Stefanoni Die erinnerte Insel
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-903061-24-8
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-903061-24-8
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Stefanoni wurde 1976 in Buenos Aires geboren. Sie veröffentlichte journalistische Beiträge in Zeitschriften und Kulturmagazinen. 2009 gründete sie den Verlag Factotum ediciones, den sie seither leitet. 2012 veröffentlichte sie gemeinsam mit Luis Mey den Roman Tiene que ver con la furia. Mit ihrem ersten eigenen Roman Die erinnerte Insel landete sie einen Bestseller.
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Zweiter Teil
32
Als sie von Bord gingen, merkte Consuelo gleich, wie aussichtslos es war, Rogelio davon zu überzeugen, dass sie nicht verfolgt wurden. Er zog beim Gehen die Schultern hoch und blickte wie ein Uhu nach allen Seiten. Sie ließ ihn gewähren, solange sie auf der Rampe waren. Aber schon nach kurzer Zeit befürchtete sie, dass er auch Elvira mit seiner Angst anstecken könnte. Und ebenso geschah es.
»Reiß dich zusammen!«
»Aber das ist ein Hafen, Consuelo! Sag mir, wenn du etwas Verdächtiges siehst!«
»Ich sehe wirklich etwas Verdächtiges. Einen Mann, der sich wie ein Verrückter aufführt. Dich nämlich. Sonst ist alles normal.«
»Und wenn sie schon auf uns warten? Wenn Felipe weiß, welches Schiff wir genommen haben …«
»Niemand verfolgt uns, Rogelio! Die Leute kümmern sich hier um ihre eigenen Probleme! Und meines bist im Moment du, sieh dir nur das Kind an!«
Aber es war nichts zu machen. Die Leute bemerkten Rogelios Verhalten. Manche Mütter lächelten Elvira aufmunternd zu, wenn sie an ihnen vorbeigingen, weil sie nicht wollten, dass sie sich genauso unwohl fühlte wie ihr Vater. So schlimm war es hier doch nicht. Die Leute hier waren nicht so übel. Elvira seufzte. Aus tiefstem Herzen. Wegen ihres Vaters.
Irgendetwas fühlte sich seltsam an.
»Was ist mit meinen Haaren los, Mama?«
»Keine Ahnung! Aber mir geht es mit meinen genauso.«
»Herzlich willkommen in der Hauptstadt der Luftfeuchtigkeit, Verehrteste!«, rief ein Matrose lachend, lief an ihnen vorbei und verschwand in der Menge.
In ihrem Zimmer im Stadtteil Coghlan legten sie als Erstes die Matratze, die sie aus Spanien mitgebracht hatten, auf den Boden. Es beunruhigte sie, dass sie noch nicht mit dem Verwalter über die Miete gesprochen hatten. Sie einigten sich mit ihm auf eine erste Zahlung in fünfzehn Tagen. Also mussten entweder Consuelo oder Rogelio vor Ablauf dieser Frist Arbeit gefunden haben. Der Verwalter machte gute Miene zu dem Handel, teilte ihnen aber mit einem süffisanten Lächeln mit, dass er sie hinauswerfen würde, falls sie nicht bezahlten. Consuelo und Rogelio hielten kurz inne, fanden es dann aber nur recht und billig.
Sie schlichteten ihre Habseligkeiten aufeinander, räumten alles wieder um, schoben ein paar Sachen zur Seite und verstauten sie schließlich, so gut es ging.
»So ein winziges Zimmer!«, sagte Consuelo.
»Aber schau mal, wie hoch die Decke ist.«
»Die hohe Decke nützt uns nichts.«
Rogelio verstummte.
Zwei Tage später begab er sich auf Arbeitssuche. Fragte. Sah sich um. Wenn er vor einem der kleinen Läden stehen blieb und hineinsah, wurde manchmal der Eigentümer auf ihn aufmerksam, warf ihm über den Brillenrand einen Blick zu und deutete ihm mit dem Daumen ein Nein. Rogelio betrat eine Gaststube und sprach mit dem Kellner. Er stellte sich vor, sagte, er komme gerade aus Barcelona.
