E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Stemmle Gurrletta Steinhöfl
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-8011-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geschichten aus dem abenteuerlichen Alltag einer Regensburger Stadttaube
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7578-8011-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rolf Stemmle ist gebürtiger Regensburger. Zunächst konzentrierte sich sein Interesse auf das Theater. Er leitete viele Jahre eine Theatergruppe und begann mit Verlagen und anderen Theatern zusammenzuarbeiten (Theater Regensburg, Münchner Volkssängerbühne, Theater Schwandorf usw.) Später kam das Interesse für andere Gattungen hinzu. So entstanden bisher neben dem Lyrikband "Der Mensch im Tier", Romane und eine ganze Reihe von Kurzgeschichten sowie Erzählungen nach Werken des Musiktheaters, insbesondere von Richard Wagner und Giuseppe Verdi. Zudem komponiert er Kammermusik. Ausführliche und aktuelle Informationen gibt es unter: www.rolf-stemmle.de Titelbild: Susanna Harhausen Covergestaltung: Laura Kopold: www.fotografie-lako.de
Autoren/Hrsg.
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Faschingsabsturz
Als junge Taube hatte Gurrletta den Fasching uneingeschränkt genossen. Sie zog damals mit einem gewissen Hans über die Dächer. Doch er war eine schwer greifbare Persönlichkeit aus der Stadtparkgegend. Meist wirkte er fröhlich, hatte tausend Ideen im Kopf; dann aber ließ er sich über Tage hinweg nicht blicken, bis er sich schließlich ohne Erklärung aus Gurrlettas Leben gestohlen hatte. Sie war erleichtert, mit ihm keine Familie gegründet zu haben, denn sie wäre wohl irgendwann mit der Brut alleine gewesen. Für die Faschingstage, damals, war Hans allerdings zu einem stabilen und zuverlässigen Partner aufgeblüht. Jeden Abend wusste er von einer grellen Party. Gurrletta fand kaum Zeit, ihr aufreizendes, schillerndes Aida-Kostüm zwischendurch zu waschen oder lose Teile festzunähen.
Inzwischen dachte Gurrletta anders über den Fasching. Sie bereute es keinesfalls, in ihrer Jugend so ausgiebig gefeiert zu haben, doch sie bezweifelte inzwischen, dass sich Tauben, die ja ohnehin so nahe an den Menschen leben, derart angleichen sollten. Wäre es nicht besser, die tierische Eigenständigkeit, den tierischen Stolz zu bewahren? Da sie die Musik von Verdi und Rossini vergötterte und im Winter ein grünes Kopftuch, im Sommer einen roten Sonnenhut trug, war sie ein schlechtes Beispiel für Authentizität. Das wusste sie natürlich. Ihre Vorbehalte gegen den Fasching resultierten daher im Grunde aus etwas anderem, auch das wusste sie; aus der Verachtung nämlich für die betrunkenen Maskierten, die grölend und randalierend durch die Gassen polterten. Noch in den frühen Morgenstunden drang ihr Lärmen bis hinauf in ihre Kammer.
„Niemals!“, lautete folglich ihre Reaktion, nachdem ihre Schwägerin Agnes gefragt hatte, ob sie zu einem Hausfasching mitkommen wolle.
Gurrlettas Bruder Jakob war mit einem Ede befreundet, der einen großräumigen Speicher Unter den Schwibbögen bewohnte. In der Kneipe, die im Erdgeschoss des sanierungsbedürftigen Gebäudes betrieben wurde, wüteten häufig Technopartys. Jetzt zur Faschingszeit Abend für Abend. Die Situation im Haus, so hatte Agnes erzählt, sei daher so unerträglich, dass Ede aus der Not eine Tugend machen und mit einem eigenen Hausfasching dagegenhalten wolle. Zusätzliche Gäste seien erwünscht. Dabei hätten sie, Jakob und Agnes, an sie, Gurrletta, gedacht.
