E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Steiner Herzgrube
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95958-775-4
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Erzgebirgs-Krimi
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95958-775-4
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anett Steiner wurde 1976 in Annaberg-Buchholz geboren, legte dort ihr Abitur ab, erlernte den Beruf der Orthopädietechnikerin, den sie bis heute ausübt. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2011 mit dem 3. Platz des Chemnitzer Krimipreises. Sie ist Mitglied der Autorenvereinigung 'Mord-Ost' und gestaltet Lesungen u. a. zu den Ostdeutschen Krimitagen. Zuletzt bei Bild und Heimat: Dunkelwald (2018)
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1
Die hereinbrechende Winternacht füllte Annaberg mit dunklen Schatten. Gefrorenes Gras knirschte unter den Schritten der Frau. Sie fror. Vielleicht würde es der letzte Frost des Winters sein, dachte sie. Der Februar war meist der kälteste Monat des Erzgebirgswinters, gelegentlich fielen die Temperaturen in den zweistelligen Minusbereich. So auch an diesem Abend.
Verborgen in einer Decke trug Rebekka ein Neugeborenes bei sich. Vielleicht würde es die Nacht nicht überleben. Es hatte aufgehört zu schreien, wohl aus Erschöpfung, denn sie hatte es seit der einsamen, schmerzhaften Geburt nicht gestillt. Die letzten Stunden waren eine Ausnahmesituation für die Frau gewesen, sie zitterte noch immer und fühlte sich schwach, dachte an all das Blut, die Heftigkeit der Kräfte der Natur, spürte der Angst nach, die sie empfunden hatte.
Sie hatte nicht denken können, während der Säugling sich den Weg ins Leben gebahnt hatte, doch alles war gutgegangen. Sie hatte das Baby abgewaschen und geküsst und in ein weiches Handtuch gewickelt. Dabei hatte sie gegen das aufkeimende Gefühl von Liebe ankämpfen müssen, gegen den Instinkt, das Kind zu beschützen und fest an sich gedrückt zu halten. Doch nein, dieses Gefühl durfte nicht erwachen, sie war nicht in der Lage, das Kleine aufzuziehen. Weil es draußen so eisig war, hatte sie das Bündel in die rote Frotteedecke eingeschlagen, die immer am Fußende ihres Sofas lag.
Ob sie zuerst die blutigen Lacken und Handtücher in die Waschmaschine stopfen sollte? Sie entschied sich dagegen, das hatte später noch Zeit. Jetzt galt es so schnell wie möglich die Wohnung zu verlassen, bevor jemand aus der Nachbarschaft auf das Baby aufmerksam würde. Also war sie noch einmal in die Umstandsjeans geschlüpft, hatte den alten Skianorak übergestreift und eilig das Haus verlassen. Noch immer ging ihr Atem heftig, der Nachhall des Geburtsschmerzes echote durch ihren Körper, sie war unsicher auf den Beinen, die letzten Stunden hatten Blut und Kraft gekostet.
Dort drüben, gegenüber dem Parkplatz vor den Wohnblocks des Barbara-Uthmann-Rings befand sich das Annaberger Krankenhaus. Dorthin wollte sie das Kleine bringen und in der Nähe des Einganges ablegen, um nicht erkannt zu werden.
Aber als sie sich dem hell beleuchteten Portal mit der Automatiktür näherte, überlegte sie es sich anders. Vielleicht wurde der Bereich mit Kameras überwacht? Heutzutage gab es überall Kameras. Sie wollte nicht entdeckt werden.
