E-Book, Deutsch, 135 Seiten
Stehr Leonore Griebel
1. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6604-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Geschichte einer Liebe
E-Book, Deutsch, 135 Seiten
ISBN: 978-80-268-6604-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Leonore Griebel' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Hermann Stehr (1864-1940) war ein deutscher Schriftsteller aus der Grafschaft Glatz. Aus dem Buch: 'Still dasitzen, mit den langen, schmalen Fingern im Schooß spielen, indessen ihre Augen in Fernen schauten, die hinter allen Gegenständen lagen, das behagte ihr. Als die Mutter merkte, was ihre Liebe angerichtet hatte, war es zur Besserung schon zu spät. Ihr Wesen, das eine Kristallisation von Splittern darstellte, war schon in den Grundlinien der Regellosigkeit erstarrt. Mit Gewalt wurde das Mädchen nun zu allen häuslichen Verrichtungen angehalten. Sie fügte sich auch den Geboten der Mutter, fegte, wusch, stand hinter dem Ladentisch, half beim Backen; aber sie that es mit dem leidenden, geheimen Widerstreben kraftloser Naturen. Dieses emsige Leben, mit seinen lauten, rücksichtslosen Geboten; unruhigen, wimmelnden Wünschen; brennenden Fragen; heftigen Entscheidungen ertrug sie wie ein lästiges Klappern. Und je weiter es durch Übung in ihr vordrang und sich mit Härte festsetzte, um so inbrünstiger war das Zurückschnellen in das bunte, weiche, unräumliche Rätsel ihrer innersten Seele...'
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V.
Das große Haus hatte am Hochzeitstage gejauchzt mit den Geigen der Musikanten, mit dem hüpfenden Lachen der jungen Mädchen, mit den tiefen, breiten Lauten aus froher Männerbrust.
Dann war in tiefer Nacht, ohne erkennbaren Grund, eine unfreundliche Müdigkeit über das Gebäude gekommen.
Die nüchternen Gäste fühlten sie, erhoben sich eilig von ihren Plätzen und wünschten dem Brautpaare eine gute Nacht, wobei die Männer laut lachten und von den Weibern deshalb auf den Rücken geschlagen wurden. Die jungen Mädchen aber stahlen sich mit roten Wangen hinweg. Um zwei Uhr schwankten die letzten Trunkenen, der Sicherheit halber zu einem großen Trupp verknotet, aus dem Hausthor auf die Straße und begannen sofort zu singen:
„Morgenrot, Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod.“
Das Haus ächzte eine Weile mit den verrosteten Angeln seiner Thore ärgerlich dazu, dann sank es im Morgengrauen lauschend über das junge Paar.
***
Die Marsel-Bäckerin hatte ihrer Tochter durchaus eine Aussteuer geben wollen. Aber auf Griebels Bitten war es dann unterblieben.
„Ich håb vor ålls vul. Wo sellde ich ‘s ‘n hinstella? Iberål hot’s multum viel genung. Hiel drsch. Wås amål ibrich bleit, is uns doch nie verlorn.“
So hatte Leonore nichts, was ihr die Eingewöhnung leicht machte. Kein leises Lied tönte durch bekannte Geräte aus ihrer Vergangenheit herüber und verband so ihr neues mit dem alten Leben. Als habe sie eine Kluft übersprungen, kam sie sich vor. Ganz zaghaft und unsicher war sie in der Fülle und Wohlhabenheit, deren Herrin sie nun sein sollte. — Dazu hatte sie ihr früheres Leben nie mit dem Ernst und der Aufmerksamkeit gelebt, die von innen kommen. Alle Jahre ihrer Bewußtheit waren gleichsam nur mit Gesten angefüllt. Keine Verpflichtung für die Zukunft lag in ihnen, als nur der Zwang der Gravitation äußerer Bewegungen. Und diese hatten in ihrem kleinen, engen Mutterhause den Schein einer gewissen Innerlichkeit angenommen. Nun aber war es, als gehe ihrer Gelenkigkeit der Atem aus.
Ganz ratlos saß sie da.
Es war den dritten Morgen beim Frühkaffee.
