E-Book, Deutsch, 608 Seiten
Steinfest Das Leben und Sterben der Flugzeuge
16001. Auflage 2016
ISBN: 978-3-492-97464-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 608 Seiten
ISBN: 978-3-492-97464-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit »Ein dickes Fell«; 2014 stand er mit »Der Allesforscher« auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für »Das Leben und Sterben der Flugzeuge«, 2018 wurde »Die Büglerin« für den Österreichischen Buchpreis nominiert und 2024 wurde er für »Gemälde eines Mordes« mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet. Heinrich Steinfest lebt in der Nähe von Heidelberg.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2
Mit der Metro unterwegs zu sein war nicht wirklich schwierig. Niemand von den Erwachsenen bemerkte einen mit der Bahn fahrenden Spatzen, der irgendwo oben saß, auf einer Stange oder einem unbesetzten Griff. Die Leute schauten immer gerade nach vorn oder hatten den Blick zum Boden gerichtet, oder sie klebten mit ihren Nasen an den kleinen Fenstern in ihren Händen. Die wenigen, die hochsahen, schliefen mit offenen Augen. Während wiederum kleine Kinder, die mich entdeckten – also die, deren Nasen noch zu jung waren, um sich an den Aussichtsscheiben von Telefonen zu reiben –, mich anlächelten oder interessiert den Kopf zur Seite legten. So, als würden sie eine erstaunliche Zeichnung betrachten. Ich hatte einmal gehört, Kinder seien sogar in der Lage, Engel wahrzunehmen. Was mir selbst noch nie gelungen war. Allerdings hatte ich so eine gewisse Ahnung, wobei ich nicht wußte, ob die Ahnung einfach auf Wunschdenken beruhte. Wie der Glaube an ein Jenseits. Allerdings mochte das auch für jene gelten, die an gar nichts glaubten. Die sich einfach wünschten, die Welt sei nichts anderes als eine perfekte, aber letztlich sinnlose Rechnung. Auch Logik war vielleicht nur ein Wunsch.
Immerhin, ich war soeben auf dem Weg zu jemand, der zumindest Engel hieß. Und Arthur dazu. Während ich selbst mich mit einem einzigen Namen begnügen mußte. Quimp und sonst nichts. Um sich als Spatz einen zweiten Namen zu verdienen, einen Nach- oder Beinamen, mußte man etwas Besonderes leisten. Bei den richtig alten Altspatzen allerdings, den lebenden Legenden wie Pinesits, genügte wiederum ein einziger Name. Sperks dagegen, so hatte ich gehört, hatten fast alle zwei oder drei Namen, weshalb die Geschichten, die über sie erzählt wurden, immer ein wenig kompliziert klangen. Da hieß es dann etwa, der Sowieso-von-Sowieso-Sperk habe sich mit einem Sowieso-van-der-Sowieso-Sperk duelliert. Für solche Berichte war es nötig, ein gutes Gedächtnis zu besitzen, ein wenig wie unser Superhirn.
Gemäß der Anweisung ebendieses Superhirns wechselte ich nun an der Station Bercy die U-Bahn und fuhr mit der 14 eine Station weiter zum Gare de Lyon, verließ den Wagen und flog mit jenen Passanten mit, die Koffer hinter sich herzogen. – Um ehrlich zu sein, einen Koffer hätte ich auch gern besessen, also die Möglichkeit, mich umzuziehen, das Federkleid zu wechseln, mal blau statt braun zu sein, obwohl dann wahrscheinlich die meisten aus meinem Clan gemeint hätten, das schaue »schwul« aus. Ein Wort, das auch bei uns Spatzen ständig fiel. Tat man irgendwas außerhalb des Üblichen, sogleich war es schwul. Im Grunde hätte man sagen können, daß das, was ich derzeit unternahm, nämlich nach Wien zu fahren, auch ziemlich schwul war.
