Stehr | Der begrabene Gott | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Stehr Der begrabene Gott


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3657-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3657-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Stehrs dunkel-romantischer Roman verleitete Hugo von Hofmannsthal zu folgender beeindruckender Stellungnahme: ''Hier ist etwas gemacht aus dem Dunkelsten und Tiefsten des Lebens. Unseres Lebens und des Lebens aller Kreaturen. Hier greift im Finstern eine riesige Hand, eine Schöpferhand, um das Ganze von drei Menschen herum und kommt dabei an die dumpfen Ketten, die alles Irdische aneinanderknüpfen, daß sie aufzucken wie Fühlend-Blutig-Lebendiges'.

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Marie suchte bald das Lager auf. Ihr Bett stand, wie das der anderen Mägde, in einer Kammer unter dem Dache. Durch Bretter war für sie ein besonderer Verschlag geschaffen, in dem außer ihrem Bett nur noch eine "Lade", ein hölzerner Kasten für ihre Kleider, stand. Auf diesem saß sie eine Weile, nur mit einem Rock bekleidet, um sich ein wenig abzukühlen, denn sie war heiß wie von Fieber. Sie glaubte, es rühre von der Wunde an ihrer Stirn, und stand auf, ihren Kopf an die Scheibe des Dachfensters zu lehnen. Es war eine dunstige Helle draußen, und der Mond sah aus wie eine weiße Esse, der fortwährend Wolken eines leisen, behutsamen Rauches entquollen und wankend dem Geäst der Bäume zutrieben. In dem Gewirr der Zweige verschwanden sie, wie von dem kleinen, knotigen Gestülp aufgesogen, und jedesmal schwankte dann wieder von dem blassen, unsicheren Monde eine Dunstwelle behutsam und leise zu ihr herüber. Sie starrte unbewegt auf dies eintönige, stumme Spiel des weißen Nachtnebels hin, das nicht nur den Schmerz der Wunde in einen pulsenden Druck auflöste, sondern auch in die Last ihrer jüngsten Erlebnisse ein; wenn auch noch leeres Auf und Nieder brachte. Aber nicht lange, und ihr ganzes Wesen wankte nach dem Takte, der die blassen Schleier da draußen herantrieb. Marie biß die Lippen aufeinander und hielt sich mit beiden Händen an die Dachleisten an, die am Grunde des Kammerfensters hinabliefen. Indessen hatte sie immer peinigender das Gefühl, dieses Wogen des Nebels hebe sie auf und nieder und wolle sie fortspülen von hier. Als diese Empfindung sich zu einer unerträglichen Gewißheit steigerte, sprach sie stark vor sich hin: "Nein! Ich muß nicht! – ha!" –

Damit teilte sich das Dunkel über ihrer Seele, und die Macht, die in der Nacht auf sie eindrang, nahm die Gestalt an, die auf so rätselhafte Weise schon zweimal ihren Weg gekreuzt hatte. Sie sah den Lahmen auf den Schleiern zu ihr herschreiten, aber nicht in der Kleidung, die er diesen Abend getragen hatte, sondern in langen Schaftstiefeln und der kurzen Joppe, in deren Hüllen seine Arme gleich langen Stangen steckten. Den Kopf auf die Seite geneigt, daß die breitrandige Schildmütze über die Stirn fuhr, kam er mit seinen ungleichen Schritten auf sie zu, mit einem Gesicht voll unbeweglicher Entschlossenheit, 's is ja all's bloß Dummheit, dachte sie bei sich und ging auf ihr Lager zu. Als sie aber fühlte, wie sie wankte, stützte sie sich mit der Linken an der Wand und wiederholte drohend und voll Hohn: "Nee! ich muß nich, das merk dr!"