Ihr Mann frug sie:
„Nu, Lorla, best ‘n gestern drieba gewast ei a Stuba?“
„Nein.“
„I — — ja nun — — warum dn nie, he?“
„Ich mag nich, ich . . . . e . . . getrau mich nich. Es is als ob ich mich fürchte.“
„Warum sprichst ‘n ‚fürchte’? Warum denn nie ferchte? — Du best doch nie ei dr Kerche un ach nie ei dr Schule.“
„Dås is auch drvo . . . . . . . . .
Du warscht lacha . . . . hörst du? . . . l a c h a . . . . hier . . . .. spürst du nich, das geht nich. – Das is alles zu groß, zu scheen, zu, zu, . . . . ich kann drsch nich sän. –
Siehste Joseph, hier kännte ich beten überall; in d e r Stube und in d e r da drinne.“
Der Kaffeelöffel, den sie in der Hand hielt, zitterte, so erregt war sie durch die Worte, welche aus ihrer Furcht und Ratlosigkeit heraufklangen. Sie sah eine Weile unbeweglich vor sich hin und als sie dann ihr Gesicht erhob, blieb das rechte Auge starr in fremder Richtung stehen, von dem kraftlosen Lide nur halb geschlossen.
„Da wärsch jå grade, åls wenns wåhr wär, dåß ei unsm Hause umgieht.“
„Umgieht . . . . umgeht! ach nu, das nich! aber durch den langen, finstern, hohchen Flur . . . .“ unwillkürlich dehnte sie jedes Wort wie feierlich singend.
„Ach wås, Gemare!“
„Gemare?“
„Nu, Lorla.“
„Sprich nie Lorla.“
„Is nie hibsch?“
„Lore is auch nich hibsch; åber Lorla? nein! Geh amal und sags zur Thire naus, im Flur ahinder; da wirscht ’s spieren. — Als wenn eens mit Holzlatschen klufft . . . . ja, wahrhaftig klufft, a so is.“
„Ach, Lore oder Lorla, doas is doch egal.“
„Aber, wenn ich dich bitt!?“
„Nu, Jesses och a, meinswejen; då komm. Mir sein fertich met ‘m Friesticke. Då wer ich amål iberål hin met dr giehn, ehb ich ei de Werkstelle muß.“
Einige Schritte ging sie auf dem Flur vor ihm her mit ihrem zuckenden Trippeln und der zierlichen Beweglichkeit ihres schmalen Leibes. Plötzlich wandte sie, stehenbleibend, sich um.
„Nein geh du zuerscht, Joseph.“
„‘s is breet genung, mir kenna auch neber nander giehn.“
„Nein, geh zum voraus.“
Und nun stand sie hinter seinem breiten Rücken, der sich nun mit der gleichmäßigen Gravität der kurzen, dicken Beine, in rundem, ruhigen Wiegen vor ihr hinschob. Sein breiter Schatten strich fest und sicher neben ihm an der hohen Wand hin. Dann stieg er ruckend, wie eine gewichtige Last, vor ihr die Treppe hinauf. Es war ihr eigentümlich. Sie sah nur immer auf den großen herrischen Schatten ihres Mannes und dann auf den dünnen, zitternd-hinhuschenden Strich, den ihr Leib warf. Es kam ihr unbegreiflich vor, wie jemand in diesem großen, ernsten, geheimnisvollen Hause sich so sicher und selbstverständlich bewegen könne. Aber sie sagte nichts, weil sie fürchtete, ihr Mann werde sie auslachen oder ungehalten sein.
So blieb die geheime Verwunderung zeugend in ihr.
Dann gingen sie von Stube zu Stube. Es waren vier, je zwei durch eine breite Thür verbunden, deren weißer Anstrich schon den gelblichen, anheimelnden Ton des Alters besaß.
Alle Räume waren mit Möbeln angefüllt: große, protzige, breite Schränke aus Mahagoni; niedrige lange Sofas, mit braunem Leder überzogen; steiflehnige Polsterbänke mit blumigem, verblichenem Überzug; hohe und würdige Spiegel; lange Tafeln; runde und eckige Tische und Tischchen; Betten, deren Federfülle bis an die halbe Wand reichte. Überall standen alte Krüge, Vasen und Gläser. Alles war mehr aufgestapelt als geordnet, wie im Speicher eines Einrichtungsgeschäfts. Deswegen machte der Reichtum einen stumpfschweren Eindruck. Die leere Freude am Besitz hatte alles aufgehäuft.
