlag Christoph Kloft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerhard Starke, Kriminalhauptkommissar a. D., 1962 Eintritt in den Polizeidienst in Rheinland-Pfalz. 1971 Wechsel zur Kriminalpolizei. Ab 1972 33 Jahre lang Mitglied der Mordkommission in Koblenz. Mitverfasser von fünf Büchern, Tötungsdelikte aus seiner aktiven Zeit. Fernsehauftritte bei XY ungelöst ZDF, Dokumentationsfilme bei ZDFinfo, Kommissare Südwest SWR, Fahndungsakte, Planetopia und Spurenleger SAT1, Podcasts bei Stern-Crime und RTL.
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Kapitel 8
Die langgezogenen Steinstufen entlang des großen Bahnhofsplatzes waren beliebte Sitzgelegenheiten. Die großzügig angelegte, wie polierte Fläche forderte geradezu heraus zum Rollen, Tollen und Spielen. Besonders jetzt, am frühen Samstagabend, wurde der Platz von jungen Familien genutzt, fuhren doch viel weniger Busse ihren großen Wendekreis entlang der gläsernen Haltestellen.
Mitten unter den plaudernden Eltern saß Marla, mit tief in die Stirn gezogener Schirmmütze und dunkler Sonnenbrille. Es war das erste Mal seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, dass sie sich in die Öffentlichkeit wagte. Die Wohnung ihrer Tochter hatte sie bisher höchstens verlassen, um Brötchen zu holen. Wohin sollte es sie auch ziehen? Die nahe Grünanlage entlang des Rheinufers war tabu – dort hatte sich ihr Peiniger aufgehalten, und zum Autofahren war sie noch viel zu nervös.
Ihr Blick hinter den dunklen Gläsern zuckte ständig in alle Richtungen. Er konnte überall sein.
Acht Tage waren nun vergangen, und trotz steter Überwachung seiner Wohnung und seiner Konten hatte die Polizei noch keinerlei Anhaltspunkt, wo dieser Harry Rauxer sich aufhielt. Vielleicht war er längst im Ausland, wahrscheinlicher war es jedoch, dass er ganz in ihrer Nähe war. Er hatte ein Ziel, das hatte seine letzte Nachricht auf Charlottes Handy sehr deutlich gemacht: Er war noch lange nicht fertig mit ihnen, besonders mit Alex. Doch bis jetzt hatte er noch nicht wieder Kontakt aufgenommen. Sie alle drei wussten nicht, woran sie bei ihm waren.
Ganz kurz erhob sich Marla, weil auch sie an diesem sonnigen Samstagabend ein Ziel hatte, doch noch fehlte ihr der Mut. Langsam ließ sie sich wieder auf der breiten Steinstufe nieder und widmete sich dem großen Joghurt-Früchte-Becher, den sie in der Nähe in einem Bistro erstanden hatte. Sie musste sich mit irgendetwas beschäftigen, musste so wirken, wie die Eltern und jungen Leute um sie herum.
Eine einzelne ungewohnte Windböe wischte über den Platz und erzeugte allgemeines Raunen und erstaunte Blicke zum Himmel, doch der zeigte sich wie in den gesamten letzten Wochen stahlblau und unbewölkt.
Auch Marla zog hier und da einen Blick auf sich, und jedes Mal senkte sie sofort den Kopf, als könne man ihr immer noch ansehen, was mit ihr geschehen war, wie jemand ihrem wahren Gesicht eine schmutzige hässliche Maske aufgesetzt hatte, ohne dass sie es hatte verhindern können.
Entgegen ihrer Verfassung musste sie plötzlich schmunzeln, als sie in der Nähe einen kleinen Jungen beobachtete, der hinter dem Rücken eines Mädchens dessen Barbiepuppe obduzierte und fasziniert mit seinen Speckfingern in sämtlichen Löchern der ausgekugelten Gliedmaßen herumstocherte. Doch umgehend verfinsterte sich Marlas Gemüt wieder, weil sie sich fragte, ob solches Verhalten schon jetzt einen potenziellen Frauenquäler heranzüchtete.
