Stein Kraniche über dem Haus
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86541-794-7
Verlag: Lehmanns Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten, PB
ISBN: 978-3-86541-794-7
Verlag: Lehmanns Media
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vier Menschen, alle Mitglieder einer Familie und einer Generation. Alle krank. Da stimmt doch etwas nicht – oder?
Die Häufung bestimmter Krankheiten wie z.B. Depression innerhalb einer Familie ist nie zufällig und hat eine Geschichte, die weit und generationsübergreifend zurückreicht. Judith, Kind von durch den Zweiten Weltkrieg traumatisierten Eltern, erzählt ihre Familiengeschichte und versucht dabei, eine Erklärung für ihre körperliche und seelische Versehrtheit – und die ihrer Geschwister und ihres Cousins – zu finden und endlich den Teufelskreis zu durchbrechen, der ihre Familie seit vier Generationen umgibt.
Mit wachen Augen und Ohren trägt die Autorin ihre Vergangenheit und ihre teils schmerzhaften Erfahrungen in der Psychotherapie zusammen. Betroffenen will sie Mut machen, sich intensiv mit der Biographie der Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen und die gewonnenen Erkenntnisse gegen das eigene Leid zu wenden.
Autoren/Hrsg.
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Carolines Beziehung zu ihrer Mutter wurde kontinuierlich schwieriger. Möglicherweise spielte dabei eine Rolle, dass das Kind ständig die Kritik des Vaters und des Großvaters an der Mutter zu hören bekam. Der Vater war inzwischen die Autoritätsperson in der Familie geworden und bemühte sich um die Töchter. Als Marianne einmal aus akutem Geldmangel (die ?nanzielle Situation der Familie war jahrelang schlecht) einen kleinen Betrag aus Carolines Sparschwein nahm und vergaß, ihn wieder zurückzulegen, tobte Caroline, die es irgendwann bemerkt hatte, mit denselben Worten wie der Vater: Die Mutter sei leichtsinnig, unzuverlässig und käme nicht mit dem Haushaltsgeld zurecht. Marianne hatte schon manches zu hören bekommen wegen des Geldes, auch von ihrer Schwiegermutter, und sie verteidigte sich schon nicht mehr. Es war aber auch der zunehmend abgekapselte und introvertierte Zustand der Mutter, gegen den Caroline verzweifelt ankämpfte. Auf die Migräneanfälle reagierte die Tochter wütend, sie konnte die Atmosphäre von Leiden und Traurigkeit nicht ertragen, die sich sowieso überall auf Höhe West wie ein Gift ausbreitete. Erst später wurde Caroline bewusst, wie sehr sie die Zuwendung der Mutter vermisst hatte. Ein federleichtes Übers-Haar-Streichen war das Äußerste an Körperkontakt, was von der Mutter kam. Niemandem war klar, in welch tiefer Depression die Frau bereits steckte. Caroline rebellierte aus Notwehr gegen das Bedrückende, so wie sie auch das Kämpfen gegen den Vater nicht aufgab. Jahrelang traktierte sie ihn mit ihrer Sorge, er könne Alkoholiker werden wie die Brüder vom „Oppa“. Sie hatte ja mit eigenen Augen gesehen, wie Arnold das Apfelbäumchen zerhackte und wie Oskar schwankend an der Hausecke lehnte und sich erbrach. Friedhelm reagierte hil?os-belustigt auf die Vorwürfe seiner Tochter, wenn er ein „Bierchen“ trinken war und Caroline auf ihn gewartet hatte. Er wusste, dass eines ihm nicht passieren konnte: dem Alkohol zu verfallen. Mit dem Vater konnte Caroline sich also auseinandersetzen – die Mutter dagegen wurde immer stiller und unfassbarer. Carolines Wut schlug zwischenzeitlich in Sorge um, z. B. als Marianne nach ihrem letzten Klinikaufenthalt an einem der letzten Sommerabende auf Höhe West vor dem Umzug wie eine Schlafwandlerin den Weg ums Haus ging und lange Zeit nicht wiederkam. Die Töchter schwitzten Blut und Wasser, suchten das Haus, den