Leonore wand sich scheu an all diesen Sachen vorüber und wenn ihr Mann mit einem Blick, der zur Bewundrung aufforderte, stehen blieb, so fühlte sie zaghaft mit den Fingern auf das Gerät und flüsterte: „Ach!“ — „Nein aber!“ — „Nein, nein!“
Die letzte Stube war verschlossen. Als Joseph sie öffnete, drang ein muffiger Dunst, eine schwere Stickluft daraus hervor.
Beide blieben auf der Schwelle stehen, der Tuchmacher mit einer komischen Ehrfurcht auf seinem feisten Gesicht.
„Nu?“ frug er nach einem langen Stillschweigen in gekränktem Tone.
„Was is n das!“ begann Leonore gehorsam, ein wenig verwirrt über diesen Vorwurf.
„Dås stammt vo meinem Urururgrußvater aus ‘m sechzehnten Jahrhundert. Der håt dås Haus gebaut. Er wår Ratsherr un a so går Borjemeester vo Altenrode.“
Leonore betrachtete nun alles genauer. Es waren abgegriffene, alte Stücke, von Würmern arg mitgenommen, der Überzug auf Sofa und Stühlen blaß und äußerst zerschlissen.
„Vo dat aus gehärt dås Haus zo unser Familje.“
„Eim sechzehnten Jahrhundert,“ redete Leonore mit einem eigentümlichen Tiefton und schüttelte voll Verwunderung den blonden Kopf. Sie hatte nur halb auf die Worte ihres Mannes gehört. Der Laut ihrer Stimme klang aus der Ferne ihres Inneren, von einer heimlich-sympathischen Macht hervorgebracht. Und je länger sie auf die alte Einrichtung hinsah, um so mehr ward ihr alles zu einer märchenhaften Geschichte, die sie einmal gewußt in früher Kindheit und lange vergessen hatte, lange . . . . lange . . . .
„. . . lange“, murmelten ihre Lippen halblaut. Der Mann dachte, es sei eine Antwort auf seine Worte, sagte ein gewichtiges „Jaja!“ schloß die Thür wieder zu und geleitete sie hinaus auf den Flur.
„Då driba,“ wies er quer über den Flur auf eine Reihe von Thüren, „is de Wolle, de Farbe, de Zuthåt un de fertige Wåre — komm!“
„Nein zeig mr das ein andermal!“ sagte sie gereizt.
Sie waren den Flur hingeschritten und an der Bodenstiege angekommen, die in ihn mündete. Ein dämmeriger Schatten floß herunter.
Als Joseph sie hinaufführen wollte, wehrte sie ängstlich: „Nein, Joseph, nein!“
„Na, komm auch schonn, kindsche Liese. Dås frißt dich nie uf. Ich bin jo derbeine.“
„Nein, heite nie, ein andermal.“
„Nu, do sieh ‘ch åch wingste amål nuf.“
Und sie that einen scheuen Blick in den halbdunklen Raum.
„Då håt‘ ei Kista und Kåsta noch viel ales Gelumpe,“ sagte er geschmeichelt und wandte sich zum Abstieg.
***
Aber dieser Rundgang nützte sie doch auch nichts. Sie kam nicht zur Herrschaft über ihre neue Lage. Noch immer ängstigte sie die Höhe und der Reichtum der Räume; die geraden, breiten Fluchten, die jeden spielenden Verkehr zurückwiesen; das kollernde, lange Echo, das jeder laute Schall wachrief und das dann beunruhigend bis in die fernste Zeit ihres Innern zurücklief, sich aber nie friedlich verlor, sondern die Aufgeregtheit bis in die Weiten ihrer raumlosen Seele trug.
Und ihre Unruhe wuchs. Ihr Trippeln ward noch kürzer, ihre Stimme in der Tiefe ihres Klanges wie eingezwängt.
„Wås sol ich doch macha, Mutter!“ frug sie bekümmert in der kleinen, niedrigen Stube, wo sie den Mut zum unverfälschten Dialekt wiederfand. „Ålls is a so fremde, un gruß un weit. s liegt mr wie Blei ei a Bän’n. Åm liebsta mecht ich mich hinsetza un senna, a so recht eis Bloë nei.“
„Ich weß schon wie de bst, ‘Mädl. Gell ock, de Hände of de...




