E-Book, Deutsch, 218 Seiten
Stehr Das Mandelhaus
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3665-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 218 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3665-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Heimatroman über den schlesischen Schneider Eusebius Mandel.
Autoren/Hrsg.
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So genoß Christoph Eusebius Mandel noch lange voll Behagen, daß sich sein Bürschlein mit dem Stift in der Welt umhertrieb, wie er einst mit seinem Wanderstecken, und aufspießte, was ihm merkwürdig erschien. Die kleine Stube klang tagaus, tagein von dem Liede der kindlichen Stimme, und alles Junge, Bunte und Eingehegte, was je in diesem Raume gelacht, geschimmert und begehrt hatte und seit lange im Dämmern enger Winkel eingeschlafen war und in seinen Schrotwänden vergessen ruhte, wachte aus der Verwunschenheit auf und wurde zu jenem Schleier unwirklicher Bilder, um dessentwillen den Menschen das Leben so kostbar ist. Die Dachkammern wiederholten den Gesang wie ein undeutlich versunkenes Echo, und der Wind, der vor den Fenstern spielte, trug ihn bis an die krumme Weide, die sich deshalb vor Rührung noch ein wenig tiefer neigte und dabei mit den langen Ruten zitterte, als denke sie ihrer eigenen Jugend.
Alles hatte seine helle Freude an dem malenden Sänger, der oft schon so tief in die selbstherrlichen Wunder des Liedes vordrang, daß er die Bilder des Stiftes auf seiner Fahrt in die tönende Verklärung gar nicht mehr gebrauchte, sondern an Pünktchen, wie an winzigen Fußtapfen, in das Spiel der Klänge hineinfand und wieder heraus. Das Traumtürlein in des Amadeus Seele schloß sich gar nicht mehr. Es wurde immer weiter und weiter, und endlich wohnte das Junglein mit dem blassen Gesicht nur noch in jenen Beglückungen, welche Menschen von der Welt erfahren, die an einem Herrgottssonntag geboren sind. Fernher wandelte das Lied in seinen Mund, aus Weiten, wo Mächte am Werk sind, die kein Denken fassen, kein Wort ausschöpfen kann.
Auch in des Christoph Eusebius Seele grub das Lied des Amadeus, seit es losgebunden, nur Klang, Farbe und Licht geworden war, Tiefen auf, über die der alte Mandel keine Gewalt besaß. Umsonst wartete er darauf, daß der Gesang seines Jungen ihm wieder einmal das Bild seines Weibes aus dem Hainwalde hervorzaubere. Es schien in ihm erloschen und verschüttet für immer. Und ob er sich noch so viel Mühe gab und mancherlei Listen anwendete, er kam in seiner Erinnerung stets nur bis zu dem Punkt, wo er als junger Bursch, in die Feldergasse geduckt, auf Agathe gewartet hatte. Je öfter er an diesem Bilde stockte und sich mit seinem Gemüt in den Zauber jener weit zurückliegenden Zeit verfing, desto unentrinnbarer wurde er wie in einem Feuerkreis gefangengenommen. Ja, manches Mal vergaß er ganz, daß er als alter Mann, dem die Haare schon grau an den Schläfen flockten, auf hartem Brett in enger Stube hockte, und es schien ihm, er liege wirklich draußen unter dem sommerlich-heißen Himmel und das reife Korn woge mit leisem Rauschen um ihn. Dann wandelte wohl aus seines Söhnleins Munde Agathes Gesang zu ihm heran wie damals. Aber die Klänge, die in solchen Augenblicken ihn trafen, waren nicht die versonnen milden, die er ersehnte. Es wehte ihn eine leidenschaftliche Glut an, daß er wie an lustvollem Ersticken würgen mußte.
Dann lockte es ihn von seiner Arbeit weg und führte ihn in leichtem Gange über die Diele. Seine Füße vergaßen, daß sie auf mühseligem, achtundvierzig Jahre langem Wege schon hart und steif geworden waren und setzten im Übermut zwischen das gewohnte Schreiten einen schottischen Hüpfer oder das Schleifen eines Ländlers. Oft faßte ihn auch ein ganz ausbündiger Geist. Er fiel mit krähend hoher Stimme in seines Amadeus Lied ein und marschierte mit sägenden Armen in solch kühner Haltung durch die Stube, als sei er entschlossen, ein neues, unerhörtes Abenteuer seiner vielfältigen Lebensfahrt anzugliedern und direkt nach Rußland oder womöglich gar in die Türkei hineinzuwandern.
Von solcher Fröhlichkeit angezogen, trat selbst die stumme Maruschka an den kleinen Sänger heran, entzündete sich an seinem eifervollen Gesicht, seinem schimmernden Blick und sog die Gebärde seiner Töne mit den Augen von seinem Munde. Auf diese Weise strömte auch in ihren vollen, üppigen Leib die unbändige Jugend, daß sie nicht mehr bedrückt von ewigem Schweigen, schwer und benommen umherwandelte. Sie reckte die Schultern. Ihr Gesicht glühte. Die Augen bekamen jungen Glanz. Ihre Schritte wurden frei und fest, daß sich die Dielen unter der Last ihres Körpers bogen.