Dann warf sie sich schwer aufs Lager, mit dem Gesicht gegen das Kissen, denn der Schmerz in der Stirn hatte wieder zu wühlen begonnen, und seine Zuckungen gingen durch ihren ganzen Körper, und es war ihr, als sei ihr ganzes Leben verwundet. "Warum muß ich? Wie kommt der Kerl dazu?" das fragte sie sich immer wieder und wendete gegen den Schmerz in der Stirn nichts anderes an, als daß sie ihre Rechte leidenschaftlich auf die Wunde preßte, über die sie ein Tuch gebunden hatte. Aber ob sie auch alle Vorgänge vor und nach dem Unglück nach einem Vorfall durchsuchte, der dem Klumpen vielleicht das Recht zu einer solchen Äußerung geben konnte, sie fand keinen anderen Grund dafür als die regungslose Entschlossenheit in dem unschönen Gesicht des Lahmen, die Unwandelbarkeit der leeren Augen. Von dem ganzen ungefügen Menschen ging ein geheimnisvoller Bann aus. Sie wandte sich auf die Seite und schloß mit Gewalt die Augen, um an ihren "langen Sonntag", ihre sonngoldige Zukunft zu denken; aber es gelang ihr nur sehr unvollkommen, denn unverrückbar empfand sie die Nähe dieses Mannes, der mit einemmal von seinen abseitigen Wegen mitten in ihr Leben gelangt war, lächerlich, aber auch verschlossen wie immer.

Es mochte wohl schon früh sein, denn die Sichel des späten Mondes stand gerade dem kleinen Kammerfenster gegenüber, und der Raum schien von tanzenden Schneestäubchen erfüllt. Die Hähne krähten überall. Von der Schenke herauf erklangen undeutlich die Schlußfanfaren des Tanzes. Sie dachte: Morgen werde ich's erfahren, drehte sich von dem erleuchteten Fenster ab, zog noch die Decke über den Kopf und hatte nach einem jähen Aufschrecken die Empfindung, als gleite sie wiegend immer tiefer in ein weiches Dämmern hinab, zwischen dessen Gewölk die Bilderflucht des Schlafes aufzuschimmern begann.

Da war es ihr, als sähe sie den Mond ganz nahe. Er hatte seinen fernen Stand in der Nachtluft verlassen und kam mit Riesenschritten zu ihr herüber, die leise knarrten, als gingen sie behutsam über alten Schnee. Erst klang dies Geräusch aus weiter, weiter Ferne, ganz schwach, so, daß es nur mit der horchenden Haut vernommen werden konnte. Dann ward es deutlicher, aber ein langsames, vorsichtiges Schleifen, und nun zwängte der Mond seinen glänzenden, mageren Leib zu der Brettertür hinein, die er sich nur eine Spalte geöffnet hatte. Sie wußte, daß er sich nur vergewissern wollte, ob sie schlafe, denn er blieb zur Hälfte auf dem Gange stehen, der draußen an den Türen der übrigen Gesindekammern vorüberführte, und nur sein papierweißes Gesicht an dem dünnen Halse hatte er ganz in den Raum gebogen und suchte sie mit dem hämischen Schatten seiner Augen. Nun fühlte sie an einem Unbehagen, das sie wie ein leises Netz einschloß, daß er sie gesehen habe und aufmerksam beobachte. Einen Augenblick ist es ihr, als sei die Gestalt Scholz Joseph, der zweite Knecht des Freirichtergutes, dann aber erkennt sie, daß eine Täuschung nicht möglich sei: es ist der Mond. Eben steigt ein neuer Zweifel in ihr auf, warum der Mond nicht durch das Fenster zu ihr hereingeschlichen sei, als ein Knacken des Türschlosses die schummerigen Bilder ganz vertreibt. Sie schlägt, wach geworden, das Deckbett von ihrem Kopfe nieder und wendet ihr Gesicht der Tür zu, die geschlossen ist wie immer. Mit einem verwunderten Lächeln dreht sie ihr Gesicht wieder der Bretterwand zu, die ihren Verschlag von der Kammer einer anderen Magd trennt. Durch einen Spalt zwischen den schlecht gefügten Brettern sieht sie in das tiefe Dunkel des Nachbarraumes und bemerkt zwei Schatten, die sich einigemal fast geräuschlos an ihr vorüberbewegen. Dann sind beide verschwunden, sie müssen rechts und links von dem schmalen Sehfelde ihres lauernden Auges stehen.