»Mein lieber Rogelio«, sagte der Italiener, »unter uns: Gehen Sie lieber zu den Spaniern, zu Ihren Landsleuten! Wir machen hier Pasta. Was versteht ihr Spanier schon von italienischer Pasta? Gehen Sie lieber Paella kochen … Was soll ich sagen? Sie brauchen nur zu schnuppern, was wir hier kochen!«
Rogelio machte kehrt und ging wieder.
Als Rogelio in einem Lebensmittelladen seiner Landsleute auch keinen Erfolg hatte – Vater und Sohn kümmerten sich selbst ums Geschäft, und mehr Leute brauchten sie nicht – blieb er auf dem Weg hinaus vor einem Schaufenster stehen, an dem Reklametafeln angebracht waren. Die Fensterscheibe war übersät damit, mit Schildern und Kartons, sodass fast kein Licht mehr hineindrang. Es waren meist Tafeln mit langen Texten, auf denen alle möglichen Produkte angepriesen und erklärt wurden. Am eindrucksvollsten war die Werbung mit dem Porträt eines Fußballspielers der Chacarita Juniors, Juan Carlos Irribaren, der folgende Empfehlung aussprach: »Der reinste Genuss nach der Partie: eine Zigarette der Marke Condal!«
Fünf Tage hintereinander kam Rogelio mit leeren Händen nach Hause. Am sechsten hatte er mehr Glück und wurde in der Sedalana-Fabrik in ihrem Viertel, nicht weit von da, wo sie das kleine Zimmer hatten, als Textilarbeiter aufgenommen.
Viele seiner Kollegen waren Einwanderer aus Europa. Es gab mehrere Spanier, einen Franzosen und einige Deutsche. Rogelio kannte sich mit Stoffen nicht aus, aber er bekam eine leichte Aufgabe zugewiesen: Er sollte die Stoffballen verpacken, bevor sie auf Lastwagen verladen und an die Läden ausgeliefert wurden. Das war nicht besonders schwierig und wurde pünktlich bezahlt.
Im Personalbüro legten sie eine Akte mit seinem Namen und einer Menge schon fast vergessener persönlicher Daten an. Er hatte ein flaues Gefühl dabei. Begann, sich nervös umzusehen. Genau so wie auf der Rampe beim Verlassen des Schiffes. Er ließ den Sachbearbeiter im Personalbüro nicht aus den Augen, während dieser die Akte über Rogelio Molinero zuklappte und neben einen Stapel leerer Mappen legte, wo sie gut sichtbar war.
»Und wo wird das aufbewahrt?«
»Na hier, Molinero.«
»Bleibt das privat?«
»Ich verstehe nicht, was Sie wollen. Sie sind hier jetzt fertig und können mit Ihrer Arbeit beginnen.«
Er wollte nicht, dass seine persönlichen Daten in falsche Hände gerieten. Er war der Gefahr noch nicht entronnen. Noch immer nicht.
Rogelio sah abgemagert aus, redete sich aber ein, dass früher oder später die Muskeln sprießen und seine Arme wieder kräftig sein würden.
Seine Arbeitskollegen verspielten ihren Wochenlohn in den Toilettenräumen der Fabrik. Nicht alle hatten Frau und Kinder. Die meisten waren allein, die Deutschen sowieso. Als neuer »Spaniak«, wie sie ihn sogleich nannten, fiel er zu seinem Leidwesen ganz schön auf. Es kamen nicht mehr so viele Spanier an wie in den Jahren des Spanischen Bürgerkriegs oder kurz nach dessen Ende. Es waren die Fünfzigerjahre und man sah hier kaum noch neue Gesichter. Sie forderten ihn zum Spiel auf. Rogelio wollte nicht. Doch es war keine freundliche Einladung, sondern eine Aufforderung. Der er nachzukommen hatte. Als er seine Verweigerung damit begründete, dass er Frau und Kind zu erhalten hatte und sie erst vor Kurzem angekommen waren, erntete er nur höhnisches Gelächter. Es ließ sie kalt. Da sie selbst um ihren Lohn spielten, wollten sie, dass es auch jeder andere tat, und wenn sie Gewalt anwenden mussten.
