E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Steinhöfel Der mechanische Prinz
10001. Auflage 2010
ISBN: 978-3-646-92046-8
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-646-92046-8
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren. Er ist Autor zahlreicher, vielfach preisgekrönter Kinder- und Jugendbücher, wie z. B. »Die Mitte der Welt«. Für »Rico, Oskar und die Tieferschatten« erhielt er u. a. den Deutschen Jugendliteraturpreis. Nach Peter Rühmkorf, Loriot, Robert Gernhardt und Tomi Ungerer hat Andreas Steinhöfel 2009 den Erich Kästner Preis für Literatur verliehen bekommen. 2013 wurde er mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk ausgezeichnet und 2017 folgte der James-Krüss-Preis. Zudem wurde er für den ALMA und den Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert. Andreas Steinhöfel ist als erster Kinder- und Jugendbuchautor Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seine Serie über Rico und Oskar wurde sehr erfolgreich fürs Kino verfilmt. Zusätzlich zu seiner Autorentätigkeit arbeitet er als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher. Seit 2015 betätigt er sich in seiner Filmfirma sad ORIGAMI als Produzent von Kinderfilmen.
Autoren/Hrsg.
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DAS GOLDENE TICKET
Es gibt Ereignisse, die ein ganzes Leben verändern. Manche Menschen warten Jahrzehnte auf ein solches Ereignis, ohne dass es eintrifft. Sie werden darüber alt und grau und verbittert, und wenn sie sterben, glauben sie immer noch fest daran, das alles besser gekommen wäre, wenn doch bloß damals, irgendwann, wenigstens ein bisschen …
Max hingegen musste nicht lange warten. Sein Leben änderte sich an einem Samstag, und da wurde es auch allerhöchste Zeit. Ich wage sogar zu behaupten, dass es dafür am Sonntag bereits zu spät gewesen wäre.
Warum?
Max erklärte es einem Mädchen, das er an jenem Samstag traf. Das Elend hätte schon damit angefangen, sagte er zu dem Mädchen, dass seine Mutter nicht dabei gewesen wäre, als er geboren wurde. Er wusste natürlich, wie absolut blödsinnig sich das anhören musste. Doch im Wesentlichen meinte Max damit genau das Richtige: Er war seiner Mutter vom Tag seiner Geburt an egal gewesen. Wie er auch, seit er sich erinnern konnte, seinem Vater schon immer egal gewesen war. Tatsächlich war Max mit dem schrecklichen Gefühl aufgewachsen, eines der egalsten Kinder auf der Welt zu sein. Meistens wurde er von seinen Eltern einfach übersehen. Manchmal versäumten sie, ihm zu essen zu geben. Wenn sein Vater ihn mit gerunzelter Stirn ansah, wusste Max, dass er gerade überlegte, wie wohl der Junge hieß, der da vor ihm stand. Dieser Junge trug zu kurze Hosen und seine Jacke war zu eng, weil seine Mutter nie daran dachte, ihm neue Klamotten zu kaufen. Sein Geburtstag wurde regelmäßig vergessen, und Weihnachtsgeschenke bekam er nur, damit er die Klappe hielt. Schön war das alles nicht. Manchmal fragte sich Max, wie es ihm überhaupt gelungen war, das zarte Alter von elf Jahren zu erreichen. Und er fragte sich, ob es einen Zeitpunkt gab, an dem ein Mensch so egal geworden war, dass er verschwand. Sich in Luft auflöste wie ein Nebelstreif, weil er es einfach nicht mehr aushielt. Sich aus lauter Traurigkeit ganz tief in sich selbst versteckte, so dass er unerreichbar wurde für die Welt und alles Schöne. Oder einfach vor Kummer starb. An einem Sonntag zum Beispiel.
Das Mädchen verstand ihn sofort.
»Meine Mutter war auch nicht dabei, als ich geboren wurde«, sagte sie, »deshalb habe ich diesen blöden Namen. Es war meinen Eltern völlig wurst, wie ich heiße. Also hab ich ein T davor gesetzt, jetzt ist er hübscher.«
Max bewegte die Lippen und ließ seinen Mund mehrfach leise den Namen ausprobieren. »Ich finde, er klingt sehr hübsch«, sagte er dann.
