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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Stauss Höllenritt Wahlkampf
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-38461-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Insider-Bericht
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-38461-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Stauss gehört zu den bekanntesten Kommunikations- und Politikberatern Deutschlands und hat schon viele Titel verliehen bekommen: "Guru" (Handelsblatt), "Magier" (Süddeutsche Zeitung) oder "Die Macht im Hintergrund" (STERN). Der Autor des SPIEGEL-Bestsellers "Höllenritt Wahlkampf - Ein Insider Bericht" ist gefragter Medienexperte für politische Kommunikation und war unter anderem zu Gast bei Maybrit Illner, Markus Lanz, Tagesthemen, Heute Journal und zahlreichen weiteren TV-Formaten. Der Diplom-Politologe studierte Politische Wissenschaften in Heidelberg und Berlin sowie als Stipendiat der renommierten Fulbright-Kommission in Washington, D.C. Seine Karriere als Wahlkämpfer begann Frank Stauss in der Clinton/Gore-Kampagne und prägte seither über 30 Wahlkämpfe in Deutschland - unter anderem für Gerhard Schröder, Malu Dreyer, Klaus Wowereit, Peter Tschentscher und Olaf Scholz - sowie für ÖVP und SPÖ in Österreich. Mit seiner Firma, der Richel, Stauss GmbH in Berlin, berät Frank Stauss Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik und Verbänden.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I
PANIK, EUPHORIE, MACHT UND UNTERGANG
WILLKOMMEN IM WAHLKAMPF
18. März 1990, Ostberlin, Hauptstadt der DDR
___Willy Brandt sitzt vor meinem kleinen Fernseher in einem
schäbigen Warteraum des abbruchreifen »Saalbau Friedrichshain« und erlebt die letzte Wahlniederlage seines Lebens. Vom Krebs gezeichnet hat er sich mit vollem Einsatz in die Kampagne zu der ersten und letzten freien Volkskammerwahl in der DDR gestürzt. Vergebens. Ich bin 25 und beschließe: Wenn ich eines im Leben richtig können will, dann Wahlkampf. Ich will nie mehr so einen Abend erleben, ohne alles dafür gegeben zu haben, dass er anders verläuft.
3. November 1992, Washington, D. C., Election Night, The Clinton/Gore Campaign
___Auf der Leinwand färbt sich der letzte noch benötigte Bundesstaat blau, die Farbe der Demokraten. Bill Clinton ist der 42. Präsident der Vereinigten Staaten und Al Gore sein Vize. Als George Bush seine Niederlage eingesteht, singt der Saal »Hit the road George and don't you come back no more no more no more no more …« Ich schreie mir mit meinen Kollegen aus der Kampagne die Seele aus dem Leib. Und mit uns Sigourney Weaver, Ben Kingsley und viele andere Stars. So fühlt sich siegen an. Davon will ich mehr.
11. September 2001, Berlin
___In New York brennt das World Trade Center und inmitten
dieses Schocks muss ich mit Klaus Wowereit und seinem Team darüber sprechen, wie unsere Kampagne darauf reagiert. In zwei Wochen wird gewählt und niemand weiß heute, ob morgen nicht auch Paris, London oder Berlin attackiert werden.
22. Mai 2005, Düsseldorf, Staatskanzlei
___Wir haben NRW verloren. Peer Steinbrück ist gefasst, als wir uns die Hand geben. Wenig später wird Franz Müntefering Neuwahlen zum Deutschen Bundestag ankündigen.
18. September 2005, Berlin, Willy-Brandt-Haus (WBH)
___Die SPD-Parteizentrale kocht. Hier findet eine Wahlparty statt, die niemand erwartet hatte. Bundeskanzler Schröder ist nur ein knappes Prozent hinter Angela Merkel ins Ziel gelaufen – und das nach ihrem zwischenzeitlichen Vorsprung von über 20 Prozentpunkten. Vor nicht einmal sechs Wochen war ich noch erschrocken, als ich Schröder im Kanzleramt die Kampagne präsentierte. Die Belastungen der letzten Monate hatten ihn deutlich altern lassen. Aber dann folgte die dramatischste Aufholjagd in der Geschichte der Republik.
