E-Book, Deutsch, 156 Seiten
Stemmle Der Teufel von Stockenfels
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4458-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 156 Seiten
ISBN: 978-3-7597-4458-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rolf Stemmle ist gebürtiger Regensburger. Zunächst konzentrierte sich sein Interesse auf das Theater. Er leitete viele Jahre eine Theatergruppe und begann mit Verlagen und anderen Theatern zusammenzuarbeiten. Später kam das Interesse für andere Gattungen hinzu. So entstanden bisher neben dem Lyrikband "Der Mensch im Tier", Romane und eine ganze Reihe von Kurzgeschichten sowie Erzählungen nach Werken des Musiktheaters, insbesondere von Richard Wagner und Giuseppe Verdi. Zudem komponiert er Kammermusik. Ausführliche und aktuelle Informationen gibt es unter: www.rolf-stemmle.de.
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1.
München. Von dort aus über die A9 und die A93 nach Regensburg. An Regensburg vorbei bis zur Ausfahrt Teublitz. Anton bog nach rechts in die Landstraße Richtung Bruck. „Bis zum Schild Kuchenpfalter 1 km“, hatte Markus gesagt. „Du musst durch ein Waldstück und über eine kleine Brücke, über den Kuchenpfalter Bach, dann siehst du schon das dunkelgrüne Haus. Das hebt sich kaum ab vom Wald dahinter.“
Antons Sohn Markus hatte hier mit seiner Frau und den Kindern ein paar Urlaubstage verbracht. Die Pension sei, so Markus, ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen und Ausflüge, und sie böte das, was Anton jetzt vordringlich brauche: Ruhe.
Eine gute Wahl, dachte Anton, als er Blicke durch die Autofenster warf. Die Gegend war dünn besiedelt, dunkle Waldflächen zergliederten die Landschaft und schufen damit abgeschlossene Welten. Durch die Felder schlängelten sich schmale Wege, nur wenige davon waren asphaltiert. Hier und da saßen Krähen. Auch sie betrachtete Anton als Zeichen für Abgeschiedenheit.
Auf zwei Dinge konnte Anton dennoch nicht verzichten: einen Internetanschluss sowie ein Klavier. Dass er beides hier nutzen konnte, hatte er bei der telefonischen Zimmerreservierung geklärt. Die Pensionswirtin, eine Frau Feicht, hatte ihm zugesichert, ihr Sohn habe in eines der Gästezimmer einen Internetanschluss gelegt. Dieses Zimmer könne er haben. Auf dem Speicher stünde zudem ein Klavier, auf dem er außerhalb der Nacht- und Mittagsruhe spielen dürfe.
Anton musste sich erholen. Dringend. Doch gleichzeitig hatte er eine Arbeit voranzubringen. Recherchen im Internet und Selbstversuche mit einem Onlinespiel waren hierfür erforderlich. Und er hatte ein neues Konzertprogramm einzustudieren. Schon in fünf Wochen würde er einen Künstlerfreund und Sänger bei einem Liederabend begleiten. Anton war kein Profi auf seinem Instrument, immerhin aber ein versierter Laienpianist. Im Musizieren sah er einen wohltuenden Ausgleich zum Betrieb an der Uni.
Früher als erwartet entdeckte Anton den Wegweiser: Kuchenpfalter 1 km. Er bremste stark ab und riss das Lenkrad herum. Die Aktion gelang. Der Audi steuerte auf die kleine Straße, die auf ein Waldstück zuführte. Der Morgennebel hing noch immer in den Wipfeln, obwohl die Uhr neben dem Tacho bereits 11:13 Uhr zeigte. Während der Fahrt auf der Autobahn war Anton nicht aufgefallen, wie schwer das nasskalte Novemberwetter auf die Landschaft drückte, doch nun, kurz vor dem Ziel, entwickelte er Aufmerksamkeit für die Natur und ihre Stimmung. Sie würde ihn durch die nächsten zwei oder drei Wochen begleiten, seine Befindlichkeit vielleicht sogar wesentlich beeinflussen, dachte er.
Wenige Meter vor dem Waldstück schossen drei Krähen auf. Sie überquerten im Tiefflug die Fahrbahn. Anton hatte sie nicht bemerkt. Sie hatten im verwachsenen Feldrain gesessen. Nur knapp entkamen die Vögel dem Wagen. Dann stießen sie in die Höhe und verschwanden hinter der Silhouette des Waldes.
Anton hatte wegen der Vögel nicht gebremst. Der Asphalt war feucht, und glitschige Blätter lagen darauf. Die Gefahr war zu groß gewesen, die Spur zu verlieren. Doch plötzlich stockte der Motor. Als würde eine unverwundbare Hand in kurzen Abständen in das Getriebe greifen. Anton erschrak und bremste den Wagen ab, bis er schließlich stand.
„Utzberg!“, blitzte es in Antons Kopf. „Das war Utzberg!“ Aber ihm war klar, dass es keine Beweise geben würde.
Er stieg fluchend aus und öffnete die Motorhaube. Ratlos verfolgte er den Verlauf der Schläuche und Kabel. Es fehlten ihm die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen, um eine Ursache für die Störung ausfindig machen zu können.
Er blickte über die Straße und das Feld. Niemand war zu sehen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Wagen an den Straßenrand zu schieben, sodass er keine Gefahrenquelle und kein Hindernis darstellte. Dann versperrte er die Türen. Missmutig machte er sich zu Fuß auf den Weg. Bis nach Kuchenpfalter konnten es nur ein paar Minuten sein. Beim Marschieren zogen düstere Gedanken durch seinen Kopf.
