E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Steinfest Der Chauffeur
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99729-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-492-99729-4
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit »Ein dickes Fell«; 2014 stand er mit »Der Allesforscher« auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für »Das Leben und Sterben der Flugzeuge«, 2018 wurde »Die Büglerin« für den Österreichischen Buchpreis nominiert und 2024 wurde er für »Gemälde eines Mordes« mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet. Heinrich Steinfest lebt in der Nähe von Heidelberg.
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1
Feuer
Es waren zwei Sekunden, die das Unglück brauchte.
Zwei Sekunden, in denen der Fahrer das Steuer herumriss. Also nicht etwa auf die Bremse trat, was auch wenig genutzt hätte bei dieser Geschwindigkeit, nein, er beschleunigte und versuchte, an dem vorderen Wagen vorbeizukommen. Ein Wagen, der sich mit bösartiger Plötzlichkeit in dem zweispurigen Tunnel quer gestellt hatte.
Er hätte es auch geschafft, beinahe. Er hätte es geschafft, wäre der quer gestellte Wagen, ein fünftüriger Toyota, nicht von einem auf der Gegenfahrbahn herankommenden Kleinlaster getroffen worden. Die Audi-Limousine, die er lenkte, wurde von dem Toyota in Richtung der Tunnelwand gedrückt, sodass es seinen Wagen praktisch aus dem Sattel der Straße hob. Ja, der Fahrer spürte jetzt, wie es aufwärtsging und es den fünf Meter langen, zweieinhalb Tonnen schweren Wagen, in dessen Lenkrad er sich verkrallt hatte, in einer seitlichen Rolle in die Luft wirbelte, um mit dem Dach voran auf der Fahrbahn aufzuschlagen. Wo sich der Wagen mehrfach drehte, bevor ein weiterer auf der Gegenfahrbahn herankommender Wagen der Drehung ein Ende setzte und den Audi wieder zur eigentlichen Unfallstelle zurückschob.
Er hing nun kopfüber im Seil seines Sicherheitsgurtes und sah an den Airbags vorbei durch die zersplitterte Scheibe des Seitenfensters. Es handelte sich bei dem Audi nicht um seinen eigenen Wagen, sondern um das Auto des Mannes auf dem rechten Rücksitz. Dieser baumelte seinerseits im Gurt wie in einer strengen Umarmung. Ein Mann, in dessen Diensten der Fahrer seit gut zehn Jahren stand.
Er, der Chauffeur, hieß Paul Klee. Klar, die meisten Leute, die nur ein klein wenig Ahnung von Kunstgeschichte hatten, erstaunte es, dass jemand, der nicht der berühmte Maler war, so hieß. Als sei es abstrus, wenn die Namen berühmter oder auch gefürchteter Leute ein zweites Mal in der Welt und in der Geschichte auftauchten. Etwa eine Frau namens Lauren Bacall. Oder ein Mann namens Albert Einstein. Oder ein Außerirdischer, der sich ausgerechnet mit dem Namen Alf vorstellte.
Oder eben jemand, der ein Chauffeur im 21. Jahrhundert war und denselben Namen trug wie jener 1940 verstorbene Künstler, der nicht nur viele Engel gemalt hatte, sondern seine Kunst dabei in einer Weise betrieben hatte, als sei er selbst einer: ein Engel der Moderne. Allerdings hatten Paul Klees Eltern – also die des Mannes, der soeben seinen Sicherheitsgurt löste und sich mit der anderen Hand gegen die Innenseite des Autodachs stützte –, hatten also diese Eltern, das Ehepaar Ernst und Marita Klee, in völliger Unkenntnis der klassischen Moderne ihrem Sohn den Namen Paul gegeben. Dabei war nicht einmal auszuschließen, dass eine ferne Verwandtschaft bestand, aber davon hatten die Klees, als ihr Sohn 1974 auf die Welt kam, nichts gewusst. Und niemand hatte sie darauf aufmerksam gemacht. Sie fanden diesen Vornamen einfach schön und passend. Passend nicht zuletzt darum, weil zu den vier Buchstaben des Nachnamens, den man sich nun mal nicht oder nur sehr bedingt aussuchen konnte, die vier Buchstaben eines Vornamens kamen, der frei zu wählen war. Nicht, dass sie es genau auf diese Weise ausdrückten, und doch war es das, was sie als gelungen empfanden: das Gleichgewicht.