Ein Deutscher – größer und muskulöser als Rogelio – machte deutlich, wie hier die Spielregeln lauteten, indem er ihm ein blaues Auge und drei gebrochene Finger verpasste.
Consuelo wäre am liebsten zur Fabrik gelaufen und hätte dem Deutschen eine gescheuert. Aber Rogelio hielt sie mit der unverletzten Hand zurück, redete ihr gut zu und konnte sie schließlich beruhigen.
Es kam das Wochenende. Am Samstagvormittag ging Consuelo zum Bahnhof von Belgrano, um mit dem ersten Wochenlohn ihres Mannes einzukaufen. Ein Laden schien sämtliche eitlen Damen der Gegend anzuziehen. Die Männer gingen daran vorbei, als existierte er nicht. Es war eine Kurzwarenhandlung. Consuelo steuerte darauf zu. Sie bemühte sich um eine aufrechte Haltung. Sie musste Kleider ändern. Elvira hatte kaum noch etwas anzuziehen. Consuelo betrat den Laden.
Die Damen unterhielten sich und sprachen mit der Verkäuferin. Alle schienen einander zu kennen. Als Consuelo den Mund öffnete und eine Frage stellte, herrschte plötzlich Grabesstille, alle starrten sie an.
»Ich hätte gerne einen Gummi … wegen meiner Tochter … für ihr Kleid.«
»Einen Gummi?«
Die Damen kicherten. Sie wandten sich von ihr ab, um sie heimlich auszulachen. Aber sie bemerkte es natürlich, und das war auch den Damen nicht entgangen. Leider benötigte sie den Gummi dringend. In ihrer Nervosität sprach sie weiter, was nicht sehr klug war:
»Einen Gummi zum Kleideranpassen.«
Aus dem Kichern wurde lautes Lachen. Die Verkäuferin nahm die Sache in die Hand und amüsierte ihre Spießgesellinnen damit nur noch mehr:
»Sie meinen wohl ›Elastikband‹. Das müssen Sie schon richtig sagen, sonst wird Sie hier niemand verstehen!«
Endlich bekam sie den Gummi doch. Während sie bezahlte, war das melodische Lachen der Frauen im Hintergrund zu hören. Beim Hinausgehen blickte sie zu Boden.
Sie ging mit hastigen Schritten weiter. Zum Markt. Sie steuerte auf einen Mann zu, der gerade dabei war, die Kisten mit Obst und Gemüse aufzustellen.
»Guten Tag!«
»Ja, bitte?«
»Drei Aprikosen bitte!«
Der Mann unterbrach seine Tätigkeit und sah sie entgeistert an:
»Wie bitte?«
Consuelo schnappte nach Luft. Sie sah sich nicht um. Wozu auch, hier in der Fremde. Sie sah auf ihre Hände. In Zukunft würde sie alle Einkäufe mit dem Zeigefinger machen. Sie zeigte auf die Aprikosen und sagte:
»Geben Sie mir bitte die da, drei Stück.«
»Darf es sonst noch was sein?«
»Ja«, sagte sie und zeigte auf die Kartoffeln, »Geben Sie mir bitte noch die da, ein paar davon.«
Die da oder auch das da sollte ihr von nun an als praktischer Schlüssel für alles dienen.
Sie ging mit ihrer verschlissenen Einkaufstasche weiter, um sich umzusehen. Zu lernen. Preise zu studieren und zu verstehen, wie die Leute hier, in der großen Stadt, lebten. Vor einer Eisenwarenhandlung blieb sie stehen, weil ihr zwischen all der Reklame auf dem Schaufenster ein Schild aufgefallen war:
Suche Wirtschafter für Insel im Delta des Tigre.
Sie las es langsam, Silbe für Silbe: »… für Insel im Delta des Tigre«, sagte sie...




