Steinbach | Atterkill | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 648 Seiten

Steinbach Atterkill

Global denken - lokal morden
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99038-254-7
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Global denken - lokal morden

E-Book, Deutsch, 648 Seiten

ISBN: 978-3-99038-254-7
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
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Wo früher die feine Wiener Gesellschaft zusammengekommen ist, suchen heute Oligarchen und Spekulanten in den alten Villen am Attersee Erholung. Sie konkurrieren um eine neue Technologie mit fundamentalen Auswirkungen auf die globalen Märkte. Michael Hauser, leitender Beamter des Bundeskriminalamtes, soll die Verbrechen aufklären, hinter denen die Villenbesitzer vermutet werden. Bald stellt sich heraus, dass auch noch ganz andere Mächte ihre Hände im Spiel haben. Nichts ist so, wie es scheint, und zum ersten Mal in der langen Geschichte des Tourismus sind am Attersee mehr Mordopfer zu beklagen als verunglückte Taucher.

Josef Steinbach, Universitätsprofessor für Wirtschaftsgeografie, lebt in Klosterneuburg bei Wien. Im Ruhestand fand er endlich Zeit, sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen und einmal auch einen Krimi zu schreiben. Josef Steinbach hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht, besonders aus den Bereichen: Stadt- und Regionalplanung, Tourismus, Probleme der Globalisierung.

