Stefan | Henry Becker und der Sommer der Erinnerung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Stefan Henry Becker und der Sommer der Erinnerung

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95771-311-7
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-95771-311-7
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als die Hausverwaltung seinen geliebten Baum im Hof absägen lässt, ist das ein Schock für Henry Becker. Ausgerechnet jetzt, wo der Endvierziger (Single, keine Kinder) mit seinem Ein-Mann-Versicherungsbüro vor der Pleite steht. Und dann sind da noch die Frauen: Die junge Vicki, die sich in Henry heftig verliebt hat - und Greta, einst seine große Liebe. Sie würde der einsame Henry so gerne zurückerobern. Am Ende eines turbulenten Sommers muss er sich entscheiden.

Stefan Sprang, geb. 1967 in Essen, lebt dort im Südviertel und in Frankfurt/M. Sein Roman-Debüt 'Fred Kemper und die Magie des Jazz' erschien 2011, sein Roman 'Ein Lied in allen Dingen. Joseph Schmidt' 2019 (2. Auflage Verlag 2020). 1999 'Kurt-Magnus-Preis' der ARD. 2016 Einladung zur 'Bayerischen Akademie des Schreibens' und 2020 zum Literaturpreis 'Irseer Pegasus'.
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Prolog


Der Sommer beginnt, als Henry Becker feststellt …
… weg, einfach weg ist sie, verschollen, verschwunden, komplett von dannen, Knall auf Fall.
Er steht da am Küchenfenster, ein Ochs vorm Berge, und kann es nicht begreifen. Geht er einer optischen Täuschung auf den Leim? Hat er ein medizinisches Problem, das für umgekehrte Halluzinationen sorgt, bei denen man nicht etwas sieht, was nicht da ist, sondern etwas, das da sein muss, nicht mehr erkennt? Da ist Henry heimgekommen, um sich mit einem gut gekühlten Pils auf den Balkon zu setzen, ein bisschen vor sich hin picheln. Mal wieder etwas aus dem Kopf bekommen, denn glücklich ist, wer vergisst. Jeden Tag gibt es etwas, das Henry schnell vergessen möchte. Heute den Anruf seines Bankberaters, mein lieber Schwan, was für einen Oberleutnantston der Bramsch von der »Vereinigten Bank« plötzlich am Leib gehabt hatte. Henry hatte förmlich sehen können, wie die Adern am Bramschen Hals anschwollen und das Blut ins butterige Pennälergesicht pumpten. Auf keinen Fall dürfe er den nächsten Termin versäumen, das sei kein Rat, sondern ein klarer Bescheid. Am Ende hatte Herr Bramsch geschrien getreu dem Motto, dass, wer schreit, Recht hat.
Aber das, was diesen ätzenden Geldgeier zur Weißglut gebracht hatte, das ist jetzt ausnahmsweise nicht Henrys Not. Zumindest nicht hier, nicht jetzt. Er stellt die Bierflasche auf die Spüle, macht die Tür auf, die von der Küche zum Balkon führt, und tritt hinaus. Die Hände gestemmt aufs Blech der aufgeheizten Balkonbrüstung schaut er und schaut vergebens.
»Was ist das denn für eine verdammte Scheiße?«
Sein Fluch rollt und poltert durch den Innenhof. Die Antwort: Brodelnder Husten und eine weiße Dampfwolke vom Balkon schräg rechts. Weil Herr Szép schon mit Ende fünfzig eine üble Atemwegserkrankung hat, von COPD hat er neulich gesprochen, dampft er jetzt »elektro«. Weil er nicht groß ist, kann Henry hinter einer Phalanx aus rosa Geranien im Wesentlichen nur den Kopf sehen. Eine Nase ragt hervor, ein blauroter Vorsprung unter getönter Pilotenbrille.
Henry kann nicht viel anfangen mit dem Mann, mit dem er gefühlt ewig auf einer Etage wohnt. Aber um eines beneidet er ihn: den Trainingsanzug. Dunkelblau, leuchtend weiß die drei Streifen, das Dreiblatt-Logo auf der Brust und auch der Reißverschluss. Dazu die Steghose, alles mindestens 80er, vielleicht älter. Festgewachsen an Herrn Szép. Als Junge hatte Henry genauso einen Anzug gehabt.