Marla grub ihre Fingernägel tief in ihre Handfläche, spannte vor Wut sämtliche Muskeln an: Was hatte dieser Psychopath ihr mit seinem kranken Spiel schon jetzt alles genommen – nicht einmal mehr an der erfrischend kindlichen Neugierde konnte sie sich erfreuen!
Natürlich hatten sie ihr psychologischen Beistand angeboten, doch sie hatte abgelehnt, weil sie niemandem zutraute, zum Kern ihrer Ängste vorzudringen und ihn zu zertrümmern. Sie wusste zwar selbst zur Genüge, wie wertvoll solche Unterstützung sein konnte, hatte jedoch Zweifel, dass das Zuhören und Zureden fremder Personen im Moment bei ihr selbst zum Erfolg führen würde. Am besten verdrängte sie jede Erinnerung, so gut es ging. Nichts antippen, denn dann geriet es wieder voll in Bewegung.
Die Tote ihrerseits hatte es versucht, hatte ihre Psyche beim Fachmann ausführlich entleert, um sich den alles entscheidenden Ratschlag zu holen, nicht aber von ihm, denn der machte keine Lösungsvorschläge, sondern von dessen Sprechstundenhilfe und ihrem Mann, dem Massagetherapeuten. Was hatte der Frau das aber letztlich gebracht? Hätten sie nicht beide ahnen müssen, welcher Gefahr sie sich in Anbetracht eines so unberechenbaren Ehemannes aussetzte, wenn sie von ihm fortging?
Das Gespräch mit ihrem Chef stand noch bevor. Daran durfte sie jetzt gar nicht denken. Sobald er aus seinem Urlaub zurückkam, würde er feststellen müssen, dass seine Praxis zu einem Tatort geworden war, an dem sich während seiner Abwesenheit zahlreiche fremde Menschen aufgehalten hatten. Er würde erfahren, dass sie, seine so vermeintlich zuverlässige und verschwiegene Mitarbeiterin, sich in seine Arbeit mit einer Patientin eingemischt hatte. Vermutlich würde er ihr die Stelle kündigen, doch wenn Marla ehrlich zu sich selbst war, würde sie diese Praxisräume um keinen Preis mehr betreten wollen.
Wie von einer unsichtbaren Feder angetrieben, sprang sie auf, ging zum nächsten Mülleimer, entsorgte ihren halb geleerten Joghurtbecher und beschloss, genau das zu tun, was sie heute Abend hierhergeführt hatte. Sie lief quer über den Bahnhofsplatz, merkte, dass sie in ihrer seelischen Erregung die falsche Richtung eingeschlagen hatte, machte kehrt und fand sich kurz darauf mit klopfendem Herzen vor einem Bus wieder, der sich soeben in Bewegung gesetzt haben musste und nun mehrmals hupte.
Der Fahrer gestikulierte wild und tippte sich gegen die Schläfe. Marla nickte ihm einsichtig zu, winkte zaghaft und setzte ihren Weg über die Fahrbahn mit weichen Knien fort. Aufpassen!, sagte sie sich, gib Acht auf dich, du tickst nicht ganz richtig zur Zeit!
Als sie sich noch einmal nach dem langsam davonfahrenden Bus umdrehte, nahm sie im breiten Rückfenster eine abfällig grinsende Grimasse unter einer Schirmkappe wahr, die eindeutig sie meinte, als sich wie zu einem warnenden Gruß eine Hand hob.
Wie in Trance stolperte Marla weiter, versuchte, sich einfach nur auf ihr eigentliches Ziel zu konzentrieren. War er das in dem Bus gewesen? Oder einfach nur ein Fremder, der ihm ähnlich sah? Jetzt hielt sie nichts mehr. Sie musste zu Alex.
Nicht umsonst hatte er sich gleich hier am Bahnhofsplatz, nahe der Hohenzollernstraße in einem Hotel einquartiert – er wollte schnell bei ihnen sein, wenn er gebraucht wurde. In der Nähe und doch auf Abstand. Und jetzt war sie es, die diesen Abstand missachtete, weil sie ausgemacht hatten, dass weder Charlotte noch sie sich dem Hotel nähern sollten. Er war eine Gefahr für seine Familie, das war ihnen allen wohl bewusst.