Rebekka zog sich wieder zurück, hastete die steile, gewundene Zufahrt hinauf bis zur Fußgängerampel über die B 95. Die Leuchtreklamen eines Supermarktes, des Schnellimbisses und der Tankstelle tanzten vor ihren Augen, ihr war schwindlig geworden. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen, keine Schwäche zeigen, sie musste die Kontrolle behalten, und vor allem musste sie ihr weiteres Vorgehen durchdenken. Die Gedanken wirbelten wild in ihrem Kopf herum, sie konnte sich nicht konzentrieren und blinzelte die Tränen der Verzweiflung weg. Wieder verfing sich ihr Blick zwischen Tankstelle und Schnellimbiss, sie bekam Seitenstechen und musste keuchend innehalten. Die zärtlichen Gefühle in ihr, die nun doch für das Neugeborene in ihrem Arm erwachten, konnte sie wirklich nicht gebrauchen. Das Bündel wog fast nichts. Und der Säugling war noch immer still, hatte nicht wieder zu schreien begonnen, vielleicht schlief er. Sie hob das kleine Köpfchen an ihr Ohr, konnte nicht sagen, ob noch Atem zwischen den winzigen Lippen hervordrang. Wenn, dann unhörbar.
Sie überquerte die Fußgängerampel ins Wohngebiet bei Rot, der Verkehr hatte nachgelassen, die Stadt begann einzufrieren. Vor dem Parkplatz gab es eine kleine Grünfläche mit einem Gedenkstein, vom dem sie keine Ahnung hatte, wofür. In der Nähe stand eine Bank. Das wäre der rechte Ort.
Sicher gab es schlaflose Menschen im nahe gelegenen Wohngebiet, die auch spät noch unterwegs waren und das Kind finden könnten. Menschen, die mit ihren Hunden vor die Tür gingen, verliebte Paare, Rastlose und Einsame wie sie.
Sie positionierte das Bündel so, dass es nicht durch die Spalte zwischen Sitzfläche und Rückenlehne der Bank hindurchrutschen konnte.
Oder sollte sie es vielleicht doch behalten?
Dieses unerwünschte, warme Gefühl regte sich nun übermächtig in ihr, der Impuls, das Baby fest an sich zu drücken und wieder mit nach Hause zu nehmen – aber nein. Sie hatte oft darüber nachgedacht und lange genug Zeit gehabt für die Entscheidung. Wer der Vater war, wusste sie nicht. Bei der einzigen Ü-40-Party ihres Lebens musste man ihr Drogen ins Getränk gemischt haben. Sie hätte besser aufpassen sollen, Annaberg stand neben all der schönen Traditionen leider in dem Ruf, zur Drogenhochburg geworden zu sein, die Grenze zu Tschechien lag nahe, in der Region boomte der Handel mit verbotenen Rauschmitteln, das las man immer wieder in der Presse. Rebekka fehlte jegliche Erinnerung an jene Nacht, entsetzt hatte sie die Schwangerschaft realisiert, als es für eine Abtreibung längst zu spät gewesen war.
Kaum hatte sie die zitternden Hände von ihrem Baby zurückgezogen, drangen Geräusche an ihr Ohr. Ausgerechnet jetzt kam jemand über die Grünfläche an der B 95 vom Parkplatz herüber. Sie konnte eine dunkle Gestalt erahnen, die sich vor dem steingrauen Himmel abhob und deren Atem im Schein der Straßenlaterne in der eiskalten Luft kondensierte. Es schien eine Frau zu sein, auch wenn ihr Schritt derb war, den Schal hatte sie wohl zum Schutz vor der Kälte über den Mund bis kapp unter die Nase gewickelt, das Gesicht war nicht zu erkennen. Die Fremde steuerte auf den Parkplatz zu, vielleicht stand dort ihr Wagen.
Rebekka duckte sich in ein kahles Gebüsch zwischen der Stellfläche für die Autos und dem Schnellimbiss. Irgendetwas roch nach Kamillenblüten, irreal im Februar. Von ihrem Versteck aus konnte sie sehen, wie die andere Frau sich dem Bündel näherte, stehen blieb, sich umschaute. Ausgerechnet in diesem Moment drang ein silbern klingender, winziger Laut aus der Kehle des Babys in die Welt.