»Wenn sie ihren Briefkasten mal leeren würden, wüssten sie’s.«
Bei seiner Gemütslage kann Henry eines nicht gebrauchen: Oberlehrer können ihn gerade mal kreuzweise.
»Hab’ den Schlüssel verloren.«
»Hatte ich auch schon. Nehmen sie eine kleine Nagelfeile. Geht.«
Würde ihn in den nächsten Minuten der Schlag treffen, eines will Henry dann doch nicht: dumm sterben.
»Lassen Sie mich nicht dumm sterben. Was ist los?«
»Die Verwaltung von den neuen Besitzern, die haben uns geschrieben. Hab’ erst gedacht, aha, jetzt wollen die Schweizer Heuschrecken mal schön die Miete erhöhen. War aber wegen der Renovierung.«
Henry atmet tief ein und sehr langsam wieder aus.
»Welcher Renovierung?«
Herr Szép wird zum bellenden Seehund, hustet sich aus und dampft wieder »elektro«. Henry sieht seidenweiße Wölkchen verwehen. Ein Hauch von Vanille schwingt mit.
»Na, der ganzen Fassadenrenovierung. Neuer Anstrich, pipapo, auch die Balkone kommen dran, neuer Boden, alles vom feinsten. Da wollen’se dann demnächst ein Gerüst für aufbauen. Deshalb musste der Baum weg. War anscheinend im Weg. Hab’ das jedenfalls so verstanden. Hier ist ja Privatgrundstück, und soviel ich weiß, da gilt die Baumschutzverordnung nicht. Oder andernfalls …«
Erst Dampf, dann Husten.
»… na ja und überhaupt, wenn Sie mich fragen, ich sach’ mal, die ...«
Aber Henry hat auch etwas zu sagen und brüllt es heraus:
»Das können die doch nicht einfach machen!«
Der Nachbar wartet, bis im Innenhof wieder sommerlich laue Klangwelt herrscht. Das Geräusch eines Fensters, das gekippt wird, gedämpfte Radiomusik, eine gurrende Taube auf dem Balkon links.
»Können’se aber. Sehen’se doch. Mensch, war das ’ne Aktion. Wollte gerade Mittagsschläfchen machen. Aber die Jungs hatten was drauf. Ratzfatz ging das. Ist ja gar nicht so einfach hier im Hof. Ich hab’ vom Fenster ein bisschen zugeguckt, weil Schlafen war ja nich’. Wie die da zu Werke gegangen sind, Donnerlüttchen, so arbeiten Profis. Und dieses Sägen, das geht einem durch Mark und Bein. Aber ganz schlimm ist dieses Ding, diese Fräse, na Sie wissen schon …«
»Häcksler heißt das.«
»Jau, genau den meine ich. Das glauben’se nich’, das war ein Geräusch, wie als …«
Henry will nicht wissen, wie sich der Lärm angehört hat, mit dem die Männer in die Sägeschlacht gezogen sind. Aber dann sieht er doch alles vor sich in seinen grausamen Einzelheiten, die grünen Overalls, die gelben Helme, die frisch geölten Geräte, mit denen die Typen losgelegt hatten, um Kleinholz zu machen, aufgepumpte Naturburschen, die abends noch als Stripper auftreten. Unten im Hof erkennt Henry noch den hellen Stumpf und ein paar Späne.
Herr Szép hat sich warm geredet.
»Na ja, es hat auch was Gutes. Mehr Licht für meine Geranien. Weniger Ungeziefer und …«.
»Ist … mir … scheiß … egal.«
Die Taube hebt sicherheitshalber ab. Kein Husten. Kein Dampf. Ein Moment grimmiger Ruhe. Aber Herr Szép ist und bleibt Herr Szép.
»Mannomann, kommen’se mal wieder runter. Wat wech is’, is’ wech, da machen’se nix. Wissen’se doch, was die ollen Römer gesagt haben. Alles fließt und nix ist für die Ewigkeit. In diesem Sinne Glück auf!«
›Die alten Griechen, das mit dem Fluss waren die alten Griechen‹, will Henry herüberschreien, aber Brille, Nase, Dampf sind verschwunden.
