Stehr | Zwei Seiten der Liebe: Peter Brindeisener & Der Heiligenhof | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 761 Seiten

Stehr Zwei Seiten der Liebe: Peter Brindeisener & Der Heiligenhof

Zwei Sichtweisen, eine Liebesgeschichte
2. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6607-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Zwei Sichtweisen, eine Liebesgeschichte

E-Book, Deutsch, 761 Seiten

ISBN: 978-80-268-6607-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Zwei Seiten der Liebe: Peter Brindeisener & Der Heiligenhof' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Hermann Stehr (1864-1940) war ein deutscher Schriftsteller aus der Grafschaft Glatz. Aus dem Buch: 'Er erzählte mir immer dieselbe Geschichte, und wenn ich ihn sah, wußte ich schon, wie er sie diesmal vortragen würde. Manchmal galoppierten seine Worte wie Pferde, die von der Peitsche einen steilen Berg hinaufgeprescht werden. Zuzeiten tropften ihm die Sätze zäh und monoton aus dem Munde. Dann wieder glomm in seiner Stimme ein geheimes Zittern: es war trunkenes Taumeln in seiner Geschichte. Seltsam aber war der Erfolg seiner Erzählung: ich vergaß sie immer sofort. Wenn er schwieg, war sie auch schon weggeblasen. Das Seltsamste aber bestand darin, daß der Erzähler und seine Geschichte in gar keinem Zusammenhange zu stehen schienen. Darauf kam ich erst sehr spät, eigentlich am Ende unserer Bekanntschaft. Er hatte die Sache diesmal in dem Garten eines großen Vergnügungsetablissements vor der Stadt einzufädeln gewußt, und während ich durch die lärmende Gesellschaft an überfüllten Tischen vorüberging, um die Handwerker mit ihren Familien, Bergleute und ihr Anhang, Ladendiener mit und ohne Verhältnis, Schlepper mit Fabrikmädchen zusammengekeilt saßen, fühlte ich mich von irgendwoher unangenehm fixiert und wollte schon die Stufen der riesigen Holzveranda hinuntergehen, um auf der Straße am Bahndamm entlang ein wenig in den Wald zu schlendern...'

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Kapitel 4


Ich bewohnte eine möblierte Stube in der Knauerstraße, einer nicht zu breiten Gasse jenes Teiles von Wirbnitz, der noch etwas von dem alten Wesen der Stadt bewahrt hatte. Obwohl nicht weit das rauchgeschwärzte Ungeheuer einer Porzellanfabrik mit riesigen Häuserklötzen sich über einen breiten Raum ausdehnte, so störte sein stillerer Betrieb das geruhige Leben der gewundenen Gasse nicht sonderlich, und die Leute saßen wie in allen Kleinstädten am Abend vor den Türen, plauderten mit halber Stimme, ließen die Kinder vor sich spielen und versanken von Zeit zu Zeit in melancholisches Horchen. Denn über die Dächer der Porzellanfabrik schwangen sich die Laute des freien Feldes, ganz weiches Fließen von den Ährenbreiten her, leises Sausen der Hecken, und die ganz Feinhörigen, jene, deren Sehnsucht so lauter war, daß sie sich durch die Hoffnung auf Erfüllung nicht mehr verunreinigte, jene ganz Stillen, erlauschten wohl auch manches, für das das Ohr eines Menschen zu grob ist, das nur mit der Seele wahrgenommen werden kann: es klang ihnen wohl der geheimnisvolle Ton, den etwa ein Baum hervorbringt, der einsam, ohne sich zu rühren, auf dem Felde steht; fern von den tausend geselligen Genossen des Waldes die grüne Wolle seiner Krone vertrauensvoll dem Himmel entgegenträgt.

Das Haus selbst war ein großer, ungeschlachter Bau mit einem gewölbten Tor in seiner Mitte, das auf einen geräumigen Hof führte. Der lag, auch zur Mittagszeit, in stetem Dämmern, denn er glich mehr einem Schacht, der von den fensterlosen Brandgiebeln zweier benachbarter Mietskasernen und einem dreistöckigen Hinterhause begrenzt war. Immer erfüllte ihn eine wirre Menge durcheinandergefahrener Wagen verschiedener Gattungen bis auf einen schmalen Gang zur Tür des Hinterhauses. Da standen Jagdwagen, Landauer, Cabs, Gesellschaftswagen und Geschäftsvehikel für allerlei Betriebe, denn der Besitzer stand einem schwunghaften Wagenbau vor. In seiner Abwesenheit strömte das mit kleinen Leuten bis unters Dach vollgestopfte Hinterhaus seine hundert Kinder aus, die sich sofort über die Wagen hermachten, um in ihnen allerhand imaginäre Reisen, Geschäftsfahrten und Familienausflüge zu unternehmen. Die Kutscher auf dem Bock trieben mit lautem Geschrei die eingebildeten Rosse an, und die Herrschaft im Wagen vollführte eine Konversation, deren einziger Wert im Lärm bestand. Tauchte der Wirt im Tore auf, so ergriff die Schar schleunigst die Flucht, der Bierkutscher ließ seine Fässerfuhre im Stich, die gräfliche Familie verschwand mitten auf der Landstraße aus dem Landauer, und die Taufgesellschaft rannte unter Zurücklassung des schreienden Säuglings davon.

