E-Book, Deutsch, 358 Seiten
Steiner Das Dunkel aus der Zeit
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-0677-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 358 Seiten
ISBN: 978-3-7568-0677-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Steiner ist Psychotherapeut, Musiker, Spieleerfinder und Illustrator. Er lehrt Hypnotherapie, Systemische Therapie und am SEPT-Institut in Köln. Von ihm erschienen bislang ein Roman ("Die schlafende Stadt", 2011) ein Fachbuch ("Die Kunst der Familienaufstellung", 2019) und ein erzählendes Sachbuch ("Alles Schicksal", 2020).
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1. Nach England
enn ich mich an das Haus meines Großvaters erinnere, denke ich vor allem an die vielen großen, schwarzen Vögel, die ständig um den Westturm kreisten. Ich war damals gerade 13 Jahre alt und habe immer versucht, diesen Anblick möglichst lässig und gleichgültig abzutun, als sei ich ein harter alter Krieger, dem so etwas nicht das Geringste ausmacht. Ich tat daher beim Betreten des Anwesens so uninteressiert wie möglich, um möglichst überlegen und erwachsen zu wirken. Aber in Wahrheit habe ich mich gefürchtet. Die Raben und Krähen machten mir Angst, denn sie erschienen mir wie Boten des Todes, und ich redete mir ein, dass Großvaters großes altes Haus sie anzog, als wohne etwas Böses, Verderbenbringendes darin.
Seit langem weiß ich, dass es nicht das Haus war. Es war vielmehr der schmerzvolle Abschied von meiner Mutter, die uns im Sommer 1938 von Deutschland in ihre englische Heimat schickte.
Wir, das waren außer mir mein älterer Bruder Ronald, damals sechzehnjährig und nebenbei der unerträglichste Klugscheißer, den man sich vorstellen kann, und meine kleine Schwester Ida, die mit ihren sechs Jahren noch gar nicht verstand, wie krank Mama damals war. Für Ida war die Reise zu unserem bislang unbekannten Großvater ein einziger großer Abenteuerurlaub. Ronald gab sich dagegen, als langweile ihn das Ganze, und hatte sich zu der Reise nach England lediglich herabgelassen, damit er auf uns aufpassen konnte. Er pflegte mich spöttisch »Kleiner« zu nennen, was mich jedes Mal zur Weißglut brachte und ich ihm am liebsten eine geklebt hätte. Das einzig Gute an meinem Ärger über ihn war, dass dies meine beständige Traurigkeit unterbrach, denn es schien mir so, als sei ich der Einzige von uns Dreien, der die Trennung von unserer Mutter überhaupt begriff und der deshalb regelmäßig mit den Tränen kämpfte.
Nachdem die Fähre von Calais abgelegt hatte, war es mir, als schnitte mir ein Messer ins Herz, und der salzige Geruch des Meeres machte mir schmerzvoll klar, wie weit weg von ihr wir bereits waren.
Ida hatte noch nie das Meer gesehen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Ständig deutete ihr kleiner Zeigefinger auf zahlreiche Dinge, die sie spannend fand, von Luftschächten und Rettungsbooten auf der Fähre, den bunten Flaggen, die im Wind flatterten, bis zu Schiffstauen, Bojen und umhersegelnden, schreienden Möwen. Sie fragte mich dann mit ihren weit ihren aufgerissenen blauen Augen tausend Dinge, und ich hatte verdammt viel zu tun, mir Antworten dazu auszudenken, denn von den meisten Sachen hatte ich überhaupt keine Ahnung. Ida war die Temperamentvollste von uns, unserer Mutter sehr ähnlich. Gleichzeitig hatte sie grenzenloses Vertrauen in die Welt, denn bislang hatte sie nur gute Erfahrungen gemacht. Alle fanden sie entzückend, und da sie praktisch jeden anzustrahlen pflegte, erntete sie Wohlwollen, wo immer sie war. Wahrscheinlich schloss sie daraus, dass sie äußerst liebenswert sei, und damit hatte sie sogar Recht. Nur ich war immer derjenige, der sich Sorgen machte und an allem zweifelte – eine Regung, die meinem älteren Bruder völlig fremd war.
Ronald lehnte lässig an der Reling und rauchte mit betont blasiertem Blick eine Zigarette, die er zweifellos aus Vaters Schreibtisch gestohlen hatte. Mit seinem grauen Hut und dem zweireihigen Tweed-Jackett wirkte er tatsächlich so wie ein junger Geschäftsmann, zu dessen ganz normalen Alltag es gehört, den Ärmelkanal zu überqueren. Ich glaube, er war damals verliebt (was er nie zugegeben hätte) und es passte ihm vor allem deswegen nicht, fortzugehen. Ich meine sogar, mich vage zu erinnern, an wen: ein dunkelhaariges, schlankes Mädchen aus der Nachbarschaft, mit tiefen, braunen Augen, das einen ziemlich großen Busen hatte. Ich hielt es damals allerdings nicht für möglich, dass Ronald zu solch zarten romantischen Gefühlen wie der Liebe fähig wäre. Er tat nämlich immer so, als sei er der Casanova vom Dienst und habe bereits reihenweise erotische Erfahrungen, aber ich wette, in Wahrheit hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nie ein Mädchen geküsst.
