Steinmetz Totes Land 2 - Die Zuflucht
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-945493-03-8
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 500 Seiten
Reihe: Totes Land
ISBN: 978-3-945493-03-8
Verlag: Mantikore-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
M. H. Steinmetz, Jahrgang 1965, lebt im schönen Rheinland-Pfalz und verdient sein täglich Brot als Programmierer. Indirekt hat er seinem Beruf den Weg zur Feder zu verdanken. Lange Flüge und Auslandsreisen haben nicht nur seine sowieso schon rege Fantasie beflügelt, im Flugzeugsitz und in Hotelzimmern gab es zudem viel ungestörte Zeit, um seine Geschichten voranzutreiben. Sein Romandebut TOTES LAND wurde für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Die Romanreihe umfasst inzwischen drei Bücher, wobei Steinmetz bereits weitere Romane im Horror Bereich veröffentlicht hat. Im Mantikore-Verlag plant Steinmetz in naher Zukunft eine Spielbuch-Adabtion seiner Romanreihe Totes Land zu schreiben. +++ Auszeichnungen +++ Nominierung für den Deutschen Phantastik Preis für TOTES LAND AUSNAHMEZUSTAND
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DREISSIG TAGE SPÄTER
Hätte man Markus noch vor wenigen Wochen erzählt, dass er bald auf der Flucht vor lebenden Toten durch ein Vorstadtviertel von Frankfurt irren würde, er hätte laut und herzlich darüber gelacht. Aber genau das war jetzt der Fall. Die Hölle hatte ihren Schlund aufgetan und die Toten wieder zurück auf die Erde gespuckt.
Zusammen mit einigen Freunden war der hagere Mann nur mit knapper Not aus der in Flammen stehenden Innenstadt entkommen.
Voller Angst suchten sie nun einen Ausweg aus einer Stadt, in der es vor wandelnden Toten nur so wimmelte. Sie bewegten sich zielstrebig nach Süden, denn dort gab es viele Waldgebiete und weniger Menschen. Und wo es weniger Menschen gab konnte man darauf hoffen, auch auf weniger Untote zu treffen, in die sich die Menschen nach ihrem Ableben verwandelten.
Zumindest solange man ihnen keinen Kopfschuss verpasste, denn das war die einzige Methode, die auferstandenen Toten für immer auf die Bretter zu schicken.
Kurz vor Weihnachten hatte der ganze Mist angefangen. Der Schnitter war in Gestalt einer harmlosen Krankheit in die Körper der Menschen gekrochen und hatte reiche Ernte gehalten. Aber dem nicht genug, verwandelte er seine Opfer in blutrünstige Bestien, die zuerst ihren Verstand und dann ihr Leben verloren.
Wie ein Fluch sprang die Krankheit von einem Menschen zum anderen über und schuf eine Armee aus Monstern, die selbst der Tod nicht stoppen konnte.
Und heute, knappe vier Wochen später, war die klirrende Kälte einem nasskalten Dreckswetter gewichen und die Zivilisation gab es nicht mehr. Sie hatte einfach aufgehört zu existieren. Zusammen mit Millionen Menschen war sie zugrunde gegangen.
Wie auch immer die Notfallpläne ausgesehen haben mochten, sie hatten alle versagt. Was blieb waren kleine Häufchen verängstigter Menschen, die sich, wie Ertrinkende an Strohhalme, an die aufgezeichneten Durchsagen in den Radios klammerten und Schutz in den hastig eingerichteten sicheren Zonen suchten.
Frankfurt war eine dieser Zonen gewesen, bevor es von den Toten überrannt wurde und in Flammen aufging. Was noch an Struktur übrig war, bestand aus mobilen Einheiten der Armee, die sich mal mehr und mal weniger um die Belange der Überlebenden kümmerten.
Was wollte man auch gegen eine Armee aus Toten ausrichten, die weder Hunger noch Schmerz kannten, die nicht schlafen mussten und weder Waffen noch Benzin brauchten, um kämpfen zu können. Die sich gleich einem Heuschreckenschwarm durchfraßen und mit einer nie da gewesenen Konsequenz alles zerstörten, was lebte. Das Einzige, worauf man sich verlassen konnte war, dass es mit jedem Tag schlimmer wurde.
Wollte man überleben, musste man sich in einer kleinen, schnellen Gruppe bewegen. Und man musste sich Waffen besorgen, gleich wie diese geartet waren. Aber das Wichtigste war vielleicht, dass man ein Ziel vor Augen hatte. Etwas, das man erreichen wollte, einen Ort, eine Person, irgendwas.
Markus konnte sich diesbezüglich glücklich schätzen, denn er konnte jedes einzelne dieser Kriterien erfüllen. Sein Ziel war das weiter im Süden gelegene Speyer. Schon seit Ausbruch der Krankheit (wenn es denn eine war) versuchte er diese Stadt zu erreichen, denn dort wartete Anette auf seine Rückkehr.
Sie hatten in den ersten Tagen noch über SMS in Kontakt gestanden und er wusste, dass sie sich in der Wohnung eingeschlossen hatte. Das Haus war massiv gebaut und ihre Wohnung im dritten Stockwerk nahezu uneinnehmbar. Koste es was es wolle, die letzten hundert Kilometer würde er auch noch schaffen.
Was Waffen betraf war seine Gruppe gut aufgestellt. Jeder trug irgendetwas bei sich, mit dem er (oder sie) sich verteidigen konnte.
