Stehr | Drei Nächte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Stehr Drei Nächte


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3658-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3658-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein neoromantischer und stark autobiografischer Roman, der bereits die Figur des Franz Faber, der auch im 'Heiligenhof' spielt, vorstellt.

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Der andere Tag hatte vom Morgen bis zum Abende gleichsam an der Schwelle der Nacht gelegen. Wie ein blasser Bechermund hing die Sonne in der Höhe und goß schwere Nebel über alles aus, daß die Erde zur Wolke im Gewölk wurde. Als ich die sanfte Lehne gen Wecknitz hinanschritt, sang der Turm von Naspenau mit seiner tiefen, alten Glocke Abendsegen. Die Klänge fielen kraftlos durch die Luft und erloschen im Grase. Nachdem die Erde den letzten Ton eingesogen hatte, kam ein Schimmer, eine machtlose Heiterkeit über sie. Freilich sah ich davon nichts als das schwache Leuchten der Wiesen ein wenig rechts und links vom Wege, denn ich ging gesenkten Auges hin und wollte meinen Blick erst im Birkenwäldchen zu dieser späten Schönheit erheben, um die volle Überraschung zu genießen. Indes ich so Fuß vor Fuß setzte und halbe Betrachtungen durch mich hinschwanden, näherte sich mir auf dem Wege das dumpfe Stoßen von Schritten. Da träumte ich versonnen in mich hinein: das könnte ja das Poltern sein, das dem Webstuhl eines Wecknitzer Häusleins entlaufen sei, weil es sich nicht mehr von dem plumpen Holze hin- und herschlagen lassen, sondern in die weite Welt laufen wollte, um dort auch etwas zu lernen.

Aber ich war nicht imstande, den sonderbaren Einfall zu Ende zu spinnen, denn das Poltern war mir ganz nahe gekommen und hielt dicht vor meinen Füßen. Ich hob lächelnd mein Gesicht, um zu erfahren, in was für einem Leibe es stecke und sagte fragend und überrascht: "Nun?" Es nahm mit ungewöhnlich langen Armen seine alte Mütze vom Kopfe, machte etwas wie eine Verbeugung und sagte dann: "Ach, Sie wern nämlich woll verzeihn, ich bin nämlich Plaschke aus der Wecknitz. Plaschke Thaddees." Und weil es mir nicht gelang, das Lächeln zu unterdrücken, fuhr das Poltern fort: "Ich bin ein eenfacher Mann, freilich. Es is au nich wegen mir. Sie sein doch der Herr Lehrer Kastner aus Raspe, der de gestern bei unserm Herrn war?" Ich nickte. "Nu sehn Sie, do sein mer ja! Nämlich, meine Älteste, de Liese, is doch bei 'm aso fir Wirtschaftern, mecht ma sprechen. Na und das is Ihn ein komsches Mädel, vo der erschten Windel an, of deutsch gesagt. Sie hat Ihn aso een ganz andern Geist, wie mir Plaschke-Leute alle, daß ees wahrhaftig manchmal denken muß, sie zwirnt doppelt. Wissen Sie, aso koplischant und konzise is sie und auch mangolsch, mit eem Worte, versponnen. Da mochte unser Herr Lehrer ein Auge of sie gekriegt haben in der Schule. Und dernachern leid't er nich, daß sie spult, sorgt fir Kleeder. läßt sie das Kochen lernen in Siebenhuben beim Klemt-Gastwirt, alls. Nach, eene solche Guttäte soll ma sich doch suchen dahier in der Welt! Au sonst hilft er uns da und dort, wenns amal hapert. Mich schmeißt nämlich der Herrgott mit Kindern. Und Meine, nämlich gutt is sie ja, alle ponähr, nä, da mißt' ich liegen. Aber sie is doch, wie ma spricht, ein Pfriemer, dar de in Essig getaucht is. begiehts, beißt und sticht, manchmal tagelang. Was soll ma da machen?"

Plaschke hatte den Faden verloren und stach mit dem Stock im feuchten Sande des Weges umher. Dann sah er mich erwartungsvoll an.

"Sie wollten mir von Ihrer Tochter erzählen", sagte ich und sah prüfend über ihn hin, über seinen vierschrötigen, zusammengesessenen Oberkörper, der auf langen, dürren Beinen balanzierte und auf sehr kurzem Halse einen ungemein ausdrucksvollen Kopf trug.

"Richtig, nee, nee. Ma vermärt sich aso. Ich bin nämlich hinterm Webstuhl afir, of gut Glücke naus geloffen, die is gleich hinter mir."

"Die Liese?" fragte ich.

"Ebens, ebens. Sie will nämlich patuh nich mehr beim Herrn Lehrer blein, uf und darvo in de Welt nei."

"Warum denn nun?" fragte ich weiter, weil Plaschke verstummte und ratlos an mir vorbei ins Leere sah.

"Ja, da kann ich nich gescheide aus ihr wern. Die verführt Reden, die kann keens verstehn. Und da dacht ich ebens, wenn Sie ihr den Kopp zurecht setzten. Sie sein gestudiert, und wie man hört, hält unser Herr Lehrer große Stücke vo Ihn. Da sagen Sie ihr, sie soll sich ihren Packs nehmen und soll wieder munder giehn. Nich wahr, Sie sein a so gut. Ich denke, Sie wern sie in den Birken treffen, und da nehmen Sie amol keen Blatt firs Maul. Sie kann doch nicht mir nischt dir nischt fortlaufen."

