E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Steinfest Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-492-95806-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-492-95806-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit »Ein dickes Fell«; 2014 stand er mit »Der Allesforscher« auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für »Das Leben und Sterben der Flugzeuge«, 2018 wurde »Die Büglerin« für den Österreichischen Buchpreis nominiert und 2024 wurde er für »Gemälde eines Mordes« mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet. Heinrich Steinfest lebt in der Nähe von Heidelberg.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Und der fünfte Engel posaunte: und ich sah einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; und es wurde ihm der Schlüssel zum Schlund des Abgrundes gegeben.
Offenbarung 9,1 (Deutsch: Elberfelder)
2| Der Killer
Mein Name ist Jooß. Ein komischer Name, mag sein. Aber in siebenundfünfzig Jahren habe ich mich an ihn gewöhnt. Mehr fällt mir zu meinem Namen nicht ein.
Wozu mir einiges einfällt, das ist die Sache, die in Stuttgart abgelaufen ist. Allerdings möchte ich betonen, dass ich diese Geschichte nicht ohne guten Grund erzähle. Der gute Grund ist finanzieller Natur. Dass jemand meinen Bericht benutzen wird, um daraus eine Story zu machen, ist wiederum ein anderes Kapitel. Ich halte alles Schriftliche für überflüssig. Die Dinge werden nicht wirklicher, indem man sie beschreibt, im Gegenteil, sie verlieren an Würde, werden platt, durch Sprache eingeebnet. Literatur ist eine Krankheit. Schwerkranke schreiben für die Leichtverletzten, die Bücher für eine Medizin halten. Schlucken sie sie lang genug, werden sie ebenfalls schwer krank. Manche beginnen dann leider Gottes selbst zu schreiben, zumeist Autobiografisches. Dramatisierung von Banalitäten, woraus sich schwere Infektionen ergeben. Ein Teufelskreis.
Ich rede über die Vorgänge, weil ich dafür bezahlt werde. Das ist immerhin ein vernünftiger Anlass. Einmal und nie wieder. Ich eröffne Konten, keine Tagebücher.
Ich war nie zuvor in Stuttgart gewesen, denn ich arbeite immer nur einmal in derselben Stadt. Das ist mein Prinzip, an dem ich festhalte, seit ich vor zwanzig Jahren in diesem Gewerbe anfing. Ich will nichts beschönigen: Ich töte Menschen, die es vielleicht verdient haben, vielleicht auch nicht. Ich bin kein Schlächter, fasse nie jemanden an. Meine Opfer sehen mich nicht. Das ist eine Frage des Anstands. Zwischen uns liegt in der Regel die beträchtliche Distanz, die das Projektil benötigt, um eine bestimmte Strecke zu überwinden. Warum sollten die Leute mein Gesicht sehen wollen? Sie interessieren sich ja auch nicht für den Kellner, der ihnen das Essen serviert. Vielleicht bringt sie dieses Essen um, oder eines Tages bringen die vielen Essen ihres Lebens sie um. Der Kellner hat damit wenig zu tun. Ich bin nichts anderes als ein Kellner, der ein Essen serviert, an dem einer stirbt. Ich wähle das Opfer nicht aus, so wie der Kellner nicht bestimmt, wer ein Lokal betritt. Dabei interessiert es mich durchaus, warum ich jemanden liquidieren soll. Neugierde ist substanziell. Aber es geht mich nichts an. Dafür werde ich nicht bezahlt. Meine Auftraggeber sind mir gleichgültig. Die wenigsten lerne ich persönlich kennen. Aber allein die Wahl der Person, die ihnen als Vermittler dient, spricht zumeist gegen sie, gegen ihren Geschmack. Doch ihre Zufriedenheit ist nun einmal die Grundlage meines Geschäfts. Natürlich finde ich die kleine, nette, alte Dame, die Kekse anbietet und davon erzählt, wie aufregend Berlin früher war, sympathischer als den aalglatten Sekretär irgendeines Magnaten. Aber wenn die alte Dame mich dann mit süßem Lächeln beauftragt, ihre Schwester zu liquidieren, relativiert sich alles. Die Menschen können nicht miteinander umgehen, woran nicht immer nur einer schuld ist. Ich löse das Problem. Ich glaube nicht, dass ich das wirklich tue. Die anderen glauben das. Ihr Glaube ist mein Profit.