Agnes ließ die Zurückweisung der Einladung nicht gelten und lockte die Schwägerin mit dem Hinweis, es kämen zweifelsohne viele nette und anständige Leute. „Außerdem“, so Agnes, „würde dir etwas Gesellschaft und Spaß nicht schaden!“
Die Furcht, an diesem Abend tatsächlich trübsinnig zuhause zu hocken, bewog Gurrletta schließlich, Bereitschaft zu signalisieren.
Das genügte Agnes. „Wir holen dich ab!“, japste sie und flog davon.
Ede und seine Frau hatten sich unglaubliche Mühe gegeben, aus der modrigen Dachhalle mit den zerschlagenen Fensterscheiben, brüchigen Schindeln und staubigen Spinnwebflächen einen stimmungsvollen Partyraum zu zaubern. Starposter aus Zeitschriften klebten an den Wänden, von den Balken hingen bunte Einkaufstüten, der Boden war belegt mit einem Meer von Bierdeckeln. Vom untersten Stockwerk, durch die Mittelgeschosse hindurch, drangen mechanisch stampfende Rhythmen. Sie kamen so kräftig hier an, dass die Bierdeckel vibrierten.
Die Musik schlug schmerzend in Gurrlettas Gesicht, als sie mit Agnes und Jakob den Partyraum erreichte. Kein Vergleich mit den italienischen Opernarien! Doch die weiteren Gäste gefielen Gurrletta. Auch der Gastgeber und seine Familie erwiesen sich als sympathische und herzensgute Artgenossen.
„Wenn man in einem solchen Haus wohnt“, dachte Gurrletta, „muss man es schaffen, sich auf derartige Absonderungen der Menschen einzustellen.“ Gurrletta wäre das aber niemals gelungen! Aber es gab ja auch Tauben mit anders gespannter Geschmacks- und Toleranzbreite, die man respektieren und mögen konnte.
Gurrlettas Kostüm war so ungewöhnlich, dass niemand ihre Figur erriet. Sie ging als Lady Macbeth; angeregt durch Verdis Shakespeare-Vertonung. Sie wollte sich nicht lächerlich machen, wie dies mit einer mädchenhaften Aida-Kostümierung unweigerlich passiert wäre, und hatte sich daher für die Figur der machtbesessenen, schottischen Aristokratin aus dem 11. Jahrhundert entschieden. Ihr Kostüm bestand aus einem Stoffrest, der grün-schwarz schimmerte wie eine ölige Regenpfütze. Das Stück hatte sie aus einer Altkleiderbox zerren und zurechtreißen können. Außerdem trug sie eine Kinderkette sowie als Krone den goldfarbigen Verschluss einer Pfandflasche. Die Verkleidung kam großartig an. Sie wurde häufig mit Begeisterung darauf angesprochen, weshalb sie sich rasch integriert fühlte.
Entgegen ihrem Vorsatz fand sie sich auch bald auf dem Tanzparkett wieder. Etwa dreißig Tauben unterschiedlichen Alters flatterten hier im Rhythmus der Musik. Natürlich rutschte ihre Pfandflaschenkrone in kurzen Abständen vom Kopf. Doch das führte nur zu Heiterkeit bei ihr und den anderen.
Insbesondere bei einem flotten Taubenmann, im Kostüm eines Piraten. Er begann, sich auffällig um Gurrletta zu bemühen, und verfolgte sie zum Buffet.
In einer günstigen Nachmittagsstunde, als niemand in der Kneipe arbeitete, hatte der Gastgeber Ede jede Menge Köstlichkeiten heraufbringen können. Die Beute war nun appetitlich auf der Plastiktüte eines Feinkostgeschäftes angerichtet. An der Ecke, an der Gurrletta und der Pirat im Gedränge an das Futter herankamen, lagen Kirschen, die, wie Gurrletta erst beim Picken bemerkte, in Sherry gebadet worden waren. Obwohl sie gerade deshalb herrlich schmeckten, wollte sie sofort davon lassen, aber der Pirat animierte sie zum Weiterpicken. Da er ebenfalls reichlich genoss, stieg die Stimmung der beiden unablässig.
