E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Steinfest Die feine Nase der Lilli Steinbeck
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-492-95804-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-492-95804-2
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart - das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit »Ein dickes Fell«; 2014 stand er mit »Der Allesforscher« auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für »Das Leben und Sterben der Flugzeuge«, 2018 wurde »Die Büglerin« für den Österreichischen Buchpreis nominiert und 2024 wurde er für »Gemälde eines Mordes« mit dem Leo-Perutz-Preis ausgezeichnet. Heinrich Steinfest lebt in der Nähe von Heidelberg.
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Eine dünne Frau
Die Szene erinnerte schon sehr an einen dieser amerikanischen Kriminalfilme, wenn Männer in mehr oder weniger schlecht sitzenden Anzügen herumstehen und Witze über die Leiche machen, die da zu ihren Füßen liegt. Über Samenflecken und Ehefrauen und solches Zeug. Witze halt, wie Männer sie erzählen, wenn der Makel schlecht sitzender Anzüge ihre Seele verdorben hat.
Im vorliegenden Fall freilich fehlte die Leiche. Die ganze Person fehlte. Statt dessen hatte man nichts anderes als einen Apfel. Und auch den nicht wirklich. Denn der Apfel lagerte bestens verpackt im Tresor jenes Labors, in das Viola Stransky ihn gebracht hatte.
Nachdem ihr Mann am Morgen nach dem Vorfall mit der Fensterscheibe nicht in seinem Bett gewesen war und sie ihn auch an keinem anderen Platz hatte finden können und nachdem eine Vermißtenanzeige bei der Polizei bloß Augenverdrehungen und Achselzuckungen hervorgerufen hatte, war ihr die Idee gekommen, nach dem Apfel zu sehen. Selbiger – nun mit einer zweifachen Bißstelle versehen – befand sich allerdings nicht mehr dort, wo sie ihn hingetan hatte, beziehungsweise lag er im falschen Eimer, dem für den Restmüll. Der Umstand unkorrekter Deponie erschien ihr irritierender als jener des Angebissenseins.
Viola Stransky war sich absolut sicher, das Apfelstück in den dafür vorgesehenen Behälter getan zu haben. Was also hatte das zu bedeuten? Welcher Sinn konnte darin bestehen, einen Apfel aus dem richtigen Eimer zu ziehen, zweimal davon abzubeißen und ihn dann in den anderen, den falschen wieder zurückzuwerfen, um in der Folge spurlos zu verschwinden? Und weil das nun eine so gar nicht beantwortbare Frage war und andererseits die zuständigen Behörden nicht gewillt schienen, das Verlorengehen eines Familienvaters in einem anderen Zusammenhang als dem der Familienflucht zu sehen, nahm Viola Stransky das Obststück, brachte es zum Labor eines befreundeten Lebensmittelchemikers und ließ eine Analyse vornehmen. Ein Akt purer Hilflosigkeit. Ein Akt freilich, der die Erkenntnis nach sich zog, daß neben dem üblichen Saft im Fleisch des Apfels sich auch der Saft eines neuartigen Betäubungsmittels befand, eines Benzodiazepins, welches den populären Namen »Fräuleinwunder« trug. Ob damit die narkotisierende Wirkung neuester deutscher Literatur gemeint war oder auch etwas ganz anderes, blieb unbekannt. Bekannt war hingegen die Effektivität, aber auch gute Verträglichkeit des Präparats, das sich – einmal verabreicht – nur mehr schwer nachweisen ließ. Sehr wohl aber, wenn Anteile davon im süßlichen Fleisch eines Apfels konserviert einlagen.
Der Chemiker hatte das Ergebnis seiner Analyse direkt an die Polizei weitergeleitet, die sogleich ihre Ansicht, Georg Stransky verbringe seine Tage im Freudenhaus, verwarf. Immerhin war der Mann Universitätsprofessor und seine Frau eine angesehene Geschäftsfrau. Keine wirklich superreichen Leute, das nicht, jedoch höchst respektable Bürger. Allerdings hätte eine Entführung aus finanziellen Gründen eher die minderjährige Tochter betreffen müssen und nicht einen Mann, der möglicherweise tot mehr wert war als lebend. Selbstredend bot sich eine ganze Reihe von Gründen an, wenn jemand unfreiwillig verschwand. Oder eine solche Unfreiwilligkeit vortäuschte.
