Stehr | Leonore Griebel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 161 Seiten

Stehr Leonore Griebel


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3661-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 161 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3661-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein mystisch-romantischer Roman aus dem Schlesien des 19. Jahrhunderts. Leonore, Sproß eines Adelsgeschlechts, heiratet einen älteren Geschäftsmann. Schnell muss sie lernen dass sich die romantischen Geschichten ihrer Ahnen nicht mit dem Leben als verheiratete Frau in einem neuen Haus decken ...

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Wie das Linnen, in dem sie lag, weiß und welk, immer im schwachen Zittern ihres letzten Hauches lag dann Leonore. Sie verlangte gar nicht, das Kind zu sehen. Und als man ihr nach Tagen den großen, starken Jungen brachte, schaute sie mit großen, verwunderten Augen auf ihn und nickte stumm: »August war'n man heeßa lå'n«, sagte der glückliche Vater. »Wås er für Hände håt! Un wenn er erscht s Patschel ballt! Wie ein Holzhacker packt er zu.«

»Weg, thut ihn weg! – Ich kann's nie hören! 's zerreißt mich!« rief Leonore und hielt sich die Ohren mit dem Deckbett zu.

Kopfschüttelnd trug die Amme das Kind weg.

Griebel aber fuhr ihr über die Stirn:

»Jå, jå, schlåf, Lorlå, schlåf. Du wirscht schon wieder zu Kräfta komma.«

So lag sie wochenlang in der verhängten Stube. Sie sah mit großen Augen zur Decke und spielte mit ihren schmalen Fingern auf dem Bett. Oft ganz schnell und zitternd. Manchmal, indem ihr Zeigefinger wie nachdenklich, langsam mit dem Nagel über das Gewebe hinfuhr. Das brachte einen feinen, wispernd-singenden Ton hervor. Sie horchte nach den Schritten, der auf dem Flur sich bewegen den Personen und freute sich, sie so zu erkennen. Das träge Ticken der Uhr im hohen Flur, das bei der oft vollständigen Stille des Hauses mit seinen artikulierten Tönen, wie mit geformten Lippen, leise aus allen Ecken widersprach, wiegte sie ein in die Sicherheit um sie wirkender, ruheloser Kräfte. Diese bemühten sich, schlüpften aus einem weit zurückliegenden Anstoß bis nahe an sie heran; wirkten dann achtlos ein Spiel über sie, das scheinbar taub und doch voller Beziehungen zu ihr war.

Da schloß sie die Augen und lag lange wie schlafend. Aber die schnellen Atemzüge und das eilige Minenspiel ließen erkennen, daß sie innerlich beschäftigt sei.

Griebel beobachtete sie oft in solchen Momenten. Wenn ihm ihr bewegungsloses Ruhen zu lange dauerte, dann hustete er laut oder begann mit starken Schritten durchs Zimmer zu schreiten. Dann öffnete sie, wie erwachend, die Augen und sah fremd im Zimmer umher.

»Wo wårscht'n jetze wieder?« frug er einst. Da schüttelte sie mit lächelndem Staunen den Kopf und schob den weißen Arm unter denselben.

»Aah!« sagte sie leise und dehnte sich ... »eine blaue, große Wand – ach! – von einem Berge zum anderen, nein, weiter, viel weiter, hing iber mir. – – Und wie ich da aufsah, siehste, da rihrt se sich, als wenn ein Wind dahinter wär. Und dann, ganz langsam kommt se runter. Es is schon mehr als wenn's Fliegel wär'n und ich denk, wenn de Fliejel schon a so schön sein, wie muß erscht der Engel sein, dem se gehören, und ich will sehn, ich martr mich, aber ...«

»Ach nee, sehn, du håst jå de Auja feste zu, wie wollste då wås sehn?«

»Nu grade! Zu so was braucht ma doch die Augen nich.«

»Nach, wie wårsch 'n weiter?«

»Weiter ging's nie. Da haste gehust't und weg warsch.«

– – –

»Setz dich amål eim Bette uf.«

Sie that es.

»Nu, warum denn?« frug sie und sah an ihren entblößten Armen nieder.

»s sein doch jetzt schon vier Wocha, dåß du eim Bette liegst.«

»Vier Wochen ...« sagte sie verwundert.

»Wird dir'n dås Liega nich selber zuwieder?«

Als Antwort sah sie ihn nur groß an.

Nach einer sinnenden Weile sprach sie mit verschleierter Stimme:

»Ach nein. – Es is so ganz andersch jetze. – So ruh'ch in mir, so weit. Manchmal helle, manchmal so dämmrig. Und schönes, was ich aber doch nie ganz seh und hör, passiert da. – – – Das allerkomischste is aber, daß ich's gar nicht glaub, daß das Gustlein von mir is. Das is alles so weit fort. Wie in einem andern Leben ...«

ȁber, denk doch ...