Er selbst hatte einen Streitkolben im Gürtel stecken. Mit dem dicken Holzstiel und einem massiven Eisenkopf am Ende eine mehr als brauchbare Waffe. Auch das war so ein Punkt. Vor dem Untergang, denn als nichts anderes konnte man das alles umschreiben, hätte er nicht im Traum daran gedacht, mit dieser Waffe auf Menschen einzuprügeln. Zumindest nicht, wenn er sich nicht gerade als Darsteller auf einer mittelalterlichen Reenactment-Veranstaltung befunden hätte.
Heute würde er keine Sekunde mehr zögern, mit dieser brachialen Waffe den lebenden Leichen die Schädel einzuschlagen. Zumindest wenn es keine Möglichkeit gab, vor ihnen davonzulaufen.
Der vielleicht wichtigste Überlebensgarant war allerdings, einer Gruppe anzugehören, auf die man sich verlassen konnte. Sie waren zu viert unterwegs und das war eine gute Zahl. Gruppen funktionierten am besten, wenn sich Paare bilden konnten. Waren es drei oder fünf, blieb immer einer übrig, aber vier waren gut.
Mit Sabine, einer große schlanken Frau, und ihrem Mann Pascal, seines Zeichens Schweizer, war Markus schon seit einer Ewigkeit befreundet. Die Beiden waren der Grund, warum er überhaupt nach Frankfurt gekommen war.
Als dieser Mist losging, hatte er Sabine versprochen, dass er auf dem Rückweg nach Speyer in Frankfurt haltmachen würde. Aus dem Besuch war ein gnadenloser Überlebenskampf in der Flammenhölle Frankfurts geworden.
Kristin war neu dabei. Die dünne Krankenschwester mit den dunklen Haaren hatten sie während ihrer Flucht, kurz vor ihrer abenteuerlichen Bootsfahrt über den Main, aufgelesen. Das junge Ding war eher zufällig auf die drei Freunde gestoßen, allein und kurz davor, den Verstand zu verlieren.
Aber halt, es gab noch ein fünftes Mitglied der Gruppe. Es hatte vier Beine, war etwa kniehoch und ein Australian Cattle Dog. Markus hatte den Hund während seiner Flucht aufgelesen. Seither war das Tier nicht mehr von seiner Seite wegzudenken.
Das Viertel, in dem sie sich gerade bewegten, pulsierte normalerweise vor Leben. Jetzt war es hier still, wie in einer Geisterstadt. Gerne mochte man sich dem Wunsch hingeben, hinter den Vorhängen Leben zu vermuten und Menschen, die gemeinsam beim Frühstück saßen. Doch mit der Innenstadt waren auch deren Randgebiete gestorben. Wer nicht rechtzeitig geflohen war, irrte nun mit hoher Wahrscheinlichkeit als untotes Monster umher.
Kein Kinderlachen oder das Bellen spielender Hunde hallte durch die Straßen. Der Tod hatte Einzug gehalten und war mit erbarmungsloser Gewalt in die Welt der Wohlstandbürger eingedrungen.
Markus schüttelte träge den Kopf. Früher hatte man sich die Katastrophen dieser Welt im Fernsehen angesehen und Anteilnahme geheuchelt. Mit dem Einzahlen eines kleinen Betrages war das Gewissen schnell beruhigt.
Markus wurde das Gefühl nicht los, dass es um die so genannte Dritte Welt heutzutage besser bestellt war als hierzulande, wussten die Menschen dort doch wesentlich besser, wie man überlebte.
Jetzt hatte sich in den Häusern süßlich und schwer der Gestank nach Tod eingenistet und drang durch die offen stehenden Türen und Fenster ins Freie.
Wie schnell es mit dem Tod gehen konnte, hatte Markus gerade erst an diesem Morgen erfahren. Sie hatten die Nacht in einem der Häuser in diesem Viertel verbracht. Und in diesem verdammten Haus hatten sie Susan zurückgelassen.
Markus hatte eine ganz besondere Verbindung zu der dunkelblonden Frau, mit der er die letzten Wochen seiner Flucht verbracht hatte. Sie hatten zusammen gekämpft und überlebt, und am Ende waren sie sich näher gekommen, als sie eigentlich wollten.
Zusammen waren sie nach Frankfurt gekommen und dort hatte es Susan erwischt. Bei einem Kampf mit einem dieser Drecksviecher hatte sie sich infiziert.
Tapfer hatte sie gegen das Unvermeidliche angekämpft, doch am Ende musste sich die Frau geschlagen geben. Es war ihr Wille gewesen, dass Markus mit den anderen gegangen war, er wäre sonst ohne zu zögern geblieben. Ein Wort von ihr hätte ausgereicht, eine Geste genügt.
Dennoch fühlte sich Markus wie ein Verräter, wie ein elender Feigling, der die Frau an seiner Seite (obgleich sie nicht Frau an seiner Seite war) in ihren schwersten Stunden allein gelassen hatte.
Er wusste genau, dass diese Schuld für den Rest seines Lebens auf seinen Schultern lasten würde.
Jetzt hockten sie wie verängstigte Tiere in einem verlassenen und völlig verdreckten Kiosk am Rande der Stadt.
Sabine wühlte in dem Durcheinander auf dem Boden herum und zog ein paar in bunt bedruckter Folie verpackte Schokoriegel hervor. Sie verteilte die Päckchen und setzte sich selbst mit einem davon in der Hand unter die breite Theke.
Es wäre durchaus verlockend gewesen, sich hier ein paar Stunden zu verkriechen, doch dann wäre es dunkel geworden. Sabine richtete daher das Wort an ihre Begleiter:
„Leute, ich weiß nicht wie ihr die Sache seht, aber wir sollten schon jetzt damit anfangen, uns eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Noch haben wir gutes Licht und das sollten wir ausnutzen!“
Kristin nickte, während sie sich die Taschen ihres Armeeparkas mit...




