Steffens Porta Inferna - Auserwählte des Schicksals
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7363-0246-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-0246-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Regel Nummer 1: Ich sage meinen Namen grundsätzlich nur einmal. Regel Nummer 2: Jeder hat Anspruch auf sein vom Gesetz gegebenes Recht - vorausgesetzt man hat nicht mit mir zu tun. Und Regel Nummer 3, die wahrscheinlich wichtigste von allen: Glaubt niemals nur das, was ihr seht! Als erfolgreiche Kopfgeldjägerin der Bail Enforcement Agency jagt Sheeva Mathews Nacht für Nacht übernatürliche Straftäter. Nur ein Einziger hat es bisher geschafft, ihr immer wieder zu entwischen: Duncan McClary, der smarte Dämon, der ihr einst von der Existenz unmenschlicher Kreaturen erzählte und Sheeva um ein normales Leben brachte. Als Duncan ihr eines Tages ein sonderbares Angebot unterbreitet, muss Sheeva sich entscheiden: Sie könnte ihn auf der Stelle festnehmen oder ihm in seine dunkle Welt folgen und die Wahrheit über ihre eigene mystische Vergangenheit erfahren ... (ca. 300 Seiten)
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KAPITEL 1
Sheeva
»Hey, Arschloch«, schrie ich in die Dunkelheit der Nacht, während meine Finger griffbereit am Schaft der silbernen Beretta lagen, die ich stets bei mir führte. »Nimm deine beschissenen kleinen Gnomfinger hinter den Kopf, sodass ich sie sehen kann. Und versuch gar nicht erst Mätzchen zu machen, sonst hast du eine nette kleine Silberkugel in deinem Miniaturschädel.« Vorsichtig öffnete ich das Halfter, um meine Waffe sofort ziehen zu können, sollte der kleine Wicht Anstalten machen, sich zu wehren.
Langsam drehte sich mein Gegenüber in meine Richtung. Anstatt jedoch zu tun, was ich ihm befohlen hatte, erntete ich nur ein hämisches Grinsen. »Wer bist du, dass du glaubst, so mit mir reden zu können? Hast du überhaupt eine Ahnung, wer hier vor dir steht?« Selbstbewusst trat der Winzling mit dem langen roten Bart zwei Schritte auf mich zu, und sofort machte mein Herz einen kräftigen Sprung. Das hier war für mich zwar nicht die erste Konfrontation mit einem Kleinwüchsigen, wie der Rest der Bevölkerung ihn nennen würde, doch ich wusste, zu was er fähig war. Es konnte nicht schaden, auf der Hut zu sein.
»Sheeva Mathews, Kopfgeldjägerin der BEA. Fizzle Clopper, erster Sohn des Bingus, Gemahl von Aada, Blanka, Cendrine, Dania und Erianthe Clopper. Ich bin hier, um dich zu verhaften, da du zum wiederholten Male straffällig geworden bist. Nebenbei gesagt: Dein Vater, der wohl einer der wenigen angesehenen Gnome war, würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er wüsste, was du so treibst. Und auch ich kann Typen wie dich nicht ausstehen. Deshalb rate ich dir von vornherein, sämtliche Tricks zu unterlassen. Andernfalls könnte das hier ziemlich unschön für dich enden. Ich kann es nämlich überhaupt nicht leiden, wenn man mich verarscht, verstanden?«, antwortete ich mit gespielter Überheblichkeit und wagte mich ebenso zwei Schritte nach vorn.
Kaum hatte ich meinen Standardtext heruntergerattert, verzog sich auch schon die Miene des Gnoms zu einer hässlichen Fratze. Wie immer, wenn sie bemerkten, dass man nahezu alles von ihnen wusste und dennoch die Frechheit besaß, sie zu provozieren.
Unerwartet stürmte der Wicht auf mich zu, rammte unter lautem Geschrei seine Schulter in meinen Bauch und bohrte seine dürren, knochigen Finger in meinen Rücken. Sofort taumelte ich ein paar Meter zurück, prallte hart gegen einen Baum und keuchte gequält auf. »Du Hexe wagst es, mich verhaften zu wollen? Wagst es, den Namen meines toten Vaters in den Mund zu nehmen und mir zu drohen?«, schrie Fizzle hysterisch und krallte sich umso fester in mein Kreuz, ehe er mit seinen spitzen Schuhen wild gegen meine Schienbeine trat.