"Die schlaft hart und feste", setzte eine rauhe Männerstimme die Unterhaltung fort.

"Nee, geh heem. Was willste denn auch? Ich bin mide, und der Morgen is nich weit", antwortet eine flüsternde Mädchenstimme abweisend. Darauf taumeln die zwei irgendwohin. Schmatzende Küsse, das Rauschen von Röcken, ein unterdrückter Notruf des Weibes, schwer stoßender Männeratem. Dann ist nichts zu vernehmen als das Keuchen zweier ringenden Menschen. Das nachtlaute Gepolter irgendeines umgestoßenen Gegenstandes verwandelt den heimlichen Kampf der beiden in Stille. Marie hört vor Scham ihr Blut picken.

"Geh!" beginnt das Mädchen wieder, ihre Stimme ist erschöpft. "Macht die's denn? Ha, und morgen früh, da sieht se een wieder an, als ob se sagen wollte: Ich kenn dich, du bist mir de rechte."

"Ach Paule, du bist reen un gar kendsch", antwortete der Knecht, "du und de schlesche, die hat's hinterm Ohre, aber knippeldicke! Ha! ich war uf'm Lande unten, da geht drs erst zu, du mein! Da hat's manche Nacht mehr Beene im Heue wie Schindeln auf'm Dache. Was is n das fir eene! Tut, als ob se tot war, spielt Komedje und läßt sich vom Klumpen vor allen im hellerlichten Saale kissen. Was drnach geworn is, das wird se, das heeßt alle beede, das wern se am besten wissen. Sonst wäre se nie daliejen wie ein Sack. Was meenstn, ob der Klumpen a so leichte ufheert! Hehehe!"

Dann lachen beide unterdrückt in boshafter Lustigkeit. Mit Marie dreht es, hebt sie auf und wirft sie nieder. Es umfaßt sie innerlich mit schraubender Gewalt, daß ihr Herz und Atem stocken. Sie muß sich aufrichten, um nicht zu ersticken.

"Psst!" macht in der andern Kammer der Knecht, der das Geräusch gehört hat.

Marie wendet ihren Kopf, dann aber richtet sich ihr Auge wieder auf ihre Lage. Es ist, als sähe sie in das Rädergewirr einer erbarmungslosen Maschine, die alles zermahlt und zerreißt: ihr Glück, ihren Stolz, ihren guten Namen, Freude und Frieden. "Aha, deswegen sagte der Hund: du mußt; deswegen – deswegen – also –", sann sie und lächelte kalt, daß sie schwindelig wurde und sich mit beiden Händen an den Bettpfosten anhalten mußte, um nicht herauszufallen. "Hörscht's nich schaben?" fragte der wachsame Mann, der das Graben ihrer Fingernägel im Holze gehört hatte, die Magd. –

"Na, da mach och jetzte und tu nich erst lange!" mahnte er dann ungeduldig. Darauf leises Wühlen, behutsames Schleichen, als schöben sich entblößte Leiber durch weichende Falten, und dann eine sinnbetörende Schwüle. Dann erhoben sich die Laute der Wollust. Und all dies Stöhnen der Brunst, dies heiße, verhauchende Lispeln drang auf Marie ein wie eine unabwendbare Beschuldigung. Sie biß in Verzweiflung die Zähne aufeinander, faßte mit beiden Händen in die Haare ihrer Schläfe und zog den Kopf auf das Deckbett nieder.

Sie verlor das Bewußtsein, und nach langer Zeit ging die Ohnmacht in Schlaf über.

Die kurzen Stunden ihres Schlafes waren eine dauernde Bedrängnis gewesen, hatten aus den Ereignissen des gestrigen Abends und den Bildern ihrer aufgeregten Seele auf geheimnisvolle Weise eine Klärung geschaffen, und als sie, jäh abreißend, Marie...



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