Dachboden und den Keller ab, aus Angst, sie könnte sich umgebracht haben. Als sie wieder auftauchte, lächelte sie über die verwirrten Kinder: Sie habe doch bloß einen Spaziergang gemacht. Zu ihrer Kon?rmation bekam Caroline ein Samtkleid genäht. Trotzdem fand sie sich nicht hübsch und versteckte sich beim Gruppenfoto in der hinteren Reihe. Der Pastor, von allen „Pastor Pfeifers“ genannt, obwohl er Pfeifer ohne „s“ hieß, mochte das ernsthafte Mädchen. Seine Besuche auf Höhe West waren jedoch mit kleinen Pannen verbunden (er hatte sich erst mühsam ans Dor?eben gewöhnen müssen). Beim ersten Mal wusste er noch nicht, welche der drei Türen zur Wohnung der Familie Stein gehörte, denn es war nirgends ein Namensschild zu ?nden, sondern nur eine Klingel. Er wählte die goldene Mitte und stand unmittelbar vor Friedhelm, der zeitungslesend gemütlich auf dem Klo saß. Die mittlere Tür, ehemals Stalltür, führte nämlich am zweiten Klo (Opas Klo) vorbei in die Waschküche, die gefährliche Treppe hinunter, auf der Johanna in ihrem letzten Lebensjahr noch gestürzt war. Pastor und Friedhelm waren gleichermaßen erschrocken, lösten die Situation jedoch mit Humor. Bei seinem zweiten Besuch, der im Winter stattfand, geleitete den Pastor nach der Verabschiedung niemand zum Gartentor. Auf dem Hof war kein Licht, die Straßenlaternen der Weststraße standen auch noch nicht, daher war es nach siebzehn Uhr völlig duster. Der Pastor tappte durch den Schnee am Haus entlang und hielt die dunkle Linie, die er vor sich sah, für den Weg – aber es war die Hecke, und er ?el kopfüber ins Gemüsebeet. Zum Glück hatte Caroline das Unglück noch mitbekommen und holte Friedhelm, der dem Pastor half, sich wieder aufzurappeln. Vor allem die Sache mit dem Klo war Caroline unsäglich peinlich. Am liebsten wäre sie nicht mehr zum Kon?rmandenunterricht gegangen. Caroline hatte zwei Berufswünsche: Sie wäre gern Kinderkrankenschwester oder Auslandskorrespondentin geworden. Ihr Sprachtalent hätte letzteres ebenso möglich gemacht, wie ihre Liebe zu Kindern und ihr „Händchen“ für sie den ersten Beruf sinnvoll erscheinen ließen. Als Auslandskorrespondentin hätte sie oft von zu Hause fort sein müssen, sowohl während ihrer Ausbildung als auch später. Es hieß wahrscheinlich: „Stell dir vor, du hast Familie und musst immer weg sein.“ Schon damals war für Caroline die Vorstellung unerträglich, von ihrem kleinen Bruder Wolf getrennt zu sein. Um eine Lehrstelle als Kinderkrankenschwester zu bekommen, kam es sogar zu einem Gespräch bei Präses Thimme in Bielefeld, das Friedhelm arrangiert hatte. In der Region boten nur kirchliche Einrichtungen entsprechende Ausbildungsplätze an. Fazit war, dass Friedhelm meinte, in der Ausbildung würden die Mädchen nur ausgenutzt und hätten kaum weiterführende Möglichkeiten. Caroline war darüber sehr enttäuscht. Schließlich begann sie nach der mittleren Reife die Lehre bei einem Arzt in Enger als Arzthelferin. Noch während der Realschulzeit machte sie auf Friedhelms Drängen hin mehrere Kurse in Schreibmaschine und Steno, die von einem der unbeliebtesten Lehrer der ganzen Schule, Herrn Ludwig, angeboten wurden. Er gab mit dem Stock auf den Fußboden klopfend den Takt an, nach dem man zu schreiben hatte. Caroline lernte das alles. In der Lehre wurde sie mehr ausgebeutet, als sie es als Kinderkrankenschwester hätte werden können. Es will schon etwas heißen, wenn Friedhelm sich beim „Lehrherrn“ dafür stark machte, dass seine Tochter abends wenigstens gelegentlich pünktlich Feierabend machen durfte. Fünfzig bis sechzig Stunden die Woche arbeitete sie für wenige Mark, drei Jahre lang – das war gang und gäbe. Nach Beendigung der Lehre kamen Caroline