Sobald aber Maruschka auf dem Plane erschien, rettete sich der alte Mandel zu seiner Jacke und sah verstohlen und scheu ihrem Aufblühen zu. Der heiße Dunst aus dem Liede seines Jungen umnebelte ihm wie ein leiser Schwindel den Kopf. Und das Gesicht seiner stummen Wirtschafterin nahm dann die Züge seiner Agathe an, die Kleider flossen wie bei ihr um den Schritt, ein Duft wie von reifem Getreide strömte auf ihn ein, und sein Herz zog sich furchtsam bei dem Gedanken zusammen, daß das Weib zu ihm herankommen und ein Schläglein gegen seinen Rücken führen könne, wie es ihre Art war, um ihn mit dem Spiel ihrer entblößten Arme zu fragen, weshalb er gar so versimpelt über der alten Jacke kauere.
So flochten sich die beiden alten Menschen durch das Lied des Knaben ineinander, und ohne daß sich Amadeus umzudrehen brauchte, wußte er, wen sein Gesang hinter seinem Rücken bewege: bald wurden seine Töne von leidenschaftlicher, flimmernder Heiterkeit beflügelt, bald strömte bändigend und schwer ein Dunkles, Gewaltsames in sie, je nachdem sein Vater oder Maruschka in sein Bereich kamen.
Da ereignete sich eines Tages etwas Seltsames, das dem Singen des Amadeus für lange ein Ende bereitete.
*
Gewöhnlich fährt das Schlafwäglein uns mit hartem Ruck an den Rand der Wirklichkeit, und wie mit einem Stoß werden wir in den Tag geschleudert. Am Morgen jenes Tages aber, der für das Mandelhaus unter dem Ahorn so bedeutsam werden sollte, weil das Schicksal aller Menschen, die darin wohnten, einen merkwürdigen Schritt tat, war der kleine Malsänger gleichsam ohne Erwachen in die Welt des Lichtes gehoben worden. Alle Gegenstände schienen hinter glasigem, durchsichtigem Wasser zu stehen, ungewiß, schwank und fern, und Amadeus selbst fühlte sich nicht fest in seinem Bett, sondern eher auf einer Welle sitzen, mit der er in die Tiefe sauste, wenn er seine Augen schloß, die ihn heraufatmete, sobald er die Lider hob.
Sein Vater hatte vor ihm das Bett verlassen, das, schon sauber geordnet, die graugestreifte Decke glatt über die hochgebauschten Federkissen gestrichen, gleich einem Planwagen in der Ecke stand, von dem die Pferde abgespannt sind. Der alte Mandel war fadenleise von seinem Lager in die Kleider gestiegen, als gelte es, an einer Gefahr vorüber, zu seinem Tagewerk zu schleichen, und auch jetzt, da er vor dem kleinen Spiegel an der Wand die letzten Handgriffe zu seiner vollkommenen Ausrüstung besorgte, verhielt er sich gebückt und still. Mit peinlicher Genauigkeit verteilte er die spärlichen, grauenden Haarsträhne über den blasig aufgetriebenen Vorderkopf. Dabei wendete er sich hin und her, um die schwierige Arbeit von allen Seiten auf ihre Wohlgelungenheit zu prüfen. Nachdem alles zur Zufriedenheit beendet war, legte er unter einem schmeckenden Laut seiner Lippen den Kamm in das strohgeflochtene Kästchen unter dem Spiegel zurück, näßte die Flächen seiner Hände mit Speichel und fuhr säubernd über seine Hosen. Dies war so seine Art am Ende jeder Zurüstung, wenn diese auch, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, nie so gründlich betrieben wurde.
Amadeus verfolgte alles mit der Aufmerksamkeit des Frühwachen und dem Erstaunen, das ihm vom Traume noch in den Augen hängengeblieben war. Er sah seinen Vater weit draußen in einer Ungewißheit, daß er es für unmöglich hielt, ihn mit seiner Stimme zu erreichen. Und doch hätte er ihn gern zu sich gerufen; aber er fürchtete, zu sprechen, weil er hätte seine Worte gar so dünn und ängstlich machen müssen, um sie bis in diese Ferne zu bohren.
Allein, als er seinen Vater eifrig an den Hosen hinabfahren sah und bemerkte, wie er dann aufgeregt von einem Fenster zum andern trat, in Purzelstößen murmelte und dazu die Schultern hochzog, bekam Amadeus Furcht, er habe etwas Besonderes vor. Vielleicht könne er gar fortreisen wollen. Deswegen faßte sich das Junglein ein Herz und redete durch das glasige Wasser zu dem alten Mandel hin: »Wohin willst du denn gehen, Vater?«
Der Schneider, versunken, nur mit sich selber beschäftigt, glaubte, sein Söhnlein schlafe noch. Jetzt, da er von dessen zaghafter Stimme getroffen wurde, drehte er sich jäh herum und krähte fröhlich:
»Ach, da bist du ja auch schon aus den Federn! – Ich, Amadeusla, fort? – Ach nee, nirgends will ich hin. Nich nach Rußland und nich in die Türkei.«
»Aber warum bist du denn in einem solchen weiten Wasser und putzt die Hosen wie am Sonntage?« fragte der Knabe und stockte ratlos.
»Das is doch kee Wasser, das is doch Luft. Das plätschert ja nich. Sieh doch! Na?!« sprach der Schneider sprudelnd und schlug mit den Armen nach allen Richtungen, um sein Söhnlein...