Wie auch immer, die Polizei war aufgewacht. Wie man aufwacht, wenn in der Nebenwohnung der Wecker läutet, läutet er laut genug. Und das tat er ja. Fräuleinwunder! Und darum also standen die Herren Kriminalisten in der Eßzimmerküche der Familie Stransky herum, ohne Leiche, ohne Apfel, dennoch beschäftigt. Mit Witzen beschäftigt, die gewissermaßen an der Dame des Hauses vorbeierzählt wurden. Man könnte sagen: Apfelwitze.
Womit es aber augenblicklich vorbei war, als Lilli Steinbeck den Raum betrat. Sie war berühmt dafür, Witze machende Männer auf den Mond zu schießen. Sie besaß so eine gewisse arrogante, aber auch betörende Art, jemand zu erklären, daß er sich seine Blödheiten für die Freizeit aufheben solle. Sie gab Männern das Gefühl, ihre Anzüge würden schlecht sitzen. Lilli Steinbeck war somit eine Person, die etwas Tatsächliches anprangerte und folglich eine Übereinstimmung von Faktum und Wahrnehmung herstellte. Bei ihr war ein versalzenes Essen ein versalzenes Essen und nicht etwa würzig oder pikant oder wenigstens Ausdruck von Verliebtheit.
Lilli Steinbeck hatte lange Zeit ein halboffizielles Sonderdezernat der Wiener Polizei geleitet und galt als Spezialistin für Entführungsfälle. Recht spät eigentlich, in den eigenen Vierzigern, war sie der Stadt Wien überdrüssig geworden, in einem Alter, da andere bereits wieder heimkehrten, um nach einem Leben in der großen weiten Welt die Wiener Operette um eine weltmännische Note zu bereichern. Meinten sie. Jemand wie Steinbeck hielt das natürlich für eine Illusion. Um den Vergleich des versalzenen Essens nochmals zu bemühen: Wien bleibt Wien. Operette bleibt Operette. Ein amputiertes Bein bleibt ein amputiertes Bein.
Als Expertin in Fragen des Menschenraubs arbeitete sie auch am neuen Ort. Ihr Ruf war dahingehend tadellos, daß sie Erfolg hatte und sich in jeder Hinsicht als unbestechlich erwies. Wie damals in Wien galt sie auch hier als Lesbe, wahrscheinlich darum, weil weder Kollegen noch Kolleginnen sich die Existenz eines Neutrums wirklich vorstellen konnten oder wollten. Ein Neutrum erschien als gotteslästerlich. Wie jemand, der, obgleich am Verhungern, auf ein herbeigezaubertes Essen spuckt. Passenderweise war Lilli Steinbeck ausgesprochen dünn, ja mager. Ihr langer, schmaler Hals wirkte als ihr eigentliches Körperzentrum, als sitze darin das Herz und die Seele dieser Frau. Was jedoch keineswegs nach Pinocchio aussah, sondern nach Audrey Hepburn. Und das, obwohl Lilli Steinbeck eine auffällig verunstaltete Nase besaß, eine Nase, die nicht nur mehrfach gebrochen, sondern auch stark verrutscht schien, gegen die Stirne hin. Ein wenig in der Art, wie man das von Klingonen kennt.