Sie finden das bedenklich? Ich auch. Ich könnte stattdessen im Gesundheitsamt oder in einem Ingenieurbüro arbeiten. Das aber finde ich noch bedenklicher. Warum sollte auch ausgerechnet der Tod das Schlimmste sein, das einem Menschen zustößt?
Übrigens habe ich mich noch nie an einem Zeugen vergangen. Wenn es einen Zeugen gibt, dann ist es mein Fehler. Jemanden dafür zu bestrafen, halte ich für unangebracht. Zudem sind solche Personen selten eine Bedrohung. Wer will sich schon erinnern? Natürlich, Ausnahmen gibt es immer.
Ich nahm die Schnellbahn vom Flughafen. Taxis sind eine unnötige Erfindung. Kein Mensch hat es wirklich eilig, wenn er mit Bedacht seine Planungen anstellt. Auch Eile ist eine unnötige Erfindung, die uns das Gefühl von Bedeutung vermitteln soll. Kaum etwas in dieser Gesellschaft ist derart hoch angesehen wie der Umstand, keine Zeit zu haben. Und je weniger zu tun ist, desto gehetzter der Mensch. Die Eile stellt genau genommen die vielen Pausen zwischen den wenigen Dingen dar, die wir ernsthaft zu erledigen haben. Die allgemeine Hetze ist die dicke, schwere Fülle, die unsere wenigen Handlungen verbindet.
Mein Quartier, das Hotel Graf Z., lag gegenüber dem Hauptbahnhof. Von meinem Zimmer aus hatte ich einen guten Blick auf den Turm, der aus dem Bahngebäude wuchs. Von dessen Aussichtsplattform ragte ein überdimensionaler Mercedesstern in den trüben Himmel. Natürlich gestand ich den Menschen hier gern zu, dass sie stolz waren, ein solch großartiges Auto hervorgebracht zu haben. Aber musste man diese eitle Wonne der Welt derart aufdringlich präsentieren?
Nach einem Mittagsschlaf, den ich für das Beste halte, was ein Mensch sich antun kann, ging ich unter die Dusche. Als ich aus dem Badezimmer kam, klopfte es, und ein Hotelboy trug ein Tablett herein, auf dem sich eine Flasche und ein Glas befanden. Ich sagte, ich hätte nichts bestellt. Ich sagte es auf Deutsch, immerhin die Sprache, mit der ich aufgewachsen war. Der Hotelangestellte erklärte mir, dass es sich hierbei um eine Aufmerksamkeit der Hotelleitung handle.
»Nette Hotelleitung«, sagte ich.
»Ein Schlehengeist«, sagte der Hotelboy.
»Bitte?«
Der Junge zeigte auf die Flasche. Ich trat näher und las das Etikett. Und da stand: Schlehengeist, ein Destillat vollreifer Schlehen.
»Interessant«, sagte ich und verabschiedete den Hotelboy mit einem Trinkgeld. Dann zog ich mit zwei Fingern die Flasche am Flaschenhals in die Höhe und betrachtete skeptisch die biedere Gestaltung. Doch nach einer ersten Kostprobe wandelte sich die Skepsis in Freundschaft. Ja, ich will das allen Ernstes so ausdrücken: Der Schlehengeist war sofort mein Freund und würde in diesem Stuttgart auch mein treuester Freund bleiben.
Übrigens halte ich die angebliche Abstinenz von Killern für ein dummes Klischee. Die Behauptung, sie würden Orangensaft oder Milch bevorzugen, stellt ein sehr bemühtes Konterkarieren der als schmutzig verschrienen mordenden Tätigkeit dar.