Das Mädchen ließ zufrieden eine große, rosafarbene Kaugummiblase vor ihrem Mund zerplatzen. »Sag ich doch.«
Gemeinsam gingen sie alle Buchstaben des Alphabets durch, aber es fand sich kein passender, den man vor Max hätte setzen können. Und das, entschied Max, war nun eigentlich wirklich egal. Er lächelte und hielt dem Mädchen die rechte Hand entgegen.
»Hallo, Tanita. Schön, dich kennen zu lernen.«
»Freut mich auch, Max ohne was davor.« Eine weitere Kaugummiblase zerplatzte. »Und jetzt komm mit, ich muss dir was zeigen.«
Tanita ergriff ihn bei der ausgestreckten Hand und zog ihn hinter sich her. Max’ Blick fiel dabei auf die Anzeige seiner Armbanduhr. Es war zehn Uhr dreiundzwanzig.
Als um sieben Uhr dreißig, also etwa drei Stunden zuvor an diesem Samstagmorgen, der Wecker geklingelt hatte, hatte Max längst wach im Bett gelegen. Aus der Küche ertönten laute Stimmen. Seine Eltern hatten sich in den Haaren. Er lauschte ihrem Geschrei schon seit einer ganzen Weile. Er stellte den piepsenden Wecker ab, dann stöhnte er leise auf und zog sich die Decke über den Kopf. Traurigkeit schwappte über ihn hinweg wie eine mächtige, schäumende Welle. Wann immer seine Eltern sich anbrüllten, was etwa alle zwei bis drei Tage der Fall war, stieg ein Bild vor seinen Augen auf: Es war das Bild eines Schwarms angriffslustiger Insekten. Die Worte seiner Eltern waren wie Wespen, die einander wütend umsurrten, immer auf der Suche nach einem Ziel, in das sie ihre Stacheln senken konnten. An solchen Tagen, das hatte Max gelernt, musste man sich in Acht nehmen. Wenn man Pech hatte, geriet man sonst unvermutet selbst in die Schussbahn dieser schwarzgelben Torpedos. Besser, man trat die Flucht an.
Er schob die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Ihm war schwindelig.
»… und du hast es wieder nicht getan, obwohl du es inzwischen wirklich besser wissen solltest, tust du es nicht, aber dir …«
Er öffnete die Vorhänge. Sonnenstrahlen fielen in den Vorgarten, der Himmel leuchtete blau. Schien ein schöner Tag zu werden. Er schlappte durch den Flur ins Badezimmer. Die Küchentür stand einen Spalt offen. Dahinter bewegten sich die Schatten seiner Eltern an den Wänden. Sie glitten aufeinander zu und wieder voneinander fort, wurden mal kleiner, mal größer, verschmolzen miteinander und trennten sich wieder, zwei rabenschwarze Gespenster bei einem unglücklichen Tanz.
»… weil es davon nicht besser wird, ganz bestimmt nicht, auch wenn du hundertmal behauptest …«
Im Badezimmer pinkelte er, putzte sich die Zähne, wusch sich Gesicht und Hände und fuhr sich mit der Bürste durch die Haare. Etwas stimmte nicht mit ihm. Er fühlte sich schrecklich benommen, das konnte unmöglich nur daran liegen, dass er so traurig war. Vielleicht wurde er krank. Er ging in sein Zimmer zurück, zog sich hastig an und schulterte seinen Rucksack. Vor der Garderobe im Flur überlegte er, ob er an einem so warmen Tag eine zu enge Jacke brauchte, und entschied sich dagegen. Er schlüpfte in seine gerade noch passenden Turnschuhe, dann steckte er den Kopf in die Küche.
»Ich gehe später zu Jan. Nach der Schule.«
Keine Antwort. Kein guten Morgen, keine Aufforderung, etwas zu frühstücken. Das Einzige, was aus der Küche laut und deutlich zu vernehmen war, war das giftige Summen und Sirren der Wespen.