»Na, Kleiner«, sagte er zwischen zwei Zügen, »die englischen Ladies sollen ja nicht gerade das Gelbe vom Ei sein. Da stehen uns wohl traurige Zeiten bevor.«
Ich muss zugeben, auch ich stellte mir die Engländerinnen damals blass, blond, dürr und pickelig vor, dazu meistens mit Leichenbittermiene Tee trinkend und zum Frühstück fade Haferpampe zubereitend. Unsere Mutter sah ich damals wohl gar nicht als Engländerin. Sie war wunderschön: schlank, dunkle Locken, strahlende blaue Augen, genau wie Ida. Und kochen konnte meine Mutter … es war wie im Paradies! Sie schien immer von einer unbeugsamen Kraft. Sie jetzt so schwach und bleich in Erinnerung zu haben, war wie ein böser Traum.
In diesem Moment auf der Reling bemerkte ich erst, wie wenig wir von ihrer Heimat eigentlich wussten, obwohl wir mit ihr Englisch sprachen. Das einzige englische Buch, was ich je gelesen hatte, war , und dies hatte mich dermaßen verstört, dass ich die Engländer seitdem für ein verschrobenes Völkchen hielt, das womöglich sogar ein bisschen verrückt war.
Ich wunderte mich sogar über das sonnige Wetter an diesem Tag, denn ich wähnte England stets von undurchsichtigen Nebelschwaden durchzogen. Daher erschien mir die Aussicht unerträglich, bei schlechtem Wetter in einem verstaubten alten Haus, in einem winzigen Dorf fern jeder Stadt eine unbestimmt lange Zeit verbringen zu müssen. Dass dort unser Großvater wohnte, tröstete mich wenig, denn der war bislang nur durch das regelmäßige Schicken von gelehrten alten Büchern zu unseren Geburtstagen in Erscheinung getreten.
Die Weißen Klippen von Dover tauchten auf, und ich hob Ida hoch, um sie ihr zu zeigen. Fast unwirklich wirkte das Weiß, und im goldenen Licht der Morgensonne erschienen sie uns wie ein verwunschenes Land. Als ich Idas strahlendes kleines Gesicht sah, spürte auch ich einen Schimmer von Spannung, was uns wohl erwarten würde.
Ich gestand es mir nur ungern ein, aber ich war verdammt froh, Ronald in meiner Nähe zu haben. Die Menschenmassen auf der Fähre, die Ankunft in Dover, die Zollkontrollen, das Warten auf den richtigen Zug – mit ihm fühlte ich mich erheblich sicherer, als dass ich mir all dies allein zugetraut hätte.
Dann erreichten wir London. Als wir den Bahnhof betraten, war ich schier überwältigt. Er war groß, erschreckend groß, voller Lärm, Gestank, Prunk und Gedränge – ein wirrer Traum aus Stein und Gold. Menschen allen Alters und Standes schoben sich durch die Gänge und Hallen: vornehme Damen, würdige Herren, zerlumpte Gestalten, dienstfertige Gepäckträger. Wir tauchten ein in ein Meer von Gesichtern und Stimmen, in den Geruch von Parfüm, Schweiß, Zigarren, Puder, verbrannter Kohle und dem Dampf der Lokomotiven, die wie riesenhafte stählerne Echsen die Schienen entlangkrochen. Unter den ehrwürdigen, von mächtigen Säulen getragenen Balustraden mischte sich die Musik einer Blaskapelle unter das Stöhnen und Fauchen der gewaltigen Maschinen, und während wir uns durch die Menge quetschten, drangen Fetzen einer Drehorgel an mein Ohr, die spielte. Zwischendurch tönten die Trillerpfeife eines Zugschaffners oder ein lauter Ruf, die Fahrgäste mögen nun einsteigen. Überall war der Glanz der königlichen Stadt zu spüren. Laternen tauchten die prachtvollen Gewölbe und Stahlkonstruktionen in gleißendes Licht. Es gab Läden, Zeitungskioske, Bars und Cafés, Restaurants und Erfrischungsstände. Rolltreppen fuhren in unterirdische Gänge von unergründlicher Tiefe, die U-Bahn-Schächte verschlangen Menschen und spuckten sie an anderer Stelle wieder aus. Auf den Bänken saßen zahllose Reisende, die auf ihre Züge warteten, und es bildeten sich lange Schlangen vor den Fahrkartenschaltern. Mit einem leisen Triumph bemerkte ich, dass auch Ronald hinter seiner überlegenen Miene nervös und angespannt war, aber allein um dies nicht zugeben zu müssen, gab er sich betont forsch und zielgerichtet. Es gelang ihm auch tatsächlich, die richtigen Fahrkarten für uns zu kaufen, und er tat nach diesem grandiosen Coup natürlich so, als habe er nie in seinem Leben etwas anderes gemacht. Bis wir uns endlich in unser Zugabteil hineingedrängt hatten, hatte ich bereits tausend Ängste durchgestanden. Vor allem befürchtete ich, Idas kleine Hand könnte sich der meinen entwinden und ich würde sie verlieren.
Im Zugabteil hatte Ronald schnell seine übliche Blasiertheit wiedergefunden. Er lümmelte sich auf die Sitzbank und kramte in seiner Jackentasche.
»Na, mein Kleiner«, sagte er, während er sich mit affektiert abgespreiztem kleinem Finger eine Zigarette anzündete, »das hätten wir fürs Erste. Jetzt brauchen wir uns nur noch in Opas Kaff kutschieren zu lassen, und dann ist unser Glück perfekt.« Dabei rollte er die Augen, als ginge es direkt ins...