Paul Klee war natürlich spätestens im schulischen Kunstunterricht damit konfrontiert worden, einen berühmten Namen zu tragen, ohne selbst berühmt zu sein. Was oft wie ein Vorwurf daherkam. Und nicht minder vorwurfsvoll fielen die Kommentare zu seinem geringen Talent im Zeichnen und Malen aus. Immer wieder dieses Kopfschütteln im Angesicht seiner »grafischen Ungelenkigkeit«, die genau genommen eher durchschnittlich zu nennen war, aber wegen seines Namens als absolut mangelhaft wahrgenommen wurde. Es wäre kaum schlimmer gewesen, hätte er wie ein berühmter Kraulweltmeister geheißen, um dann mit mediokrer Langsamkeit die hundert Meter Freistil zu bewältigen. Nicht unbedingt zu ertrinken, aber doch provokant spät am Beckenrand anzuschlagen.
Er selbst sah sich in keiner Weise verpflichtet, seines Namensschicksals wegen ein Künstler zu werden oder sonst wie in die Kunst geraten zu müssen.
Nachdem er das Gymnasium und letztlich das Abitur mit einer stillen, aber effektiven Gleichgültigkeit absolviert hatte, durchlebte Paul einige Jahre eine Phase so plötzlichen wie überraschenden Ehrgeizes für das selbst gewählte Studium der Rechtswissenschaften. Eine Zeit, in der er nicht nur äußerst rasant allerlei Wissen einatmete und ausatmete, sondern nebenbei auch noch als Fahrer jobbte. Zuerst für ein Taxiunternehmen, später als privater Chauffeur einer Antiquitätenhändlerin.
Es ist mitunter gar nicht so leicht zu sagen, worin der Zustand von Kranksein und worin der Zustand von Gesundsein besteht. Aber eines von beidem musste es wohl sein – also entweder wurde Paul krank oder aber er wurde endlich wieder gesund –, was dazu führte, dass er nach eineinhalb Jahren äußersten Fleißes sein Studium aufgab, seine Freunde verwirrte, seine Eltern enttäuschte und die anfangs als bloßen Studentenjob praktizierte »Kunst, ein Auto zu fahren« zu seinem Hauptberuf machte. Nach seiner Zeit bei der Antiquitätenhändlerin arbeitete er als Ausfahrer für ein Möbelhaus, danach für eine Sicherheitsfirma, um schließlich, dreiunddreißigjährig, von jenem Mann angestellt zu werden, der nun also, zehn Jahre später, im Fond des umgestürzten Audi hing und leise Töne des Schmerzes von sich gab, was immerhin zeigte, dass er noch am Leben war.
Bei diesem Mann handelte es sich um Martin Rehberg, einen ehemaligen Minister einer ehemaligen Regierung, der nach seinem Rücktritt vom Amt und seinem Rückzug aus der Politik wieder in die Wirtschaft gegangen war und nun in den Aufsichtsräten und Verwaltungsgremien und Vorständen diverser Konzerne saß, allerdings nie aufgehört hatte, weiterhin Fäden in der Partei zu ziehen, der er angehörte, wobei es ziemlich unerheblich war, hier zu sagen, um welche Partei es sich handelte und nach welcher Ideologie sie äußerlich ausgerichtet war, das war wirklich einerlei. Rehbergs Macht und Einfluss waren fundamental, nicht ideologisch. Um günstige Koalitionen für den von ihm vertretenen Wirtschaftsliberalismus zu schmieden, wäre er Bündnisse mit dem Teufel genauso wie mit dem lieben Gott eingegangen.