»Du kleiner Drecksack, das hast du nicht umsonst getan«, wetterte ich und ging schmerzerfüllt in die Knie. Wütende, grün funkelnde Augen sahen mich überheblich an. Allem Anschein nach wiegte Fizzle sich bereits in Sicherheit. Ich wäre jedoch nicht beim BEA, wenn man mich spielend leicht ausschalten könnte. Obgleich meine Arme in der festen Umklammerung des überraschend starken Männleins gefangen gehalten wurden, war mir mehr als nur eine Methode geläufig, mich aus solch einer Lage zu befreien.
Zornig riss ich den Kopf nach hinten, um ihn gleich darauf vorschnellen zu lassen und lautstark gegen den Schädel meines Angreifers zu schmettern. Sofort hallte ein Schmerzensschrei durch die Dunkelheit, und der Gnom ließ von mir ab. Trotz brummender Kopfschmerzen stürzte ich, ohne viel Zeit zu verlieren, auf ihn und nagelte ihn mit meinem Unterleib am Boden fest.
»Ich hatte gesagt, keine Tricks, du mieser kleiner Wurm«, knurrte ich, zog kurzerhand meine geladene Waffe und hielt sie dem Zwerg an die blutende Stirn. Entsetzt starrte er mich an und wirkte plötzlich lammfromm. Sei vorsichtig, Sheeva, du weißt, dass Gnome wandelbare Geschöpfe sind und der Schein trügen kann.
»Wirst du kleiner Scheißer jetzt endlich gehorchen, oder muss ich erst richtig böse werden?«, fragte ich genervt und fummelte bereits an meinem Halfter herum, um die Handschellen zu lösen. Ohne Fizzles Antwort abzuwarten, und ihm eine Chance zur Reaktion zu geben, packte ich ihn an der Schulter. Ruckartig zerrte ich ihn herum und drehte ihm die Arme auf den Rücken, um sie zu fixieren. Sein faltiges, hakennasiges Gesicht presste ich dabei demonstrativ auf den Asphalt. Das darauf folgende Klicken des runden Metalls in meiner Hand gab mir sogleich eine innere Befriedigung. Ich hatte alles richtig gemacht.
»Bail Enforcement Agency, Sie sprechen mit Judy, was kann ich für Sie tun?«
»Hey, hier ist Sheeva. Ich habe Fizzle Clopper an Bord und bin auf dem Weg zu dir. Kannst du mir einen Gefallen tun und schon mal die Zelle vorbereiten? Kaffee wäre auch nicht schlecht«, plapperte ich, zufrieden lächelnd bei dem Gedanken, dass Judy mit Sicherheit wieder mächtig stolz war, weil sie mich unterstützen durfte. Ich wollte einfach, dass sie sich nicht nur als Empfangsdame sah, sondern als eigenständiger, wichtiger Teil der Firma.
»Fizzle Clopper? Der Gnom? Wo hast du ihn aufgespürt? Und ja, natürlich bereite ich alles vor. Das mit dem Kaffee könnte allerdings zum Problem werden. Wir haben Hinweise bekommen, denen du gewiss nachgehen willst«, drang es durch das Handy an mein Ohr, und sofort war mein ganzer Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Judy wusste, dass ich mir nach getaner Arbeit stets einen guten Schluck schwarzen Goldes gönnte. Wenn sie jedoch der Ansicht war, dass ich diese Belohnung nach hinten verschieben musste, war die Kacke meist richtig am Dampfen.
»Was ist los, Judy?«, erkundigte ich mich und bog mit meinem 70er Ford Mustang in die Dudley Street ein, die knapp zwei Meilen von der Agentur entfernt lag.
»Darüber sprechen wir besser, wenn du hier bist, Sheeva. Wann wirst du eintreffen?«
»Acht Minuten«, schoss es angespannt aus mir heraus, ehe ich auflegte und umso mehr aufs Gaspedal trat. Sofort brüllte der Motor los, presste mich gnadenlos in den Sitz. Ein wahnsinniges Gefühl kann ich euch sagen.