Nach solchen Austreibungen lag der Hof dann doppelt schwer und düster, und sah ich zur Abendzeit auf die Verdecke der Wagen hinab, so brauchte ich nur geringe Vorbehalte, um mich in den Gutshof meines Vaters zu versetzen, wenn er zu einem Familienfest von den Wagen der Gutsnachbarn fast bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Dies hatte mich auch bestimmt, die Wohnung in der kleinen, abgelegenen Arbeitergasse zu wählen. Den Zustand, dem ich nach dem traumhaft wirklichen Besuch Wanda Methners unterworfen war, können nur jene Menschen höheren Alters verstehen, denen es gelingt, durch die Erinnerung in die Zeit ihrer Jugend zurückzuschlüpfen. Sie wissen, daß man in den schwersten und glücklichsten Perioden jener herrlichen Jahre seine Erlebnisse tiefer und schmerzvoller empfindet und zugleich auch über sie hingetragen wird, als schwebte man auf einem Luftschiff entrückt in der Höhe, und das, was uns die Brust einpreßt, schauen wir zugleich wie eine fremde, bunte Einbildung, die uns nur durch den Rausch der Sehnsucht gehört, denn nie sind wir weiter von den Dingen entfernt als in jener Zeit, da wir den Zauber der Wirklichkeit am tiefsten und lebendigsten an uns erfahren. Und nach Momenten solch höchster Traumgenüsse überkommt uns ein willenloses, elegisches Geschehenlassen, wie Kranke, die aus einer Narkose erwachen.

In dieser Gemütsverfassung saß ich nach dem Tage der halluzinatorischen Nähe Wanda Methners bald an dem einen, bald an dem anderen Fenster meiner Wohnung und schaute mit leerer, leidender Neugier hinunter in den Hof. Wie ein Taumel war mein Schlaf gewesen, mein Wachsein bestand nur in einer anderen Form des Versinkens. Alle Ereignisse der letzten Tage lagen wie erblassende Bilder weit draußen in meiner Seele, alle Entschlüsse in mir erschöpft wie exaltierte Pläne, die in der Trunkenheit geschmiedet worden sind. Das beste wär's, sann ich, wenn man sich den Rucksack auf den Rücken würfe und ins Gebirge stiege. Aber diese Überlegung sank als undeutlicher Ton an mir vorbei. Ich blieb indessen ruhig auf meinem Stuhl am Fenster und verfolgte das Leben und Treiben im Hofe. Aus der Wagenbauwerkstatt, die das ganze Erdgeschoß des Hinterhauses einnahm, schoben vier Gesellen einen neuen halbgedeckten Wagen, der dunkelgrün gestrichen und mit schmalen hellgrünen Streifen abgesetzt war, reinigten seine Polster mit Bürsten, wischten den Staub von den Radspeichen und steckten die Deichsel in die Gabel. Dann gingen sie um ihr schönes Werk herum und betrachteten es von allen Seiten. Die Kinder, die mit gefüllten Körben und Taschen vom Einholen zurückkehrten, traten vor die lackierten Seiten und bespiegelten sich lachend darin. Darauf verschwanden sie durch den schmalen, seitlichen Aufgang im Hinterhause. Frauen mit Kuchenblechen unterm Arm rannten in Eile über den Hof. Kleine Kinder drehten sich auf dem schmalen Gange zwischen den Wagen, in einem Kreis verschlungen, und sangen mit dünner, fröhlicher Stimme ein kurzes Liedchen, bis sie vom Wirt vertrieben wurden.