»Nein, hör doch auf mich. Ich muß dirsch sagen ... in einem andern Leben ... ja, ja ... als wenn das, was war, all's, all's! gar nie hätt' sein brauchen ...«

»Ich etwan – he! – ich etwan auch nich?«

Sie holte nur tief Atem und sah auf ihre Finger, deren Spiel schon wieder begonnen hatte.

»Du!! – Ich etwan auch nich?«

»Aber Joseph!« entgegnete sie mit trauriger Stimme, »bis 'och nich gleich böse. Sieh 'ch och, ich kann doch nie dafür. Und wer leidet mehr drunder?«

»Ich gleebs ja, Lorla. Dås weeß ich ja ... nu då flenn doch nich. Ich meente halt bloß. Wenn ich ei der Werkstelle draußa bin, da gieht ålls drieber un drunder. – Dr Ferscht vo Marokko bin ich doch auch nich. Ma muß doch ofs Verdin'n rechnen. s sol doch ohnder wås dazu komma wie weg. ! – – Ich dacht halt, wenn du aufstehndst un sähst blos zum rechta ...«

»Du läßt mich ja nich ausreden. – – Ach ja! – – Das is auch ofte andersch. – – Wenn ihr draußen geht, so schnell un fleißich, oder wenn ich hör Fässer aus 'm Keller nehmen und's pumpert, da bin ich schon zehn mal aufgestanden und hab angefangen, mei Bette zu machen, weil ich sehn wollte, obs geht, hab a Stuhl weggetragen, dås und je's gemacht. Aber s geht halt gar nich. Nich etwa, daß ichs Bette nich erheb oder den Stuhl, nein. –

Aber sieh'ch, wenn du was machst, da sprichst du erscht in dir: wart, das wird aber jetze gehn! Da packst du an von inwendig raus, als wenn du dich in dich nei stemmst. Da gehts, und du freust dich darnach. – – – Is nich a so? –«

»Nu ... hm, hm! ... ich weeß nie ... åch, nu wås! ... s kån immer a su sein, ich håb noch nich nåchgedåcht.«

»Un das fehlt mir ebenst. Der Arm is doch kee Mensch unds Bein auch nich.«

»Dås mag ålls sein. Ich verstieh dås nich. Åber ich meen halt, wenn du aufstindst und thäst probieren obs ging, dås Zumrechtasahn. – Verleicht wirds andersch, wenn du erscht aus 'm Bette raus bist. Versuchs blos! Giehts noch nich, nu då mußt de halt wieder neikriecha.«

*  *  *

Am anderen Morgen stand sie wirklich auf und zog sich die Kleider an, die sie aus ihrem kleinen Hause mitgebracht hatte.

»Da wird's aber flink gehn wie zu Hause, als wenn die Mutter dahinterstünde«, sagte sie dabei für sich hin.

Alles um sie forderte ihre Thätigkeit heraus. Und sie griff es an, wie einen lästigen Mahner und räumte es fort. Aber in ihrem Arbeiten lag kein Plan. Sie staubte die Möbel ab, kehrte darauf die Stube und mußte dann noch einmal alles vom Staube reinigen. In voller Thätigkeit stehend, bemerkte sie, daß die Fensterscheiben blind seien. Sie rief nach Wasser und Putzlappen. Ohne die Ausführung des Befehles aber abzuwarten, lief sie in die Küche und begann mit den Vorbereitungen zum Mittagessen.

»Mein Gott«, unterbrach sie sich, »da steht und liejt noch alles drieben in der Stube. Geh und trag Wasser in de Pfanne, Mädel, ich muß doch erscht drieben Ordnung machen,« stürmte hinüber und begann aufs neue auszufegen.

Ein fremder Zwang, der Wille ihres Mannes, wirkte in ihr und löste regellos die gewohnten Handgriffe aus, wie das Getriebe einer Maschinerie. Ein wirres Fieber war ihr Fleiß. Alle Verrichtungen drängten sich ihr auf einen Punkt zusammen. Kein Zielen war ihr Wille, eine Beängstigung, die sie trieb, daß sie mit zitternden Händen schaffte, mit bebenden Knien, keuchender Brust und glühenden Schläfen lief.

So war wirklich ihre Fähigkeit zur Thätigkeit mit der Geburt des Kindes erloschen; die Spannung eines Lebens gewichen, das die Energie der Mutter ihr angewöhnt hatte.

Mitten aus dem zwecklosen Wirbel ihres Schaffens sank sie erschöpft auf einen Stuhl und sah dumpf vor sich nieder, um sich schrill aufzureißen:

»Alles liegt und steht noch da und ich setz' mich hierher!«

Sie sprang auf und sank wieder zurück.

...



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