Stehr | Der Heiligenhof | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 573 Seiten

Stehr Der Heiligenhof


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3660-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 573 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3660-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Der Heiligenhof' wird gemeinhin als Stehr Hauptwerk angesehen. Mystisch-romantische erzählt er die Geschichte des rüden Bauers Sintlinger, der auf wundersame Weise die Wandlung vom Saulus zum Paulus durchlebt und bald sogar sein Kind als engelsgleich verehrt ...

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Fünftes Kapitel



Von nun an betrugen sich die beiden Menschen nicht anders, als seien sie von einem tiefen Strom ergriffen und weit von ihrem alten Leben in ein neues Dasein getragen worden. Besonders der Sintlinger ging wie von schwerem Segen durchglänzt dahin. Er hütete das Geheimnis, von dem sein Kind eingesponnen war, als sorge er, daß der Zauber ihres Lebens von dem Wissen und den Worten der Menschen gestört werden könne. Die Umgebung erfuhr nichts von dem Zustande der kleinen Helene als die große Milde, die nach dieser Fügung sich des Sintlingers bemächtigte, den heiteren Ernst seines Fleißes und die fast scheue Zärtlichkeit, mit der er seine Frau umgab. Er bewegte sich in den Gesetzen der neuen Erde, die das Schicksal seines Kindes ihm unter die Füße geschoben hatte, als sei neben seinen Schritten nie ein Halm Taumellolch oder ein Stengel Bocksbart gewachsen, sondern als hätten sogar jene Steine noch ein tröstliches Lied gesungen, über die er gestolpert war. Allerhand Gerüchte brauten durch das Dorf, die, bald in Bosheit, bald in Schadenfreude, an dem Grunde herumtasteten, durch den sein Leben aus den alten Brauseangeln gehoben worden war. Man redete von einem blutigen Streit, in den er von der Trunkenheit gerissen worden war; von einem Vergehen an einem zarten Mädchen; einem wucherischen Geschäft, dessen verderbliche Folgen er hart vor der Gefängnistür unter einem Sack voll Gold begraben habe, und wollte gar von ehelichem Streit und einem nächtlichen Entweichen der entsetzten Bäuerin wissen.

Der Sintlinger ließ diese schmutzigen Wolken des Argwohns ruhig um seinen Hof spielen, ging sicher und voll freundlicher Würde seinem Geschäft nach und gab sich dem Zuge seines neuen Wesens hin. Alte, gebrechliche Leute, Kinder, die zu schwere Lasten trugen, lud er von der Straße auf seinen Wagen und fuhr sie wohl gar, oft genug auf Umwegen, bis vor die Türen ihrer Häuser.

Selbst dem Glöckchenhorcher aus Hemsterhus, jenem einfältigen Menschen, der durch die Geschwätzigkeit über unirdische Gesichte, die er gehabt haben wollte, so viel zur Schädigung des Sintlingerschen Rufes beigetragen hatte, erwies er ohne einen Schatten von Überwindung Gutes. Ja, als an einem regnerischen Herbsttage der halbsinnige Mensch, in zerschlissener Kleidung, frierend vom langen Bettelgange auf grundlosen Wegen, ermattet an das Hoftor klopfte, wies er ihn nicht ab, sondern schob den alten Knecht unsanft zur Seite, der eben darüber her war, den ärgerlichen Trottel mit einem kräftigen Schupfer über den Hügel hinunter neben die Kropfweiden zu spedieren. Liebevoll zog er den furchtsam Ächzenden ins Haus, stopfte ihm eine tüchtige, warme Mahlzeit in den Leib und ließ ihm außerdem aus einem alten Anzuge und allerhand Wäsche ein gewichtiges Bündel schnüren. Kein Bittender, und mochten es notorische Trinker oder professionelle Sonnenbrüder sein, ging unbeschenkt vom Hofe, kein Unglücklicher blieb ohne Hilfe. Und schoß der Sintlinger auch in der Art seines Wohltuns oft übers Ziel, so wurde er doch nur von seinem leidenschaftlichen Wesen fortgerissen, das eben alle Handlungen so leicht ins Maßlose trieb. Doch haftete ihm keine Spur krankhafter Empfindsamkeit, ungesunder Schwärmerei oder pietistischer Frömmelei an. Offenbar lenkte ihn nichts als die Ergriffenheit eines Menschen, der mit seiner Güte Ernst macht. Sein Weib aber brauchte sich gar nicht zu ändern. Sie ging leise wie immer auf fernen, lichten Wegen durchs Leben, wohl manchmal mit einer leichten Wolke um die Stirn, doch gelassen und tüchtig, besonnen und sanft. Und kehrte ihr Mann von einem Geschäft seiner Nächstenliebe gar zu jagend heim, daß ihm sein Feuer das Gesicht mit fast hektisch roten Flecken von innen her betupfte, dann strich sie ihm die Haare über die Stirn hinauf wie in den Tagen der Entgleisungen durch den Rausch, als sagte sie wie damals: Laß nur gut sein, Andreas, es gelingt dir schon noch, und lächelte ermunternd und glättend seinen Überschwang wieder ins sichere Gleis.