In der Bahnhofshalle pickte ich noch mehrere Brösel auf, schluckte einige Schokoladenstreusel und gleich darauf die Rinde eines Camemberts, an dem ein wenig Papier klebte, das köstlich war, das Papier. Ich meinte sogar, die Schrift zu schmecken, die hübsch verzierten Buchstaben. Ein Gedicht.
Zum Abschluß nippte ich kurz an der kleinen Lache, die ein umgestoßener Becher 7 Up auf dem Boden verursacht hatte. Natürlich mußte man da aufpassen, nicht von einem der vorbeimarschierenden Reisenden getreten zu werden. Aber die Bewegung der Menschen erzeugt einen Wind, den sie vor sich hertreiben, weshalb also jedem Bein eine Luftbewegung vorausging und ein Vogel meiner Größe immer erst von einem Luftstoß getroffen wurde, bevor ein Fuß ihn hätte erwischen können.
Gesättigt flog ich nach oben und verrichtete in einer entlegenen Ecke der Dachkonstruktion meine Notdurft, entließ einen Klecks Deckweiß. Was ich übrigens so viel hübscher fand als das Kotbraun der Hunde und Menschen. Nichtsdestotrotz zog ich mich in solchen Momenten gerne zurück. Das »Öffentlichkeitskacken«, wie ich es nannte und wie es ja viele meiner Artgenossen praktizierten, war nie meine Sache gewesen. Ohne Zweifel, ein starker Aspekt meiner Persönlichkeit war die Scham. Ich genierte mich schnell. Gehörte zu denen, die sich weniger vor einer Ungeschicklichkeit fürchteten als davor, dabei beobachtet zu werden. Und noch mehr als den Tod fürchtete ich, mitten auf der Straße zu sterben und in kläglicher Form Aufsehen zu erregen. Gleichzeitig war ich nicht jemand, der je den Mut verlor. Der Mut steckte mindestens so tief in mir wie meine Angst vor allem Peinlichen. Fast wie ein Geschwisterpaar.
Nachdem ich mein Geschäft erledigt hatte, flog ich wieder in die Halle hinunter, landete auf dem Dach eines Bistros und schaute zusammen mit den vielen Reisenden auf die große Anzeigetafel, wo immer zwanzig Minuten vor Abfahrt der Züge die Gleisnummern aufschienen. Weshalb die Leute wie in unsichtbaren Startboxen standen oder unruhig kleine Kreise um ihr Gepäck zogen.
Und dann war es soweit. Alle, die es betraf, stürmten los. Als hätten sie nicht zwanzig Minuten Zeit, sondern bloß zwanzig Sekunden. Ich paßte mich an. (Spatzen gehören unter den Tieren zu den sogenannten Kulturfolgern, was bedeutet, nicht nur den Menschen in die Städte und Dörfer zu folgen, sondern eben auch ihre Kultur nachzuahmen. Hektik beim Reisen erscheint als die Kulturleistung schlechthin. Das begriff ich. Gelassenheit war wohl eher was für Götter, Schwerbehinderte und Obdachlose; vielleicht rührte daher das Gerücht, erstere würden vorzugsweise in Gestalt der beiden letzteren auf Erden wandeln und Menschen testen.)
Es war ein TGV – ein Zug, der etwas Geducktes besaß, etwas von der Haltung eines Einbrechers –, in den ich über die Köpfe weg hineinflog und mir rasch zwischen den Koffern oben in den Gepäckfächern eine Ecke suchte, allerdings achtgeben mußte, in Folge einiger Umschichtungen nicht zerquetscht zu werden. Es gab ein Hin und Her, bevor dann endlich Ruhe war, sich alle Gegenstände an ihren Plätzen befanden und die Passagiere ebenso. Das Stimmengewirr schwoll ab. Schließlich vernahm ich das Signal der sich schließenden Türen. Ich spürte, wie das Gefährt sich in Bewegung setzte. Das war jetzt anders als in der Metro zuvor, endgültiger, dramatischer, dazu kam bald die beträchtliche Geschwindigkeit, von der ich bisher nur gehört hatte und die ich, auf einem Koffer sitzend, ähnlich erlebte wie ein Astronaut in seiner Kapsel. Mein Herz klopfte. Und sowenig ich von meiner Position aus etwas sehen konnte, spürte ich doch, wie sich Paris nach und nach entfernte, kleiner wurde, verschwand.
