E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Steinhauser Louisa
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-99137-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Erzählung
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-99137-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren in Lörrach. Schulzeit in Rheinberg am Niederrhein. Nach dem Abitur Studium und Promotion an der Technischen Universität in West-Berlin. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit in Südamerika Rückkehr nach Deutschland. Tätigkeit in einem international arbeitenden Unternehmen.
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1
Es war ein Samstag, ich erinnere mich genau, wir waren junge Studenten und Benno saß in meinem Lesesessel, leicht nach vorn gebeugt und sah auf seine Fingerspitzen, deren Kuppen sich berührten. Daumen und Zeigefinger bildeten ein offenes Dreieck. Das Bücherregal hinter ihm mit seinen zahllosen Geschichten bot den idealen Hintergrund für seine Geschichte. Der Abend war lau, es war Ende Mai, als Benno, verliebt in Louisa und aufgewühlt von Erlebnissen ihrer gemeinsamen Reise nach Sylt, in Berlin zurück war. Ich hörte Benno gerne zu und die Geschichte dieser jungen Liebe, die er behutsam erzählte, ist mir noch sehr lebendig in Erinnerung. Der Klang seiner Stimme ist noch in meinem Ohr.
„Ich erzähle dir jetzt meine und Louisas Geschichte, eine Geschichte, die hoffentlich erst am Anfang steht, obgleich sie weit zurückreicht. Ich glaube, ich bin sehr verliebt, muss aber meine Gefühle noch ordnen und brauche vielleicht deinen Rat.
Wir, Louisa und ich, kannten uns schon, als wir noch namenlos waren, wir kannten uns aus der Zeit vor unserer Geburt. Unsere Mütter hatten sich in der Schwangerschaftsgymnastik kennengelernt und angefreundet. Das charakteristische Lachen von Louisas Mutter, es war ein sehr hoher Ton in diesem Lachen, rief in mir Zeit meines Lebens ein tiefes Wohlgefühl hervor, wie eine schöne Erinnerung es zu erzeugen vermag.
Daran, dass Louisa und ich uns schon in unseren ersten Lebensmonaten begegnet sind, kann ich mich natürlich nicht erinnern. Dies belegen nur Fotos, auf denen wir uns auf Kissen gebettet von unseren Müttern entgegen gehalten wurden und auf denen wir uns, die Köpfe einander zugewandt, neugierig musterten.
Da wir fast gleichaltrig waren, Louisa war eine Woche älter als ich, beide Sonntagskinder, was aber keinen Einfluss auf unser späteres Leben zu haben schien, kamen wir auch gemeinsam in den Kindergarten. Hier war ich der Erste, da Louisa noch die Woche nach Ostern bei ihren Großeltern verbracht hatte.
An vieles erinnere ich mich nicht aus meiner Kindergartenzeit, aber einiges steht mir immer noch lebhaft vor Augen. Ich hatte zu Hause gesehen, wie meine Mutter mit Muskatnüssen das Essen würzte. Auf dem Kindergartenspielplatz fand ich, wie ich glaubte, eben diese Nüsse und steckte sie ein, um sie meiner Mutter mitzubringen. Vorher aber zeigte ich meinen Fund stolz Louisa, die mir in ihrer klaren und bestimmten Art, die sie damals schon besaß, sagte, dies seien keine Muskatnüsse, sondern ganz einfach Pfirsichkerne. So desillusionierte sie mich zum ersten Mal und ich erinnere mich, dass meine Bewunderung für sie wuchs.
Im letzten Kindergartenjahr wurde zu Weihnachten ein Krippenspiel aufgeführt, in dem wir, wir waren ja die Großen, die wichtigen Rollen übernehmen mussten. Louisa spielte natürlich die Maria, wer der Josef war, weiß ich nicht mehr. Ich jedenfalls sang und sprach im Hirtenchor und sah fast ehrfürchtig zu, wie Maria das Jesuskind in die Krippe legte.
In der Volksschule, so nannte man früher die Grundschule, ging ich in die Jungenklasse und Louisa in die Mädchenklasse. Wir sahen uns jetzt nicht mehr so häufig, auch lagen die Jungen- und Mädcheninteressen naturgemäß in dieser Zeit weit auseinander.
Erst als wir beide aufs Gymnasium kamen, fanden wir uns gemeinsam in der gemischten Sexta wieder.
Die eine Woche, die uns kalendarisch trennte, hatte sich optisch zu mindestens einem Jahr verschoben. Louisa war einen halben Kopf größer als ich und war sich ihres Aussehens und ihrer Wirkung auf ihre Mitschüler und die Lehrer durchaus bewusst. Sie besaß goldblondes, lockiges Haar, das ein schmales Gesicht umrahmte, die blaugrauen Augen blickten klar, selbstbewusst, unternehmungslustig und energiegeladen, wirkten dabei aber uneitel. Der aufgeschossene, dünne, fast hagere Jungmädchenkörper ließ eine zukünftige starke feminine Ausstrahlung erahnen.
Schon kurz nach Beginn des Schuljahres, als wir Schüler uns etwas genauer kennengelernt hatten und die ersten Klassenämter verteilt wurden, wählten wir Louisa zu unserer Klassensprecherin. Sie füllte dieses Amt mit großer Energie und Einsatz aus. Auch in den folgenden Jahren machte ihr niemand diesen Platz streitig.