So weit sei es also schon gekommen, dass Utzberg auf diese schäbige Weise gegen ihn vorging. Wäre die Sabotage auf der Autobahn wirksam geworden, hätte das den Tod bedeuten können! Utzberg hatte keine Moral, das wusste Anton schon immer. Er war rücksichtslos in allem, was er tat. Ganz besonders beim Wegdrängen des Konkurrenten.
Anton erreichte den geschotterten Hof der Pension. In einem geöffneten Holzschuppen, der das Grundstück auf der linken Hofseite begrenzte, befanden sich landwirtschaftliche Maschinen und Geräte. Vor dem Schuppen stand ein roter Opel. Das gegenüberliegende Pensionsgebäude war zweistöckig, vermutlich in den siebziger Jahren erbaut. Der dunkelgrüne Putz bröckelte an einigen Stellen von der Wand. Die Fenster glichen gläsernen, quadratischen Augen.
Aus dem Schuppen drang ein metallisches Schlagen. Anton ging hinüber, trat durch das Tor.
Hinter dem Traktor arbeitete an einer Werkbank ein etwa sechzigjähriger Mann. Mit einem kleinen Hammer klopfte er auf einen Amboss. Offenbar wollte er ein längeres Metallteil wieder brauchbar machen.
„Hallo!“, rief Anton.
Der Mann unterbrach sofort seine Tätigkeit und sah auf. „Ja?“ Er legte den Hammer und das Metallteil beiseite und wischte mit den Händen über den grauen Kittel.
„Ich bin Ihr Pensionsgast.“
„Ah ja, der Herr Wiesmeier aus München, gell?“
„Ja, genau.“
Der Mann kam vor den Traktor und bot Anton seine Hand. Anton schüttelte sie.
„Schön, dass Sie uns besuchen. Meine Frau zeigt Ihnen das Zimmer. Gehen Sie einfach hinein, die Tür ist offen.“
„Ich habe noch ein Problem. Mein Auto steht ein paar hundert Meter von hier. Irgendwas war mit dem Motor.“
Herr Feicht kratzte sich am Kopf. „Ja, so was. Ich hab mich schon gewundert. Normal kommt man hier mit dem Auto.“
„Ja, eben“, gab Anton zurück.
„Dann holen wir am besten den Kettele Udo. Der hat eine kleine Werkstatt, drüben in Fischbach.“
Anton zog sein Smartphone aus der Hosentasche. „Wissen Sie die Nummer?“, fragte er Herrn Feicht. Doch dann bemerkte er, dass das Gerät keinen Empfang hatte. „Gibt es hier kein Netz?“, fluchte Anton. Seine Hände wurden feucht. „Ich muss doch telefonieren können!“
„Nana“, lachte Herr Feicht. Er blieb gelassen. Ähnliche Reaktionen kannte er offenbar von anderen Gästen. „Der Empfang ist manchmal ein bisserl schlecht.“
Anton steckt das Smartphone zurück.
„Wir haben ja noch das normale Telefon“, schob Herr Feicht nach.
Anton unterdrückte seine Missstimmung. Er wollte hier auf dem Land weder anspruchsvoll noch hochmütig wirken. Und die Feichts seien ja herzensgute Leute, hatte sein Sohn gesagt.
Herr Feicht wies auf das Haus: „Fragen S’ meine Frau.“
Anton war es dringender, seinen Wagen zu bergen und die Reparatur in Gang zu bringen, als das Zimmer zu beziehen. Wenn er schon auf sein Smartphone verzichten musste, so wollte er wenigstens mobil bleiben. Und er befürchtete, dass Ortskundige waghalsig rasten und nicht mit Pannenfahrzeugen rechneten. Womöglich mitschuldig an einem Unfall zu sein, war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte!
Frau Feicht, die in der Küche gerade einen Kuchenteig knetete, begrüßte ihren Gast mit allergrößter Liebenswürdigkeit. Sie telefonierte sofort über das Festnetz mit jenem Udo Kettele, der in einer halben Stunde vor Ort sein wollte.
Anton marschierte zurück zum Wagen.
Der Automechaniker traf zuverlässig und pünktlich ein. Anton hatte bereits die Motorhaube geöffnet, als er in einem älteren BMW-Sportwagen heranbrauste. Der Motor war hörbar getunt. Mit quietschenden Bremsen kam er einen Meter vor dem Pannenfahrzeug zum Stehen.
Ein etwa dreißigjähriger, hochgewachsener Mann sprang Anton entgegen. „Was kann ich helfen?“, fragte er mit geübter Kundenfreundlichkeit.
Anton erzählte von seinem unerklärlichen Malheur.
„Wahrscheinlich die Benzinzufuhr“, mutmaßte Udo Kettele. Dabei rückte er an seiner riesigen Hornbrille. Nachdem er einen Blick auf das Autokennzeichen geworfen hatte, bemerkte er: „Ah, Sie sind aus München.“
„Ja, ich mache zwei oder drei Wochen Urlaub hier.“
„Schöne Stadt, dieses München.“ Kettele schob seinen langen Oberkörper in den Motorraum und rüttelte an Metallteilen und Schläuchen. „Ich war schon mal am Oktoberfest. Die Museen muss ich mir erst noch ansehen. Habe ich aber fest vor.“
Anton überlegte, ob er ihm die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle München empfehlen sollte, aber er ließ den Gedanken rasch wieder fallen.
Kettele verkündete ein erstes Resümee seiner Untersuchung. „Das ist alles...