Keine fünf Minuten später stand ich vor dem roten Backsteingebäude, in dem die BEA ihren Hauptsitz hat. Im ersten Stock brannte Licht, ebenso im Keller, wo sich die Zellen befanden. Judy war vermutlich dabei, ihren Spezialauftrag zu erledigen. Lächelnd stieg ich aus, klappte den Fahrersitz nach vorn und zog den Gnom heraus. Er hatte seinen vorherigen Gesichtsausdruck wiedergefunden und starrte mich abermals grimmig und mit verletztem Stolz an. »Das wirst du mir büßen, Schlampe. Wir werden dich jagen und quälen, dass du dir wünschst, uns nie getroffen zu haben«, drohte er großkotzig. Ich hingegen lachte in mich hinein und schob Fizzle weiter Richtung Hauseingang. Dummer kleiner Wicht. Wenn er wüsste, dass er morgen nach Salem transportiert wird und dort die nächsten sechs Jahre verbringt.
Kaum hatten wir einen Fuß ins Innere des Gebäudes gesetzt, wand Fizzle sich nach allen Seiten und setzte zur Flucht an. Doch damit hatte ich natürlich gerechnet, und so packte ich ihn an seinem zerzausten kupferfarbenen Haar und zwang ihn schmerzlich, den richtigen Weg einzuschlagen. »Muss ich es dir erst vortanzen? Was ist an ›Keine Tricks‹ bitte schwer zu verstehen?«, fragte ich mürrisch und schlug ihm als Zeichen meiner Verärgerung kräftig gegen den Schädel. Entgegen meiner Erwartung verbiss er sich dieses Mal jegliche Reaktion und lief von nun an brav vor mir her, hinunter ins Kellergeschoss. Gnome können lernwillig sein? Erstaunlich.
»Judy, ich bin da. Wo steckst du?«, rief ich und stiefelte den lichtdurchfluteten Gang entlang, geradewegs ins Untergeschoss. Keine Antwort. Den Gnom weiterhin fest im Griff, stolzierte ich voran und fand sie kurz darauf in Zelle dreizehn.
»Da bist du ja. Ist alles in Ordnung?« Überrascht sah Judy zuerst mich und anschließend Fizzle an, der seine zornig funkelnden Augen direkt auf sie geheftet hatte. Judy schluckte schwer und war bemüht, ihre Furcht vor dem Gnom zu verbergen. Dafür, dass sie erst ein halbes Jahr bei uns arbeitet, erledigt sie ihren Job wirklich gut.
»Mach dir seinetwegen keine Sorgen«, versuchte ich sie zu beruhigen und schüttelte demonstrativ die auf dem Rücken befindlichen Handschellen des Wichts.
»Au verdammt, du brichst mir die Arme. Ich werde dich verklagen, Miststück!«
»Kannst du bitte einmal deine stinkende Klappe halten?«, erwiderte ich genervt, zwängte mich gekonnt an Judy vorbei und stieß den Zwerg unsanft ins Loch, wie ich es nannte.
Prompt fiel Fizzle, mit dem Gesicht voran, der Länge nach auf den Boden und stöhnte schmerzerfüllt auf. Ohne seine Klagelaute und Beschimpfungen zu beachten, schloss ich die Zellentür und widmete mich wieder Judy.
»Na, geht es dir jetzt besser?«, fragte ich mit wissendem Lächeln, indes ich freundlich meinen Arm um ihre Schultern legte und sie sanft, aber bestimmt Richtung Treppe führte.
»Hey ihr beiden Turteltauben. Ihr wollt mich doch hier nicht alleine lassen, oder? Was ist, wenn ich pinkeln muss oder Hunger bekomme? Wobei mir einfällt, ich könnte wirklich einen Happen brauchen und muss aufs Klo. Außerdem will ich eine andere Zelle. Dreizehn ist meine Unglückszahl. Hey, seid ihr noch da? Kommt sofort zurück, ihr Schnepfen! Macht mir wenigstens diese verdammten Handschellen ab«, wetterte der Gnom lauthals hinter uns her und brachte mich umso mehr zum Schmunzeln.
»Gute Nacht, Fizzle«, war alles, was ich noch zu sagen hatte, ehe ich das Notlicht einschaltete und mit Judy...




