Stein da Silva Barbosa | Politik der Sorglosigkeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 71, 198 Seiten

Reihe: Politik der Geschlechterverhältnisse

Stein da Silva Barbosa Politik der Sorglosigkeit

Ungleichheiten in der Care-Arbeit in Brasilien
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-593-46361-2
Verlag: Campus Verlag Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ungleichheiten in der Care-Arbeit in Brasilien

E-Book, Deutsch, Band 71, 198 Seiten

Reihe: Politik der Geschlechterverhältnisse

ISBN: 978-3-593-46361-2
Verlag: Campus Verlag Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie trägt der brasilianische Staat zur ungleichen Verteilung von Care-Arbeit bei? Wie zeigen sich intersektionelle Ungleichheiten im Alltag von Care-Arbeitenden in São Paulo? Vor dem Hintergrund einer seit Jahrzehnten fortschreitenden Privatisierung von Sorgearbeit, die bestehende Ungleichheiten von Geschlecht, Race und Klasse verstärkt, untersucht Manuela Stein da Silva Barbosa den Zeitraum von 2018 bis 2022 - die Regierung Bolsonaro baute in diesen Jahren Sozialleistungen ab und verschärfte damit Sorge-Ungerechtigkeiten. Anhand von qualitativen Interviews und Gruppendiskussionen mit Care-Leistenden zeigt die Autorin, wie diese Verantwortung für Sorge und Pflege reflektieren und zugleich staatlich produzierte Herrschaftsverhältnisse überdenken, die ihnen jene Verantwortung zuweisen. Die Studie zeigt, dass Brasiliens patriarchal-kapitalistisches Staatssystem auf rassistischen und binären Geschlechternormen beruht - und darüber eine ungleiche Verteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft reproduziert.

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Einleitung


Care-Arbeit an der Schnittstelle von Staat, Markt und Familie sichtbar zu machen, ist eine Konstante globaler (feministischer) Frauenbewegungen sowie der feministischen Sozialforschung. Dabei wird vor allem die ungerechte Verteilung von Reproduktions-, Sorge- bzw. Care-Arbeit kritisiert, die der sogenannten produktiven Erwerbsarbeit als untergeordnet betrachtet wird (Aulenbacher 2015); gleichzeitig wird eine gerechtere Verteilung eingeklagt.

Sowohl feministische Forscher*innen des Globalen Nordens als auch des Globalen Südens bezeichnen die strukturelle Care- und soziale Reproduktionskrise als kapitalistischen Gesellschaften systeminhärent (Fraser 2013; Federici 2020; Gago 2020) und betrachten diese als Folge der »strukturellen Sorglosigkeit des Kapitalismus« (Aulenbacher 2015: 6). Aulenbacher betont, dass die gesellschaftliche Unterordnung von Pflege- und Fürsorgearbeit die Lebensgrundlagen kapitalistischer Gesellschaften sowohl in ökologischer als auch in sozialer Hinsicht gefährdet (ebd.: 6).

Wissenschaftler*innen des Globalen Nordens sprechen zusehends über die Folgen der globalen gesellschaftlichen Arbeitsteilung im Zuge des Sorgeextraktivismus1 (Wichterich 2019) und der Sorgemigration (Aulenbacher 2015; Brand 2020; Lutz 2018). Kern der Kritik sind hierbei die entstehenden Ausbeutungs- und Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Ländern des Globalen Südens und des Globalen Nordens (vgl. Dowling 2020). Dabei entsteht eine Notwendigkeit, sowohl regionale als auch nationale Care-Verhältnisse im Globalen Süden als spezifische Fallbeispiele zu untersuchen, ohne dabei die globalen Verhältnisse aus den Augen zu verlieren.

Im Zentrum meiner Untersuchung stehen die Arbeits- und Lebensbedingungen brasilianischer Care-Arbeiter*innen in familiären und privaten Haushalten, mit einem besonderen Fokus auf die Metropole São Paulo. Brasilien sowie die ausgewählte Stadt dienen exemplarisch für die Entstehung von Ungleichheiten im Globalen Süden und die Auswirkungen (globaler) neoliberaler Austeritätspolitiken.

Seit Beginn des Jahres 2020 führte uns die Covid-19-Pandemie zusätzlich die Schwachstellen unserer Care-Systeme sowie die sozialen und globalen Folgen von Ungleichheiten weltweit vor Augen. So gehörten auch im von starken Ungleichheiten gekennzeichneten Brasilien Frauen2, Mütter und Care-Arbeiter*innen zu den am meisten von Armut Betroffenen der Gesundheits- und Wirtschaftskrise: Ein Grund dafür war die steigende Arbeitslosigkeit von Frauen (17,9 Prozent: IBGE 2021), insbesondere derjenigen Frauen, die Sorge- und Pflegeverantwortung zu Hause übernehmen mussten. Außerdem waren Austritte von Mädchen aus öffentlichen Schulen zu verzeichnen, um zunehmende Sorgelücken im Zuge der Pandemie in ihren Familien unbezahlte Care- und Betreuungsarbeiten zu verrichten, die zuvor öffentlich oder privat organisiert waren. Der Hintergrund für das Entstehen zusätzlicher Sorgelücken war der fast anderthalbjährige Wegfall der öffentlichen Sorgeeinrichtungen (wie Kleinkindbetreuungen und Schulen) aufgrund der Covid-19-Pandemie, der die Sorgeerfordernisse in den Privathaushalten erhöhte und die Reproduktions- und Sorgefabrik Privathaushalt an die (Existenz-)Grenzen brachte.

