E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Steinberg Wann sonst, wenn nicht jetzt!
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-1329-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Wanderung von Oberstdorf bis Sylt
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7494-1329-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Da wandert jemand durch Deutschland, vom Süden bis zum Norden, von Oberstdorf bis Sylt, über 2000 Kilometer mit seinem Rucksack auf dem Rücken, und jeden Schritt zu Fuß. Er ist 72 Jahre alt. Er hat er viel Zeit, und er muss sich nichts beweisen. Mit offenen Sinnen durchstreift er das Land, vergnügt und zugleich nachdenklich. Er erlebt einen Sommer von der Blumenpracht des späten Frühjahrs bis zu den ersten Nebeln des kommenden Herbstes. Er durchstreift ein Land von den Almen der Allgäuer Alpen bis zu den Marschen Nordfriedlands. Überall stößt er auf Spuren der Geschichte. Sei es der "Karlsgraben", mit dem Karl der Große die Stromgebiete von Rhein und Donau (aber wozu?) verbinden wollte, sei es jene Grenze, die bis 1991 Deutschland zerteilte und die mancherorts noch immer nicht leicht zu überwinden ist. Überall stößt er auf deutsche Gegenwart, auf Flüchtlinge etwa (wie er selbst in seiner Kindheit einer war) und auf die Leute, die mit ihnen zu tun haben - oder auf solche, die nichts mit ihnen zu tun haben, aber ihren Hass auf sie richten. In Landwirtshäusern genießt er angenehme Gastlichkeit; in heruntergekommenen Zimmern leidet er mit am Elend des Beherbergungsgewerbes in weiten Landstrichen. Niemals aber verlässt ihn seine Empathie und sein feiner Humor. Peter Steinberg hat sich mit dieser Wanderung einen in Jahrzehnten gewachsenen Traum erfüllt. Er versteht es meisterhaft, seinen Leser dabei mitzunehmen.
Peter Steinberg, geboren 1943 in Schlesien, als Baby in den Westen getragen, aufgewachsen zunächst im Weserbergland, wurde mit acht Jahren auf der Suche nach dem Wirtschaftswunder nach Frankfurt a.M. verschleppt. Das sozialdemokratische Hessen gab dem Arbeiterkind Zugang zur höheren Bildung. Mit wachem Verstand sog er alles Neue begierig auf. Als Jugendlicher glaubte er den Lehren eines pietistisch gefärbten Christentums, als Student denen des Marxismus-Leninismus. Um die Welt zu verändern, mischte er sich in die Kommunalpolitik, zunächst für die Grünen, dann, als diese den Grundsatz der Gewaltfreiheit aufgaben, trotz Bedenken für die Linken. Sein Berufsleben verbrachte er als Lehrer, zunächst an einer Gesamtschule, dann an einem Gymnasium in Frankfurt. Er lehrte Mathematik, Physik, Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde u.a.m. Er reist gern und viel, fast immer mit seiner Frau Gisela: mit dem Liegerad von Holstein nach Rügen, wandern (in Etappen) von München nach Venedig, aber auch Paddeln in British Columbia, zu Fuß auf Pilgerpfaden im Süden von Honschu - alles Dinge, die man nicht als Pauschalreise bucht. Nicht die sportliche Leistung steht dabei im Vordergrund, sondern Landschaft, Natur und Kultur.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Mittwoch, 18. Mai 2016 – 1. Tag Oberstdorf Bahnhof Hinang, STADT SONTHOFEN 13,4 km, 620 Hm, 604 Hm Pünktlich um 14 Uhr 18 kommt mein Zug in Oberstdorf an. Ich kaufe rasch ein Brötchen in der Bahnhofsbäckerei, esse es im Gehen und strebe der Brücke über die Trettach zu, an der mein großes Abenteuer beginnen soll. Für den ersten Tag – es ist ja nur ein halber – habe ich ein Schmankerl1 ausgesucht: den Walraffweg, einen Höhenweg über dem Trettach- und Illertal in 1000 bis 1200 Metern Seehöhe. Hinter der Brücke stoße ich auf ein Warnschild: „Walraffweg wegen Holzarbeiten gesperrt. Umleitung über Rubi.