In jener Zeit war es auch, daß irgend jemand die Sintlingersche Bauernburg auf dem Hügel den Heiligenhof nannte. Mag dieser Name immerhin ursprünglich einer scheelen Seele von der Spottlust eingegeben sein und deswegen im Anfang allein dem Mund der Leute schmackhaft geworden sein, gemach bedienten sich seiner auch Ernste und Bedachtsame, vor allem, als man erfuhr, warum sich das Leben des Hofes in solch ernste Schönheit gewendet hatte. Denn seit das blinde Mädchen auf die Füße gekommen war, konnten der Bauer und die Bäuerin ihren Zustand nicht mehr verheimlichen. Nun nahm es jeder wahr, daß das arme Kind, in tiefe Nacht gesperrt, umhertappte. Das Herz der ganzen Gegend erschrak bei dieser Nachricht, und alle Eltern nahmen die Gesundheit ihrer Kinder nicht mehr achtlos als Notwendigkeit hin, sondern kamen sich unverdient beschenkt vor. Nur Nichtswürdige besaßen den bösen Mut, in dem Schicksal des Kindes die Strafe für die vielen Verirrungen des Geschlechts und das tolle Treiben Andreas Sintlingers zu sehen. Die meisten waren von der seltsamen Kraft ergriffen, mit der die beiden das Unglück ertrugen und weise für ihr Leben ausnützten. Es ergab sich von selbst, daß unter den vielen Bewegten genug Tätige sich fanden, die gedrungen wurden, nach dem Heiligenhofe ungebeten Rat und Hilfe zu tragen. Und wie es die Art des Volkes, vor allem der Landleute, ist, verfielen sie nicht auf den naheliegenden Gedanken, den Sintlingerschen Eheleuten zur Kunst eines Arztes zu raten, sondern bestürmten sie mit dem Angebot von allerhand verborgenen Heilweisen. Da sollte das weiße Häutchen, das unter der harten Schale des Habichteies sitzt, dem Mädchen sicher den Blick ins Licht öffnen, weil dieser Vogel der einzige ist, der, ohne zu erblinden, sein ganzes Leben so nahe der Sonne verweilen kann. Kluge Frauen rückten mit siebenerlei Kräutern an, sprachen uralte Gebete über das Kind, beschworen es unter seltsamen Gesten und verbannten das Übel in den abnehmenden Mond, den Wirbelwind oder das fließende Wasser, damit es nicht mehr zurückfinde. Selbst ein Pfarrer aus einem weitab liegenden armen Heidedorfe schickte ein Fläschchen seines unfehlbar wirkenden Augenheilwassers. Manch einen trieb auch die bloße Neugier auf den Sintlingerhof. Diese Übereifrigen schwemmten sich in einer Flut törichter Redeweisen durch die Stuben, begafften alles mit beißenden Augen und wichen nicht eher von der Stelle, bis sie sich aus dem Kaffeekruge der Bäuerin den Leib tüchtig durchwärmt hatten. Anfangs tat die ehrliche Teilnahme so vieler würdiger Menschen dem Vater und der Mutter in der Seele wohl. Sie genossen mit heimlichem Stolz das Erstaunen der Fremden über das engelreine Gesicht Helenens, über das Rätsel der klaren und doch gebundenen Augen und das glockenhelle Stimmchen des Kindes, das von weiterher als aus den Fernen der Brust zu tönen schien. Von ihrem verschwiegenen Glauben an eine möglichst hohe Berufung durch das Wunder, das an ihrem Kinde geschehen war, sagten sie nichts. Mit gebührendem Dank nahmen sie alle Mittel entgegen und stellten dann heimlich die Mixturen ungebraucht zur Seite. Als aber der Schwarm der Eckensteher des Mitleids über die Schwelle strömte, verbargen sie das Kind und fertigten die leeren Zungenschläger immer kürzer ab.

