E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Starling Die leuchtenden Toten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86552-905-3
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
ISBN: 978-3-86552-905-3
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Caitlin Starling erster Roman 'The Luminous Dead' gewann den LOHF Best Debut Award und wurde für mehrere weitere Literaturpreise nominiert (u.a. Bram Stoker Award und Locus Award). Sie ist immer auf der Suche nach Gelegenheiten, um den Schlaf zu vermeiden. Webite: www.caitlinstarling.com
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1
Sie war noch nie so tief hinabgestiegen.
Gyre wand ihren gepanzerten Körper einen weiteren Zentimeter in die Felsspalte hinein und manövrierte dann ihre Tasche mit der Ausrüstung hinter sich her. Die Panzerung der Rückseite ihrer Wade schabte über den Stein, und das Geräusch ließ sie zusammenzucken. Niemand hatte sie gewarnt, dass die Öffnung zum unteren Höhlensystem so schmal war – oder so leer. Genau genommen hatte sie auch sonst kaum eine Vorwarnung oder Vorbereitung bekommen. Sie war zu begierig darauf gewesen, unter die Oberfläche zu gelangen, um sich zu fragen, ob es nicht mehr hätte geben sollen als die knappe Einführung, die sie bekommen hatte.
Dennoch, als sie sich für die Expedition gemeldet hatte, war sie von drei Dingen ausgegangen:
Erstens, dass es ein Team gab, das ihr zur Seite stand, aus der Ferne die Ablesungen ihres Anzugs beobachtete, ihr wenn möglich Karten zur Verfügung stellte und ihr im schwächer werdenden Licht Gesellschaft leistete, während sie in die Tiefe hinabstieg.
Zweitens, dass sie durch ein riesiges Bohrloch in ein Bergbau-Camp absteigen und dort Pause machen würde, bevor sie sich tiefer in den Untergrund vorarbeitete.
Und drittens, dass der Geldbetrag, den man ihr geboten hatte, Rückschlüsse darauf zuließ, wie durchdacht und aufwendig die Expedition wäre.
Und doch befand sie sich nun ganz allein hier in einer winzigen Felsspalte an einer unbekannten Stätte, und die Lautsprecher ihres Helms blieben stumm.
»Hier Caver«, meldete sie zum fünften Mal. »Ich wüsste Kontaktaufnahme wirklich zu schätzen, Basis.«
Zum fünften Mal erhielt sie keine Antwort. Die einzigen Geräusche waren ihr eigener Atem im Innern des Helms, das weich pulsierende Warnsystem, das vor ihrem Gesicht angezeigt wurde, und das Ächzen ihres Anzugs, der sich gegen den Fels stemmte, als sie ihr Rückgrat verdrehte, um sich ein paar weitere Zentimeter voranzuarbeiten.
Gyre hielt inne, stemmte sich gegen die gekrümmte Wand der Spalte. Vielleicht sollte sie zurück. Vielleicht funktionierte ihr Anzug nicht richtig. Als er ihr im Krankenhaus angepasst wurde, hatte sie die reguläre, zweimalige Überprüfung aller Systeme durchlaufen, inklusive der Kommunikationsübertragung. Dort war noch alles in Ordnung gewesen, und da sie ein Jahr lang anderen Höhlenkletterern in ähnliche Anzüge hineingeholfen hatte, war sie sicher, dass alle Systeme fehlerfrei liefen. Aber sie war nicht lebensmüde, und ohne Verbindung weiterzugehen wäre Selbstmord. Ihr Blick huschte erneut über die Anzeigen in ihrem Anzug.
Alles normal.
Dennoch wandte sie sich an die Leere und meldete: »Ich befürchte langsam, der Anzug ist durch. Bereite mich auf Abbruch vor.«
Endlich kam eine Reaktion aus den Lautsprechern in ihrem Helm. »Negativ. Nicht abbrechen. Caver, gehen Sie weiter.« Die Stimme klang weiblich, knapp und bestimmt. Vor allem aber klang sie echt – keine rechnergestützte Antwort.
Na, immerhin eine Reaktion. Gyre verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln. »Roger«, murmelte sie und schob sich einige Zentimeter weiter hinab.
Nach etwa einem weiteren halben Meter wurde die Spalte abrupt breiter, und Gyre stolperte aus der Enge hinaus, begann aus Reflex, sich den Staub abzuklopfen. Aber da schabte lediglich Carbon-Polymer auf Carbon-Polymer, als frustrierende Erinnerung daran, dass sie in den kommenden Wochen – oder gar Monaten – nicht in der Lage sein würde, ihre eigene Haut zu spüren oder etwas zu ertasten. Sie schüttelte den Kopf.
Anfängerin.
Der Anzug war ihre neue Haut, voller Sensoren und unterstützender Funktionen. Er dämpfte ihre Körperwärme und verstärkte ihre auch so schon kräftigen Muskeln mit einem ausgeprägten Exoskelett, das darauf ausgerichtet war, das Klettern so natürlich wie möglich zu halten. Sie würde den Helm nicht einmal zum Essen oder Schlafen abnehmen. Ihr Dickdarm war verlegt worden, um Abfallstoffe so zu sammeln, dass sie leicht entfernt werden konnten, und vor zehn Tagen war ihr durch die Bauchdecke eine Magensonde implantiert worden. Ein Zugang auf der Außenseite des Anzugs konnte mit Nahrungsbehältern verbunden werden. Jegliche flüssigen Ausscheidungen würde der Anzug wiederverwerten, während feste Exkremente komprimiert und auf die Umgebungstemperatur heruntergekühlt wurden, um dann entweder von ihr mitgenommen oder unterwegs zwischengelagert und auf ihrem Rückweg eingesammelt zu werden. Alles war sorgfältig und umfassend gestaltet, um sie vor … Dingen in der Höhle zu schützen.
