E-Book, Deutsch, 473 Seiten
Stehr Meine Novellen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3664-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 473 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3664-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hermann Stehr war ein deutsch-schlesischer Schriftsteller, der 1940 verstorben ist. In diesem Band finden sich seine schönsten Erzählungen: Inhalt: Der Graveur Meicke, der Teufel. Der Schindelmacher Die Krähen Gudnatz
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Die Sonne stand schon ziemlich hoch.
Eine Nebelkrähe auf dem Baume, unter welchem der Graveur lag, ließ ihren langgedehnten, schnarrenden Schrei ertönen, dann gluckte sie ein paarmal heiser und spreizte den Schwanz dazu.
Der Schläfer schrak auf, wischte sich die Augen und richtete sich langsam zur Höh.
‚Eine Krähe, hm, hm!'
Er war vor Kälte fast starr.
Kalt, kalt! schauerte er zusammen. Dann stand er auf und schaute umher. Ein dunkles Gefühl der Ueberraschung, sich im Walde zu finden, wurde in ihm rege.
Mit schlaffen Schritten ging er quer durch den Wald. Da überfiel ihn wie aus dem Hinterhalte plötzlich der Gedanke:
Wenn »er« – der Bruder natürlich – mich hier trifft! Keinen Stock, keinen Stein, der Weg weit ab, nirgends Menschen! – Vorsichtig, ängstlich spähte er durch die Bäume. Er stand still und lauschte. Nichts regte sich. Leise schlich er bis zum nächsten Haselstrauche und brach sich einen Knüttel. – So! –
Sicher ging es nun bergab. Den ersten Weg, auf den er traf, ging er entlang. Aufmerksam lugt er nach rechts und links; wenn es knisterte, stand er still und faßte den Knüttel fester. Sonst war er gedankenleer.
. . . . . . . Da rauschte, rollte und sang es. Er stand vor der Mauer des Kirchhofs von Schlegel. Man bestattete einen Toten; ein Grablied erklang.
»Ein Begräbnis . . . . . viel Leute?« . . . . Er guckte über die Kirchhofmauer . . . . , ‚verdammt' – . . . und kauerte sich schnell wieder nieder.
»Auf der Straße kann ich nicht gehen. Da sehen mich alle. Ich muß vor Hundt vorbei, vor der Brauerei . . . . da kann er drinn sitzen und mich sehen. Ach und die anderen Leute,« brütete er weiter, »sind ja alle auf seiner Seite. Eh ich mich umseh', hats ihm jemand gesteckt, daß ich ihn suche und – husch! ist er verschwunden. Da heißts aufpassen!«
»Herr Schramm, was ist Ihnen denn? Ist Ihnen unwohl?« rief plötzlich über ihm eine mitleidige, weibliche Stimme. Er fuhr auf; grub aber schleunigst den Kopf wieder auf die Brust.
‚Ach, die »Wagnern!« auch so eine Schlange! Was machen?' er sann lange nach. Endlich kam es ihm wie eine Erleuchtung. »Ich werde mich verrückt stellen« und er sprang auf, schlug mit dem Knüttel an die Mauer und murmelte dumpf.
Die Frau hatte lange gewartet und noch einige Fragen an ihn gestellt, die er aber nicht hörte. Als sie keine Antwort erhalten, war ihr Angst geworden. Deswegen hatte sie sich schnell entfernt. Eben als er aufsprang und mit dem Knüttel die Mauer bearbeitete, sah sie sich um.
»Mein Gott, mein Gott, er ist wahnsinnig!« sprach sie schauernd zu sich und bog voll Schrecken rechts ab auf die Chaussee . . . . . . .
Schramm merkte, daß er keine Kopfbedeckung habe. »Das trifft sich ja prächtig. Wenn mich die Leute ohne Hut sehen, dann wird jeder denken: ach der ist bei dem und dem gewesen und geht jetzt nach Hause. Da hats noch Zeit, daß ichs dem August sage, der bei der Brauern sitzt, oder sonst wo. – – Aber kalt ist es doch verdammt.
Ich geh nach Hause, ich muß mir eine Mütze holen. – Mitten durchs Dorf – da kann ich den Beobachter spielen. – Ich seh's den Leuten am Gesicht an, ob er hier ist! –«
Ein schmaler Steig führte an der Kirchhofmauer hinab, nach der Chaussee, welche zugleich Dorfstraße war. Er betrat den Pfad und war bald auf dem breiten, belebten Wege.
Den Knüttel in der Rechten, nach rechts und links den Vorübergehenden scharf und auffallend in die Augen blickend, ging er schleppenden Schrittes die Straße abwärts. Sein Rücken war berieben, schmutzig, voll Moos und dürrer Halme; sein Haar verwirrt und hing tief in die Stirn.
Alle, die ihn kannten, blieben stehen, oder wichen ihm scheu aus.