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2. Wasserrettung Landauf, landab ist das Salzkammergut für sein Regenwetter bekannt. Es hatte Zeiten gegeben, da war Michael Hauser in seinem Feriendomizil angekommen, und nur wenige Stunden, ja Minuten später setzte ein intensiver Dauerregen ein, meist auch verbunden mit einem radikalen Temperatursturz. Das alles pflegte dann so lange anzuhalten, bis er wieder seine Koffer packte, und nur wenige Stunden, ja Minuten nach seiner Abreise spiegelte sich wieder die Sonne im Attersee und gab ihm seine Palette an glitzernden, hell- bis grünblauen Farbtönen zurück. Die nur hier entstehen können, im Zusammenspiel von glasklarem, auf natürliche Weise gefilterten Wasser, hellen kalkhaltigen Ablagerungen auf dem Seegrund und strahlendem Licht. Hausers skurrile Vorstellungen zur kommerziellen Verwertung seines Fluches konnten bei seinen nur allzu oft von den Widrigkeiten des Wetters geplagten Freunden höchstens ansatzweise die beabsichtigte Heiterkeit auslösen. Dem Seiringer Alois, Landwirt und Nachbar, legte er dar, dass ihm die vereinigte Bauernschaft im Fall von drohender Dürre und Wasserknappheit nur eine angemessene Prämie für seine sofortige Anreise bezahlen müsste, dann wäre das Problem im Nu beseitigt. Und gegenüber dem Seiringer Franz – mit dem Alois Seiringer natürlich weder verwandt noch verschwägert –, enger Jugendfreund und Manager des Hotels Alte Post in Weißenbach, erklärte er seine Bereitschaft zur sofortigen Abreise im Fall des plötzlichen witterungsbedingten Gästeschwundes, natürlich nur unter der Voraussetzung einer kleinen finanziellen Entschädigung durch den Tourismusverband. Auch heute zeigte es sich wieder, dass der Fluch des Hausers seine Wirkung noch nicht verloren hatte. Er war kaum im Land, schon kündigte sich Regen an, und zwar in seiner unangenehmsten Form. Als drohendes Sommergewitter, welches besonders im Süden des Attersees großes Unheil anrichten konnte. An heißen und schwülen Sommernachmittagen traten die Gewitter gewöhnlich in zwei Varianten auf: Zum einen konnten sich mehrere Gewitterzellen über den Hügeln des Salzburger Flachgaus ausbilden. Diese nahmen dann ihren Weg vom Nordwesten her in das Seebecken und fanden schließlich an der breiten Barriere des Höllengebirges ein unüberwindliches Hindernis. Mit etwas Glück hatten diese Gewitterfronten auf ihrer Zugbahn über das Alpenvorland schon etwas von ihrer Heftigkeit verloren. Dies war aber bei der zweiten, der hausgemachten Variante nicht möglich. Hier wurde die feuchte Seeluft nicht nur von der Sonne aufgeheizt, sondern auch noch zusätzlich durch die Rückstrahlung der Wärme aus den hellgrauen, manchmal fast weißen Kalkfelsen. Und in dem Halbrund der über 1 500 Meter hohen schroffen Gebirgsumrahmung vom Schafberg über die Zimnitz bis hin zur lang gestreckten Wand des Höllengebirges gab es für das Unwetter kein Entkommen. Es blieb über dem südlichen See gefangen und musste sich hier so lange austoben, bis alle Wasser vom Himmel gefallen waren, sich alle Blitze entladen und sich die besonders gefürchteten Gewitterstürme ausgetobt hatten. Diese fielen aus dem Westen in das Becken ein, und zwar durch das kurze Tal der Seeache, welches den Mondsee mit dem Attersee verband. Es wirkte wie eine Düse und verstärkte die Sturmböen so sehr, dass sie auch für erfahrene Segler nicht zu meistern waren. Diese zweite und viel gefährlichere Variante der Atterseegewitter stand nun unmittelbar bevor. Die hohen, eben noch von der späten Nachmittagssonne grandios illuminierten Wolkentürme mit ihren abgeflachten Spitzen aus Eiskristallen hatten sich schon nahezu vollständig zu einer tief liegenden Wolkendecke in verschiedenen Spielarten von düsteren und dunklen Grautönen verdichtet, hinter der nicht nur die schlanke Spitze des Schobersteins verschwunden war, sondern auch alle anderen höheren Partien des Höllengebirges. Michael Hauser bugsierte eilig sein Ruderboot in das kleine Bootshaus, hängte es in die Seilschleifen ein und kurbelte es dann hoch. Er war am frühen Nachmittag – noch im strahlenden Sonnenstein – in Burgau angekommen und hatte sein Ferienhaus schweren Herzens betreten. Fast ein Jahr lang war er nicht mehr hier gewesen. Sofort fiel ihm auf, dass seine Frau ihre Sachen abgeholt hatte. Schon während der Autofahrt von Wien ins Salzkammergut quälte ihn der Gedanke, dass er in Burgau die Sommerkleider und die alten Jeans, die Bikinis und die Unterwäsche seiner Frau vorfinden würde, ihre Lippenstifte, Sonnencremen und wer weiß, was sonst noch. Sie hatte die ewige Ein- und Auspackerei immer gehasst und auch die Fahrt im vollgestopften Auto. Daher war auch im Feriendomizil das Nötigste immer vorhanden gewesen, meist recht ungeordnet im ganzen Haus