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Stelzer | Und plötzlich ist die Welt eine andere | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6537, 240 Seiten

Reihe: Beck Paperback

Stelzer Und plötzlich ist die Welt eine andere

Sternstunden der Menschheit
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-406-80737-4
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sternstunden der Menschheit

E-Book, Deutsch, Band 6537, 240 Seiten

Reihe: Beck Paperback

ISBN: 978-3-406-80737-4
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Klimakrise, Pandemie, Krieg - düster klingt die Melodie unserer Zeit. Doch es gab und gibt sie, die Sternstunden, die den Glauben an die Menschheit wachhalten, so selbstzerstörerisch, fehlerbehaftet und unzulänglich sie auch sein mag. «Sternstunden der Menschheit» - so nannte Stefan Zweig 1927 seine Sammlung historischer Miniaturen. Ein knappes Jahrhundert später hat die Wochenzeitung DIE ZEIT neue Sternstunden publiziert, aus denen dieses Buch hervorgegangen ist. Es sind andere als bei Zweig. Sie spiegeln unseren veränderten Blick auf die Welt. Doch auch sie bieten vor allem ein Lesevergnügen, denn große Geschichte besteht eben zuallererst aus großen Geschichten. «Sternstunden der Menschheit» - in diesem Band verdanken sie LSD-Partys schmeißenden Hippies ebenso wie dem Sozialdemokraten Otto Wels mit seiner großen Rede gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz. Mal ist es das große Abenteuer wie bei Thor Heyerdahl auf seinem Floß im Pazifik, mal der wissenschaftliche Fortschritt, wie bei Rosalind Franklin, die die DNA-Struktur entschlüsselte und von drei Männern um den Lohn ihrer Arbeit betrogen wurde. Mal ist es ein großer Erfolg wie die Verabschiedung der Menschenrechtsdeklaration 1948, mal eine verlorene Sternstunde wie im Fall des ermordeten afrikanischen Hoffnungsträgers Patrice Lumumba. Immer aber wird man emotional berührt, wie bei der Geschichte des amerikanischen Piloten, der während des Massakers von My Lai Vietnamesen vor seinen eigenen Kameraden rettet - ein Funken der Menschlichkeit selbst in der schlimmsten Barbarei. Es sind die außergewöhnlichen Momente, in denen Menschen zeigen, was sie auch sein können, und die Hoffnung machen auf eine Zukunft, die noch vor uns liegt.

Tanja Stelzer ist Mitglied der Chefredaktion der Wochenzeitung Die ZEIT und Autorin im Ressort "Dossier".
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Autoren/Hrsg.


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Und plötzlich ist die Welt eine andere


Warum auch ein Krieg eine Sternstunde sein kann

Von Tanja Stelzer und Wolfgang Uchatius

Fotografen haben es leichter als Historiker. Wenn ein Fotograf durch seine Kamera schaut, kann es sein, dass das Objektiv nur einen einzelnen Menschen erfasst, vielleicht nur dessen Gesicht, ein schreiendes Gesicht womöglich, verzerrt von Wut und Verzweiflung. Der Fotograf kann dann die Brennweite auf Weitwinkel stellen und so den Ausschnitt vergrößern, andere Menschen mögen ins Bild kommen, die ebenfalls schreien, Plakate, auf denen «Nein zum Krieg» steht, Flaggen mit den Farben Russlands und der Ukraine, Polizisten in schwarzen Uniformen, die Demonstranten über den Asphalt schleifen, und plötzlich werden die Zusammenhänge klar. Hier protestieren Russen gegen den russischen Krieg, die russische Regierung, den russischen Präsidenten.

