E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Steiner Splitternacht
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95958-784-6
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-95958-784-6
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach einem Ausflug zum Erntedankfest in Zwönitz ist Kriminalhauptkommissar Lorenz unterwegs nach Stollberg, wo er wie immer im Herbst eine alte Dame treffen möchte, deren Tochter vor Jahren spurlos verschwand – ein Fall, den Lorenz nie aufklären konnte. Im beschaulichen Niederwürschnitz plant ein Mann das Haus seines Nachbarn in Brand zu stecken, in Thalheim beabsichtigen zwei Jugendliche eine Garage aufzubrechen, um einen Oldtimer zu stehlen. In Brünlos gedenkt ein Ehemann, seine Gattin bei einem Waldspaziergang zu töten, und ein betagter Bankräuber will seine einst in einer Scheune versteckte Beute bergen … Doch plötzlich kommt alles anders, denn es stürmt im Erzgebirge. Der Strom fällt aus, Dachziegel fliegen durch die Luft, es regnet sintflutartig, Bäume krachen auf Autos und Häuser. Welchen Einfluss nimmt dieses gewaltige Naturereignis auf all die Verbrechen? Vor dem realen Hintergrund eines Tornados, der am 23. September 2018 über das Erzgebirge fegte, gelingt Anett Steiner ein raffiniert inszenierter Episodenroman, der so schaurig ist, dass es einem eiskalt den Rücken hinunterläuft.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Der Hauptkommissar (1)
Wer hatte vor sechzehn Jahren die kleine Karina Baumann umgebracht? Und was war mit der Leiche der damals Dreizehnjährigen geschehen? Diese Fragen stellte sich Hauptkommissar Ralf Lorenz bis heute, und das beinahe an jedem Tag. Dass das verschwundene Mädchen einem Tötungsverbrechen zum Opfer gefallen war, dessen war der langjährige und erfahrene Ermittler sich auch ohne die Leiche sehr sicher. Schließlich waren damals die Kleidungsstücke der Schülerin und ihre Tasche beim Teich am Christelgrund nahe Thalheim gefunden worden. Wenn das Mädchen beim Baden ertrunken wäre, hätten ihre Überreste längst auftauchen müssen. Doch wieso hätte das Kind sich an jenem kalten, verregneten Septembertag, an dem Lorenz sich bis heute ganz genau erinnerte, vollständig entkleiden sollen, um im kalten Wasser zu baden? Karina hatte schließlich über eine Jahreskarte für die beheizte und viel komfortablere Schwimmhalle, die nur einen Steinwurf von der Wohnung ihrer Mutter entfernt war, verfügt. Für Lorenz bestand kein Zweifel: Jemand hatte das Mädchen verschleppt und getötet und sich ihrer möglicherweise im Hochmoor am Christelgrund entledigt. Auch wenn der Fall nun schon so lange zurücklag, für Lorenz war er so präsent, als hätte sich die traurige Sache erst vor wenigen Stunden ereignet.
Müde rieb er sich die Stirn, stöhnte leise, als er sich unter Rückenschmerzen von seinem Schreibtischstuhl erhob. Der altmodische Abreißkalender, ein Geschenk von seiner Partnerin Roswitha, zeigte Freitag. Der Hauptkommissar war gewillt, die Woche hinter sich zu lassen und sich dem Wochenende zu stellen. Das fiel ihm seit dem viel zu frühen Tod seiner Frau und seiner Tochter nicht leicht, auch wenn sich durch Roswitha vieles zum Positiven verändert hatte. Seit er in einer ungezwungenen Verbindung zu der Rechtsmedizinerin stand, musste er nur dann allein sein, wenn er es selbst so wollte. Für alle anderen Lebenslagen gab es die attraktive, mit feinen Antennen für Lorenz’ Freiheitsgefühl ausgestattete Roswitha Grimm, die immer dann beruflich wie privat an seiner Seite war, wenn er sich selbst ein wenig Nähe und Gefühl zugestand.
