E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Stemmle Das Rennplatz-Geheimnis
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4459-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-7597-4459-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rolf Stemmle ist gebürtiger Regensburger. Zunächst konzentrierte sich sein Interesse auf das Theater. Er leitete viele Jahre eine Theatergruppe und begann mit Verlagen und anderen Theatern zusammenzuarbeiten. Später kam das Interesse für andere Gattungen hinzu. So entstanden bisher neben dem Lyrikband "Der Mensch im Tier", Romane und eine ganze Reihe von Kurzgeschichten sowie Erzählungen nach Werken des Musiktheaters, insbesondere von Richard Wagner und Giuseppe Verdi. Zudem komponiert er Kammermusik. Ausführliche und aktuelle Informationen gibt es unter: www.rolf-stemmle.de.
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2.
Ich bin unschlüssig, was ich jetzt tun soll. Eine ältere Frau mit einem Dackel geht vorüber. Ich stehe auf dem Hauptplatz des Rennplatz-Einkaufszentrums. Es wurde vor ein paar Wochen eröffnet, und ich bin zum ersten Mal hier. Linkerhand das Chinesische Restaurant, rechts eine Metzgerei, vor mir die Parkplätze, hinter mir eine Ladenpassage samt Ärztehaus. 1995. Kaum zu glauben: 26 Jahre sind seit jenem Abend im Partyraum in der Kurt-Schumacher-Straße vergangen, und gerade eben war der Schmerz dieses Tiefschlages so stark zu spüren, als habe er mich erst vor wenigen Minuten getroffen.
Seit seinem Wegzug hatte ich Harald nicht mehr gesehen. Bis gestern, Samstagabend, beim Klassentreffen im Brandlbräu in der Ostengasse. Wir hatten uns völlig aus den Augen verloren. Aus ihm ist ein Münchner geworden. Unverkennbar. Er folgte seinem Vater zur Polizei und bekleidet mittlerweile ein hohes Amt im Innenministerium. Über weitreichende Entscheidungen und Maßnahmen erzählt er so selbstverständlich, wie man es nur tun kann, wenn man an einem zentralen Ort arbeitet.
Heute, am Sonntag, sind wir zu zweit zum Mittagessen gegangen, zum Chinesen im Rennplatzzentrum. Er liegt nur ein paar hundert Meter entfernt von Haralds ehemaligem Elternhaus. Darum wollte er speziell in dieses Restaurant – nachdem er gehört hatte, was aus dem Rennplatz von damals geworden war. Für einen Verdauungsspaziergang war seine Zeit zu knapp. Er musste nach dem Essen rasch zurück nach München. Morgen ist eine Konferenz, für die er noch einen Tagesordnungspunkt vorzubereiten hat.
Nach dem Abschiedshandschlag stehe ich nun seit einer Weile vor einer Litfaßsäule und lese die Veranstaltungshinweise. Endlich lasse ich davon ab und wandere mit meinem Blick hinüber zur schmalen Allee am Rennweg, durch die früher die Hauptstraße führte. Längst wurde sie so sehr verbreitert, dass sie neben den Baumreihen verlaufen muss. Dann schaue ich zur Ladenpassage: ein Supermarkt, ein Zeitschriftenladen, eine Apotheke, ein Drogeriemarkt. Die Fassaden bestehen aus Glas, Metall und Stein, aber sie wirken freundlich und einladend. Ich bin erleichtert, dass man hier keinen Klotz aus düsterem Beton errichtet hat. Das hätte in diesen Stadtteil, dem jeder eine hohe Wohnqualität bescheinigt, auch nicht gepasst. Und vielleicht ist auch noch ein Hauch der Noblesse zu spüren, die von diesem ehemals fürstlichen Areal ausging.
Das Leben auf dem Rennplatz hatten über Jahrzehnte hinweg der Adel, die Stadtoberen und Spitzensportler bestimmt. Unzählige Trabrennen und Springturniere waren hier ausgetragen worden. Es wurde auf Siege gewettet, man überreichte Pokale und genoss die Reiterfeste in einer prächtig geschmückten Grünanlage. 1971, zwei Jahre nach jenem Partyabend, stellte das Haus Thurn & Taxis den Betrieb am Rennplatz ein. Die Gebäude wurden dem Verfall überlassen, später riss man sie ab.
Ich hatte das langsame Verschwinden des Rennplatzes beim regelmäßigen Vorbeifahren mitverfolgt. Über Jahre hinweg ragte noch der Schiedsrichtertum aus einem Weizenfeld. Dann rückten die Baufahrzeuge an und ein Wohngebiet entstand, das an seiner Südseite mit diesem Einkaufszentrum abschließt.
Ich habe an diesem Sonntagnachmittag Zeit, und das Wetter ist sonnig. Warum also nicht die neue Wohnanlage erkunden? Also spaziere ich los, durch die Ladenpassage, bleibe vor dem Schaufenster der Bücherwurm-Buchhandlung stehen, betrachte die Covers und folge dann weiter dem Weg. In der Mitte des „neuen“ Rennplatzes haben die Architekten einen länglichen Park mit Ahornalleen angelegt, umrahmt von einem Ring aus Mehrfamilienhäusern. Die Form zeichnet die ehemalige Rennbahn nach. Außerhalb dieses Ringes schließen sich kleinere Straßen mit weiteren Gebäuden, Gärten, Gehwegen und Grünflächen an.
In den späten Sechzigern, als das Ende des Rennplatzes abzusehen war und nur das Nötigste instandgehalten wurde, entwickelte das Gelände den Zauber des Morbiden, das einen Jugendlichen auf der Suche nach seinem richtigen Lebensweg in den Bann ziehen musste.