»… aber du gehst einfach darüber hinweg, wie immer, und ich sehe verdammt noch mal nicht ein …«
Jan war der beste Freund und Kumpel, den man sich vorstellen konnte. Okay, vielleicht kam er manchmal auf Ideen – auf fiese Ideen –, die Max selber nie gehabt hätte. Außerdem waren sie nicht immer einer Meinung, was hin und wieder zu Streitereien führte. Aber dafür hatte Jan andere Qualitäten. Er hatte jede Menge Witze auf Lager, er war groß und er war verdammt stark. Mit Jan an seiner Seite musste man keine Schlägertypen fürchten. Noch besser war, dass man ihm alles erzählen konnte. Alles, was einem das Herz schwer machte. Zum Beispiel, dass es den eigenen Eltern egal war, ob man morgens ein Butterbrot aß, ob man sich gewaschen hatte oder ob einem die Klamotten passten. Und dass man deshalb wütend wurde, so unsagbar wütend, dass man am liebsten …
»Wir wollen Fußball spielen. Heute Nachmittag.«
Endlich wurde jemand auf ihn aufmerksam.
»Ist gut.«
»Kann ich auch zum Abendessen bei ihm bleiben?«
Stille und Schweigen.
Prima. Keine Antwort war auch eine Antwort.
Und jetzt nichts wie raus hier.
Als die Haustür hinter ihm zugefallen war, hielt Max inne und atmete ein paar Mal tief durch, um das Schwindelgefühl zu vertreiben. Ein und aus. Ein … und aus.
Schon besser.
Langsam ging er durch den kleinen Vorgarten. Im Frühjahr hatte seine Mutter eine Rabatte unterhalb des Küchenfensters bepflanzt, dort leuchtete es gelb und rot im Sonnenlicht. Gestern Abend hatten die Blumen die Köpfe hängen lassen, wie immer nach einem heißen Sommertag. Also hatte Max sie gegossen. Wenn er es nicht tat, tat es keiner. Dann mussten die Blumen verwelken. Andererseits waren sie nicht besonders hübsch und würden sowieso bald verblühen, da konnte man sich die Arbeit eigentlich sparen, oder?
Oder?
Sein rechter Fuß machte sich selbständig und kickte nach einer Dahlie. Der Kopf der Pflanze nickte vorwurfsvoll nach links, nach rechts, nach links … hässliches Ding. Genau. Diesen Kackpflanzen hatte er das letzte Mal Wasser gegeben.
Er holte noch einmal tief Luft und trat auf den Gehsteig. So früh war in diesem Teil der Straße noch nicht besonders viel los. Ein paar Autos fuhren vorbei, aber man sah kaum Menschen. Das änderte sich auf dem Weg zur U-Bahn-Station, vorn an der Hauptstraße. Bis man dort ankam, sah man immer mehr Leute, die aus allen Richtungen zielstrebig den bogenförmigen Eingang zur Station ansteuerten. Die meisten von ihnen wollten zur Arbeit. Samstags herrschte weniger Andrang in der U-Bahn als unter der Woche.
Andere Kinder sah Max weit und breit nicht.
Samstags hatte er keine Schule.
Niemand hatte am Samstag Schule.
Max stand vor dem Fahrscheinautomaten. Das war doch echt das Letzte! Er hatte sein Portemonnaie vergessen, weil ihm so schwindelig gewesen war. Seine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel steckte darin. Die Monatskarte und sein ganzes Geld. Und alles zusammen steckte, natürlich, in der verdammten zu engen Jacke. Aber er würde auf keinen Fall zurück nach Hause gehen, um sie zu holen. Das Summen der Wespen und dieses Schwindelgefühl hatten ihm ganz und gar nicht gefallen.
Er überlegte. Wenn man beim Schwarzfahren erwischt wurde, zahlte man eine saftige Geldstrafe. Natürlich würde er behaupten, seine Monatskarte vergessen zu haben. Er konnte wunderbar unschuldig gucken, wenn er die Mundwinkel ein bisschen nach unten zog und dabei mit den Augen klimperte. Vielleicht machten die Kontrolleure, falls sie ihn erwischten, eine...