Wochenende bedeutete jedenfalls nicht, dass der Dreiundfünfzigjährige seinen Job bei der Mordkommission in Chemnitz zurückließ. Im Grunde genommen war er immer im Dienst, nahm die Arbeit mit nach Hause, machte ungeklärte Kriminalfälle zu persönlichen Angelegenheiten. Das war nicht gut und vor allem war es nicht gesund, aber auf diese Einstellung gründete ein wesentlicher Teil seines beruflichen Erfolges. Es gab nicht viele Akten, die er während seiner Berufslaufbahn hatte zur Seite legen müssen, weil eine Aufklärung aussichtslos schien. Aber es gab sie.
Er ordnete die Unterlagen auf seinem Schreibtisch so, dass seine junge Kollegin Annalena Krest sich gerade so zurechtfinden würde, wenn sie wieder einmal Lust darauf hatte, ihm ins Handwerk zu pfuschen, indem sie neue Ermittlungsmethoden ausprobierte. Meist scheiterte sie damit, doch das würde sie für ihre Laufbahn stärken. Lorenz wusste: Theorie war das eine, seine lange Berufserfahrung, die ihn oft abseits der üblichen Wege ermitteln ließ, das andere.
Annalena war ein gutes Mädchen, auch wenn er dies in ihrer Gegenwart niemals so aussprechen durfte. Beinahe wäre es wegen einer solch unbedachten Äußerung seinerseits gar nicht zu einer Zusammenarbeit gekommen, denn die junge Frau wollte und sollte ernst genommen werden. Aber er konnte nichts dagegen tun, dass sie ihn an seine verstorbene Tochter erinnerte und den väterlichen Schutzinstinkt in ihm geweckt hatte. Als er seinen Schreibtisch in einen Zustand relativer Ordnung gebracht hatte, griff er nach seinem Mantel, löschte das Licht und verließ die Dienststelle. Zum ersten Mal seit langer Zeit streifte er den Mantel über und trug ihn nicht nur lässig über dem Arm. Die langanhaltende Hitze der letzten Wochen hatte ein abruptes Ende gefunden, der Abend war ungewohnt kühl. Und auch etwas in seinem Inneren ließ ihn frösteln. Wohl der Gedanke an die Akte, die ganz unten in seinem Stapel lag und an der sich Annalena niemals vergreifen würde, weil sie verstanden hatte, dass ihr Chef das Verschwinden von Karina Baumann als seine ureigene Angelegenheit betrachtete.
Aus diesem Grund würde er sich auch an diesem Wochenende wie jedes Jahr im Herbst mit der Mutter des Mädchens treffen, um ihr bei einer Tasse Tee mit wenigen Worten zu signalisieren, dass er ihre Tochter nicht vergessen hatte und noch immer gewillt war, den Fall zu lösen und die Gebeine zu finden, um wenigstens eine Grabstelle als Ort der Trauer zu ermöglichen. Gertraude Baumann hatte es nach dem Verschwinden der Tochter in Thalheim nicht mehr ausgehalten, wo jede Straßenecke, jedes Geschäft und nicht zuletzt die Schule mit Erinnerungen an ihr Kind behaftet waren. Sie hatte die »Drei-Tannen-Stadt« verlassen, weil sie dort weder Ruhe finden konnte noch Gottes Willen akzeptieren wollte. Sie war nach Stollberg gezogen, nicht weit weg, aber weit genug, wie sie Lorenz einmal versichert hatte.
Dort würde der Hauptkommissar sie aufsuchen, sie wie jedes Jahr blass und perspektivlos in ihrer sonnenlosen Einraumwohnung vorfinden, wo sie nur auf diese jährliche Begegnung mit dem Ermittler und auf den eigenen Tod zu warten schien. Gertraude Baumann tat ihm unendlich leid, die heute Siebenundsechzigjährige war schon achtunddreißig Jahre alt gewesen, als sie 1990 in den Nachwendewirren ihre Tochter zur Welt brachte und sie allein großzog. Als das Mädchen dann dreizehn Jahre später verschwand, war sie schon Einundfünfzig gewesen, beinahe so alt wie Lorenz jetzt. Ihr hatten die Kraft und die Hoffnung auf die Heilkraft der Zeit gefehlt, um mit dem ungeklärten Verlust von Karina umzugehen. Er konnte ihr Schicksal nachfühlen, auch er hatte schließlich sein Kind verloren und dabei noch den Vorteil, sie betrauert und zu Grabe getragen haben zu können. Gertraude hingegen schien von der aberwitzigen Hoffnung auf eine Rückkehr der Tochter und von der Leere durch den Verlust zerrissen.