Und währenddessen würden ihre Betreuer ihre Vitalwerte im Blick behalten und ihre Umgebung für sie inspizieren und vermessen. Gyres Aufgabe bestand darin, sich vorwärtszubewegen, zu klettern und die Höhle zu erforschen; die Aufgabe ihrer Betreuer war es, das alles zu dokumentieren.
»Caver, gehen Sie weiter«, wiederholte die Frauenstimme von vorhin.
Gyre machte ein finsteres Gesicht, richtete sich dann auf und sah sich in der Höhle um. Ihr Anzug verwendete eine Kombination aus Infrarot- und Echolot-Impulsen, um die Topografie ihrer Umgebung abzulesen und abzubilden, sie als gut ausgeleuchtete, aber farblose Szene auf dem Bildschirm vor ihr darzustellen. Im Notfall ließe sich diese Rekonstruktion abschalten und stattdessen ein Licht einschalten, aber es war nicht ratsam, eine Lampe brennen zu lassen, die Hitze abstrahlte und die Aufmerksamkeit der kalten Dunkelheit unten in den Höhlen auf sich zog.
Es gab schließlich einen guten Grund dafür, dass Höhlenkletterer ausreichend Geld verlangen konnten, um nach zwei, vielleicht drei Gängen in der Lage zu sein, die Welt zu verlassen.
Zu viele Caver überlebten nicht lange genug.
Und das war nur einer der vielen Gründe, wieso Gyre es mit einem einzigen Höhlengang schaffen würde.
»Gehe weiter«, meldete sie, hielt aber zunächst inne, um diesen Ort richtig wahrzunehmen. Die Decke wölbte sich hoch über ihr, der Untergrund war eben und trocken. Aus weiter Ferne glaubte sie Wasser zu hören. Auf der Oberfläche herrschte beinahe konstant Dürre, seit sie ein Kind war, aber durch die meisten der tiefen Höhlen in dieser Gegend floss nach wie vor Wasser. Sie wurden regelmäßig geflutet, wenn die brutalen, plötzlichen Stürme kamen, die Siedlungen zerstörten und den Mutterboden sowie Bauwerke auf der Oberfläche hinwegschwemmten. Dies war das erste Mal, dass sie selbst eine so tief gelegene Kammer betrat.
Es war wunderschön.
Es war außerdem nervenaufreibend.
Sie arbeitete sich bis zu einer Markierung vor, die auf ihrem Blickfelddisplay aufblinkte, kraxelte eine breite Naturtreppe hinunter, ihren Seesack voller Ausrüstung und Nahrungsmittel über die Schulter geschlungen.
»Wo ist die Mine, Basis?«, fragte sie, als sie über einen der tieferen Abhänge hinabglitt und im aufgewirbelten Staub landete. »Ist das hier Neuland oder nur ein neuer Zugang?« Die Basis blieb natürlich wieder stumm.
Vielleicht war das ja normal. Von den erfahrenen Kletterern, mit denen sie gesprochen hatte, hatte sie nie etwas über schweigsame Support-Teams gehört, aber sie hatte ja auch keinen Zutritt zu den Kommandoräumen über Tage gehabt. Das Problem war, falls dieses Vorgehen tatsächlich normal war, erwartete das Team, dass sie das wusste.
Denn die wussten ja nicht, dass es ihr erstes Mal hier unten war.
Gyre erreichte den Rand eines weiteren, tieferen Absatzes. Ebenso wie bei den fünf, die sie hinabgestiegen war, um zu der schmalen Felsspalte zu gelangen, befanden sich auch hier ein Anker am oberen Rand sowie ein frisches Seil von guter Qualität, das nach unten führte. Hier waren bereits andere Kletterer gewesen, und das erst vor Kurzem.
»Basis, ich bitte um eine Suche über Tage«, meldete sie, während sie das Seil in Augenschein nahm. »Bestätigen Sie, dass sich keine weiteren Caver vor mir befinden. Ich sehe Anzeichen von …«
»Es gibt keine Mine und auch keine anderen Caver«, schnitt ihr die Frau das Wort ab. »In Erwartung Ihres Abstiegs wurden Ausrüstung bereitgestellt und Zwischenlager eingerichtet.«
Na gut. Dass es keine Mine gab, war nicht ideal, aber auch nicht beispiellos; ihr Boss suchte offenbar lediglich nach Ablagerungen in neuen Bodengebieten und schickte die Leute einen nach dem anderen hinunter. Das war dieser Tage nicht üblich, weil der Großteil des Landes bereits durchsucht worden war, aber bei einer solchen echten Expedition waren im Vorfeld bestückte Zwischenlager eine gute Idee. Wenn man die Bezahlung für diese Mission und die Qualität ihrer Ausrüstung bedachte, handelte es sich offensichtlich um ein hochrangiges Vorhaben, und doch …
Und doch konnte sie bisher nur eine Person sicher im Supportraum wissen, und die Techniker, die geholfen hatten, ihren Anzug zu justieren, waren weder gesprächig gewesen noch hatten sie das Logo eines der großen Bergbaukonzerne getragen. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass diese Expedition von einer Einzelperson geleitet wurde, und damals hatten das Geld und die Qualität der Ausstattung alle anderen Aspekte in den Schatten gestellt. Sie waren es wert gewesen, ihre Referenzen hier und da zu fälschen, um als felderprobt dazustehen. Sie waren es wert gewesen, eine Chirurgin anzuheuern, die ihre Gedärme für einen Monat umleitete – etwas, das sie sich eigentlich nicht leisten konnte, aber die Bezahlung für diesen Job würde das locker abdecken –, nur damit sie die passenden Narben vorweisen konnte, wenn die für die Expedition zuständigen Ärzte sie...