Mitten hinein in das Gefühl der Aufregung, auch in das Gefühl, sehr bald etwas Wesentliches, die Spatzenwelt Bewegendes zu erleben, mischte sich erneut eine Schwermut. Und zwar die des Heimwehs, was bisher auch nur ein Wort gewesen war. Zum Wort gesellte sich nun aber wirkliches Empfinden. Heimweh spürte sich an, als würde jemand hinter meinen Augen stehen – ähnlich der Stimme, die von einem Albatros stammt – und kräftig dagegendrücken. Als müsse ich gleich weinen. Auch wenn ich das als Vogel gar nicht konnte. Aber der Druck war dennoch da.
Heimweh also. Dabei war ich ja noch nicht einmal aus Frankreich heraus. Aber das Gefühl schien kaum von der Distanz abzuhängen. Es kam und ging. Und wie ich bald feststellen würde, kam es am liebsten, wenn es Abend wurde.
Und Abend war ja nun. Ich kauerte mich zu einem Knäuel zusammen, einer gefiederten Muschel, und schloß meine Augen, vernahm jedoch noch einige Zeit die Gespräche der Menschen und die Geräusche des Zugs, bevor der Schlaf und seine Träume mein Leben von außen nach innen kehrte.
Träumen Vögel vom Gehen auf zwei Beinen, so wie Menschen gerne vom Fliegen träumen?
Nun, bei mir war es sogar so, daß ich fast immer träumte, ein Mensch zu sein. Ich fühlte dann die Schwere meines Körpers wie auch die potentielle Langlebigkeit. Und betrachtete die Welt nicht mehr von oben, sondern zumeist aus einer Höhe von etwa ein Meter achtzig.
Es gab da einen Traum, der sich oft wiederholte. Besser gesagt, wiederholte sich die Persönlichkeit, die ich zu sein träumte. Wobei ich mich eben nicht nur im Körper dieses Mannes befand, sondern wirklich meinte, er zu sein, seine Gedanken zu denken. Solange ich träumte, führte ich seine Existenz, lebte seine Abenteuer, und damit auch die für einen Traum so typischen Verwicklungen, und war mir in keinem Moment bewußt, in Wirklichkeit ein Spatz zu sein. Natürlich nicht. In meinen Träumen kamen Spatzen nicht vor, zumindest nicht in einer persönlichen Weise, sie waren halt Vögel, die Parks und Biergärten frequentierten und ein wenig Lärm machten.
Ich hätte den Mann im Traum, der ich war, nicht beschreiben können. Nie schaute er in einen Spiegel. Aber es fühlte sich so an, als sei er nicht nur recht großgewachsen, sondern auch etwas, was die Menschen als »gutaussehend« bezeichnen und damit eine gewisse Ebenmäßigkeit meinen. Eine Mustergültigkeit. Etwas Normales, Vertrautes, das aber dennoch besonders ist. Wie ein konventioneller Satz, der allerdings hervorgehoben wird, kursiv gesetzt. Ja, es handelte sich um einen kursivierten Mann.
Dieser Mann war einer von denen, die auch bei größter Hitze kaum schwitzten, ohne daß er darum, wie das Spatzen tun, zu hecheln anfing. Er schien eine andere Möglichkeit zu besitzen, seine Temperatur zu regulieren. Als sei er wechselwarm.
Er war beliebt, provozierte aber auch Neid. Allerdings nicht nur Neid, ebenso Mitleid. Wobei ich lange Zeit den Grund für dieses Mitleid nicht verstand. Das tat ich erst in dem Moment, als mir von einem Tennisspiel träumte, an dessen Ende mir der Gegner seine feuchte Hand reichte und erklärte: »Alle Achtung, mein Lieber, es ist umwerfend, wie Sie spielen, obwohl Sie...