verteilt. Hauser wusste, dass er diese Relikte seines früheren Lebens nicht einfach an ihrem Platz lassen konnte, er hätte der ständigen Erinnerung nicht standgehalten. Gleichzeitig glaubte er aber nicht recht daran, dass er in seiner derzeitigen Verfassung überhaupt dazu in der Lage war, die Spuren seiner Frau zu beseitigen. Daher fühlte er sich einerseits erlöst und erleichtert, andererseits traf ihn der Anblick der wenigen Räume seines Sommerhauses, in denen nun so viele, lang vertraute Dinge fehlten, im Innersten. Es dauerte eine Weile, bis er bemerkte, dass erst vor Kurzem sauber gemacht und aufgeräumt worden war. Sein Freund Franz Seiringer, der Hoteldirektor, den er über seine bevorstehende Ankunft informiert hatte, musste dafür gesorgt haben. Trotz dieser zweiten, sehr angenehmen Überraschung hielt ihn nichts im Haus. Er legte sein bescheidenes Gepäck ab, bekleidete sich mit Short und T-Shirt, machte das Boot flott, verstaute das Angelzeug und ruderte ein Stück auf den See hinaus. Dort ließ er sich auf der Höhe von Unterburgau einfach treiben, vor der Landzunge mit den älteren und neueren Villen (mit ihren mehr oder minder verdächtigen Bewohnern), zum Teil von den Weiden, Erlen und Rotbuchen verdeckt, deren Bestände die Ufer säumten. Am ferneren jenseitigen Ufer die grauen und braunen, eng verschachtelten Häuser von Unterach mit der weißen Kirche in ihrer Mitte. Jedes Mal, wenn Hauser so über den See blickte, störte ihn der Kirchturm mit seiner Zwiebelhaube, weil die Proportionen nicht in das Bild passten. Der Turm war zu kurz geraten. Das konnte man auch auf dem berühmten Bild von Gustav Klimt gut erkennen. Hauser rührte die Angelrute nicht an, saß einfach da und beobachtete das aufziehende Gewitter. Als es an der Zeit war, ruderte er zurück. Nun hatte es das Boot in Sicherheit gebracht. Er stand am Ende seines schmalen Steges und beobachtete nochmals die sich verdüsternde Landschaft. Nach seiner langjährigen Erfahrung stand ein wirklich schweres Unwetter bevor. „I see the bad moon rising. I see trouble on the way. I see earthquakes and lightning. I see bad times today.“ Creedence Clearwater Revival auf seinem Mobiltelefon. Da ihn in der letzten Zeit mit fast jedem Anruf eine Hiobsbotschaft erreichte, hatte sich Hauser für ein entsprechendes Alarmsignal entschieden. Und das passte auch dieses Mal perfekt. „Hallo Michel, schon angekommen? Wir brauchen dich dringend!“ Franz Seiringer, Hotel Alte Post, am Apparat. „Ja, grüß dich, ich bin draußen am See, auf meinem Steg.“ „Bestens! Bleib, wo du bist. Der Hemmetsberger Alois kommt gleich mit dem Zodiac vorbei und holt dich ab. Ein dringender Wasserrettungseinsatz, aber wir haben nicht genug Leute. Die Feuerwehr ist auf der Weißenbach-Bundesstraße im Einsatz. Das Übliche. Biker schneiden die Kurve und krachen in einen entgegenkommenden Pkw. So bleiben nur der Lois und ein junger Feuerwehrmann. Der hat die Ausfahrt seiner Kollegen verpasst. Wir brauchen aber mindestens drei an Bord, denn in dem Sturm, den wir gleich haben, kann der Lois nicht vom Steuer weg.“ „In Ordnung! Bin dabei. Worum geht es denn?“, fragte Michael. „Ihr müsst euch um den Professor Fehringer und seine Frau kümmern“, erwiderte der Hoteldirektor: „Die sind mit unserem alten Drachen vor etwa zwei Stunden hinausgesegelt und kommen nun wahrscheinlich nicht mehr zurück.“ Michael Hauser verstaute sein Telefon im Bootshaus, denn mit Sicherheit stand ihm ein nasses Abenteuer bevor, vermutlich auch ein kaltes. Daher schlüpfte er in eine alte Segelhose und zog seinen ausgefransten Pullover über, der ihn bei seinen frühen Ausfahrten zum Saibling-Fischen vor der Morgenkälte schützte. Hauser hatte schon vor Jahren eine Ausbildung als Taucher und Wasserretter absolviert, in der nur ein paar Kilometer von Burgau entfernten Tauchstation des Bundesministeriums für Inneres in Weyregg. Keine spartanische Anstalt zur Schulung von eisenharten Froschmännern und Froschfrauen, sondern eher ein luxuriöses Gästehaus mit Restaurant, Badestrand und schattiger Liegewiese, daher von privilegierten Beamtenbaronen auch immer wieder zweckentfremdet. Nun kam ihm dieses Rettungs-Training mit Urlaubscharakter unverhofft zugute. Es gab wohl im gesamten Kriminaldienst nur wenige Möglichkeiten zu einer unverfänglicheren Kontaktaufnahme als eine Errettung der im Wasser strampelnden und nach Luft ringenden Zielperson vor dem nassen Tod im tiefen See. Diese Gefahr bestand durchaus. Denn in der Windstille, die dem Unwetter vorhergeht, konnte Fehringer die Segel nicht nutzen, und er hatte den Akku des kleinen Elektromotors wahrscheinlich schon leergefahren. Daher war das zerbrechliche Schiff praktisch manövrierunfähig und...



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