Daß nun dieses lädierte, aus der Mittellinie eben nur bedingt herausragende Organ in einem ausgesprochen hübschen, ebenförmigen, hellen, auf eine vornehme Art geradezu weißen und glatten Gesicht lag, erschien den meisten Betrachtern als der eigentliche »Skandal«. Gerade dadurch nämlich, daß Lilli Steinbeck es unterließ, den Zustand ihrer Nase auch nur annähernd zu ändern. Wäre das ganze Gesicht, wie man so sagt, im Eimer gewesen, hätte auch eine zerdrückte Nase nicht gestört. Manche Menschen sahen nun mal wie Monster aus – was soll’s? Daß aber jemand gegen die massive Beeinträchtigung seiner Hübschheit absolut nichts unternahm, andererseits aber bestens gekleidet und frisiert war, zu jeder Zeit ein perfektes Make-up trug und auch in heiklen Situationen nicht auf modisches Schuhwerk verzichtete, daß so jemand das Schicksal seiner Nase demütig annahm, war den meisten ein Rätsel, viel mehr noch ein Ärgernis. Nicht wenige Männer dachten sich, wenn sie Lilli Steinbeck sahen: Du raffinierte Schlampe! Sie dachten es und ärgerten sich nur noch mehr, weil an Steinbeck der Schlampenvorwurf natürlich abprallen mußte, nicht aber der Vorwurf, raffiniert zu sein.
Ihr dienstlicher Rang war in keiner Sekunde ein Thema. Sie war einfach die Steinbeck, eine Autorität, und zwar in vielerlei Hinsicht. Das war keine Frage von Sympathie oder Achtung. Eher war es wie bei Geparden. Die sind nun mal die schnellsten Landtiere, ob das den anderen Viechern, den Herren Antilopen paßt oder nicht. Wobei übrigens auch sonst Lilli Steinbeck viel von einer Gepardin hatte, nicht nur der Schlankheit wegen. Geparden fehlt die Möglichkeit, ihre Krallen einzuziehen. Die Weibchen sind Einzelgängerinnen, außer sie haben Junge. Zudem sind Geparde ausgesprochen krankheitsanfällig. Fehlende genetische Variation, heißt es. Na ja, auf Variationen konnte Steinbeck so gut verzichten wie auf herbeigezaubertes Essen. Ohne gleich zu spucken. Sie spuckte nicht, versteht sich. Und sie ging früh schlafen. Was ebenfalls insgeheimen Anstoß erregte: Steinbecks rigoroser Verzicht, sich im Namen der Polizei und des Staates die Nacht um die Ohren zu schlagen. Sie bestand darauf, spätestens um acht zu Hause und um neun im Bett zu sein, um dann mindestens zehn Stunden dem Schlaf und im günstigsten Fall der Erholung zu widmen. Besser waren zwölf Stunden. So toll war das Leben wirklich nicht, um mehr als die Hälfte des Tages bei Bewußtsein zu bleiben.
»Ich bin Lilli Steinbeck«, sagte die Steinbeck und reichte Viola Stransky die Hand. Den umstehenden Männern, darunter ein Hauptkommissar namens Hübner, warf sie einen In-einem-Aufwaschen-Blick zu. Dann sah sie wieder Frau Stransky an und erklärte ohne Umschweife: »Ich soll Ihren Mann finden.«
»Gut«, antwortete die Hausherrin und zeigte auf die beiden hellblauen Müllbehälter. Nicht zum ersten Mal erzählte sie, wie erstaunt sie gewesen sei, den Apfel auf der falschen Seite vorzufinden. Diesmal aber hatte sie den Eindruck, daß man ihr auch wirklich zuhörte. Daß man endlich unterließ, unterschwellige Witze über das Verhältnis von Hausfrauen und Obst zu machen.
»Es wird Zeit, daß wir uns den Apfel genau ansehen«, meinte Steinbeck.
»Was denken Sie, daß wir finden werden?« fragte Hübner. »Abgesehen davon, was schon gefunden wurde.«
»Lassen Sie den Apfel einfach abholen. Bitte!«
Hübner nickte einem seiner Leute zu, welcher sich augenblicklich auf den Weg machte.
Das war er also, der altgediente Friedo Hübner, den alle, war er gerade nicht in der Nähe, Baby Hübner nannten, und zwar nach dem kleinen Wildschwein aus dem Marionettenspiel der Augsburger Puppenkiste »Katze mit Hut«. Wobei Hauptkommissar Hübner mit seiner...