Rehberg war gelernter Jurist und zu Beginn seiner Karriere als Rechtsanwalt tätig gewesen. Es hatte ihm ein gewisses Vergnügen bereitet, sich kurz nach seinem Austritt aus der Politik nicht nur einen neuen Wagen bereitstellen zu lassen – wie zur Belobigung –, sondern zugleich einen neuen Chauffeur anzustellen, noch dazu einen, der über einige Ahnung in Fragen des Rechts und der Rechtsphilosophie verfügte, denn Klee verheimlichte sein tobleroneartig angebrochenes, beziehungsweise abgebrochenes Jurastudium bei seiner Bewerbung keineswegs. Aber nicht nur darum ging es. Denn kurz bevor Rehberg diesen Chauffeur aus einer Gruppe von Kandidaten ausgewählt hatte, war es ihm gelungen, ein lange ersehntes kleines Aquarell von Paul Klee zu erwerben. Ein Künstler, dessen Werke er überaus schätzte, und noch mehr, sie zu besitzen. So pragmatisch und nüchtern Rehberg war, erschien es ihm dennoch symbolhaft, dass auf den Kauf dieses Bildes ausgerechnet die Bewerbung eines Fahrers gefolgt war, der ebendiesen Namen trug.
Rehberg hatte sich also in der vergangenen Dekade mit schlangenhafter Beweglichkeit durch die Bereiche ökonomischer Landschaften bewegt, die ja stets internationale Landschaften sind, selbst wenn sie deutsche Namen tragen und in Düsseldorf ihren Hauptsitz haben. Doch diese Landschaften verfügen über exakt dieselbe Rundlichkeit, mit der die Erde ausgestattet ist. Weshalb man oft den Eindruck bekommt, Geld sei eine Art Weltreisender, ein Weltumsegler und Weltumflieger. Und sich nicht leugnen lässt, wie dieses Geld sich im Zuge der Weltreisen gleich allen Weltreisenden verändert. Niemand kommt nach einer Umrundung so an, wie er aufgebrochen ist.
Allerdings hatte Rehberg in all diesen Jahren in der Wirtschaft auch einiges unternommen, um seine Rückkehr auf die politische Bühne vorzubereiten. Und sah nun den Zeitpunkt gekommen, da er mehr würde erreichen können als damals als Minister in einer Regierung, deren Mitglieder er sich ja nicht hatte aussuchen können. Ihm war nach höheren Weihen. Und er war gut vorbereitet. Er hatte einige Falltüren und einige Trampoline konstruiert und wollte jetzt zusehen, wer in die Falle ging und wer mittels Sprung auf dem Trampolin zusammen mit ihm ganz nach oben geraten würde.
Paul Klees eigene politische Anschauungen, sofern vorhanden, waren gänzlich andere als die seines Arbeitgebers. Aber das war für ihn kein Thema. Er hatte sich von Beginn an vollkommen in das Moment der Dienstleistung begeben und damit auch in die Loyalität gegenüber der Person, die ihn beschäftigte. Und keine Frage, er wurde gut bezahlt. Zudem fiel es ihm nicht schwer, seine Uhr nach der seines Chefs zu stellen, jederzeit verfügbar zu sein, selbst dann, wenn es sehr spät oder sehr früh wurde oder wenn Kurzfristigkeit die Planung bestimmte.
Als Paul Klee zehn Jahre vor dem schicksalhaften Unfall das erste Mal in den Wagen Rehbergs gestiegen war – auch damals schon ein Audi, es würden immer Audis sein –, da war ihm deutlich bewusst geworden, dass sein eigentliches Leben in Zukunft allein in diesem Wageninneren und auf den zu fahrenden Strecken stattfinden würde. Und dass ein anderes Leben als das, der Fahrer in diesem Wagen zu sein, von geringer Bedeutung sein würde. Ganz sicher kein Familienleben. Frauen ja, Freizeit ja, Sport ja, eine Pokerrunde hier und da, die kurzen Pausen halt, die entstanden, wenn Rehberg sich im Ausland aufhielt und der Wagen in der Garage gleichsam in eine kleine...