Jahrzehntelange staatliche Privatisierung und Familiarisierung von Pflege- und Fürsorgearbeit hat die gesellschaftlichen und sozialen Langzeitfolgen, nämlich Ungleichheiten, die sich an den Achsen Geschlecht, , Klasse in der brasilianischen Gesellschaft überschneiden und verdichten, nochmals verschärft. Der ohnehin schon prekär organisierte Pflege- und Fürsorgebereich erfuhr während der Pandemie eine weitere Prekarisierung, die sich vor allem in feminisierter Arbeitslosigkeit, dem Wiederauftauchen Brasiliens auf der globalen »Karte des Hungers« der UNO sowie einem extremen Anstieg (häuslicher) Gewalt äußerte (vgl. Gênero e Número und Sempreviva 2020).

Das Verständnis vom Staat als zentral für die Reproduktion von sozialer Ungleichheit, beruht auf meinem staatstheoretischen Zugang, der diesen gleichzeitig als ein gesellschaftliches Verhältnis konzipiert (Poulantzas 1978). Das vorliegende Buch handelt von Brasilien zum einen als eine nationalstaatliche Einheit und zum anderen unter Berücksichtigung seiner historischen Positionierung im Globalen Süden. Für das Letztere sind vor allem die (post-)koloniale Geschichte des Landes sowie der (Finanz-)Kapitalismus von großer Bedeutung.

Mein Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die gesellschaftliche Organisation von Care-Arbeit in Brasilien, wobei der Staat eine wesentliche Rolle spielt, intersektionelle Ungleichheiten an der Schnittstelle von Geschlecht, Ethnizität/ und Klasse reproduziert. Brasilien und São Paulo als wirtschaftsstärkste Stadt des Landes sind hierbei beispielhaft für das Entstehen intersektioneller Ungleichheiten als Folge einer »neoliberalen Alternative zum Wohlfahrtsstaat« und einer »Ökonomisierung von Staat und Gesellschaft« (Novy 2001: 281). Gleichzeitig dient Brasilien im Untersuchungszeitraum 2020-2022 auch als Negativbeispiel für die rückwärtsgewandte Wirkung rechts-autoritärer Regierungsweisen auf Geschlechter- und (Re-)Produktionsverhältnisse.

Ziel des vorliegenden Buches ist es, soziale Reproduktion und Care-Arbeit im nationalen Kontext Brasiliens aus einer staatstheoretischen und mit einer intersektionellen geschlechterkritischen Perspektive zu betrachten – vor dem Hintergrund der politischen Transformationsprozesse Brasiliens im Zeitraum 2016 bis 2022. Austeritäts- und Steuerpolitiken wurden hier durch den abrupten politischen Regierungswechsel mit dem Impeachment gegen Dilma Rousseff 2016 eingeleitet und damit wurde eine politische und ideologische Umorientierung gegen starke Widerstände der Zivilgesellschaft umgesetzt. Die Covid-19-Pandemie und die Ungleichheit verschärfenden Folgen waren zu dieser Zeit noch nicht abzusehen. Zum anderen erlebten wir das bewusste Setzen einer Anti-Gender-Agenda als Staatspolitik, die nicht nur ideologisch, sondern auch durch gesetzliche Regulierungen umgesetzt wurde (Corrêa 2020: 2-3; vgl. Biroli 2020: 156 ff.): So waren der Umbau des Sekretariats für Gender- und Frauenrechte in das Ministerium für Frauen, Familie und Menschenrechte sowie das Streichen von Gender-Perspektiven aus Regierungsprogrammen exemplarisch für eine neue autoritäre Regierungsausrichtung (Biroli 2020: 165), die intersektionelle Ungleichheiten eher verschärft als ihnen entgegenwirkt hat. Vor diesem Hintergrund soll erstens untersucht werden, welche sozialen Ungleichheiten in die spezifische Organisation von Care-Arbeit in Brasilien eingeschrieben sind. Zweitens soll analysiert werden, inwiefern staatliches Agieren politisch, ökonomisch, aber auch symbolisch auf der Subjektebene in den Erfahrungen von Care-Arbeiter*innen wahrnehmbar ist.

Bisherige Untersuchungen konzeptualisieren nicht konkret ein Modell, das es erlaubt, staatliches Agieren, also staatliche Strukturen sowie die symbolischen Komponenten von Staatlichkeit mit der subjektiven Positionierung von Care-Arbeiter*innen zusammenzudenken. Staatlichkeit in kapitalistischen Staaten, davon gehe ich in diesem Buch aus, ist in gesellschaftlichen Verhältnissen zu verorten (Poulantzas 1989). Staat und Politik entstehen demnach aus Geschlechter- und Ungleichheitsverhältnissen und konfigurieren diese im Wechselspiel. Staaten sind entsprechend ein Produkt gesellschaftlicher Herrschaftsprozesse und wirken auf gesellschaftliche Verhältnisse zurück (Löffler 2008: 197). Staatlichkeit – dies möchte ich zugrunde legen – ist also ein gesellschaftliches Verhältnis (Poulantzas 1989) und in den Erfahrungen von Subjekten wahrnehmbar. Ein hegemoniekritischer staatstheoretischer Zugang zu Care- und Reproduktionsarbeit sollte deswegen staatliches Handeln und die Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die gesellschaftliche Position von Care-Arbeiter*innen zusammendenken, weil moderne Staaten als zentrale Akteure sowohl bei der Bildung von Subjekten als auch bei der gesellschaftlichen Teilung von Arbeit zu verstehen sind.

Deshalb ist das Ziel dieses Buches erstens zu erklären, wie staatliche Arrangements Care-Arbeit flexibel und produktiv organisieren und damit Ungleichheiten reproduzieren und verschärfen. Dabei möchte ich aufzeigen, wie hierbei neben der materiellen...



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