E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Stehr Peter Brindeisener
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3663-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3663-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Peter Brindeisener' gilt als Abschlusswerk einer Trilogie, die mit 'Drei Nächte' und 'Heiligenhof' ihren Anfang genommen hatte. Stehr selbst meinte, er habe den 'Heiligenhof' nochmals umstrukturiert und neu erzählt.
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Ich wendete mich herum und sah ihn mit großen, ruhigen Augen an.
Da lief er von meinen Blicken weg, zog nach kurzem Wählen einen Band des Livius heraus, schlug auf und befahl mir, zu übersetzen, was mir noch nie zu Gesicht gekommen war. Es war im dritten Buche die Stelle, die von der Freveltat des Appius Claudius gegen die Tochter des Virginius handelt. Ich las, wohl da und dort stockend und mich manchmal im Ausdruck vergreifend, doch im ganzen so sicher, daß der Pfarrer mir das Buch endlich wegzog, es auf das kleine Rauchtischchen nebenan legte, die Hände richtig erschüttert über seinem ansehnlichen Bäuchlein faltete und mich, wie etwas Unbegreifliches, ansah und wieder ansah und dann wortlos den Kopf wie über ein Wunder schüttelte.
Dann legte er in überquellender Hingerissenheit, mehr ein Vater als ein Lehrer, den Arm um meinen Nacken und bat mich förmlich um Entschuldigung, daß durch das Hin- und Herziehen zwischen ihm und Pfeiffer wegen der Wahl des Schulortes vielleicht eine Verdunkelung in mein Gemüt geworfen worden sei oder eine Störung meiner Geisteskräfte, die ganz so aussehen, daß ich von der Vorsehung zu etwas ganz Großem bestimmt sein könne, wenn ich auf dem Tisch meiner Seele nie ein unsauberes oder schlechtes Lebensgericht aufkommen lasse. Darum wolle er die Wahl der Schule ganz in mein Belieben stellen, und nachdem er sich doch nicht enthalten konnte, für sein geliebtes Wesel manches Glänzende in die Wagschale zu werfen, gab er mir auf, ohne Rücksicht auf seine Meinung, mit meinem Gott und mir in der Stille zu Rate zu gehen und ihm morgen die Entscheidung auf einem Zettel dort in das erste Fach seines Büchergestelles zu legen.
Von der überquellenden Zärtlichkeit und Güte des verehrten alten Herrn war ich karger, liebessehnsüchtiger Knabe so ergriffen, daß mir das Herz fast zersprang vor heißer Betörung. Stammelnd, meiner kaum mächtig, erklärte ich, ihm mich fügen und Wesel wählen zu wollen. Er aber strich mir liebreich über die Haare und schob mich lachend von sich, indem er erklärte, so sei es nicht gemeint. Ich solle mich mit Gott beraten, nicht mit ihm, dem alten Hemsterhuser Manne, der es zwar von Herzen gut mit mir meine, aber darum noch lange nicht berechtigt sei, in das Geschäft des Höchsten zu pfuschen.
So standen wir einander gegenüber, ich in der Nähe des Rauchtischchens, auf dem der aufgeschlagene Livius lag, er nicht weit von dem Bücherbrett, und während ich in meiner Hilflosigkeit nicht wußte, auf welche Art ich hinauskommen könne, hefteten sich meine Augen auf die Stelle des Buches, in deren Übersetzung ich durch das eilige, fast ängstliche Wegreißen unterbrochen worden war. Und was ich vorher im Überfliegen nur ahnungsweise begriffen hatte, das erfaßte ich jetzt mit einem unseligen, schicksalhaften Blick vollkommen, den Satz, den Virginius in seiner kurzen Rede dem Appius zornig entgegenschleuderte: ›Willst du wie das Vieh und das Wild zu Begattungen hinrennen?‹; Allein kaum, daß ich das gelesen, kaum, daß der Pfarrer das gemerkt hatte, so klappte er unauffällig das Büchlein zu und schob mich gegen die Tür hin. Ich aber stand durch den Sinn des Satzes plötzlich in dem dunklen Feuertaumel junger Sinnlichkeit, hörte das röchelnde, geile Lachen der Mägde, die mein Bruder ins Dunkel des Heubodens geworfen hatte, sah ihn von hinten her über sie geraten, und während ich mich wie trunken über die finstere Treppe des Pfarrhauses hinuntertastete, spürte ich wieder die Schoßhaare des Mathinkleins zwischen meinen Fingern und sah ihre weißen, schönen Beine vor meinen geschlossenen Augen gleißen.