*
Den ganzen Tag war sie durch die Geschäfte der Adam-Ries-Passage gestreift und hatte nach Opfern Ausschau gehalten. Ihr war kalt vom Herumlungern in den zugigen Durchgängen. Sie hatte auf unaufmerksame alte Damen gewartet, die im Einkaufsstress ihre Handtaschen aus den Augen ließen, und nach jungen Leuten, denen das Smartphone achtlos aus der Gesäßtasche ragte. Martina Sänger hielt sich selbst für eine ganz brauchbare Diebin, auch wenn sie im Moment mit einer Pechsträhne kämpfte. Aktion bedingt Reaktion, dachte sie, wohl deshalb war in den Annaberger Juweliergeschäften sicherheitstechnisch aufgerüstet worden. Im Augenblick gab es dort für Martina nichts mehr zu holen. In dem großen Elektronikfachmarkt an der B 101 wäre sie vor ein paar Tagen beinahe dem Ladendetektiv ins Netz gegangen, dort konnte sie sich auch eine Weile nicht mehr sehen lassen. Der Einsatz von Überwachungskameras und Alarmanlagen nahm zu ihrem Leidwesen immer mehr zu. Die Versicherungen verlangten das von den Ladenbesitzern, sobald Martina oder andere Mitglieder ihrer Zunft dort einmal zugeschlagen hatten. Ein zweiter Einbruch am selben Ort war dann meist nicht mehr so leicht wie die stets überraschende Premiere. Zudem beschlich sie das Gefühl, dass sogar die alten Mütterchen gelernt hatten, auf ihre Handtaschen aufzupassen, jedenfalls die, die bei diesen Temperaturen überhaupt das Haus verließen. Mehr als dreihundert Euro hatte sie heute noch nicht erbeutet. Das war gar nichts im Vergleich zu den Beutezügen im Dezember auf den Weihnachtsmärkten. In Schwarzenberg war ihr während des Bergmannsaufzugs eine rekordverdächtige Diebstahlserie gelungen. Der Februar hingegen war ein mieser Monat. Der Winter hatte sie ausgelaugt, das ewige Grau drückte sogar einem selbsternannt gefühlskalten Wesen wie ihr aufs Gemüt und sorgte für dauerhaft schlechte Laune. Martina fühlte sich wie ein wechselwarmes Tier, das nur noch im Energiesparmodus dahinvegetierte. Sehnsüchtig erwartete sie die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, und das nicht etwa, weil sie wetterfühlig war, sondern nur aus einem Grund: Leicht bekleidete Menschen ließen sich besser beklauen. Trotz allem war der harte Winter das einzig Unangenehme, was das Erzgebirge bisher für sie bereitgehalten hatte, abgesehen von den anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten. Jedenfalls war Sachsen besser als sein Ruf, fand sie.
Ihre Gedanken schweiften ab. Sie mahnte sich, sich wieder aufs Wesentliche zu konzentrieren. Fünfhundert Euro waren ihr selbstgestecktes Minimum an Tagesbeute, eher gönnte sie sich keinen Feierabend. Sie würde ihren Wagen holen müssen, den sie auf dem Parkplatz am Barbara-Uthmann-Ring abgestellt hatte. Sie wollte heute noch zum Gewerbering hinaus ans Stadtende Richtung Wiesenbad fahren, um sich am Großparkplatz des dortigen Einkaufscenters auf die Lauer zu legen. Vielleicht konnte sie ein paar Autos knacken und Navis klauen. Noch herrschte grundsätzlich keine Not, ihr persönliches Diebeslager war gutgefüllt. Die Hehler, die ihr die Sachen abkauften und weiterverscherbelten, bekamen von ihr regelmäßig Fotos und Beschreibungen von der aktuell verfügbaren Ware und riefen dann ab, was sie brauchten. Ihre Hauptabnehmer saßen in einem der Asia-Märkte in Oberwiesenthal, nahe dem Grenzübergang nach Tschechien. Martina konnte sich wirklich nicht beklagen, seit zwei Jahren war sie hier in der Gegend im Geschäft und saß inzwischen fest im Sattel.
Noch nie hatte sie das Gefühl gehabt, das ihr jemand das Handwerk legen könnte. Seit geraumer Zeit machte...