Nach der hochprozentigen Kost drängte sie ihr Kavalier zurück auf die Tanzfläche. Bis weit über Mitternacht hinaus sprangen sie ausgelassen umher – der Pirat und Gurrletta, die Faschingsskeptikerin.
Irgendwann brach der Pirat erschöpft zusammen. Ohne sich von seiner Partyflamme verabschieden zu können, verzog er sich unter eine alte Kommode, wo er einschlief. Sollte er den Vorsatz gehabt haben, Gurrletta für diese Nacht zu erobern, so war er Opfer seiner Selbstüberschätzung geworden.
Gurrletta war enttäuscht und zugleich erleichtert über das plötzliche Ende des Flirts. Sie merkte jetzt, dass sie sich in ihrem Zustand keine Gedanken über den möglichen Fortgang der Geschichte gemacht hatte. Sein Wegpennen ersparte es ihr, eine Zurückweisung aussprechen zu müssen oder gar eine Dummheit zu begehen. Letzteres hätte sie sich gewiss niemals verziehen!
Es war Zeit, nachhause zu fliegen. Sie verabschiedete sich mit stolpernden Worten von den Gastgebern sowie Jakob und Agnes. Sie plauderten gerade bei einem Apfelstück in einer Nische. Dann hüpfte Gurrletta nach draußen, auf die Regenrinne.
Die Gasse unter ihr schien zu schwanken wie ein Segelboot bei hohem Wellengang. „Ich muss es schaffen!“ Sie kippte vornüber, in der Hoffnung, die Flügel würden sie automatisch in die Luft heben. Doch sie gebärdeten sich wie dumme Kinder, die an ihren Seiten Albernheiten veranstalteten. So stürzte Gurrletta wie ein Stein in die Häuserschlucht. Im Schreck brachte sie ihre Flügel kurzzeitig unter Kontrolle, sodass sie unbeschadet am Pflaster aufsetzen konnte. Sie saß nun unmittelbar bei der Porta Praetoria, dem Rest der römischen Lagermauer, und ordnete verwirrt ihre Federn.
Erst nach einiger Zeit erkannte sie die Bedrohungslage, in die sie geraten war: Stadtauswärts kamen nämlich zwei Männer. Sie steckten in sonderbaren Kostümen. Offenbar stellten sie Krieger dar, denn sie trugen Lanzen und beschirmten sich mit Schilden. Diese waren furchterregend dekoriert mit roten Augen. Die Menschen schienen stark angetrunken und streitsüchtig zu sein. Tatsächlich richteten sie plötzlich ihre Waffen gegen Gurrletta, als gehöre sie zu ihren Feinden. „Hehe!“, lachten sie dabei. „Die machen wir nieder!“
Glücklicherweise war Gurrletta nur einen halben Meter neben einem Auto gelandet. Es parkte, gewiss ordnungswidrig, halb auf dem Bürgersteig. Ein Adrenalinschub bewirkte, dass ihre Flügel für einen Moment gehorchten. So gelang es ihr, mit heftigem Flattern unter den Wagen zu flüchten.
Die Krieger hatten sich in den Wahn verbissen, die Vernichtung Gurrlettas sei dringend erforderlich. Also knieten sie sich vor den Wagen und begannen, mit ihren Lanzen ins Dunkle zu stochern.
Gurrletta drückte sich an einen Reifen, sodass sie die Attacken verfehlten. Aber wie lange?
„Da sind Orks!“, brüllte es plötzlich aus der Ferne.
Sofort zogen die Krieger die Lanzen zurück und sprangen auf. Gurrletta konnte Männerbeine erkennen, die aus dem Torbogen der Porta Praetoria rannten.
„Wir sind Elben! – Ergebt euch!“, riefen die Neuen...