Historiker haben keinen Objektivring, an dem sie drehen können, um die Verbindungen zwischen den Dingen zu erkennen, sie können ihren Blick nicht auf Weitwinkel stellen. Oder eigentlich doch. Aber dafür müssen sie warten. Wochen, Monate, manchmal Jahre. Dann, in der Rückschau, treten Ursache und Wirkung zutage, werden Motive und Muster deutlich, lässt sich die wahre Bedeutung von Ereignissen ausmachen. Die zeitliche Distanz ist das Weitwinkelobjektiv der Geschichtsforschung, und deshalb wird es noch ein wenig dauern, bis man wissen wird, ob die Proteste gegen Wladimir Putin eine Ausnahmeerscheinung waren, ein kleines Ereignis ohne Widerhall. Es wird dauern, bis man wissen wird, ob die russische Zivilgesellschaft weitgehend verstummt oder ob sie womöglich zu einem späteren Zeitpunkt wiedererstarkt ist. Es wird dauern, bis man wissen wird, ob Putins Krieg gegen die Ukraine das Ende seiner Herrschaft eingeleitet oder ob er seine Macht womöglich noch gefestigt hat. Ob dieses Ereignis die Länder des Westens dauerhaft zusammengeschweißt hat. Ob es wirklich eine Zeitenwende bewirkt hat. Dann wird sich zeigen, ob dieser Krieg als Sternstunde der Menschheit zu sehen ist.

Der Krieg, eine Sternstunde? Das klingt zynisch. Sternstunden, das sind doch Momente der außergewöhnlichen Leistung, Augenblicke der Vollendung, in denen Menschen zeigen, was Menschen können.

Oder?

Als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sprach, da war dies eine Sternstunde der politischen Rede. Denn Weizsäcker sagte, der 8. Mai 1945 sei kein Tag der Niederlage, sondern ein Tag der Befreiung gewesen – und veränderte damit das Geschichtsbild der Bundesrepublik.

Als der amerikanische Immunologe James Allison am 22. März 1996 in der Zeitschrift Science seine Forschung beschrieb, da war dies eine Sternstunde der Wissenschaft. Denn Allison wies nach, dass man das menschliche Immunsystem dazu bringen kann, Krebszellen zu erkennen und zu zerstören, ein auf seiner Arbeit beruhendes Medikament hat inzwischen unzähligen Menschen das Leben gerettet.

Als der Schwimmer Michael Phelps am 13. August 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro die Goldmedaille mit der amerikanischen 4-mal-100-Meter-Lagen-Staffel gewann, da war dies eine Sternstunde des Sports. Denn Phelps hatte seine 23. Goldmedaille gewonnen, womit er nicht nur jeden anderen Athleten übertraf, sondern auch ganze Länder wie Argentinien, Irland und Mexiko.

«Sternstunde», das ist im heutigen Sprachgebrauch ein anderes Wort für «Glanzstunde». Und ein Krieg kann ja wohl keine Glanzstunde sein.

Hugh Thompson 1969 am Rande einer Befragung im Pentagon

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, der von 1881 bis 1942 lebte und dessen berühmtestes Buch Sternstunden der Menschheit heißt, hätte das anders gesehen. Natürlich, er hasste den Krieg aus tiefstem Herzen – in einem der letzten Briefe vor seinem Suizid schrieb er: «Die Leute reden so leicht von Bombardements, wenn ich aber lese, daß die Häuser zusammenstürzen, stürze ich selbst mit den Häusern zusammen.» Trotz seines Hasses auf den Krieg beschäftigte sich sein Buch durchaus auch mit Momenten des Krieges und keineswegs nur mit hellen, schönen Dingen. Zweig hat in seiner Sammlung bedeutende historische Momente erzählerisch festgehalten, die eigentlich eher Schicksals- als Sternstunden sind. Zweig wollte das Buch zunächst «Große Augenblicke» oder «Augenblicke der Weltgeschichte» nennen, schrieb in einem Brief an seinen Verleger aber: «Vielleicht finde ich noch einen besseren Titel.» Also: Sternstunden.

Im Vorwort formulierte Zweig: «Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Lauf der Geschichte. Einige solcher Sternstunden (…) versuche ich hier aus den verschiedensten Zeiten und Zonen zu erinnern.»