26. März 2006, Mainz
___Die Grünen fliegen aus dem Landtag und damit hat Kurt Beck die absolute Mehrheit. Meine erste Absolute! Also eigentlich seine, aber egal jetzt. Yes!!!
27. September 2009, Bundestagswahl, WBH
___Eine gute Freundin der Nachrichtenagentur Associated
Press rauscht an mir vorbei und grüßt mich mit einem aufmunternden »Desaster«! Auf der Bühne kämpft Frank-Walter Steinmeier um sein politisches Überleben. In der ARD spricht ein Journalist vom »historisch schlechtesten Abschneiden der Sozialdemokratie«. Ein Kollege raunt mir zu: »Immerhin historisch – und wir waren dabei!«
21. Februar 2011, Colfosco, Dolomiten
___Ich fummle auf der Skipiste hektisch an meinem Anorak, um das Handy rauszuzerren. Olaf Scholz ist dran. In seinem typischen Understatement fragt er mich, ob ich denn mit dem Wahlergebnis zufrieden sei. Er hat gestern in Hamburg 48,4 Prozent und damit klar die absolute Mehrheit der Sitze geholt. Es war die perfekte Kampagne. So perfekt, dass ich am Samstag in Urlaub gefahren bin.
13. Mai 2012, Wien, Hofburg
___Hannelore Kraft erringt einen fulminanten Sieg in der vorgezogenen Neuwahl für NRW. Es war unsere zweite Kampagne für sie und sie dankt uns sogar live im ZDF. Leider sehe ich das nur im Livestream, denn wir sind schon im nächsten Wahlkampf. Morgen wird hier Österreichs Vizekanzler Michael Spindelegger seine ›Österreich-Rede‹ halten. Sie soll Startschuss sein für eine Aufholjagd der ÖVP bis zur Nationalratswahl 2013. Schon seit einiger Zeit notiert die ÖVP in den Umfragen auf Platz drei, während sich SPÖ und FPÖ ein Rennen um die Spitzenposition liefern. Unser erstes Ziel ist es, die FPÖ wieder hinter uns zu drängen und den Abstand zur SPÖ zu verringern. Mit etwas Glück und Spucke ist vielleicht noch mehr drin. Time will tell.
30. März 2014, La Palma, Kanarische Inseln
___Ich öffne ein schönes Weißbier am Pool und genieße das Leben. Dieter Reiter ist gerade in der Stichwahl mit gut 57 Prozent zum neuen Oberbürgermeister von München gewählt worden. Das war ein hartes Stück Arbeit. Vor allem für ihn. Eine Emnid-Umfrage vom Juni 2013 sah Dieter Reiter noch 2 Prozent hinter Josef Schmid von der CSU. Und SPIEGEL-Online zählte Josef Schmid noch im Januar 2014 zu den heißesten Kandidaten für das neue Jahr. Aber jetzt ist klar: Dieter Reiter hat es geschafft und zwar deutlich. Er ist einer der am meisten zupackenden, humorvollsten und bürgernächsten Kandidaten, für die ich je arbeiten durfte. Er wird sich mit seinem ganz eigenen Stil einreihen in die stolze Tradition sozialdemokratischer Münchner Oberbürgermeister. Trotzdem bin ich drei Tage zuvor in Urlaub geflogen. Irgendwann muss man das ja auch mal machen und eigentlich ist der Zeitpunkt ideal.
