Stehr | Nathanael Maechler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 237 Seiten

Stehr Nathanael Maechler


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3662-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 237 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3662-3
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nathanael Maechler ist der erste Teil der Trilogie um die Familie Maechler, die in ihrer Gesamtheit im Buch 'Droben Gnade, drunten Recht' zu finden ist.

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Auf diese ungewöhnliche Art vollzog sich die Einstellung Maechlers als Gesell bei dem Gerber, denn während des einfachen Mittagsmahles in der großen niedrigen, etwas schummerigen Stube, die zugleich Küche war, wurden alle Bedingungen besprochen, unter denen Maechler seine neue Stelle übernahm. Er erhielt einen Taler zehn Silbergroschen Wochenlohn und als Schlafraum eine Giebelkammer, die mit ihren Wänden aus gespundeten Brettern wie eine Bodenstube wirkte, deren Behagen noch durch eine Kommode, einen kleinen primitiven Tisch und einen Holzschemel betont wurde und Maechler eine Unterkunft bot, wie er sie noch an keiner Arbeitsstelle gefunden hatte. Während des Essens saß der Meister noch lange wie in einer Wolke von Bekümmernis und Sorge, gegen die er sich durch gütige Worte und ein liebevolles Auftauchen seines Gemütes vergeblich wehrte, so daß Maechler mit Erzählungen aus der vielfältigen Geschichte seiner Familie über die taube Stille hinweghelfen mußte, die an dem Hause, trotz der behaglichen, wohlgeordneten Bürgerlichkeit, wie eine geheime, schleichende Krankheit zehrte. Als er an den Bericht über den Grünen Baum geriet, zuckte es wieder in dem Gesicht Wennrichs auf, und ein mahnender Blick aus den Augen der ihm gegenübersitzenden Lotte bestimmte ihn, von dem wilden Geschehen aus dem Gasthaus als einer albernen, verrückten Sauferei zu sprechen, von der er in seiner Kammer nicht viel gespürt habe, bis auf den Singsang, mit dem ein Hinausgeworfener sich auf der Gasse verloren habe.

Dann wurde er auf den Werkplatz am Zacken geführt, dessen kümmerliche Verwahrlosung ihn erschreckte, und zuletzt zeigte man ihm noch den ziemlich geräumigen Garten hinter dem Hause, der mit einigen wohlgepflegten Blumenbeeten begann, aber hinter einer verwichtelten Strauchwelle in einem Durcheinander von Obstbäumen endete, um die sich offenbar seit Jahren niemand gekümmert hatte.

Gegen Abend verließ Maechler das Haus, um seine Sachen aus dem Gasthaus zu holen, wo er sich verabschiedete, ohne von seiner Einstellung in Wilkau zu sprechen. Das Felleisen mit dem Kotzenmantel über der Achsel, den Eichenheister in der Hand, trödelte er gaßauf und -ab durch Wilkau, aber jetzt mit dem Behagen eines Landfahrers, auf den ein sicheres Dach wartet. Der Himmel war wohl noch wetterverhangen, aber das Drohen, das nicht zur Entladung gekommen war, lag nun in erschöpften, unentschiedenen Wolken in der Höhe, und das Gebirge wurde von einem silberweißen Schleier vollkommen verhüllt. In diesem milchigen Dunkel wachte das Abendgeläut der beiden Kirchen auf und klang wie der Zwiegesang zweier Menschen, die mit zusammengebissenen Zähnen aufeinander einsummen. Da bog Maechler an der Sandbrücke von der Rehberger Straße in die Feldgasse ein und ging auf sein neues Heim zu, das er wider Willen gefunden hatte und dem er in einer Benommenheit sich verpflichtet hatte, die ihn noch jetzt wie der silberweiße Schleier erfüllte, hinter dem verborgen ein unsichtbares Gebirge wogte.

Er lächelte unmerklich in sich hinein, während er durch das schmale Vorgärtlein schritt und über die drei Stufen das Plätzchen unter dem Vorbau betrat, weil das kunterbunte Leben ihn auf unbegreifliche Weise in dieses verwunschene Haus undurchsichtiger, verhängnisvoller Schatten geführt hatte, indes doch sein ernster Sinn auf die Errichtung eines klaren, übersichtlichen Daseins stand. Aber, wer weiß, wozu es gut ist, und für lange blieb er wohl nicht. Mit diesem Gedanken klinkte er die Haustür auf und stand bald darauf mit dem lachenden Ausruf in der großen Wohnküche: "So, da bin ich! Guten Abend!" Der Tisch war schon gedeckt. Wennrich bastelte an der Öllampe herum, sie zu entzünden, Lotte ging in der Vorbereitung der Mahlzeit geschäftig auf und zu. Beide erwiderten seinen Gruß leise, ohne sich in ihren Hantierungen stören zu lassen, als sei er ein alter Bekannter. Er legte sein Felleisen neben den Uhrkasten an der Tür und stellte den Stock dazu.