»Wahrhaftig, er ist verrückt!« zischelte es bald da, bald dort.
Schramm aber dachte: »Wie ich vermutet habe. Natürlich ist er da, was brauchten mir sonst alle auszuweichen? Sogar der Franke – einst sein bester Freund – geht auf die Seite. Die stecken alle unter eine Decke; aber wartet nur, ich finde ihn schon . . . .« bald stand er vor einem verrauchten, schmucklosen, fensterreichen Hause. Er trat in den unsauberen Hausflur und stieg die bekannte knarrende Treppe hinauf. Er fand seine Wohnung offen, erstaunte aber nicht, sondern ging hinein und warf sich auf den ersten Stuhl, an welchen er stieß. Er fühlte sich unendlich abgemattet.
Es raschelte hinter ihm. Seine Augen blieben geschlossen. Er rührte sich nicht; er war so abgespannt, daß er nicht einmal ahnen mochte.
Jetzt wurde Geräusch wie von leisen Schritten laut. Therese stand starr vor Schreck hinter ihm und heftete ihr weit geöffnetes Auge auf ihn. Neben ihr stand ein Tragkorb, in welchem allerhand Kleidungsstücke lagen. Sie hielt das Kuppelseil in den Händen.
Endlich wagte sie es: »Herr Josef! Sie ziehen ja aus. Ich muß fort. Meine Schwester ist krank. Sie ist allein und hat keine Pflege. Und – und – vom letzten Vierteljahr dies – Lohn – das – schenk ich – das will ich – das – hab ich schon. Sie sind ja vor so unglücklich. – Adjes!« – Sie konnte sich nicht mehr halten, schluchzte und weinte und reichte ihm die Hand.
»Leben Sie wohl! der liebe Gott sei mit Ihn.«
Schramm waren die Hände herabgesunken und er sah sie mit leerem Gesichte an.
Da schritt sie durch die offne Thür. »Gott sei ihm gnädig!« Unsicher ging sie die Treppe hinab, denn sie sah durch die rollenden Thränen kaum die Stufen, die gute, treue Seele.
Schramm machte ein zufriedenes Gesicht: »Ganz gut, daß sie geht. Ich muß schlafen; ich bin müde, gar – zu – müde!« –
Er legte sich angekleidet aufs Bett und schlief bald ein.
Plötzlich fühlte er sich am Arme erfaßt und gerüttelt.
»Was wollen Sie noch da, Schramm?« Der Wirt des Hauses, ein vierschrötiger Mann stand vor ihm. Er war modern gekleidet. Aber an den Füßen trug er langschäftige Stiefeln, welche die übergezogene Langhose schnabelartig nach hinten stießen und im Gesicht lag ein brutaler, kalter Zug, wie ihn Leute aus dem Volke tragen, welche jahrelang über ruinierte Existenzen und verzweifelte Herzen geschritten sind, aus denen sie hartherzig ihren verbrecherischen Gewinn sogen.
»Heute ist der erste!« begann er ärgerlich mit noch härterer Stimme, als er sah, daß der Graveur vollkommen gleichgiltig blieb. »Sie können nicht mehr hier wohnen. Warum haben Sie nicht zur Zeit gekündigt? Wissen Sies nicht, wann der erste ist? Das Geld, ich meine die Miethe vom letzten Vierteljahr, sind Sie auch noch schuldig!«
Schramm sah ihn verdrießlich an; aber er machte keine Miene, sich zu verständigen. Er dachte bloß: »Nun weckt mich der Esel, und ich schlief so gut.«
»Das hab ich mir wohl gedacht, daß Sie keins haben werden!« fuhr der Wirt nach einer Pause fort. Dann sah er sich im Zimmer um und räusperte sich.
»Es sind 63 Mark. Um Ihnen alle Unannehmlichkeiten zu ersparen, werde ich die Möbel als Zahlung annehmen. Ich will Ihren Schaden nicht.« Im stillen berechnete er dreißig Mark Gewinn. »Die Glassachen können Sie sich behalten; ich will ja nichts verdienen, bloß was jedem recht ist?« –
Ein schlaues Lächeln hüpfte auf Schramms Lippen: Die Glassachen?! O, du Tölpel! Die nehm ich und geh hausieren, da ahnt kein Teufel was, daß ich den August such. Gut – gut!
Sofort war alle Müdigkeit von ihm gewichen. Er sprang auf, holte aus einer Ecke einen großen Armkorb und begann die Kommode abzuräumen. Kunstvoll geschnittene Becher, Vasen, Nippessachen, Gläser, alles packte er in Stroh, das er dem Bett entnahm und legte die Sachen in den Korb.
Der redliche Wirt verfolgte all seine Handbewegungen, damit nicht etwas anderes mit in den Korb schlüpfte, ging von einem Stück Möbel zum anderen, streichelte und befühlte...