"Was ich tun kann, will ich tun", entgegnete ich dem armen Aufgeregten, der meine Hand ergriff, sie heftig preßte und dann mit den Worten: "Na, da dank ich Ihn recht schön. Ma muß halt das Leben kaun, und wenn eem de Zähne vollends gar ausbrechen", an mir vorüber auf dem Wege nach Raspenau zu eilig fortstolperte. Seine Schritte klopften noch eine Weile durch den Dunst; dann verloren sie sich plötzlich, als seien sie von der Erde eingeschluckt worden. Daraus entnahm ich, daß er sich in einem Graben in den Hinterhalt gelegt habe, um seine Tochter abzufangen, wenn sie ja etwa, trotz meiner Einsprache, auf der Flucht bestehen sollte. Das war mir eine Beruhigung, und eiliger setzte ich meinen Weg fort. Die Birkenkronen, die erst als durchsichtiges Grüngewölk am Boden zu liegen schienen, schwebten, als ich die letzte Bodenfalte hinter mir hatte, nur wenige Schritte entfernt, gerade vor mir, gleich grüngoldigen Flammen auf den schwanken Alabasterleuchtern ihrer Stämme, denn eben wurden sie von dem schrägen Golde des letzten Lichtes getroffen. Und dort erspähte ich auch schon den dunklen Kopf Lieses. Sie saß auf einem begrasten Steine zwischen zwei Birken, leicht an einen der beiden Stämme gelehnt, das ziemlich umfangreiche Bündel neben sich. In der Haltung eines tief Versunkenen wandelte ich an die Wartende heran, das Gesicht abgewendet, als habe ich nur Äugen für den Flug Krähen, die über dem Wald des Feistelberges fort sich in dem Dämmern immer mehr verloren. Da grüßte mich auch schon ihre leise, wohllautende Stimme, und als ich mich umwandte, erhob sie sich in der ihr eigenen demütigen Art von dem Steine und bemühte sich in der Verlegenheit, das herabgeglittene helle Kopftuch aus dem Nacken über das reiche braune Haar zu ziehen.

"Ach, das ist ja die Liese!" rief ich mit gut geheucheltem Erstaunen. "Wo wollen Sie denn noch so spät hin, nach Raspe oder wieder in die Schule? Da können wir ja zusammengehen."

Sie bewegte verneinend den Kopf, und mit geschlossenen Augen sagte sie leise: "Nich nach Raspe und nich nach Hause. Ich habe plötzlich einen Gang, und es is möglich, ich komme zum Abende nich nach Hause, vielleicht auch morgen nich, ma weeß eben nich."

"Und das Bündel, da neben Ihnen?" fragte ich.

"Das sein meine nötigsten Sachen"; antwortete sie, die Augen zu Boden geschlagen.

"Da wollen Sie wohl dem Herrn Lehrer fortlaufen?"

"Meinem Herrn? meinem Herrn?" fragte sie, und es klang wie erhaltene Beglückung. "Nee, aber ausweichen will ... will ich ... muß ich, nich auf lange."

"Aber Liese ..."

Doch sie unterbrach mich, erhob ihr blasses, zartes Gesicht und heftete die großen Augen fest auf mich: "Gelt. Sie verstehn mich nich! Das glaub' ich schon. und ich wirde es auch nich gewagt haben, wenn ich nich wüßte, wie Sie mit meinem Herrn stehn. und daß Sie der eenzige Mensch sein, dem er vertraut da hier rum."

"Hat es denn etwas gegeben?" fragte ich, da sie verstummte.

Sie errötete, glücklich lächelnd. "Ach. Sie meinen, er wäre böse of mich gewesen. Nee, das kann mein Herr nich. Aber sehn Sie, es reißt was Schweres an ihm. Er sagt nie was, zu niemandem. Aber ich hab's gefühlt, wie es auf ihn zukam, schon vorm Jahre, und nu is ganz über ihm. Ich weeß, er muß wohl fort von hier. Aber verstehn Sie, das halt' ich nich aus. Das könnt' ich nich ertragen, auf der Treppe zu stehn und zu sehn, wie er fortginge aus der Schule und aus Wecknitz. Sie müssen wissen, er hat an mir gehandelt wie ein zweiter Vater. Und deswegen zittre ich, wo ich geh' und steh', und es geht um mit mir bei helllichtem Tage. Deswegen will ich fort, irgendwohin in den Busch, wo die Menschen weit sein und ihre Häuser, wo ich nich amal den Rauch aus den Essen rich und keene Sonne seh', und da will ich liegen und warten, bis alles vorbei is, was ich nich versteh', und was doch sein muß. Dernachern will ich den Packs da nehmen und will wieder nundergehn zu meim Vater und will mich hinter den Webstuhl setzen, wo mich mein Herr hat afürgezogen. Und zwischen dem Poltern kann sich mei Auge dann und wann durchstehlen durch de Obstbäume zur Schule. Da wird wohl alles gehn."

Um die Flügel ihrer dünnen, schönen Nase nestelte verhaltenes Weinen, und erschöpft sank sie auf den Stein zurück, faltete die Hände im Schoß und senkte Wieder das Gesicht.

Ich wollte fragen, ob sie ihren Herrn liebe, kam aber nicht dazu, sie mußte schon von meinem Gedanken getroffen worden sein, denn sie sagte unvermittelt: "Aber denken Sie nich etwan was anders. Ich hab's mit dem ersten Herrgottsleibe ein mich gelegt, daß ich ihm fir all sein Guttäte dienen will, aso lange sich eine Ader rührt in mir."

"Aber warum gehen Sie denn fort?"

"Weil ich zitter; weil ich Angst Hab' und kann mir nich helfen, und wenn ich um ihn bleib', da könnt' er am Ende bloß aus Barmherzigkeit zu mir dableiben und doch nich mehr recht froh werden. Denn er hat schon amal, ich weeß ganz genau wegen mir, den Schröfel abbestellt und die Kiste wieder ausgepackt.

...



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