Sobald sie aber in dem stumpfrötlichen Lichtkreise der Öllampe saßen, wurde Maechler von dem Meister mit herzlichem Handschlag willkommen geheißen und gebeten, sich an seinem Gehabe nicht zu stoßen, denn er spüre, daß das dunkle Schattenreiten ihn am längsten gequält habe. Irgendwie sei mit Maechlers Eintritt von draußen, aus der Welt, eine Tür aufgestoßen worden, und der frische Wind, der nun hereindringe, werde wohl das Finstere aus allen Winkeln treiben. Was an ihm liege, solle getreulich geschehen, daß er sich nicht als Fremder, sondern, wenn Gott wolle, als Sohn fühle. "Denn, wissen Sie, Maechler, ich habe einen Sohn gehabt und eine Frau und alles war Sonne und Wohlbehagen hier in diesem verdunkelten Hause, in dem nun Lotte das einzige Licht ist. Also nochmal gut Glück, guten Willen und Segen zum Anfang." Er langte noch einmal herzlich nach Maechlers Hand, und auch Lotte war im Begriff, ihm die Rechte entgegenzustrecken, kam damit aber nicht weiter als bis in die Mitte des Tisches, errötete, rückte an dem Salznäpfchen und sagte einige befangene Worte. Darauf betete man nach katholischer Art und glitt in ein Gespräch über den handwerklichen Betrieb, aus dem Maechler erkannte, wie weit Wennrich von dem Unglück, das ihn getroffen hatte, beiseite geschoben worden war, und daß nicht er, sondern Lotte die Seele auch des kümmerlichen Betriebes bildete, das noch aus- und einsickerte. Er verwunderte sich über ihre klare und kluge Einsicht, der sie ohne Eitelkeit und Prahlerei Ausdruck gab, und fand ihre Zustimmung in der Überzeugung, daß unbedingt der Werkplatz von dem Ufer des Heidewassers wegverlegt werden müsse, daß auch an die Errichtung eines Trockenschuppens für Häute und Felle ehestens herangegangen werden müsse. Unaufdringlich wußte das Mädchen die Unterhaltung zu leiten und zu verhindern, daß ihr Vater sich an sein unterirdisches Minieren verlor, und Maechler unterstützte sie taktvoll und klug in diesem Bestreben. Als gegen das Ende hin der Disput sich an der Frage ein wenig erhitzte, wohin denn dann Werkplatz und Schuppen placiert werden müßten, geriet der Meister in einen immer heftigeren Unwillen über die Revolution, "diesen Unfug der dummen und prahlerischen Schreihälse und gottvergessenen Halunken", die das ganze Leben unterwühlt hätten und auch schuld an dem Niedergang seines Betriebes wären, der vordem zu den besten und ertragreichsten des ganzen Kreises Rehberg gehört hätte. Noch ein Schritt und er stürzte kopfüber in die alte Fallgrube des erbittertsten Grames. Da aber griff Maechler energisch ein und schob den entgleisenden Wagen des Gesprächs dadurch auf einen höheren, abseitigen Weg, daß er den Anklagen Wennrichs zwar vollkommen recht gab, den erloschenen Aufruhr aber doch nicht ganz verurteilte, sondern ihn aus dem ewig berechtigten Zorn der Menschen herleite, sich gegen Willkür, Plackerei und Unterdrückung zu wehren. "Freiheit", rief er, zuletzt selbst in Erregung geraten, aus, "Freiheit, jawohl; aber zuerst im Menschen selber. Recht, jawohl, aber zuerst recht tun gegen uns und andere. Bessere Zeiten, jawohl, aber nicht anders als durch Tüchtigkeit und Redlichkeit. So soll es sein, Meister, und so will ich sein für Sie und für mich. Denn das wissen wir beide, wenn eine schlechte Haut besser werden soll, so zerschneidet man sie nicht, sondern macht behutsam das Aas heraus. Die Revolutionsesel aber haben die Haut kreuz und quer durchschnitten und sich um das Aas nicht gekümmert. Das wird in Wilkau so gewesen sein, wie es überall war. Kopf hoch, Meister, wir machen es anders, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelingen sollte. Und nun: Gute Nacht!"

Er sprang auf, daß der Stuhl von seinen gestrafften Beinen polternd zurückgeschoben wurde. Lotte sah verwundert auf ihn, der so überraschend aus Wortkargheit und umsichtiger Zurückhaltung in solches Stürmen gerissen war. Ihre grau-grünen Augen, auf deren Grunde ein unaussprechlicher Schleier flimmerte, betrachteten ihn in einer Art furchtsamen Staunens.

"Sie haben recht, Maechler, ganz recht", sagte sie in ergriffener Versunkenheit, nahm den Rock behutsam zusammen, indem sie sich vorsichtig erhob, und es schien, daß sie auf ihn zukommen wollte. Doch tat sie nur ein paar aufgelöste Schritte. Dann trat sie an die Uhr und zog sie auf. Wennrich achtete auf das rätselhafte Spiel zwischen den beiden nicht, sondern saß mit eingezogenem Kopf an seinem Platz und starrte weiten Auges vor sich hin. Beim Schnarren der Gewichtsketten fuhr er auf und sagte zu Maechler mit rauher Stimme, wie sie Abgetriebenen eigen ist: "Das ist klar, jawohl – jawohl." Dann erhob er sich von seinem Stuhl und ging, immer wieder mit dem Kopfe nickend, in der Stube entschlossen hin.

Maechler stand betreten über die unbegreifliche Wirkung seiner kleinen Rede und wußte nicht, wie er aus dieser beladenen Wendung heraussteuern sollte. Auch Lotte bewegte sich nicht. Sie war an den Ofen getreten und sah aus dem Dunkel zu ihm hin. Da faßte er sich endlich, schob den Stuhl unter den Tisch und sagte: "Na ja, es ist Zeit, schlafen zu gehen."

Anstatt ihm beizustimmen, gab Wennrich seinen zwecklosen Stubenwandel auf, langte sich seine Mütze von der Kommode und rief in bitterer Heiterkeit: "Bei mir noch nicht, und Lotte hat auch Ihnen noch einiges zu sagen, was sie besser kann als ich. Ich geh' eine Weile auf die Bank hinaus und laß mir Ihre Worte durch den Kopf laufen. Also gute Nacht, wenn wir uns nicht mehr sehen sollten. Lotte zeigt Ihnen alles."

Damit war er draußen. Man hörte ihn vorsichtig durch den Flur tappen. Dann ging die Haustür und schnappte ein. Kaum war dies...



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