Ich bewunderte sie, wie ich sie damals bewundert hatte, als sie mir mit beeindruckender Autorität unmissverständlich den Unterschied zwischen Muskatnüssen und Pfirsichkernen erklärt hatte und ich war, glaube ich, ein wenig verliebt in sie damals. Für sie aber war ich Benni, den sie schon aus dem Kindergarten kannte und dessen Eltern mit ihren Eltern befreundet waren.
So sollte es in den nächsten Jahren bleiben.
Louisas Körper wurde weiblicher, die Blusen und Pullover füllten sich sichtbar, die Röcke wurden kürzer, die mageren Kinderbeine bekamen sportliche Waden. Ich war inzwischen einen halben Kopf größer als Louisa und hatte mich damit abgefunden, nicht zu ihren Favoriten zu zählen.
Meinen ersten Kuss bekam nicht Louisa. Da war sie schon sehr viel weiter und zeigte auch mehr Interesse auf diesem Gebiet als ich. Ihre Favoriten suchte und fand sie in den obersten Klassen und tanzte ausgelassen auf den Bällen verschiedener Abiturientenjahrgänge, wie man mir erzählte.
Nach unserem Abitur, das sie natürlich, wie hätte es anders sein können, als Klassenbeste bestand, während ich die Schule gemütlich im Mittelfeld abschloss, erhielt sie einen Studienplatz für Medizin in Heidelberg, während ich zum Jurastudium nach Berlin ging.
*
Ich erinnere mich gut, als ich im 3. Semester zu Pfingsten meine Eltern besuchte und mein Vater mir sagte, sie seien am Pfingstmontag zum Grillen mit Louisas Eltern verabredet und nebenbei in einem Halbsatz erwähnte, Louisa sei wie ich, aber eher zufällig und unerwartet zu einem Pfingstbesuch nach Hause gekommen und es sei doch nett, wenn wir uns bei dieser Gelegenheit alle wiedersähen.
So saßen Louisa und ich am Pfingstmontag bei herrlichem Frühlingssonnenschein im Garten ihrer Eltern und knabberten an mit Butterflocken garnierten Maiskolben, aßen scharfgewürzte Steaks und knoblauchgespickte Lammkoteletts und erzählten uns vom ersten aufregenden Jahr in einer neuen Welt.
Louisa berichtete voller Begeisterung von Heidelberg, von den Professoren und Vorlesungen, deren Thematik sie fesselte, von den netten Kommilitonen, den Sonntagsausflügen ins benachbarte Elsass, von Wanderungen und Edelzwicker.
Ich konnte wenig dagegen setzen. Trockener Vorlesungsstoff, der mich nur mäßig interessierte. Die Schwierigkeiten als Nichtberliner Anschluss an die überwiegend Berliner Kommilitonen zu finden, die sich oft von der Schule her kannten und sich in Cliquen abschotteten. Die Stadt selbst, eine Insel im „Feindesland“, eingemauert und noch immer, 25 Jahre nach dem Krieg, durchsetzt von Ruinen und Häusern mit unübersehbaren Wunden der damaligen Kämpfe. Die Kneipenabende oft trostlos. Von den häufig sinnleeren Wochenenden wollte ich gar nicht erzählen, um nicht bedauernswert zu erscheinen.
Meine Schilderung musste auf Louisa nicht den Eindruck gemacht haben, dass ich mich freute, wieder nach Berlin zurückzufahren.
Spontan kam von ihr der Vorschlag, wir könnten ein Wochenende am Meer verbringen, Sylt würde sie nicht kennen und ein Zelt würde einer von uns sicherlich auftreiben können.
Ich musste sie anscheinend fassungslos angesehen haben, denn sie sagte, dass sie es ernst mit ihrem Vorschlag meinte, ein paar Tage gemeinsam auf der Insel der anderen Art – ein Seitenhieb auf Berlin, so verstand ich es – zu verbringen. Sie hoffe, dass ich auch Lust hätte auf ein paar gemeinsame Tage, fügte sie mich ernsthaft ansehend hinzu.
„Aber natürlich, natürlich doch!“
Ich stotterte fast, so unglaublich erschien mir dieses Angebot.
„Sicherlich werde ich ein Zelt organisieren können.“ Sie nahm es gelassen, wie selbstverständlich.
„Den genauen Termin stimmen wir dann telefonisch ab. Hast du eine Telefonnummer, unter der ich dich erreichen kann?“
Ich gab ihr meine Telefonnummer im Studentenheim. Mein Vater kam und fragte, ob wir uns gut amüsierten und uns das Essen gut schmeckte. Louisa strahlte ihn an und erklärte, es sei alles bestens, wir seien glücklich, hier zu sein und genössen es sehr.
Ich konnte ihr nur zustimmen und er nickte zufrieden. Bevor er sich wieder dem Grill widmete und den Hausherrn unterstützte, plauderte er noch einige Zeit mit uns, wobei er sich bei Louisa, was mich verwunderte, sehr detailliert nach ihrem Studium und ihren Aktivitäten außerhalb des Studiums erkundigte. Louisa erzählte lebhaft von ihrem Leben in Heidelberg und wie schön es sei, nicht weit von zu Hause entfernt zu studieren und die Eltern häufiger besuchen zu können, ganz im Gegensatz zu mir, Benno, der ich in Berlin studiere. Mein Vater nickte zustimmend und sagte, er müsse sich leider wieder um den Grill kümmern, man könne vielleicht das Gespräch später fortsetzen, da das Studentenleben in...