Auf meinem Sonntagsspaziergang entspanne ich mich immer mehr, löse mich vom Alltag. Die Erinnerungen, die beim Mittagessen mit Harald in Fluss gekommen sind, laufen weiter.
Immer, wenn ich nachdenken oder in Abgeschiedenheit einen Songtext schreiben wollte, verzog ich mich in die hölzerne Haupttribüne, die bei Turnieren den Eigentümern, der Familie Thurn und Taxis, und ihren Gästen vorbehalten war. In diesem überdachten Tribünenhaus mit seinen charakteristischen beiden Türmen traf ich mich auch regelmäßig mit Roland und Harald, um neue Songs zu planen oder einen Tag entspannt ausklingen zu lassen.
Aber an diesem Nachmittag hockte ich alleine da. Ich wollte niemanden sehen. Erst vor zwei Monaten, im Februar 1969, an meinem 16. Geburtstag, hatten wir gemeinsam große Pläne geschmiedet. Jetzt im April war der wichtigste Teil meines Lebens eingestürzt. Plötzlich und unwiederbringlich. Ich konnte Harald keinen Vorwurf machen. Niemand kann was dafür, wenn die Familie wegzieht? Und Roland konnte ich ebenfalls nicht böse sein. Er litt ja selber an den Zwängen und dem Dilemma, in das er geraten war.
Erst vor ein paar Tagen hatte ich mich mit Harald und Roland am Fuß der Haupttribüne getroffen, um ihnen einen neugeschriebenen Songtext vorzulesen.
Meine Texte handelten von Lagerfeuern, Freundschaft und Abenteuern, die immer wieder mit Ritten in glühende Sonnenuntergänge endeten. Die Liebe kam nur selten vor und sie war dann lediglich eine angenehme und vorübergehende Begleiterscheinung des Heldenlebens.
Sofort griff Roland die ersten Zeilen auf und improvisierte eine Melodie. Solche Melodien lagen meist sehr nahe an den Schlagern und Songs der Hitparade und den aktuellen Singles oder Langspielplatten. Harald begann mit den Zeigefingern auf das Tribünengeländer zu trommeln, und ich imitierte meine Gitarre und sang eine jazzige Basslinie. Und im Nu stand das Grundgerüst für eine neue Nummer. Tolles Material für die nächste Bandprobe.
Befriedigt verzogen wir uns schließlich in die oberen Bankreihen der Tribüne, wo wir etwas versteckter sitzen konnten. Roland brachte nämlich regelmäßig Zigaretten mit, die er über einen Klassenkameraden bezog. Und manchmal erhielt Harald von seinem volljährigen Bruder eine Flasche Rotwein, wenn er das gemeinsame Zimmer ein paar Stunden für sich und seine Freundin brauchte. Wir pafften Camels, tranken dazu den Wein – alle drei aus einer Flasche. Wir waren ja enge Kumpels, die „Bonanza-Band“, deren Hits man bald in allen Plattenläden kaufen können sollte.
Auf der Rennbahn galoppierte mehrmals ein Reiter mit seinem Pferd vorbei, und einer der Pferdepfleger, die hier allesamt „Stallburschen“ genannt wurden, flickte in der Nähe einen Zaun. Wir kümmerten niemanden. Außerhalb der Pferderennen des fürstlichen Hauses von Thurn und Taxis war das Gelände ein Freiraum, ein Paradies für spielende Kinder und träumende Jugendliche.
An diesem Tag nach der Geburtstagsparty von Haralds Vater, ein ereignisloser Sonntag, war alles plötzlich anders. Die Fürsten-Tribüne und die beiden Publikumstribünen standen zwar noch am selben Ort, die Holzgebäude warfen ihre Schatten auf die Wiese vor der Sandbahn, der Schiedsrichterturm auf der Grasfläche im Rennbahnring wartete geduldig auf das nächste Turnier, aber für mich hatte sich der Globus auf den Kopf gestellt.
Natürlich würde ich mich hier weiter mit Roland treffen können. Die Bezugsquelle von Camels gab es weiter. Wein war bestimmt auch über einen anderen Weg als Haralds Bruder zu bekommen. Doch wenn sich an die Gespräche keine gemeinsame Band-Arbeit mehr anschließen sollte, würde diesen Zusammenkünften der Sinn und die Kraft fehlen. Ja, wir waren Freunde, aber wollte ich denn die Geschichten über Rolands Beziehung mit Margit hören und womöglich um Rat gefragt werden? – Wo ich doch selbst keine Ahnung von dem Thema hatte. Oder wollte ich mit Roland Englischvokabeln lernen?
Ich saß auf der obersten Bankreihe und zerrupfte ein Blatt, das ich im Vorbeigehen von einem Strauch gerissen hatte. Ich blickte auf die Rennbahn, den Schiedsrichterturm und die Bäume und Werkshallen, die das Gelände Richtung Osten, Richtung Stadt, begrenzten. Zwischen zwei Bäumen waren die beiden Domtürme zu erkennen.
Ich hatte das Gefühl, mein Leben würde nicht mehr weitergehen. Dass nach dem Schulabschluss eine Unzahl von Studienfächern und Berufen auf mich warteten, dass jede Menge Mädchen auf der Suche nach einem Freund waren und dass für ein gutes Hobby immer Platz im Alltag ist, hielt ich für irrelevant. Für einen leidenschaftlichen Songschreiber und Gitarristen, dessen Begeisterung gerade mit der Band zu Grabe getragen werden musste, geriet das Leben an einem solchen Tag unweigerlich in eine Krise.
Bestimmt zwei Stunden hockte ich auf der Tribüne. Ein klarer Gedanke war nicht zu fassen.
Irgendwann fiel mir ein, dass es auf sechs Uhr...