Einmal täglich schaute er bei ihnen vorbei, vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war, hätte zwar allzu gern Frau und Tochter in ganz anderer Umgebung untergebracht, doch da spielte Charlotte nicht mit.
„Hier wohne ich, hier bin ich Mieterin. Punkt. Wir passen schon auf, Papa“, hatte sie versucht, ihn zu beruhigen. Als Marla nun vor dem Eingang des Hotels stand, verließ sie jeglicher Mut. Ihr Mann würde nicht erfreut sein über ihr unvermutetes Auftauchen. Falls er denn überhaupt da war.
Sie wusste sogar seine Zimmernummer, hatte zugehört, als er sie ihrer Tochter genannt hatte. Doch jetzt empfand sie sich als unerwünschte Besucherin, zumindest, wenn sie sich direkt vor seine Tür begab.
So blieb sie lieber draußen stehen, blickte an der Fassade empor und holte ihr Handy aus der Tasche der ärmellosen dünnen Weste, die sie über ihren blauen Leggings trug. Das Handy war neu. Und so gut wie leer. Ihr eigentliches Smartphone hatte Alex konfisziert, es sogar am Ort der Entführung wohlweislich der Polizei vorenthalten. Er hatte es selbst untersuchen wollen und befürchtet, man würde es einbehalten und ihnen gingen wertvolle Daten durch die Lappen. Hinweise, die vielleicht für sie von großer Bedeutung sein könnten. Doch ebenso konsequent hatten er und Charlotte beschlossen, dass Marla eine neue Nummer brauchte, somit keinerlei Möglichkeit mehr für den Entführer, sich ihr auf diese Weise mitzuteilen.
Dass Vater und Tochter ihre eigenen Nummern beibehielten, blieb unausgesprochen selbstverständlich. Weil immer noch eine Drohung im Raum stand, vielmehr: jetzt erst recht! Und da durfte nichts an ihnen vorbeigehen, das womöglich Hinweise auf eine Gefahr oder den Verbleib Harrys gab.
So konnte Marla derzeit nur wählen zwischen drei Kontakten: dem ihres Mannes, ihrer Tochter und ihrer Freundin Bärbel, bei der sie nach ihrer Trennung für eine Weile untergeschlüpft war, um sich klarzuwerden, wohin ihr Leben führen sollte. Zuverlässig, wie ihre Freundin war, hatte sie Marla verleugnet, als Alex sich einmal ratlos bei ihr nach Marlas Verbleib erkundigt hatte. Doch in Anbetracht der ganz neuen Situation hatte selbst Alex befürwortet, dass Marla gerade jetzt den Kontakt zu ihrer besten Freundin Bärbel aufrecht hielt.
Marlas Blick glitt noch einmal verhalten über die Fassade des Hotels, dann gab sie sich einen Ruck und tippte Alex' Nummer an. Er meldete sich sofort. „Marla? Was ist los?!“
„Nichts Besonderes“, sagte Marla leise. „Ich stehe vor deinem Hotel. Ich dachte … wir sollten reden, wir beide ...“
Sie konnte sein folgendes Schweigen förmlich hören: „Verdammt, wir hatten doch ausgemacht, dass du hier wegbleibst!“
Doch er sagte: „Okay. Warte, ich komm runter. Geh du schon rein … “
„ ... damit du wenigstens aus der Schusslinie bist“, ergänzte Marla in Gedanken, steckte ihre Sonnenbrille auf den Schirm ihrer Kappe und trat durch die Eingangstür.
Kurz darauf kam Alex auf sie zu gehastet, und der vertraute Anblick des alten Shirts wie auch seine verstrubbelten dichten Haare und der vier- bis fünf-Tagebart verpassten Marla einen Stich in der Magengegend. Sie ahnte, wie lange er dieses Oberteil schon an- und aus- und wieder angezogen hatte und wusste, dass er nach Alex roch, wenn sie...