Eine Sternstunde, das war für Stefan Zweig also kondensierte Geschichte, zum Beispiel die Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453. Oder im Jahr 1815 die Schlacht von Waterloo. Georg Friedrich Händel komponierte 1741 den Messias. Cyrus W. Field verlegte 1858 das erste Telegrafenkabel durch den Atlantik. Und Claude-Joseph Rouget de Lisle schrieb die Marseillaise, das Lied, mit dem die französische Revolutionsarmee in die Schlacht zog. 1792 war das, wieder ein Krieg, durch den das Schicksal eine Wendung nahm.

Vieles deutet darauf hin, dass auch der Ukraine-Krieg einmal als eine solche weltverändernde Stunde zu sehen sein wird. Noch aber lässt sich das nicht endgültig sagen. Was sich jedoch sagen lässt, ist, dass es zwischen Stefan Zweigs letzter Sternstunde aus dem Jahr 1919, dem am Ende gescheiterten Versuch des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, eine neue, friedlichere Weltordnung zu schaffen, und der Gegenwart viele weitere Sternstunden gegeben hat.

15 davon werden in diesem Buch beschrieben. 15 Sternstunden der Politik, der Kultur, der Wissenschaft, des Alltagslebens. 15 historische Reportagen, von denen die allermeisten zunächst in einer Serie der ZEIT erschienen sind. In teils leicht überarbeiteter Fassung werden diese Texte hier noch einmal gedruckt, ergänzt von weiteren Geschichten, die außerhalb der Serie ebenfalls in der ZEIT veröffentlicht wurden und genauso den Sternstunden-Geist atmen.

Stefan Zweig erzählte von Menschen, die eine Idee von etwas hatten, und so ist es auch in diesem Buch: Wir lernen Frauen und Männer kennen, die eine Idee von großen wie von kleinen Dingen haben. Um Gerechtigkeit und Freiheit geht es den Augenzeugen des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses, geht es Patrice Lumumba, dem ersten – und brutal gescheiterten – Premierminister des unabhängigen Kongo. Um Unterhaltung geht es dem Erfinder des ersten Computerspiels (der zuvor geholfen hatte, die Atombombe zu konstruieren), ums Essen und das Überwinden von Grenzen geht es dem Ehepaar, das die erste deutsche Pizzeria eröffnete. Um die Rechte der Kreatur geht es Rachel Carson, die mit ihrem Buch The Silent Spring die Umweltbewegung begründete. Und um so etwas Schnödes wie ein virtuelles Telefonbuch und erst einmal gar nicht viel mehr geht es den Erfindern des Internet.

Wir erzählen, wie sich all diese Ideen in einem Moment Bahn brachen – manchmal mit gutem Ausgang, mal mit tragischem. Und so ergibt sich, ganz nebenbei, auch ein Porträt des 20. Jahrhunderts.

In diesem Buch tauchen LSD-Partys schmeißende Hippies genauso auf wie der tapfere Sozialdemokrat Otto Wels, der eine große Rede gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz hielt. Wir begleiten Thor Heyerdahl, der bei einer Floßfahrt über den Pazifik sein Leben aufs Spiel setzte, bloß um eine Theorie zu beweisen, und wir lernen Rosalind Franklin kennen, die die DNA-Struktur entschlüsselte und von drei Männern um den Lohn ihrer Arbeit betrogen wurde.

Das erste Kapitel in diesem Buch handelt von einem amerikanischen Piloten, der während des Massakers von My Lai vietnamesische Zivilisten vor seinen eigenen Kameraden rettet – ein Funken der Menschlichkeit selbst in der schlimmsten Barbarei. Dieser Pilot ist genauso ein Mensch, der im Lauf der Geschichte einen Unterschied gemacht hat, wie Max Brod, der Freund Franz Kafkas. Brod ist nicht deshalb ein Held, weil er etwas getan, sondern weil er etwas nicht getan hat. Er hielt sich nämlich einfach nicht daran, nach Kafkas Tod dessen Manuskripte zu verbrennen, wie dieser es ihm...


Tanja Stelzer ist Mitglied der Chefredaktion der Wochenzeitung Die ZEIT und Autorin im Ressort "Dossier".



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