“ Rubi liegt unten im Tal, nahe bei meinem Zielort. Den glanzvollen Auftakt für die Wanderung meines Lebens könnte ich damit vergessen. Das aber kann nicht sein, beschließe ich, sage mir, nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, und mache mich trotzig an den Aufstieg. Der führt mich zunächst zur Skiflugschanze. Eine Strecke weit verläuft hier der Wanderweg unter den Sitzreihen der Tribüne. Eine eigentümliche Landschaftsgestaltung ist das, finde ich. Nun ja, hier findet jährlich die Auftaktveranstaltung der renommierten Vierschanzentournee statt, und Wintersport – der zum Zuschauen mehr als der zum Selbermachen – wird groß geschrieben. Wer wird sich da an kleinen landschaftlichen Absonderlichkeiten stören. Mehr würde mich aber interessieren, was es mit der Wegsperrung auf sich hat. Es kommen reichlich Wanderer entgegen, aber die kann ich nicht befragen. Sie kommen alle von der Mittelstation des Sessellifts herunter. Wo der Walraffweg von dieser Route abzweigt, steht noch eine Tafel: „Holzarbeiten. Gesperrt.“ Nun ist da auch ein rot-weißes Sperrband, allerdings nicht über den Weg gespannt, sondern am Boden liegend. Das gibt mir Zuversicht. Dann überholt mich ein Mountainbiker, er fährt bedenkenlos über das Band weg. Von hinten sieht er eigentlich aus wie jemand, der sich auskennt; das stärkt meine Zuversicht. Es kommt jetzt niemand mehr entgegen; das lässt mich wieder zagen. Immerhin muss ich feststellen, dass sich das Risiko lohnt. Das Illertal, ebenso geschäftig wie beschaulich, ebenso verkehrsreich wie grün, liegt zu meinen Füßen. Hier oben zeigen Laubbäume und Wiesen noch ein zartes Frühlingsgrün. Zur Rechten sehe ich den markanten Grünten, den „Wächter des Allgäus“. Seine Südseite erscheint von hier als ein schwarzes Dreieck. Und von der linken Seite grüßen die Gipfel der Allgäuer Alpen, mit viel Schnee noch an ihren Nordflanken. Dieser Schnee hat verhindert, dass ich meine Wanderung wirklich am südlichsten Punkt Deutschlands beginnen kann. Als südlichster Punkt Deutschlands wird meist der Gerner Berg (1936 m) angesehen, eine unbedeutende Kuppe östlich des Kleinwalsertals an der österreichischen Grenze. Ein Stück davon entfernt gibt es einen Grenzpunkt, der noch gut hundert Meter südlicher liegt. Dort ist aber nichts als ein Grenzstein. Um diese Stellen von Deutschland aus ohne Expeditionsausrüstung zu erreichen, müsste die Mindelheimer Hütte geöffnet haben. Das ist heuer erst am 30. Mai der Fall, und so lange wollte ich nicht warten. – Was ich deshalb auslasse, ist ein Tagesmarsch, etwa 17 km vom Gerner Berg bis Oberstdorf. Der Mountainbiker ist nicht zurückgekommen; das ist nun wieder ein gutes Zeichen. Dann, nach zwei Stunden Wanderung, scheint es ernst zu werden mit der Wegsperrung. Da vorne sind große Warntafeln, und der Weg ist mit Sperrbändern abgeriegelt. Doch als ich kurz vor dem Hindernis bin, kommt mir ein Wanderer entgegen, der schlupft einfach unter den Bändern durch. – Nein, da sei weiter nichts, heute werde sowieso nicht mehr gearbeitet, und das gesperrte Stück sei nur ganz kurz. – Das stimmt, es sind vielleicht siebzig Meter, und von Waldarbeitern ist weithin nichts zu sehen oder zu hören. Am Ende des Weges treffe ich auf ein Grüppchen junger Wanderer, die zagend vor dem Warnschild für die Gegenrichtung stehen, und kann ihnen eine entwarnende Auskunft geben. So jemanden wie mich hätte ich bei meinem Aufbruch auch gebraucht. Es geht nun ein Stückchen abwärts in eine kleine Waldschlucht. Als ich die durchquert habe, sehe ich die Gaisalpe hoch oben über steilen Almwiesen. Das sieht auf den ersten Blick erschreckend aus für jemanden, der zehn Kilo auf dem Buckel hat und heute schon ein Stück weit gestiegen ist. Immerhin führt ein bequemes Sträßchen da hinauf. Nur darf ich jetzt nicht auf die Idee kommen, ich müsse das schnell hinter mich bringen. Ich steige langsam, Schritt für Schritt, nicht anders, als läge das Ziel in weiter Ferne. Und schau an: In zehn Minuten bin ich oben, ohne außer Atem zu sein. Es waren im Ernst kaum sechzig Höhenmeter. Die