die Schreibmaschinen- und Stenokurse zugute, denn sie bekam eine Stelle im Herforder Gesundheitsamt. Später bewarb sie sich im Kreiskrankenhaus und war bis zur Geburt ihres Kindes Chefsekretärin des Anästhesie-Oberarztes. Carolines Ähnlichkeit mit ihrem Vater zeigte sich unter anderem darin, dass sie überhaupt nie krankfeierte und mit ihrer Zuverlässigkeit jeden Mitarbeiter beeindruckte. Nach zwanzig Jahren ununterbrochener Berufstätigkeit begann ihre Gesundheit, nicht mehr mitzuspielen. Es kam zu schweren Hautleiden, Asthma und Erschöpfungszuständen. Aber zurück zum Elternhaus. Während viele Mädchen im Tanzstundenalter verstärkt außerhäusige Kontakte p?egten, zog Caroline sich noch stärker zurück. Während der Schule und später in der Lehre war der kleine Bruder viele Jahre lang ihre ganze Freude und ihr Lebensinhalt. Sie war dreizehn, als er geboren wurde, und nahm von Anfang an eine mütterliche Stellung ihm gegenüber ein. Auch hier gibt es wieder eine interessante Parallele zu Friedhelm: Er war ebenfalls dreizehn Jahre älter als sein Schwesterchen und nahm ihr gegenüber Erziehungsfunktionen wahr. Da sich Caroline und Judith seit langem schon einen Bruder namens Wolf gewünscht und auch ihre Puppe so genannt hatte, gaben die Eltern dem dritten Kind diesen Namen. Wolf gab es schon lange, bevor er geboren wurde, so sehr war er herbeigewünscht worden. Die Kindheit des kleinen Bruders war Carolines glücklichste Zeit während ihrer gesamten Jugend. Allmählich befanden die Eltern, die Tochter müsse auch einmal aus dem Haus gehen. Die Tanzschule wurde absolviert, aber das hatte zunächst nicht die gewünschte Wirkung. Caroline fühlte sich, abgesehen von ihrer starken Bindung ans Elternhaus, zu unsicher für den damals üblichen Jugend-Treff. Der Vater begann mit regelmäßigen Vorhaltungen, ohne damit seiner Tochter auch nur im Ansatz helfen zu können. Es kam wieder zu starken Kon?ikten zwischen Tochter und Vater. Caroline war in der Lehrzeit derart angespannt, dass kaum Kraft und Zeit für Freizeit übrig blieb. Sie half an den Wochenenden und abends weiterhin im Haushalt und kümmerte sich um das Brüderchen. Mit einem Klassentreffen, das stattfand, als sie neunzehn Jahre alt war, kam ein deutlicher Umschwung, denn sie entdeckte dort einen jungen Mann neu und er sie: Klaus wurde ihr erster Freund. Und – wie konnte es anders sein – nun passte es Friedhelm nicht mehr, dass seine Tochter sich mauserte, dass sie oft ausging, Miniröcke und auffallende Frisuren trug, sich ein Auto zulegte, eben eigenständig wurde. Neuer Kon?iktstoff bahnte sich an. Caroline wohnte zwar weiterhin zu Hause, aber sie nabelte sich deutlich ab. Dies wurde noch dadurch verstärkt, dass sie einen anderen Freund fand, bei dem sie schließlich auch übernachtete. Jetzt hatte sie nicht mehr so viel Zeit für den Bruder, der aber nach dem Umzug in eine nachbarschaftsreichere Wohngegend selbst etwas aus sich herauskam und endlich Spielgefährten fand. Da die neue Wohnung nur zwei Kinderzimmer hatte, entschied der Vater, die noch zur Schule gehende zweite Tochter brauche ein Zimmer allein für sich und die Schularbeiten. Die erste Tochter käme ja sowieso nur zum Schlafen nach Hause. Er stellte ihr Bett ins Kinderzimmer des kleinen Bruders und schuf so wieder eine Gelegenheit, das Verhältnis zwischen den Schwestern zu verschlechtern. Der kleine Wolf hingegen fand es gut, denn er liebte Caroline so wie sie ihn. Morgens, wenn sie sich am Wochenende ausschlafen wollte, zappelte er sie wach. Die Zeiten, in denen er sie mit Kleinkindstimme „Lala, lebte?“ fragte, waren zwar vorbei, aber die Anhänglichkeit war die gleiche geblieben. Caroline nahm es Judith sehr...