Allein steht er auf seinem Balkon, Henry Becker im milden Abendlicht. Ein zarter Luftzug streift ihn, ein Murmeln von hier und da, Spuren von Stimmen und flinken Geräuschen, gemacht für das Finale eines schönen Tages im Juni, könnten ihn besänftigen. Aber für Henry ist das kein schöner Tag mehr. So sehr hatte er sich darauf gefreut, mal wieder ein bisschen zu quatschen mit seiner Freundin der Lärche, die so still sein konnte, aber stets weise war. Zum Greifen nah hatte sie sich vor seinem Balkon gereckt. Henry – muss er denn jetzt schon in der Vergangenheitsform sprechen? – liebt sie, hatte sie geliebt mit ihren dünnen, melancholisch hängenden Ästen und den weichen Nadeln, die sich in Bündeln sammelten. Im Sommer hatte sie Schatten gespendet und diese Seite der Wohnung kühl gehalten. Darum war genau das sein Plan gewesen: Wohnungstür auf, durch die kleine Diele marschieren, rechts in die Küche abbiegen, gleich links aus dem Kühlschrank eine Flasche »Stauder« angeln, geradeaus weiter, raus auf den Balkon. Nichts anderes hatte er gewollt als sich dort hinzusetzen. Sich zu vertiefen in Grün und Braun, das auf den ersten Blick verwirrende Dickicht der Äste, Nadeln und Zapfen und der auf den zweiten Blick immer abstrakter werdenden Struktur. Die äußerlich graubraune Borke am Stamm wollte er betrachten, um sich zu verlieren in den rotbraunen Furchen zwischen den Schuppen. Sitzen und betrachten, bis jener Zustand eintrat, als habe man drei Pillen zu viel von einem rezeptpflichtigen Schmerzmittel geschluckt. Sitzen, bis er zu glauben vermag, dass die Lärche auch in ihn hineinschaut.
Henry Becker hat keinen Plan B. Warum auch? Warum hätte er damit rechnen sollen? So steht er da. Kann nur schauen und schauen und schauen. Aber je länger er da querfeldein schaut, desto mehr wird aus Schemen, Konturen, Farbflecken und Lichtreflexen etwas. Ein Panorama tut sich auf. Das macht ihn neugierig. Er richtet sich auf, hebt die flache Hand mit stramm gestreckten Fingern auf Brauenhöhe an die Stirn, den Daumen presst er an die rechte Schläfe, die Geste des Seefahrers im Krähennest, der Blick gegen die untergehende Sonne geschirmt. Erste Einzelheiten kann Henry Becker nun ins Auge fassen, so unvermutet aufgetaucht, so vorerst fremd und deshalb verlockend. Luftholen nicht vergessen, er ist jetzt geradezu angespitzt. So schlicht, so ergreifend sieht er die Hinterhoffassaden der Häuserzeile gegenüber. Ein Blick in eine unbekannte Galaxie. Wäre er ein geübter Golfspieler, er könnte die Entfernung abschätzen. Aber den Kurs, den er begonnen hatte, um irgendwann gewinnbringende geschäftliche Kontakte anzubahnen, hat er nicht fortgesetzt. Dem Rasen konnte man es nicht antun, und auch nicht dem eigenen Rücken, in dem es zu oft geknackt hatte beim dynamischen Durchschwingen. Also muss Henry raten. Über vielleicht hundertfünfzig, vielleicht auch zweihundert Meter, mehr kann es doch nicht sein, kann er ungehindert schauen.
Rechts, auf halber Strecke, hinter der Ziegelmauer, die den ersten Hof abschließt, ragt eine dunkle Pyramide hervor. Gelbgrüne Flecken und Flatschen auf rötlichen Schindeln. Moos und Flechten auf dem Dach des Backhauses, das im Hof liegt wie ein erratischer Block. So nennen das die Experten, ein gemauerter Findling, erzählend von röschen Brötchen, französischem Stangenweißbrot, aber auch feinem deutschen Speckbrot, gebacken nach geheimen Rezepten. Daneben der amtlich hoch gemauerte Schornstein.
Aber da raucht nichts mehr, alles ist längst bröckelnde kalte Vergangenheit. Aus der Ofenasche wird keine neue Glut...


Stefan Sprang, geb. 1967 in Essen, lebt dort im Südviertel und in Frankfurt/M. Sein Roman-Debüt "Fred Kemper und die Magie des Jazz" erschien 2011, sein Roman "Ein Lied in allen Dingen. Joseph Schmidt" 2019 (2. Auflage Verlag 2020). 1999 "Kurt-Magnus-Preis" der ARD. 2016 Einladung zur "Bayerischen Akademie des Schreibens" und 2020 zum Literaturpreis "Irseer Pegasus".



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