13. März 2016, Hilton, Mainz
___Gerade haben wir im Hotel eingecheckt, um von dort weiter zur SPD-Wahlparty zu ziehen, als die ersten Trends eintrudeln. Sie sehen Malu Dreyer und die SPD erst ein, dann zwei, dann drei Prozent vor Julia Klöckner und der CDU. Das ist eine Sensation. Bei 4 Prozent denke ich: Jetzt kaufen! Es werden
4,4 Prozent Vorsprung nach einem Rückstand von 11 Prozent vor gerade einmal vier Monaten. Eine Kollegin fragt, warum ich denn so ruhig sei. Aber worüber soll ich mich aufregen?
18. September 2016, La Palma, Kanarische Inseln.
___Bei der Wahl in München hatte der Trick ja super geklappt,
kurz vor dem Wahltag in Urlaub zu fahren und dann auf die Zahlen warten. Heute gilt es, unser Metropolen-Tripple zu verteidigen. Mit Berlin 2011, München 2014 und Hamburg 2015 waren wir an den Kampagnen der Regierungschefs der drei größten Städte Deutschlands beteiligt. Olaf Scholz hatte 2015 sogar noch einmal 45,6 Prozent für die SPD geholt – ein grandioser Erfolg in diesen Zeiten. Der Wahlkampf in Berlin aber war zäh und anstrengend verlaufen. Jedes Jahr ziehen gut 40 000 Menschen mehr in die Stadt zu, als wegziehen. Das übertrifft jede Prognose und sorgt in der Boomtown für große Herausforderungen: auf dem Wohnungsmarkt, bei der Verwaltung, der Infrastruktur. Trotz sehr guter Kennzahlen auf dem Arbeitsmarkt herrschte Verdruss und wir kamen nicht dagegen an. Die Regierungsparteien verloren am Ende deutlich, aber auch die bisherigen Oppositionsparteien Grüne und Piraten notieren im Soll. Der Verlust für die SPD schmerzt, bewegt sich etwas über dem Niveau von Mecklenburg-Vorpommern (- 5 Prozent), aber deutlich unter den -10 Prozent in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt. Einzig in Rheinland-Pfalz konnte die SPD in den letzten Jahren ihr Ergebnis steigern. Der bescheidene Lichtblick in Berlin: Mit 4 Prozent Vorsprung wird die SPD wieder klar stärkste Partei und Michael Müller bleibt Regierender.
Nur sechs Monate nach dem »Wunder von Mainz« dreht meine Wahlkampflaune wieder von »Himmelhochjauchzend« auf »Das ist und bleibt doch ein Scheißspiel«. Und das geht jetzt schon ein Vierteljahrhundert so.
Seit über zwanzig Jahren mache ich Wahlkämpfe. Manchmal zwei bis drei im Jahr. Es ist ein fantastischer Beruf. Ich liebe ihn, ich hasse ihn.
Es gibt keinen Vergleich zum Wahltag. Millionen Menschen entscheiden an einem Tag über ihre Zukunft, aber auch über das Schicksal der Mächtigen. Präsidenten, Premierminister, Kanzler und ihr gesamter Apparat zittern vor diesem Tag. Nichts und niemand schützt sie, denn es gibt kein Zurück, wenn die Wähler gesprochen haben. Manchmal entscheiden wenige hundert Menschen über die Zukunft der Welt – denn nur so viele Stimmen hätten am ersten Dienstag im November des Jahres 2000 George W. Bush verhindert und Al Gore zum Präsidenten gemacht. Wären am 11. September des folgenden Jahres dennoch vier Flugzeuge entführt worden? Wären die USA im Irak einmarschiert? Wäre Bundeskanzler Schröder 2002 wieder gewählt worden, wenn er nicht gegen den Irak-Krieg hätte Wahlkampf führen können? Wäre dann Stoiber Kanzler geworden und Merkel eine Randnotiz? Wären die Märkte unter Al Gore genauso entfesselt worden, die Pole ebenso schnell geschmolzen wie unter Bush? Die Erde hätte sich weitergedreht, aber anders. Kriege wären geführt worden, aber andere. Menschen wären...