»Was für ein Tag ist denn heute?« fragte ich mich dumpf, mochte mir aber weder eine Antwort geben, noch brachte ich es fertig, mich umzudrehen und nach dem Kalender zu sehen, der über der Kommode hing. Eine erschöpfte Scheu hielt mich zurück, einen Blick über meine behagliche Wohnung zu werfen. Denn ich hütete mich, an das Schicksal Brindeiseners zu denken, der zerstört, zerlumpt und hungernd draußen umherirren mußte, während ich stumpf und bequem hier saß, ich, der doch eigentlich eine Schuld an dem Hereinbrechen seines Unglücks auf mich geladen hatte.

Im zweiten Stock des Hinterhauses riß jetzt eine junge Frau leidenschaftlich das Fenster auf und begann überlaut zu einer anderen zu reden, die drunten im Hofe mit einem Einkaufskorbe am Arm neben dem neuen Wagen stand.

»Er hot mr meine Brote au verdorben, der meschante Kerl«, schrie sie.

Von drunten aber antwortete es: »Na ja, mei Kuchen is an eener Seite schwarz wie Kohle und hart wie ein Brett. Das wird ein schönes Ostern werden morgen.«

Das Hin- und Widerschimpfen dauerte noch eine Weile. Ich aber hörte nicht mehr darauf, sondern ging mißmutig vom Fenster weg, an dem ich seit Stunden gesessen hatte, und legte mich auf das Sofa mit dem Gesicht gegen die Lehne.

Gleich einem grauen, flordünnen Schleier stand es um meinen Kopf.

So, so, sagte ich träge zu mir, also Ostersonnabend ist heute! Was wird denn Brindeisener diese Nacht tun, wenn er nicht mehr auf der Flöte blasen kann? Da wurde es noch dunkler um mich, und aus den Schatten spürte ich etwas wie den gespannten Blick unsichtbarer Augen auf mich gerichtet. Zugleich klang das Lied, das die Kinder vorhin im Hofe gesungen hatten, in mir wieder, aber jetzt, als würde es von einer einzigen Stimme zitternd in eine weite Öde geschickt. Es wurde immer schwächer, und meine Gedanken verloren sich an seiner verschmachtenden Melancholie ins Pfadlose.

Als ich aufwachte, waren beide Flügel eines Fensters herumgeschlagen. Die Wirtin mußte sie während meines Schlafes geöffnet haben. Der Ton von verklungenem Glockengeläut summte aus der hohen Luft in den Schacht unseres Hofes, und darin klang, wie rätselhaft eingesargt, der Schatten jenes Kinderliedes, an dem ich mich in den Schlaf verloren hatte. Ich zog die Uhr und sah, daß sie die fünfte Stunde zeigte. Das Summen, das nun ganz erloschen war, rührte also von dem Geläut der Auferstehungsprozession her, die in Wirbnitz zu dieser Stunde um die Kirche geführt wurde.

Im Hofe herrschte fast vollkommene Stille. Auch das Hinterhaus lag lautlos. Von der Höhe her streiften die ersten Schimmer des Abends über seinen grauen Bewurf und hauchten einen schwachen Glanz feiertäglicher Heiterkeit um das kahle, freudlose Gebäude.

In der Tiefe des Hofes herrschte die immer gleiche mürrische Dämmerung. Die Wagen waren enger zusammengerückt und auf jeder Seite in dichtgeschlossene Doppelreihen geordnet, so daß aus dem schmalen Zugang zum Hinterhaus etwas wie ein bequemlicher Platz geworden war. Nur der neue Halbgedeckte war dieser feiertäglichen Ordnung nicht eingefügt worden. Er schien zum Abholen bereit gehalten zu werden und streckte ungeduldig seine Deichsel nach dem Tore aus. Der Meister stand davor in blütenweißen Hemdärmeln, mit einer grünen Tuchschürze umgürtet, betrachtete geruhig das saubere Gefährt, wedelte da und dort mit der Schürze ein Stäubchen fort und wurde von Zeit zu Zeit durch Ungeduld, die ihn unversehens überfiel, aus seinem wohligen Trödeln gerissen und unter die Torfahrt getrieben. Als er, ich weiß nicht nach wieviel solcher Absprünge, wieder einmal zu dem Halbgedeckten zurückkehrte, stand ein fremder Mann neben ihm. Ich hatte nicht genau achtgegeben, deswegen war es mir entgangen, von woher, ob aus der Torfahrt oder dem Hinterhause, der Fremde herzugetreten war. Es waren nach meinem Dafürhalten keinerlei Verhandlungen zwischen dem Meister und ihm vorhergegangen. Regungslos, die Hände auf der Krücke eines Stockes gefaltet, dessen Spitze er in eine Fuge zwischen...



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