Gegen zwei Uhr ging ich hinunter ins Foyer, wo ich mit einem Mitarbeiter meines Auftraggebers verabredet war. Ein Mensch mit Glatze, die er zu tragen verstand. Stämmig, aber nicht fett. Der Typ, der den Tag mit Liegestützen, kalter Dusche und einer konzentrierten Rasur beginnt. Einer von den Männern, die sich nie in die eigene Haut schneiden. Mit dem eigenen Fleisch ist das etwas anderes. In das schneidet sich jeder einmal. Da gibt es keine Ausnahmen.
Sein Hochdeutsch war mittels eines bayerischen Akzents versüßt, und er besaß die unangenehme Eigenart, mich ständig anzufassen, als wäre ich sein lieber Bruder. Aber seine gerade, offene Art lag mir. Das mag ich an den Deutschen. Sie reden nicht herum, als ginge es bei einem Auftragsmord um ein Verpackungsproblem.
Herr Geislhöringer führte mich in den benachbarten Schlossgarten, beklagte sich über die kalte Jahreszeit, der fehlenden Biergärten wegen. Wie Stuttgart mir gefalle, fragte er mich in einem Tonfall, als würde er, der Bayer, wenig von dieser Stadt halten. Ich sagte ihm, dass ich kaum noch etwas gesehen hätte. Dann nutzte ich die Möglichkeit, fasste ihn meinerseits am Arm, zeigte hinüber zum Bahnhofsturm, auf den Stern hinauf, und fragte ihn, ob so etwas nötig sei.
»Schaut natürlich b’schissen aus«, sagte er und eröffnete mir nun, dass genau dort oben die Plattform sich befinde, von der aus ich das Attentat vorzunehmen hätte. Der Stern würde dabei hoffentlich nicht stören.
Es war nicht an mir, den Platz auszusuchen.
Geislhöringer reichte mir einen genauen Lageplan des gesamten Geländes, eine gekennzeichnete Darstellung der Fassade der Landesbank und einen Zettel mit der Adresse der Stadtbücherei, wo ich am folgenden Montag den Lieferanten für mein Arbeitsgerät treffen sollte. Zudem erhielt ich ein paar Fotografien, auf denen jene Person abgebildet war, die zu töten man mich gerufen hatte.
Ich mache natürlich keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern – warum sollte ich? Und ich liquidiere nie mehr als eine Person.
Die Frau auf den Abbildungen war um die fünfundvierzig, eher hager als schlank, sah aber nicht aus, als würde es ihr an Esslust fehlen. Der Läuferinnentyp. Eine Läuferin mit Hang zu eleganter Kleidung, was man auch nicht alle Tage sieht. Die Haare waren irgendwie zu Fülle gebracht, was mich weniger überzeugte. Sie war eine Frau, die zu sich stand, aber eben nicht zu ihren Haaren.
Worauf ich stets achte, sind Details. Womit nicht irgendein Leberfleck gemeint war oder dass die Dame auf jedem Foto die immer gleiche silberne Brosche trug. Ich hatte das, was mir ins Auge stach, erst ein einziges Mal gesehen. Und das lag zehn Jahre zurück. Ich war in Padua einem hohen Staatsbeamten vorgestellt worden. Sofort war mir aufgefallen, was an dem Mann nicht stimmte. Optisch gesehen. Seine Ohrläppchen besaßen völlig unterschiedliche Formen. Der Gegensatz war so eklatant, dass dies eigentlich jedem hätte auffallen müssen. Was aber nicht der Fall war. Der Staatsbeamte hatte meinen Blick sofort richtig gedeutet und mir erklärt, wie selten die Leute seine »kleine, bescheidene Anomalie« bemerken würden, und beglückwünschte mich zu meinem guten Auge.
Dieses gute Auge besaß ich noch immer. Weshalb mir bei der Betrachtung der Fotografien, die mir Geislhöringer übergeben hatte, erneut eine derartige Ungleichheit auffiel. Das...