Als Lorenz seinen Wagen erreichte, machte er sich zuerst auf den Weg nach Annaberg, um sich mit Wechselkleidung auszustatten. Seit langem wohnte er in der Bergstadt in einem unsanierten Haus in der Straße am Michaelisstollen, das ihm ein Freund und Berufskollege sehr günstig zur Miete überlassen hatte. Dort gab es ständig Probleme mit der Heizung und der Warmwasserversorgung, die selbst gestandenen Klempnern Rätsel aufgaben. Auch deshalb hatte Roswitha in der Kleingartenanlage am Steinberg in Thalheim, wohin auch einige ihrer Freundinnen der Stadt zu entfliehen pflegten, ein Wochenendgrundstück mit komfortablem Bungalow in sonniger Lage gepachtet. Das war von der Arbeit aus nicht so weit weg wie Annaberg, und dort verbrachten die beiden gern die berufsbedingt seltenen Stunden der Zweisamkeit. Und dort würde Lorenz sich auch an diesem Wochenende einquartieren, aus mehreren Gründen. Zum Ersten waren anfängliche Arbeiten zur Winterbefestigung zu erledigen, die er Roswitha nicht allein zumuten wollte, auch wenn sein Rücken sich schon im Vorfeld beklagte. Zweitens hatte er Roswitha drei Wochen lang nicht gesehen, sie war mit ihrem erwachsenen Sohn und dessen Familie verreist gewesen und er verspürte nun doch ein gehöriges Maß an Sehnsucht. Das würde er natürlich niemals zugeben, schon gar nicht Roswitha gegenüber. Da mimte er gern den hartgesottenen, einsamen Cowboy, auch wenn er den Verdacht hegte, dass sie ihn längst als Sensibelchen durchschaut hatte. Drittens wollte er dem Erntedankfest und Pferdetag in Zwönitz einen Besuch abstatten, er mochte diese bunte Veranstaltung mit dem Pferdeumzug in historischen Kostümen. Von dort aus würde er sich direkt auf den Weg nach Stollberg zu Gertraude Baumann machen. So verplant würde das Wochenende in Windeseile vorüber sein.
Über seine Lieblingsstrecke durch Burkhardtsdorf, Thum und Ehrenfriedersdorf gelangte der Hauptkommissar über die B 95 in einer knappen halben Stunde nach Annaberg. Dort spähte er in den leeren Briefkasten, der Klempner wagte wohl schon nicht mehr, ihm die Stunden, die er im Haus wegen des ungelösten Warmwasserproblems verbrachte, in Rechnung zu stellen. Bei ihrer letzten Begegnung hatte der Handwerker unter dem Deckmantel des Scherzes gefragt, ob das Haus vielleicht verhext sei, und Lorenz konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass der Mann die Frage leidlich ernst meinte.
Lorenz warf ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln in seinen alten, ledernen Reisekoffer, der noch aus DDR-Zeiten, genauer gesagt aus dem Fundus seiner Mutter Frieda, stammte. Seit ihr Augenlicht wegen eines Glaukoms immer schlechter wurde, verreiste sie nur noch selten und hatte ihm das stabile Stück überlassen, das auch regelmäßig Nutzung fand, seit er mit der attraktiven Rechtsmedizinerin mehr oder weniger ernst und auch mehr oder weniger offiziell mehr oder weniger liiert war. So hatte sie ihre Beziehung selbst einmal äußerst treffend beschrieben. Er legte eine Flasche Rotwein von der Sorte, die Roswitha am liebsten mochte, zwischen die Socken und überlegte, ob er noch irgendwo einen Strauß Blumen zur Feier des seinerseits herbeigesehnten Wiedersehens organisieren sollte. Dann könnte er auch gleich noch ein paar Blumen für Frau Baumann mitnehmen – doch würden die bis zum Sonntag frisch bleiben? Und für welche Sorten, für welche Farben müsste er sich entscheiden? Um Fehlern aus dem Weg zu gehen, entschied er sich komplett dagegen, zog die Haustür ins Schloss und eilte zu seinem Wagen. Er wollte im Wochenendbungalow noch lüften und Holz für ein wohliges Kaminfeuer in den dafür vorgesehenen Weidenkorb füllen, bevor Roswitha...