Abgeschlagen, mit donnernden Pulsen im ganzen Leibe, mit fast versagenden Knien kam ich aus dem Hause, über den kleinen Vorgarten, und war so ratlos wie ein Halbverurteilter, daß ich immerfort mechanisch vor mich hinfragte: ›Was soll ich tun? Was soll ich tun?‹;
So öffnete ich das Gartentürchen und sah die gelbe, zermahlene Straße vor meinen niedergeschlagenen Augen, wagte mich aber nicht hinaus, auf sie zu treten, denn dann war es entschieden und ich verloren. Wie ich unschlüssig stehe und zage, nähert sich mir von links eine Dunkelheit, wie der vorauseilende Schatten einer sich herannähernden Person, ohne daß Schritte zu vernehmen waren. Und da ich betroffen die Augen hebe, ist die Straße menschenleer, ausgestorben. Nur ein unbegreiflicher Schatten schwebt mir gegenüber in der Luft, ohne Umrisse, mit einem saugenden, verführerischen Locken, blüht in mich hinein, daß alles in mir sich brunstvoll aufbäumt, und weht dann langsam zögernd, mit aller Macht mich hinter sich herziehend, den Weg nach Brederode hin und zergeht mit einem singenden Getön in der Luft. Nach Brederode zu lag Wesel, wo Mathinka Meixner das Lyzeum besuchte. Folgte ich dem Schatten rechts hin, so geriet ich in ihre Gewalt. Links hin, durch den Bocholter Wald, gelangte man nach Münster, und da ich die Augen hob und sie dorthin schweifen ließ, sah ich den Sintlinger Heiligenhof von der Abendsonne verklärt auf dem Hügel glänzen. Da fiel der Spuk in mir zusammen, ich machte kehrt, schlug das Gartenpförtchen hinter mir zu und rannte ins Pfarrhaus zurück, sprang die dunkle Treppe polternd hinauf, riß ohne anzuklopfen die Tür zu des Pfarrers Zimmer auf und rief dem von seinem Brevier betroffen auffahrenden Herrn zu: ›Ich will nicht nach Wesel. Ich muß nach Münster.‹; Und ehe der liebe Ardelt zu etwas anderem kommen konnte, als erschrocken über meinen jähen Gesinnungswechsel und mein zerstörtes Aussehen aufzuspringen und einen Schritt nach mir hinzutun, bat ich inbrünstig, mich nie darum zu fragen und war im nächsten Augenblicke über die Treppe hinunter und zum Pfarrhof hinaus.
Dieses wilde Heraufstoßen meiner Sinnlichkeit hatte, wenigstens vor der Hand, weiter keine anderen Folgen, als mich für Tage in eine regellose Unruhe und lastvolle Bedrängnis zu stoßen. Ich deutete es nach der Auffassung jener durchaus gläubigen Jahre meines Lebens als eine Berückung des Teufels, nahm den rätselhaften Schatten, der mich am Gartenpförtchen des Pfarrhauses so spukhaft angefallen, für eine der tausend Luftgestalten dieses ewigen Erzfeindes aller Menschen und wandte meine ganze Energie nur dazu an, dies aufregende Ereignis aus meinem Bewußtsein zu entfernen und niemand aus meiner Umgebung etwas von dem geheimnisvollen Erlebnis merken zu lassen. Der Trubel der Abreisevorbereitungen unterstützte meine Bemühungen, und so nahm man meine zerstreute, dunkle Unruhe, mein plötzlich jähes Schreien und dann wieder meine scheue Angst mit den immer zum Überlaufen tränenvollen Augen für die beginnenden Abschiedsnöte des Knabenherzens, soweit man sich eben überhaupt um mich kümmerte, und meine Mutter schüttete die Betten, bleichte meine Wäsche auf dem jungen, besonnten Grase, mein Vater maß mich mit höhnischen Blicken von der Seite, und als er einst meinem versunkenen Stehen und Zur-Erde-Blicken in einem Scheunenwinkel lange zugesehen hatte, schrie er laut über den Hof, daß die Tauben erschreckt vom Dach aufflogen:
›Bücheraffe, wach' auf!‹; Niemand merkte etwas von meiner Seelennot, am wenigsten der Kantor Pfeiffer, der vor Glück über seinen glänzenden Sieg sich kaum zu fassen wußte und den sonntäglichen Gottesdienst durch ein Präludium mit allen Registern wie an hohen Feiertagen einleitete, daß die ganze Kirche dröhnte, weil er mich ›ausbündigen Geist‹;, wie er sich ausdrückte, von der Vorsehung zum großen Kämpfer für den heiligen Glauben ausgewählt sah. Nur der Pfarrer war von dem Ausbruch meiner unterirdischen Dämonie, wenn auch nur ahnungsweise, berührt worden, denn er liebte und leitete mich wohl weiter, doch aus einem verkühlten, ferneren Herzen heraus.
Ich aber setzte mit zusammengerissener Stirn die Räder meines Lerneifers wieder in Schwung, und als der Tag meines Abschieds herannahte, lag alles Lenleinglück, die Mathinkabrunst, ja meine ganze vergangene Kinderverwunschenheit vergessen und zerschlagen in mir, und ich war wieder die Hirnmaschine, als die ich aus der Mißhandlung durch meinen Vater hervorgegangen war.
Selbst als meine Mutter mich am Abend vor der Abfahrt in die Fremdenstube an den wohlgefüllten Kleiderkoffer rief und mir mit Stolz die heimlich zusammengebrachte Ausstattung zeigte, änderte sich nichts in mir. Ja, im Anblick des Bettes, auf dem ich einst meinen Vater mit der Mutter getroffen hatte, stieg sogar etwas wie eine bitterliche Abneigung in mir auf, daß die bewegten Worte, die meine Mutter immer dringender, zuletzt zuckenden Mundes zu mir redete, machtlos an mir abprallten. Zuletzt, da ich trotz abgerungener äußerlicher Dankesbezeugungen stets tiefer in meine gleichgültige Melancholie verfiel, geriet sie gar in kummervolle Ratlosigkeit und fragte, ob ich denn meinen Vater und meine Mutter und meine Heimat gar nicht mehr liebe. Ich werde wohl darauf nichts geantwortet, sondern nur leeren Auges, wie es meine Gewohnheit geworden war, weiter zum Fenster hinausgestarrt haben. Denn meine Mutter wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Äugen und meinte nach einem tief-resignierten Atemzug, es sei schon so, ich arte ihrem Vater nach, der seine Jugend hindurch auch von der Schwermut geplagt worden sei, bis ihm sein bester Freund eine Flöte geschenkt und ihn darauf blasen gelehrt habe. Damit bückte sie sich zu dem Kommodenschube, kramte das in ein rotes Seidentüchlein eingewickelte Instrumentlein aus dem hintersten Winkel und grub es unter all meine Sachen auf den Boden des Koffers. ›Ich hoffe ja immer noch, du brauchst es nicht. Aber sollt' es dich...