Alpe erweist sich als ein typischer Berggasthof mit prachtvollem Ausblick, einfacher Speisekarte und gemütlicher Atmosphäre. Ich genieße von diesen Angeboten nur den Ausblick, denn es zieht mich weiter. Nur weiß ich nicht, wo es langgeht, ich muss fragen. – Ja, unten ums Haus herum. – Dort, wo der Esel steht? – Ja, dort. – Aha, deswegen konnte ich den Weiterweg nicht sehen: Das Tier steht im Weg, im wahrsten Sinne des Wortes. Es lässt mit sich reden, ich darf an ihm vorbei. Hüttenversorgung auf Hufen – Solche Eselchen, lieber noch die kräftigeren Maultiere, mussten früher Bierkisten und Mehlsäcke zu den Berggasthäusern hinauf schleppen. In meiner Jugend kannte ich ein veritables Berghotel in 2000 Metern Höhe (die Berliner Hütte in den Zillertaler Alpen), zu dem weder ein Sträßchen noch eine Seilbahn führten und das ganz auf die Versorgung mit vier Hufen angewiesen war. – Jetzt erledigt das dort, wie auch hier, das Auto. Der Esel hat seinen Lebenszweck wohl nur noch darin, dass er Kinder dazu bringt, von ihren Eltern zu erbetteln, dass man mal wieder die Gaisalpe besucht. Hinter dem Esel erwarte ich den zweiten Höhenweg des heutigen Tages, auf den ich mich freue. Da führt aber erst einmal ein kleiner Pfad bergan, dann über ein Bächlein, dann durch Wald hinauf, und diesmal wirklich steil. Das erfordert Disziplin, denn ich will mich nicht verausgaben, und in meiner gegenwärtigen Verfassung heißt das, dass ich nur im Schneckentempo vorankomme. Trotzdem: Jeder Schritt bringt mich ein paar Zentimeter höher. Und siehe da: Nach zwanzig Minuten habe ich diesen Anstieg geschafft. Der Höhenweg verläuft jetzt flach über Wiesen. Und er bietet fast noch schönere Ausblicke als der vorige; ein paar nette Ruhebänke gibt es auch. Danach finde ich allerdings, dass es für den ersten Tag bald reicht. Die letzten paar Kilometer zu meinem Gasthaus in Hinang will ich im Tal zurücklegen. Ein dritter, kürzerer Höhenweg, der noch auf dem Programm stand, wird gestrichen. – Zur Strafe für diese Schwachheit stolpere ich zwei öde und unwegsame Kilometer weit über eine verlassene Straßenbaustelle. Vor dem Essen rufe ich Gilla an. Ihr ist es nicht leicht gefallen, mich auf diese lange Reise gehen zu lassen. Die ungeschriebenen Regeln unserer Ehe verbieten es zwar, dass sie mein Vorhaben in Frage stellt oder mich gar bittet, es zu lassen. Im Gegenteil, sie hat mich sogar ermutigt. Aber sie hat mehrfach gesagt, sie werde mich vermissen. Einmal sogar, sie werde mich sehr vermissen. Das hat mich ein bisschen überrascht, denn im Alltag habe ich nicht oft das Gefühl, gebraucht zu werden. Manchmal kommt man sich doch eher vor wie ein notwendiges Übel. – Ich erzähle ihr begeistert von meinem ersten Tag. Dazu musste ich allerdings meine Jacke anziehen, denn im Gasthof habe ich kein Netz, und draußen hat es ein wenig zu nieseln begonnen. Gut, dass ich „zu Hause“ bin. Zum Abendessen gibt es das, was es immer als erstes gibt, wenn ich nach Bayern komme: einen Schweinsbraten mit Knödeln und Rotkohl. Auf der Speisekarte steht „Schweinebraten“, was mich befremdet; was müssen das für Schweinderl sein, dass man gleich mehrere für einen Braten braucht! Vielleicht liegt das daran, dass ich gar nicht wirklich in Bayern bin, sondern in (bayerisch) Schwaben. Jedenfalls schmeckt’s, wie ein Schweinsbraten schmecken soll. „Das Illertal, ebenso geschäftig wie beschaulich, ebenso verkehrsreich wie grün, liegt zu meinen Füßen.“ (Seite ?) Donnerstag, 19. Mai 2016 – 2. Tag: Hinang Dreiangelhütte, STADT SONTHOFEN 17,6 km, 522 Hm, 355 Hm Das Nieseln von gestern Abend hat sich zu einem leichten Regen ausgewachsen. Wo die Wolken ein bisschen Blick auf die Berge freigeben, sehe ich Neuschnee bis hinunter in die Almenregion, dort, wo ich gestern über grüne Wiesen gegangen bin. Ich steige hinauf zu den Hinanger Wasserfällen. Um diese Zeit und bei diesem Wetter...