In jene Zeit fiel der Besuch des alten Klim aus Brederode. Den gebrechlichen Mann hatte der tiefe Kummer über das abermalige große Unglück seiner vielgeprüften Tochter von dem Krankenlager getrieben. In Betten gepackt, fuhr er durch den rauhen Vorfrühlingstag auf den Heiligenhof. Da überzeugte er sich denn, daß das Gerücht von der Blindheit seines Enkelkindes leider grause Wahrheit sei. Zugleich spürte er aus den Worten und mehr noch aus dem veränderten Wesen seines Schwiegersohnes ein ihm völlig unbegreifliches Genügen in dem Geschick. Trotz aller behutsamen, von weither kreisenden Fragen brachte er aus Andreas nichts als eine Reihe fatalistischer Floskeln heraus, unter denen dieser den wahren Grund seiner Hingabe an die schwere Fügung verbarg. In Wahrheit fürchtete der Sintlinger instinktiv, den Zauber zu zerbrechen, durch den er aus den dunkeln Strudeln seines Blutes in eine hohe, außergewöhnliche Welt gehoben worden war. Darum schwieg er beharrlich in allerhand ausweichenden Worten, und als der Greis, wie von einem hellen Blitz in seine fast todesklare Seele getroffen,, endlich mit der Frage auf ihn eindrang, ob denn das Leben des unschuldigen Kindes etwa nur der Besen sein sollte, mit dem er seine Stuben rein halte, wurde der Sintlinger blaß und verließ bebend die Stube. Johanna verstummte auch und sah durch ratlose Tränen ihren Vater an, der über so viel unchristliche Verirrung außer sich geriet, weil er wahrnahm, daß auch seine Tochter ergeben an dieser Untat teilhatte. "Ich will heim", sagte er zum Schluß mit abgeschlagenem Atem, richtete sich mühsam an seinem Stock auf, sah noch einmal entsetzt umher und verließ, jede Unterstützung ablehnend, das Haus.

Doch der Zorn des Greises und seine Frage, die wie ein Stoß gegen seine Brust gefahren war, stürzten den Sintlinger nicht tiefer in unentwirrbare Zweifel und Unruhe. Nicht lange nach dem Weggange des Alten trat er in die Stube, nahm seiner Frau das Kind vom Arme, schwang es im Licht des Fensters hoch über sich und sah ihm von unten lange ins Gesicht. Unter einem herzhaften Kuß stellte er Helene dann auf die Diele und blickte ihr nach, wie sie mit zierlich-schwebenden Schrittchen an der Hand Johannas dahinging.

"Wie?" rief er plötzlich in seiner alten Art, zerhackt und laut. "Wie? Soll ich mich empören, daß das Kind so ist, wie es ist? Wenn es keinen Sinn hat, warum...



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